NZZ: Ausdünnen von Redaktionen hat Folgen

Urs P. Gasche © Peter Mosimann
Urs P. Gasche / 22. Nov 2017 - Seit vier Jahren muss ein einziger NZZ-Korrespondent über sämtliche Länder Südamerikas informieren. Da sind Fehler unvermeidlich.

Zuverlässige Informationen und Hintergrundberichte aus dem Ausland sind immer schwieriger zu erhalten, wenn Zeitungsverlage die Redaktionen ausdünnen. Tjerk Brühwiller beispielsweise kann ein noch so gut ausgebildeter und fleissiger Journalist sein: Wenn die NZZ von ihm verlangt, über ganz Südamerika zu informieren, kann er dies schlicht nicht immer seriös leisten.

Aktuelles Beispiel: In seinem Bericht über den Wahlausgang in Chile vom 21. November schreibt er, dass aufgrund einer neuen Quotenregelung im Parlament «kein Geschlecht mit mehr als 60 Prozent vertreten sein darf».

Das wäre für ganz Südamerika eine Sensation. Nur stimmt sie nicht. Wie in manchen andern Ländern ist lediglich vorgeschrieben, dass auf den Wahllisten der verschiedenen Parteien mindestens vierzig Prozent Frauen aufgeführt werden müssen (siehe z.B. Bericht in der Washington Post).

Man kann dem Korrespondenten diesen Lapsus nicht vorhalten. Er sollte sich nicht nur in Chile, sondern auch in Venezuela, Argentinien, Brasilien, Mexiko und andern Staaten Südamerikas im Detail auskennen: Ein Ding der Unmöglichkeit.

Dieses kleine Beispiel soll lediglich illustrieren, dass das Ausdünnen von Redaktionen nicht ohne Folgen bleiben kann. In Afrika südlich der Sahara soll meistens ein einziger Korrespondent sämtliche, noch so unterschiedlichen Länder abdecken. Auch in Indien oder China ist höchstens eine einzige Korrespondentin für jeweils den ganzen Kontinent angestellt.

Näher bei uns sieht es nicht viel besser aus: Über Holland und die skandinavischen Länder wird kaum informiert, obwohl dortige Problemlösungen für die Schweiz inspirierend sein könnten.

Über die dritte Gewalt im Staat, die Gerichte, informieren die Medien kaum mehr. Die Depeschenagentur verbreitet brav, was Gerichte selber veröffentlichen. Ein kritisches Verfolgen von Staatsanwaltschaften und Richtern findet praktisch nicht mehr statt.

Die Liste könnte fortgesetzt werden.

Während die Zeitungen Personal abbauten, stockten Behörden und Konzerne ihre vorgelagerten PR-Abteilungen massiv auf, um die Medien mit gefilterten, schön gefärbten und entsprechend lückenhaften Darstellungen zu bedienen.

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Ergebnisquote in Frankreich und Ruanda

In Europa hat Frankreich im Jahr 2000 als erstes Land eine verpflichtende 50-Prozent-Quote für Wahllisten eingeführt. Diese gilt auch auf Kommunalebene. Frauen und Männer müssen sich auf den Wahllisten zwingend abwechseln. Wer die Quote nicht einhält, muss Geldbussen zahlen, was viele Parteien machen.

In diesem Frühjahr galt für die Wahl der Departementsräte erstmals eine Ergebnisquote. Die Parteien mussten für jeden Wahlkreis Kandidatenpaare («Binome») aufstellen, die aus einem Kandidaten und einer Kandidatin bestehen mussten. Die Stimmberechtigten konnten sie nicht einzeln, sondern nur als Paar wählen. Damit stieg der Frauenanteil in den Departementsräten von 16 auf 50 Prozent.

In Ruanda gibt es für das Parlament sogar eine Ergebnisquote von mindestens 30 Prozent. Ruanda steht deshalb seit Jahren an der Spitze der IPU-Rangliste über die Frauenanteile im Unterhaus. Frauen sind dort mit fast 64 Prozent in der Mehrheit.

Schlusslicht Ungarn – Quoten erhöhen Frauenanteile

Quoten sind laut der Interparlamentarischen Union (IPU) ein Hauptgrund dafür, dass sich in den letzten 20 Jahren der Frauenanteil in den nationalen Parlamenten fast verdoppelt hat. Solche gebe es mittlerweile in 120 Ländern.

Europaweit ist in Ungarn der Frauenanteil im Parlament mit 10 Prozent am tiefsten. Dies zeigt die aktuelle Statistik der Interparlamentarischen Union (IPU) über die Frauenanteile im Unterhaus nach nationalen Wahlen. Von den 193 aufgeführten Ländern liegt Ungarn auf Rang 159 hinter Myanmar und vor Samoa.

Ähnlich tiefe Frauenanteile haben von den europäischen Ländern Malta und Liechtenstein mit je 12 Prozent. Deutschland ist nach der Wahl von Rang 31 auf Rang 43 zurückgefallen und liegt damit auf gleicher Höhe wie Italien und Österreich (vor der Wahl). In der Schweiz ist der Frauenanteil mit 32 Prozent nur wenig höher. In Europa die höchsten Frauenanteile im Parlament haben Island (48 Prozent), Schweden (44 Prozent) und Finnland (42 Prozent).

[Quelle: FrauenSicht]

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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Tobi Hartmann, am 22. November 2017 um 12:01 Uhr

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