Manchmal braucht es fürs Zeitungslesen einen starken Kaffee © ralfpfeiffer
Manchmal braucht es fürs Zeitungslesen einen starken Kaffee © ralfpfeiffer

«Jede Zeitung mit tiefer Grundskepsis aufschlagen»

Red. / 06. Sep 2017 - Wo wird verzerrt, weggelassen oder mit doppeltem Standard berichtet? Der Journalist David Goessmann empfiehlt aufmerksames Lesen.

Red. In dem von Jens Wernicke herausgegebenen Buch «Lügen die Medien» berichten Journalisten über ihre Erfahrungen. David Goessmann, aus dessen Aussagen Urs P. Gasche Folgendes zusammenfasst und zur Diskussion stellt, arbeitete für ARD und ZDF, war Parlamentsberichterstatter und Korrespondent in Boston. Heute gibt er das unabhängige TV-Nachrichtenmagazin kontext TV heraus.

«Konzerne und Regierungen lügen»

Folgende eherne Regel hatte der US-Journalist Isidor Feinstein Stone formuliert: Reporter sollten bei ihrer Arbeit davon ausgehen, dass mächtige Institutionen lügen, und nicht davon, dass sie die Wahrheit sagen. Professionelle PR-Leute biegen Informationen mit Wortwahl und Auslassungen so zu recht, dass den Lesenden nicht die Wahrheit, sondern gewollt falsche, verzerrte Eindrücke und Emotionen vermittelt werden.

In den 1950er Jahren wollte keine Zeitung Stone anstellen. Er stand auf einer schwarzen Liste der US-Regierung. Deshalb gründete er 1953 den berühmten Newsletter «I.F. Stone´s Weekly» und wurde so zu einer Art Pionier-Blogger.

Stone publizierte schon früh Kritisches zum Krieg in Vietnam, als die New York Times, CBS und Co. in den USA weitgehend Regierungspropaganda übernahmen. «In jeder Ausgabe habe ich versucht, Fakten und Meinungen, die sonst nirgends in der Presse aufzufinden sind, zu publizieren», erklärte Stone später.

Die millionenschweren Mainstream-Medien New York Times und Washington Post schwiegen auch noch lange, nachdem Stone aufgedeckt hatte, dass Präsident Lyndon B. Johnson zum Vorfall im Golf von Tonkin nicht die Wahrheit gesagt hatte.

Die Pentagon-Papiere, die 1971 erschienen, sowie die Memoiren von Robert McNamara im Jahr 1995 belegen, dass die US-Regierung die Vorfälle im Golf von Tonkin durch bewusste Falschdarstellung dazu nutzte, um für den seit 1963 geplanten direkten Kriegseintritt der USA in Vietnam die Unterstützung der Öffentlichkeit zu erlangen.

Doch wer in den 1960er Jahren den Krieg in Vietnam und die Rolle der westlichen Medien kritisierte, wurde als «anti-amerikanisch» diskreditiert.

Skepsis auch gegenüber publikumsstarken Medien

Wer nach 9/11 bei der Vorbereitung des Nato-Luftkriegs gegen Afghanistan von der offiziellen Sprachregelung nur leicht abwich, wurde als Versteher der Terroristen in die Ecke gestellt. Heute wird als «Putin-Freund» diskreditiert, wer die Ukraine-Politik des Westens kritisiert.

Details und zur Diskussion stehende Fragen >>> HIER.

Die Überschuldung Griechenlands hat u.a. die Süddeutsche Zeitung fast ausschliesslich aus der Perspektive der deutschen Regierung, der Troika und der Banken als Gläubiger dargestellt. Die griechischen Verhandler Varoufakis und Tsipras wurden als «Hasardeure» und irre «Achterbahnfahrer» disqualifiziert, die mit einer «Harakiri-Politik» eine «Vertrauensimplosion» mit einem «Maximalschaden für die Menschen» erzeugen wollten.

Dagegen informierten die Süddeutsche Zeitung und andere grosse Medien nur im Kleingedruckten darüber, dass der vom griechischen Parlament eingesetzte, unabhängige Wahrheitsausschuss unter Leitung des führenden Schuldenexperten Eric Toussaint zum Ergebnis kam, dass die griechischen Schulden illegitim, illegal und nach internationalem Recht «verwerflich» seien und daher gestrichen werden müssten.

Ein Grossteil der griechischen Schulden geht zurück auf Kredite an die Militärdiktatur zwischen 1967 und 1974. Diese sind nach internationalem Recht «odious» und müssen nicht zurückbezahlt werden. Dazu kommen Kredite aus korrupten Deals, meistens Rüstungsgeschäfte, mit französischen, englischen oder deutschen Konzernen, sowie risikoreiche Kredite europäischer Grossbanken nach der Einführung des Euro. Diesen ausländischen Banken wurden nach Ausbruch der Krise ihre griechischen Ausfallrisiken von der Troika abgenommen, getarnt als «Griechenland-Rettung».

«Krieg gegen den Terror»

In den publikumsstarken Medien gibt es durchaus ein paar Journalisten, die mit Professionalität und Ethos an die Arbeit gehen. Aber sie gehen in der «Massenberichterstattung» leicht unter. Kritiker wie Jürgen Todenhöfer dürfen zwar zu Wort kommen. Aber das ändert beispielsweise die mediale Rahmung des internationalen Terrorismus nicht. «Terror» ist stets «ihr» Terror gegen «uns», niemals «unser» Terror und «unsere Aggression gegen «sie».

Der US-«Drohnenkrieg», der in der realen Welt ein terroristisches Mordprogramm ist, wird von den Medien als «völkerrechtlich strittig» präsentiert – wenn überhaupt darüber berichtet wird.

Dagegen sind Terroranschläge wie der von Paris nie «rechtlich strittig». Die Opfer «ihres» Terrors sind für die Medien «wertvoll» und erhalten angemessene, zum Teil auch fast hysterische Beachtung. Dagegen werden Opfer «unseres» Terrors einfach übergangen. Man braucht nur die Berichte über die Attentate von Paris oder Barcelona mit denen über die Opfer der Kriege und Militäroperationen der USA und ihrer Alliierten zu vergleichen.

Besitzer haben das Sagen

Die Verlage und Konzerne entscheiden mit ihren Investitionen und Werbemillionen darüber, was journalistisch auf den Markt kommt und dort überleben kann – nicht die Bürgerinnen und Bürger. Sie wählen das Personal aus und kündigen. Sie befördern Karrieren oder üben Druck aus.

Journalistinnen und Journalisten, die «spuren», werden gefördert: Sie werden mit «Enthüllungen» und «Scoop-Nachrichten» versorgt, erhalten Exklusiv-Interviews, Einladungen, Pressereisen, lukrative Vortragsangebote, Schaltung von Werbung usw. Journalistinnen und Journalisten, die sich nicht gegängelt fühlen, haben den Rahmen bereits akzeptiert, in dem «freie Berichterstattung» stattfindet. Sie haben das Interesse an der Kontrolle von wirtschaftlicher und politischer Macht aufgegeben. Sie schaffen vielmehr Vertrauen in die Mächtigen und in ihre guten Absichten. Sie lenken Emotionen der Bevölkerung in die «richtigen» Bahnen und schüren Wut gegen allzu gierige Banker, Moslems, expansionistische Russen, flüchtende Araber und Afrikaner, Sozialschmarotzer, Leistungsunwillige oder übertriebene Gutmenschen.

Dagegen werden «Abweichler» unter den Journalistinnen und Journalisten bestraft: Mit Beschwerden, Klagen, öffentlicher Kritik, Zugangssperren, Ausladungen aus Zirkeln, Inseratestornierungen, ausbleibenden Beförderungen usw.

Erschwerend kommen heute die zunehmende Medienkonzentration, Kommerzialisierungen, schlechtere Arbeitsbedingungen und eine mächtige PR-Industrie dazu.

Aus diesen Gründen muss Medienkritik eine der vornehmsten Aufgaben von Journalistinnen und Journalisten sein. Die Berichterstattung muss ständig aufmerksam überprüft und hinterfragt werden, ob sie der Wahrheit dient, oder ob sie im Dienste von Medienunternehmen, Medienanstalten und deren Interessen steht.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors


In diesem soeben veröffentlichten Buch schreiben zahlreiche Medienleute über den Kampf um die öffentliche Meinung. U.a. Davis Goessmann, Ulrich Teusch, Ulrich Tilgner, Stephan Hebel, Jörg Becker und Michael Walter. Fazit: Was Konzernen und Mächtigen nicht passt, räumen sie häufig bequem als «Verschwörung» beiseite. Besonders über Konfliktherde lassen sich Medien immer wieder von Propaganda vereinnahmen – trotz vieler Erfahrungen von Vietnam bis zum Irak.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

3 Meinungen

Es fällt auf, wenn in Medien nicht nur über politische Ereignisse berichtet wird, sondern sogar mit denselben Werturteilen, somit subjektiv darüber berichtet wird. Durch solches Mainstreaming entsteht eine kollektive Filterblase.
Peter Herzog, am 09. September 2017 um 13:10 Uhr
"Welchen Medien kann man noch Vertrauen?», fragte infosperber im Podium vom 11.09. in Bern.
Keinen! Das wäre die kurze Antwort. Das Podium somit überflüssig. Wer kommt auf die Idee Medien als Institution zu vertrauen? Sie sind alle Werkzeuge im Auftrage von Interessen und Macht.
Ein Beispiel: Auch die angeblich unabhängige SRG sendet mir unablässig Werbesendungen, für die sie Geld kassiert, fordert mich auf via Social Media (Hashtag) ihre Sendung zu kommentieren, wissend, dass dann meine Botschaft unkontrolliert verteilt, missbraucht und verfälscht werden kann. Löschung unmöglich.
Warum soll ich «vertrauen», dass die SRG echt an meiner Meinung interessiert ist? Einschaltquote ist ihr Ziel und möglichst viele «Likes» bei Facebook & Co. Die Rechnung für Unbestelltes kommt von Billag, ohne Einsprachemöglichkeit. Vertrauen? Fehlanzeige!

Wir leben alle im Informationsüberfluss, überversorgt bis vergewaltigt. Vertrauen erarbeiten sich verantwortliche Journalisten, Menschen, nicht Institutionen. Auch infosperber lese ich nur mit scharfer Beobachtung wer schreibt.
Walter Schenk, am 13. September 2017 um 13:13 Uhr
Radio SRF hat neulich sogar den Zugang zu einem Wettbewerb nur über Facebook ermöglicht. Ich nehme allerdings an, dass es eher Bequemlichkeit und Geiz als Kontrollgelüste sind. Ein tolles Forum zu unterhalten, wie dieses hier auf Infosperber, kostet Zeit und Ressourcen (Danke, Infosperber!). Da lagert man die Infrastruktur und Verantwortung halt aus.
Theo Schmidt, am 17. September 2017 um 22:14 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein, um Ihre Meinung unter Ihrem richtigen Namen zu äussern. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Achtung: Die Länge der Einträge ist beschränkt und wir erlauben nicht, zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander zu platzieren. Unnötig herabsetzende Formulierungen ändern oder löschen wir ohne Korrespondenz.