Rolf Dobelli (hier bei der NZZ) behauptet, nicht einmal die Namen der sieben Bundesräte zu kennen. © NZZ

Rolf Dobelli (hier bei der NZZ) behauptet, nicht einmal die Namen der sieben Bundesräte zu kennen.

Die Empfehlung des Tages: Dobelli-Diät

Jürg Müller-Muralt / 01. Sep 2019 - Der Erfolgsautor Rolf Dobelli empfiehlt News-Diät. Ein Interview führt ihn aufs intellektuelle Glatteis.

Der Tamedia-Journalistin Judith Wittwer und ihrem Kollegen Linus Schöpfer ist etwas Seltenes gelungen: Sie haben in einem langen Interview einen Erfolgsautor mit kluger Gesprächsführung dazu geführt, sich selbst eine Blösse zu geben. Anlass dazu war das neuste Buch des Schweizer Sachbuchautors Rolf Dobelli, «Die Kunst des digitalen Lebens», ein Ratgeber für den News-freien Alltag. Man darf und soll sich durchaus kritisch mit dem News-Journalismus in all seinen Erscheinungsformen auseinandersetzen, es wird von berufener Seite auch immer wieder getan, und es ist weder neu noch besonders originell. Doch was Dobelli im samstäglichen Interview (Tamedia-Medien, 31.08.2019) von sich gibt, ist über weite Strecken voller Ungereimtheiten und Widersprüche.

Wenn Dobelli damit kokettiert, dass er nicht alle Namen der sieben Bundesratsmitglieder kennt, dann ist das billige Effekthascherei. «Wer im Bundesrat sitzt, ist für das System der Schweizer Politik unerheblich», begründet Dobelli sein Nichtwissen. Das ist falsch. Nur ein kleines Beispiel: Die Ausrichtung der schweizerischen Aussenpolitik hat sich unter Bundesrat Ignazio Cassis gegenüber seinem – wohlgemerkt ebenfalls freisinnigen – Vorgänger Didier Burkhalter merklich verändert.

Dobelli ist «100 Prozent clean»

Aber das hat Dobelli natürlich nicht mitbekommen, denn er hält sich ja konsequent von den News fern. «Ich habe keine News-App, kein Zeitungsabo, höre kein Radio und habe keinen Fernseher.» Es sei einfacher «100 Prozent clean zu sein als 98 Prozent. Ich möchte mein Hirn entlasten». Er nimmt zwar an Abstimmungen teil, informiert sich aber ausschliesslich über das Abstimmungsbüchlein und diskutiert mit Freunden. Er bezieht seine Informationen also lediglich aus einer offiziellen Quelle und innerhalb seiner engsten Bubble. Die breit geführten Debatten in den Medien zu Abstimmungsvorlagen und Wahlen gehen an ihm vorbei.

Dass Dobellis Hirnentlastungsprogramm auch die Gefahr einer gewissen intellektuellen Blutleere mit sich bringt, zeigt die die folgende Passage. Auf die Frage, warum er die Medienhäuser attackiere, nicht aber die Social Media, antwortet er: «Den Essay, auf dem das Buch basiert, habe ich vor zehn Jahren geschrieben. Da gab es noch keine sozialen Medien.» Was zwar auch nicht stimmt, Facebook zumindest existierte bereits. Aber Dobelli ist ja auch kein Social-Media-Nutzer. «Und ich hatte schlicht keine Lust auf ein zweijähriges Social-Media-Experiment. Daher der Fokus auf News.»

Geschäftstüchtig, aber keine Neugier

Man muss sich diese Aussage auf der Zunge zergehen lassen: Da schreibt einer ein Buch, das auf zehn Jahre alten Erkenntnissen beruht, ein Buch über das «digitale Leben», über News-Diät, letztlich also über Information und Journalismus. Aber er hatte «schlicht keine Lust», sich auf den neusten Erkenntnisstand zu bringen, die massiven Veränderungen im Medienbereich zur Kenntnis zu nehmen und eigene Erfahrungen mit den jüngsten Entwicklungen zu machen. Das zeugt zwar von Effizienz und Geschäftstüchtigkeit, nicht aber von intellektueller Neugier. Deshalb, zwecks Hirnentlastung, die Empfehlung: Dobelli-Diät.

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Das oben verlinkte Interview mit dem Erfolgsautor Rolf Dobelli, das im «TagesAnzeiger» und im «Bund» erschien, ist kostenpflichtig. Billiger ist Dobellis Gespräch mit NZZ-Chefredaktor Eric Gujer und Marco Färber in «NZZ Standpunkte» zum Thema «Denkfehler und die Grenzen des Wissens» aus dem Jahr 2016: Man kann es gratis anschauen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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4 Meinungen

Dobelli ist nicht ein „Ausnahmetalent“. Er ist guter Durchschnitt der uns täglich berieselnder Schreiberlingen, Pharisäern, Politiker usw. der Kategorie der Scheinheiligen. Ich verlasse mich nur noch auf die wirklich „Neu Heiligen“. Zur Spitze der unter uns in Fleisch und Blut lebenden Heiligen zähle ich unsere Liebe Greta, die Simonetta und die Petra. Unzählige weitere stecken sich die LEDˋ schon in die Haare. Verglichen mit diesen drei Heiligen, ist der Herr Dobelli noch tollpatschiger Anfänger. Das mit den LEDˋ versteht er noch nicht. Simonetta versteht das am besten. Sie ist mein grosses Vorbild und geistige Lehrerin. Ich versuche ihr im Lichte ihrer LEDˋs zu folgen. Ich höre ihre Verkündung und bin ihr zutiefst ergeben - nur verstehen tu ich noch nicht alles. Hat ihre jüngste Verheissung doch das Zeug in sich, das Kühnste zu sein, das die Menschheit je hervorgebracht hat: 2050 wird alles so neutral sein wie die Schweiz seit Marignano - der CO2 Ausstoss der Schweiz wird neutral sein und vermutlich auch die Geschlechter. Wie das mit dem CO2 geschehen soll versteht nichteinmal der Physiker - das mit den Geschlechtern ist schon bald erreicht.
Peter Geissmann, am 02. September 2019 um 07:48 Uhr
Wahrscheinlich hat Rolf Dobelli ein Problem, er kann klug schreiben aber nicht klug und einordnend lesen. Seine Aussagen erinnern an die Rechtsnationalen mit ihrem Geschrei der Lügenpresse, auch die können nicht einordnend lesen! Wobei ich Dobelli nicht glaube, das ganze ist doch einfach billige Koketterie!
Victor Brunner, am 02. September 2019 um 08:30 Uhr
Herr Dobelli hat mit dem Buch über Denkfehler eines der besten Bücher der heutigen Zeit geschrieben. Die Namen der Bundesräte sind absolut irrelevant, sie sind der kleinste gemeinsame Nenner der Parteien und arbeiten im Interesse der Wirtschaft und des Kapitals. Es sind austauschbare Marionetten.

Herr Dobelli hat auch absolut recht keine Daily-News mehr zu konsumieren. Wir werden von allen Seiten zugemüllt und können keinen eigenen, klaren Gedanken mehr fassen.
Sie sollten es selber mal ausprobieren und eine Pause machen von der Propogandafront, bevor sie Menschen angreifen die ihnen den vielleicht besten Rat geben des 21. Jahrhunderts.

Wir haben ja kein Informationsdefizit, wir können die Informationen schon lange nicht mehr verarbeiten und erst recht nicht in kluge Handlungen umsetzten.
Daniel Bertschi, am 03. September 2019 um 06:26 Uhr
Ich hatte einmal persönlichen Kontakt mit Herrn Dobelli und er hat sich äusserst arrogant und eingebildet gegeben. Seine Bücher sind langweilig, thematisch veraltet und nicht lesenswert, auch wenn er immer so tut, als sei er ein Bestseller-Autor.
Man kann sich für alles verkaufen, nur um an Geld zu kommen. In der Langstrasse nennt man dies Prostitution. Sein Geschreibsel ist so was von unterirdisch!
Karin Meier, am 03. September 2019 um 13:52 Uhr

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