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Was lange währt wird endlich – ja was eigentlich?

NZZ hievt Martin Meyer in publizistischen Beirat

Christof Moser / 10. Apr 2016 - Dass der Ex-Feuilletonchef trotz Verwicklung ins gescheiterte Somm-Manöver mit dem Prestige-Posten belohnt wird, sorgt für Ärger.

An der Falkenstrasse wird das Projekt bereits vor dem offiziellen Start als «publizistischer Jurassic Parc» verspottet: Nächste Woche – mutmasslich an der Generalversammlung am kommenden Samstag – wird die NZZ den lange geplanten publizistischen Beirat unter der Leitung von Ex-Feuilletonchef Martin Meyer kommunizieren, wie mehrere Quellen bestätigen.

Dem Vernehmen nach – also nur durch eine Quelle belegt – soll dem Gremium auch der frühere Wirtschaftschef Gerhard Schwarz angehören, der zuletzt als Direktor des Wirtschafts-Think-Tanks «Avenir Suisse» tätig war. Der NZZ-Verwaltungsrat hat den Beirat abgesegnet.

«Verräter von der Falkenstrasse»

Mit mehr als einem Jahr Verspätung kommt Meyer damit zu seinem angepeilten Prestige-Posten. Die Gründung des Beirats war bereits Bestandteil des klandestinen und schliesslich im letzten Moment gescheiterten Manövers, «Basler Zeitung»-Chef Markus Somm in die NZZ-Chefredaktion zu hieven. Meyer war als einziger Ressortleiter in den Plan involviert. Seither gilt Martin Meyer als «Verräter von der Falkenstrasse».

Zu seinen Verwicklungen in die von langer Hand geplante Inthronisierung Somms als Nachfolger des in einer Nacht-und-Nebel-Aktion abgesetzten Markus Spillmann hat sich Meyer nie geäussert – weder intern noch öffentlich. Auf Anfrage der Wochenzeitung «Die Zeit» teilte Meyer erst vor wenigen Wochen mit, dass er nicht über Interna des eigenen Hauses Auskunft zu geben pflege.

Gutes Geld gegen rechten Geist

Entsprechend gross ist die Verärgerung in den NZZ-Redaktionen bis hinauf in die Kader, dass Meyer jetzt als publizistischer Leiter des Beirats installiert werden soll. Eine Information der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch die NZZ-Führung fand bisher nicht statt. Auf Widerstand stösst der Beirat auch deshalb, weil dahinter ein politisches Manöver vermutet wird. Gemäss Statuten darf sich der Verwaltungsrat nicht in redaktionelle Belange einmischen. Dieses Problem wird mit dem Beirat gelöst. Damit soll insbesondere die «NZZ am Sonntag» auf Linie gebracht werden, wie mehrere Quellen sagen. Die Sonntagszeitung der NZZ ist die Cashcow des Verlags. Gutes Geld oder rechter Geist – das ist der Kampf, der an der Falkenstrasse ausgetragen wird.

Unklar ist bisher, wer das dritte Mitglied des publizistischen Beirats werden soll. Ende Januar sorgte die Meldung für Aufregung, dass «Weltwoche»-Vize Philipp Gut als Nachfolger des wegbeförderten «NZZ am Sonntag»-Inlandchefs Pascal Hollenstein angestellt werden soll (Infosperber berichtete). Hinter diesem Plan steckte ebenfalls Meyer. Aus dem Kreis des Verwaltungsrats wird inzwischen bestätigt, dass für Gut bereits ein Vertragsentwurf angefertigt war. Das überstürzte Dementi von NZZ-CEO Veit Dengler («frei erfunden!») bereitete den laufenden Planspielen zum Ärger des rechtsbürgerlichen Netzwerks um Meyer ein jähes Ende.

Der bald gekrönte König und das Fussvolk

Wirklich weg war Meyer an der Falkenstrasse trotz seiner Pensionierung nie. Sein Eckbüro im dritten Stock besetzt er nach wie vor. René Scheu, Meyers wunschgemässer Nachfolger als Leiter des Feuilletons, muss mit einem wesentlich kleineren Büro vorlieb nehmen. Dass sich Meyer so ziemlich alles leisten kann, illustriert folgende Episode: Als er Ende letzten Jahres pensioniert wurde, beauftragte «NZZ»-Chefredaktor Eric Gujer sein Sekretariat damit, einen Apéro auszurichten. Der einzige, der daran nicht teilgenommen hat, war – Martin Meyer. Es schien ihm zu viel gemeiner Pöbel – sprich subalternes Personal – an sein Abschiedsfest eingeladen.

Unabhängig von dieser Recherche berichtete heute auch Journal21 über die bevorstehende Krönung von Meyer zum Leiter des publizistischen Beirats der NZZ – und stellt die Frage: «Publizistischer Beirat für die NZZ – wozu?»

+++

Update (Montag, 11. April, 17.15 Uhr): In einer internen Mail bestätigt NZZ-CEO Veit Dengler die Pläne für den publizistischen Beirat. Der Verwaltungsrat wolle den bereits bestehenden Ausschuss zu publizistischen Fragen «mit bis zu fünf externen Personen» ergänzen. «Es ist richtig, dass Martin Meyer als Leiter und Gerhard Schwarz als Mitglied dieses Gremiums vorgesehen sind.» Die finale Zusammensetzung stehe jedoch noch nicht fest. Dass die NZZ-Gruppe «Weltwoche»-Vize Philipp Gut einstellen wollte, bezeichnet Dengler weiterhin als «frei erfunden».

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Das Feuilleton der NZZ unter René Scheu wird mit Belanglosigkeiten von Trumps Frauenbild bis zum «Tatort» vollgestopft, die nichts mehr mit Kultur zu tun haben. Wenn Bärfuss oder Ruch Kritik äussern, herrscht Empörung an der Falkenstrasse; wenn Thiel oder Köppel alle Andersdenkenden verunglimpfen, ist es Meinungsfreiheit, für die die selbsternannten Liberalen einstehen. Der Unterschied besteht nur darin, dass im einen Fall das Eigeninteresse der Rechtsbürgerlichen, i.e. des Grosskapitals, auf dem Spiel steht, im anderen wird es verteidigt.

Die heute publizierte Erhebung zu den Leserzahlen zeigt, dass die Leser merken, dass bei der neuen NZZ nicht mehr die Information im Vordergrund steht, sondern die Indoktrination mit der Ideologie der selbsternannten Liberalen. Dass der Wirtschaftsteil kritische Meinungen nicht zuliess, konnte man als Leser verschmerzen, zumal man sich daran seit der Leitung durch Herrn Schwarz gewöhnt hat. Dass nun aber der erste Bund massiv mit Meinungsmachern aufgebläht wurde, die uns die politisch korrekte Denkart eintrichtern, und dass diese Unsitte auch im Feuilleton fortgeführt wird, ist ein Affront gegenüber dem kritischen und mündigen Leser.

Man wird jetzt wie ein Kind behandelt, das noch zu unreif ist, um alles zu verstehen. Wenn Martin Meyer für diesen Kurswechsel einsteht, ist er im Beirat überflüssig, ja, es bräuchte eigentlich gar keine solchen Oberlehrer. Lasst doch bitte mehr Fachjournalisten, die etwas zu sagen haben, einfach schreiben!
Thomas Läubli, am 13. April 2016 um 21:01 Uhr

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