I.F.Stone: «Information ist gemanagt, weil Reporter und ihre Redaktoren sich managen lassen» © www.ifstone.org

I.F.Stone: «Information ist gemanagt, weil Reporter und ihre Redaktoren sich managen lassen»

Gruss aus den Fünfzigerjahren

Johann Aeschlimann / 03. Jun 2017 - Die Klage über die politische Willenlosigkeit der Medien ist nicht neu. Der US-Publizist I.F. Stone hat sie 1955 vorgetragen.

Die Sorge über den Niedergang des politischen Journalismus ist ebenso vielfältig wie wortreich, und zum Misstrauen gegenüber den Konfektionsnachrichten (ein Stichwort heisst «Reformen») gesellt sich oft der Argwohn, von geheimen Seilschaften an der Nase herumgeführt zu werden (einschlägige Diagramme zirkulieren im Internet).

Das ist nicht neu.

Der US-Publizist I.F. Stone beschrieb 1955 den Zustand der Presse in Washington, D.C. auf ähnliche Weise. Seine Kritik enthält viele Elemente , die heute beklagt werden: Das «Management» von Information, das Herdenverhalten der Medien (heute «mainstream»), die informationsmässige Privilegierung von «Eliten». Was im Gegensatz zur heutigen Klage fehlt, ist der Verschwörungsverdacht und das Lamento über die Hilflosigkeit ausgelieferter Opfer gegenüber finsteren Manipulatoren. Washington, sagt Stone, sei journalistisch leicht abzudecken, wenn einer sich nur gegen das «Akzeptierte» stellen wolle.

Er lieferte den Tatbeweis. Links, eigenwillig, immer auf der Seite des freien Worts, gab er 1953 bis 1971 auf eigene Faust den postversandten newsletter «I. F. Stone's Weekly» über das Geschehen in Washington, D.C. heraus – ein Blogger vor dem Internet.

Anlass seines nachstehenden Artikels war eine Untersuchung des Repräsentantenhauses über das staatliche Informationswesen. Als er geschrieben wurde, war der Kalte Krieg voll im Gang und die Kommunistenhatz des Senators Joseph McCarthy erst vor kurzem durch ein Machtwort des US-Senats beendet.

«Pressefreiheit – eine Minderheitsmeinung»

(Artikel aus I.F. Stone's Weekly vom 14. November 1955 - Übersetzung Infosperber)

«Das Haupthindernis vor der Schaffung einer gut informierten Öffentlichkeit ist deren eigene Interesselosigkeit. In jedem Land mit einer freien Presse liegen die Zeitungen, welche die Nachrichten gewissenhaft abzudecken versuchen, im Hintertreffen gegenüber der Auflage derjenigen, die Sex und Sensationalismus verhökern. Das gilt in Paris und London ebenso wie in New York; und wenn Moskau je eine freie Presse in privatem Besitz erlauben sollte, werden Izvestiya und Pravda weit hinter jedes Blatt zurückfallen, welches das Neueste über das Liebesnest dieses oder jenes Kommissars verbreitet.

Das zweite Hindernis ist, dass die meisten Zeitungen sich im Besitz von Männern befinden, die selber keine Journalisten sind; das Verlagswesen ist ihnen ein Geschäft und keine Jefferson’sche Leidenschaft, und das Hauptziel ist so viel Inseratengewinn wie nur möglich. Bei dieser Haltung der Verleger und der Öffentlichkeit kommt es, dass die meisten Zeitungen in diesem Land nur wenig Nachrichten drucken, und wenn, dann, mit Ausnahme der lokalen Berichterstattung, meist Konserven, syndiziert und tiefgefroren.

Das dritte Hindernis ist, dass dies immer ein konformistisches Land gewesen ist, heute mehr denn je. Main Street und Babbitt (zwei Romane von Sinclair Lewis – Red.) – und de Tocqueville weit vor Sinclair Lewis – hielten unserer wahren Natur das getreue Spiegelbild vor. Es braucht nicht viel Abweichung von den Normen des Rotary Club in der durchschnittlichen amerikanischen Gemeinde, um als schräg, radikal und nicht vertrauenswürdig dazustehen.

Vor diesem Hintergrund ist leicht zu sehen, warum der durchschnittliche Washington-Korrespondent sich zufrieden gibt, das zu schreiben, was ihm die Pressesprecher der Regierung einlöffeln. Insbesondere, weil der Markt für «Enthüllung» der Regierungstätigkeit klein ist, da die Presse weitgehend republikanisch ist und wir eine republikanische Regierung haben. Warum eine Geschichte ausgraben, die die Redaktion zuhause ohnehin kippen wird?

Diese Sicht unseres Berufsstands und seiner Umstände fehlte mir in den Aussagen der Journalisten vor einem Sonderausschuss des Repräsentantenhauses, der eine Untersuchung über staatliche «Information» eröffnet hat. Der weitsichtigste der Zeugen, James Reston von der New York Times, einer unserer besten Reporter, legte den Finger auf den entscheidenden Punkt, als er sagte, das «managing» von Information (original: news – Red.) sei schlimmer als deren Unterdrückung. Nur: Information ist gemanagt, weil Reporter und ihre Redaktoren sich managen lassen.

Ein herausragender Täter ist das Aussenministerium. Sehr oft zum Beispiel erfährt die Zeitungsleserschaft weniger, was an der UNO wirklich geschah (in den 50er Jahren nahmen selbst die Amerikaner die Vereinten Nationen ernst – Red.) als vielmehr den «Drall» (Stone verwendet das Wort «slant» – der ubiquitäre «spin» war damals noch nicht gebräuchlich), den ein State Department Attaché den Reportern im Nachhinein in den Korridoren vorträgt.

Die privaten Abendessen, das Sonder-Briefing sind Werkzeuge, um Information zu «managen», ebenso die speziellen Zusammenschlüsse privilegierter Bürger, die vom Aussen- und Verteidigungsministerium zu jenen Treffen versammelt werden, an denen eine bebauchpinselte «Elite» höchst vertrauliche (und einseitige) Informationen aufgetischt erhält.

Als Reporter, der in kleinen Orten begonnen hat, wo man die Nachrichten wirklich ausgraben muss, kann ich bezeugen, dass Washington für die journalistische Abdeckung in vielerlei Hinsicht eine der leichtesten Städte der Welt ist. Das Problem ist der Überfluss des Guten. Es ist wahr, dass die Regierung, wie jede Regierung der Welt, ihr Möglichstes tut, um die Information zu ihrem Vorteil zu verbiegen – aber das macht die Arbeit nur interessanter.

Die meisten meiner Kollegen stimmen mit der Regierung überein und schreiben das Akzeptierte, weil sie selber daran glauben; sie sind – von einigen ehrenwerten Ausnahmen abgesehen – gegenüber dem Nicht-Konformen gleich misstrauisch wie jede beliebige Gruppe im Kiwanis (bürgerliche Organisation, vergleichbar den Rotariern – Red.).

Obwohl am ersten Tag (der Anhörung – Red.) die Besten und Kühnsten der regulären Presse auftraten, erwähnte niemand die vor kurzem erfolgten Abschiebungen radikaler ausländischer Redaktoren und von Cedric Belfrage vom Guardian. Niemand erwähnte die kommunistischen Redaktoren und Reporter, die wegen ihrer Ideen (Hervorhebung I.F. Stone – Red.) gemäss der Smith Act strafverfolgt werden. Niemand erwähnte die Art und Weise, wie McCarthy James Wechsler (als kommunistischer Maulwurf verdächtigter Washington-Post-Journalist - Red.) «untersuchte». Als überlegte Männer, besorgt wie sie sind über die Zukunft einer freien Presse, hätten sie mit Sicherheit einen Moment über die möglichen Gefahren solcher Präzedenzen nachgedacht. Hielten sie es für indiskret, über die honorigen Limiten hinauszugehen? Glauben sie, dass solche fundamentalen Prinzipien lieber den Festreden über Zenger (Journalist aus der amerikanischen Revolutionszeit - Red.) und Lovejoy (ermordeter Journalist der Antisklavereibewegung im 19. Jahrhundert - Red.) vorbehalten sein sollen, die kommoderweise beide tot sind?»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

I.F. Stone über Pressefreiheit und Demokratie, National Press Club, Washington, 1988
I.F. Stone Interview mit dem Fernsehen der City University of New York, 1974

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