kontertext: Gescheiterte Wahrheiten und andere Retouchen

Johanna Lier © cc
Johanna Lier / 09. Aug 2018 - Fake oder Fact? Von der Hilflosigkeit des Faktischen angesichts der Übermacht der Gefühle. Drei Beispiele.

Zürich: Wir sitzen abends auf einem lauschigen Balkon. Die Freunde aus dem Iran scrollen ihre Playlist rauf und runter und zeigen uns Videos und Bilder aus dem Iran. Skandierende, schreiende Menschenmengen, Demonstrationen, Strassenschlachten, Polizei, Schüsse und Panzer. Dazwischen eine Frau, die durch die Strassen läuft, ihr Kopftuch und den Mantel vom Körper reisst, ihre Arme in die Luft wirft und ruft: «Frauen! Auf die Strasse!»

Wir wundern uns, warum die Unruhen, die von den US-Sanktionen ausgelöst wurden und gegen das Mullahregime gerichtet sind, in den hiesigen Medien nicht sichtbar sind (das war letzte Woche). Wir fragen uns, warum die Mullahs nicht endlich kapieren, dass sich was ändern muss. Wir sprechen darüber, dass in Iran mit Sicherheit Umwälzungen anstehen, aber niemand weiss, in welche Richtung es gehen wird.

Die syrischen Freunde hingegen wissen, dass nun die Soldaten aus Assads Armee entlassen und Namen von getöteten Gefängnisinsassen bekanntgegeben werden. Der Krieg endet, Assad hat gewonnen. Davon sind die syrischen Freunde überzeugt. Wir scrollen weiter durch die iranischen und die syrischen Playlists. Wird es eine Fortsetzung der gewaltsamen Ereignisse im Iran geben? Die iranischen Freunde schütteln den Kopf: «Wir wissen es nicht.» Die syrischen Freunde schütteln den Kopf: «Wir wissen es nicht.» Nur über die abgrundtiefe Dummheit der US-Sanktionen sind sich alle einig. Dafür braucht es keine News.

Und so scrollen wir uns durch die iranischen und syrischen Playlists und rätseln über den Gang der Welt, bis der Freund aus Zürich mit trockener Stimme bemerkt, was das denn alles soll. Wer weiss denn schon, ob das, was da auf den Playlists rauf und runter angeklickt wird, überhaupt wahr ist? Wie einfach doch ein Video oder ein Bild abgeändert, in einen anderen Kontext gesetzt, im richtigen Medium veröffentlicht werden kann. Sind die Nachrichten der Freunde, die aus der syrischen Armee entlassen worden sind, tatsächlich von den Freunden selbst? Geht die Frau, die sich ihrer Kleider entledigt, in Wirklichkeit durch die Strassen von Teheran? «Woher wissen wir, dass das nicht alles Fake ist?» Der Freund aus Zürich ruft es in die schweisstreibende Nacht und leert sein Glas Wein.

Heute, zu Beginn der Woche, tauchen die iranischen Unruhen auch in den hiesigen News auf. Gehe ich den Quellen nach, stosse ich hin und wieder auf den einen oder anderen Beitrag aus der Playlist der Freunde aus dem Iran.

Neapel: «Salvini ist ein Kriegsverbrecher. Er gehört ins Gefängnis. Und jeder der weiterhin Geflüchtete in richtige und falsche Flüchtlinge unterteilt, ebenfalls!» Luigi De Magistri, der Bürgermeister von Neapel, ruft es ins Mikrophon, das Publikum applaudiert. Der Bürgermeister hat zur transnationalen Konferenz eingeladen. Das Projekt, das es zu realisieren gilt, heisst: «Porti Aperti». Es geht darum, ein Netzwerk progressiver Städte in ganz Europa aufzubauen, eine alternative, politische Struktur zu etablieren, aus der Überzeugung heraus, dass die Nationalstaaten nicht in der Lage sind, mit der aktuellen Migrationssituation einen zeitgemässen und für alle gangbaren Umgang zu finden.

Und während De Magistri weiterhin die Ewig-Gestrigen aus der europäischen Politik verflucht und sie des Mordes bezichtigt, reden in den Wandelhallen der Konferenz die Journalisten des italienischen Online Magazins Fanpage.it über die eigentliche Schwierigkeit: Die Wähler und die Wählerinnen. Sie stehen vor einem Problem, sagen sie, vor einem zurzeit unlösbaren Problem. Und geben uns ein Beispiel. In Italien ist die Mehrheit der Bürger und Bürgerinnen davon überzeugt, dass alle Geflüchteten vom Zeitpunkt ihrer Ankunft an täglich 35 Euro bar auf die Hand bekommen. Die Gewissheit verbreitet sich wie ein Brand in einem ausgetrockneten Sommerwald, die Wut eskaliert in einem katastrophalen Wahlergebnis. Tatsache ist aber, dass die EU täglich für jede Person, die in Italien um Asyl ersucht, 35 Euro bezahlt. Das Geld geht an eine private Firma, diese wiederum erstellt und betreibt die lagerähnlichen Durchgangszentren – die unvorstellbar miserabel und schlimm sind, was der Firma zu Gewinnen in Millionenhöhe verhilft.

So weit so allgemein bekannt (ist in der Schweiz auch so). Die JournalistInnen von Fanpage versuchen den Leuten den tatsächlichen Sachverhalt zu erklären und generieren schliesslich aus dem gescheiterten Vorhaben ein kleines Forschungsprojekt. Sie zitieren betroffene Geflüchtete, Grenzbeamte, Polizisten, Politikerinnen, anonyme Kronzeugen, Undercover-ReporterInnen, Wirtschaftsvertreter, Tomaten- und Orangenbauern, sie liefern Zahlen von Regierungs- und Nichtregierungsstellen, von internationalen Organisationen, von Krankenhäusern, von AnwältInnen, AktivistInnen, geleakte und offizielle Papiere, sie halten den Leuten Kameras unter die Nase und lassen Menschen zu Wort kommen: «Hier das Bild! Von dieser Kamera aufgenommen. Schau! Und dieser Mensch ist dabei gewesen. Hör zu!» Doch die Leute bleiben unbelehrbar. Trotz aller Bekenntnisse, Zahlen, Beweise und Testemonials sagen sie: «Fake!» Die Wähler und Wählerinnen von Salvini bleiben dabei: «Alles Fake!» Die Gemässigteren hingegen sagen: «Jeder hat halt so seine Meinung.»

«Gefühle sind der Schlüssel», sagt der Kommunikationsverantwortliche einer politischen Linkspartei und lässt sich in der Wandelhalle der Konferenz ins schmuddelig weisse Sofa fallen: «Gefühle. Wenn die Leute etwas fühlen, dann sagen sie: Fakt! Wenn die Leute etwas nicht fühlen, oder nicht fühlen wollen, sagen sie Fake!» Er wischt sich den Schweiss vom Gesicht. «Wer Erfolg haben will, muss sich an den Gefühlen der Mehrheit orientieren», sagt er und verfällt in Schweigen.

Zürich: Der Club im SRF vom 24. Juli titelt: Massengrab Mittelmeer – das Ende der Menschlichkeit? Auf der einen Seite sitzen ein emeritierter Professor, ein Maghreb-Experte und ein Ständerat. Auf der anderen Seite sitzen der Pilot einer humanitären Piloteninitiative, eine Aktivistin und Seenotretterin sowie ein Mann, der in der Vorankündigung von SRF als Mittelmeerflüchtling angekündigt wird. Die Diskussion hat eine Schlagseite. Die Professoren- / Experten- / Ständeratseite lässt kaum jemand von der Gegenseite zu Wort kommen: Mansplaining on its best! Ich bin wütend. Und gelangweilt. Und denke: Woher wissen diese privilegierten, wohlgenährten Menschen so gut, was Fluchtursachen sind, wie ein Schmuggler funktioniert, wie es sich auf einem Boot anfühlt, was Integration ist? Woher nehmen sie die Überzeugung dass das, was sie anderen erklären, und was Lichtjahre von ihrer Alltagsrealität entfernt ist, fraglos stimmt? Warum reden sie vom unüberbrückbaren Unterschied der Kulturen, tun aber so, wie wenn sie diese anderen Kulturen bis in ihre geheimsten Winkel hinein kennen würden? Ich bin verärgert, meine innere Stimme meckert: «Alles Lüge! Aufgeblasener, interessensgeleiteter Fake!»

Nach 35 Minuten schalte ich aus. Bis dahin ist der Mensch, der als Mittelmeerflüchtling angekündigt wurde – der einzige Teilnehmer, der das Thema aus eigener Erfahrung kennt und von Innen heraus darlegen könnte, was für ihn Sache ist –, nicht zu Wort gekommen. Die referierenden Professoren, Experten, Ständeräte und die Moderatorin haben ihn keines Blickes gewürdigt.

Stattdessen werden Wahrheiten verkündet. Und auch erwartet. Allgemeingültige. Obwohl man vermutlich instinktiv weiss, dass es diese nicht gibt, ja nicht geben kann.

Übrigens: Es gibt es auch in diesem Text einige erzähltechnisch bedingte Fakes: Die iranischen und die syrischen Freunde haben sich nicht an demselben Abend auf demselben Balkon befunden. Ihre Aussagen aber sind echt. Und die Verknüpfung der beiden Themen auch. Der Kommunikationsverantwortliche der politischen Linkspartei ist eigentlich ein Kommunikationsteilverantwortlicher einer politischen Linkspartei und nach seiner Rede hat er nicht geschwiegen, sondern auf sein Handy gestarrt. Ich bin aber der Meinung, dass aus inhaltlichen Gründen Schweigen besser passt. Und beim Schauen des Clubs gab es keine innere Stimme, die «Fake» geschrien hat. Diese Verbindung ist mir erst während des Schreibens gekommen. Aber Fakt ist, dass ich verärgert war und diesen Club nach wie vor als grundsätzlich misslungen und als verpasste Chance betrachte. Fakt ist auch, dass der sogenannte Mittelmeerflüchtling einen Beruf hat: Er ist Krankenpfleger. Und schon längst kein Flüchtling mehr.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Johanna Lier ist Schriftstellerin und Journalistin. Veröffentlichung von Gedichtbänden, Romanen und Theaterstücken. Tätigkeit bei der WoZ, aber auch in der NZZ, dem St.GallerTagblatt und dem Bund. Längere Aufenthalte u.a. in Iran, Nigeria, Israel, Argentinien und Ukraine. Lehrtätigkeit an der Hochschule für Kunst und Design in Luzern.

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Anna Joss, Mathias Knauer, Guy Krneta, Johanna Lier, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Ariane Tanner, Heini Vogler, Rudolf Walther.

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