Der Bückling des «Blick» vor dem US-Präsidenten – wohl doch ziemlich peinlich © nk
Maurizio Cattelan: Der goldene Klo © MC

Donald Trump war da! Glanz ohne Gloria!

Erich Gysling / 26. Jan 2018 - Fast alle Medien haben vor dem mächtigsten Mann der Welt einen Bückling gemacht. Vielleicht unumgänglich, aber trotzdem peinlich.

Im Nachhinein finden es (fast) Alle wohl etwas peinlich: Der skurrile US-Präsident, der mehr als ein Jahr lang in den schweizerischen Medien (wiederum fast) unisono als peinliche Panne der Zeitgeschichte abqualifiziert wurde, erlebte dank «Davos» den Aufstieg zum umschwärmten Weltenherrscher. Doppelseiten über seinen Einflug mit der AIR FORCE ONE in Kloten und Heli-Weiterflug nach Graubünden; Interviews mit Menschen, die das Glück hatten, ihm für ein paar Augenblicke nahe zu kommen; Schein-Analysen der Persönlichkeit, die plötzlich nahbar und angeblich menschlich wurde; Reportagen über die Nervosität der schweizerischen Sicherheitsdienste, die sich dann, oh Glück, doch als so professionell erwiesen, dass dem Star aus dem grossen, mächtigen Amerika nichts Schlimmes widerfuhr.

Auch die Demonstrationen gegen Trumps Kurz-Visite hielten sich in fast schon lieblichen Grenzen.

Plötzlich lobende Wort für Trump

Aber es gab ja mengenweise Voraus-Analysen dessen, was er wohl in Davos sagen werde und die Wiedergabe von Interviews einiger unserer Magistraten mit dem, oh wie schön, endlich einmal in unser Land eingeflogenen Mann. Bundesrat Ueli Maurer fand lobende Worte und befand, dass die Medien bisweilen unfair über Donald Trump berichtet hätten, schliesslich sei seine Finanz- und Steuerpolitik doch ein Segen für Alle. Und jetzt gebe es ja auch weniger Arbeitslosigkeit in den USA (Anmerkung: bereits am Ende der Obama-Ära herrschte in den USA, zumindest statistisch, Vollbeschäftigung).

Dann Hochspannung bis zum Moment, da der US-Präsident seine Davoser Abschlussrede hielt – danach allerdings die Ernüchterung: ausser «America first» und der Aufforderung an die Business-Gemeinschaft, doch, bitte, wieder vermehrt in den USA zu investieren, liess sich aus Trumps Rede nichts heraus destillieren. Und schon war er wieder weg, schon hob die AIR FORCE ONE von der Piste in Kloten ab, schon war der Zauber vorbei.

Das Getöse um Trump bei den Helvetiern war eine Peinlichkeit. Der Mann hat nicht mehr zu sagen als das, was er schon während seines abschreckenden Wahlkampfs und auch seit seiner Amtseinsetzung geäussert hatte: America first, die übrige Welt ist entweder irrelevant oder ein «shithole». Pardon, falsch – Benjamin Netanyahus Israel befindet sich natürlich in einer anderen Kategorie. Und Saudi-Arabien wohl auch, denn dorthin können US-Konzerne ja für Hunderte Milliarden Dollars Waffen verkaufen. Aber sonst …

... eine selbstkritische Reflexion

Als langjähriger «Medienmann» muss ich an dieser Stelle allerdings eine selbstkritische Reflexion ansetzen: Was hätte ich, als Chefredaktor von TV SRF (diese Funktion hatte ich von 1985 bis 1990), oder als Leiter der Tagesschau (auch diesen Job hatte ich jahrelang) in Sachen Trump entschieden? Ankunft mit der AIR FORCE ONE in Kloten mit einer Kurzmeldung abhandeln? «Davos» insgesamt, mit oder ohne Trump, in den medialen «courant normal» versetzen? Ich hätte höchstwahrscheinlich auch dem nachgegeben, was ich und was mein Team als unvermeidlich erachtet hätten: möglichst breit berichten, um den (erahnten) Wünschen der Zuschauerinnen und Zuschauer zu entsprechen. Auch, um die Quoten zu halten oder zu verbessern. Und gegenwärtig ja auch, um wenigstens einigen No-Billag-Propagandisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Also, ich gebe zu: Auch ich hätte mich weich kochen lassen, im Widerspruch zu meinen prinzipiellen journalistischen Grundsätzen.

Umso grösser meine Bewunderung für die Kuratorin des Guggenheim-Museums in New York, die ein Gesuch Trumps um leihweise Abgabe eines Werks von Van Gogh ans Weisse Haus ablehnte und stattdessen dem US-Präsidenten vorschlug, ihm ein goldenes Klo (ein Werk von Maurizio Cattelan) zu überlassen. Das ist Haltung – ein wenig davon hätte auch unseren schweizerischen Medien rund um den Besuch Donald Trumps in Davos gut angestanden.

Statt eines von Donald Trump gewünschten Van Goghs ein Objekt von Maurizio Cattelan: das goldene Klo.

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NZZ: «Der Magie der Grösse kann man sich schwer entziehen»

upg. Unter dem Titel «Trump, Trump, Trump» glossiert auch der NZZ-Medienredaktor Rainer Stadler die Berichterstattung über Trumps Besuch in Davos: Journalisten würden sich rühmen, unbestechliche Kontrolleure von Regierungen, Verwaltungen und Unternehmen zu sein, liessen sich aber gleichzeitig verführen von der Magie der Macht. «Der Glaubwürdigkeit des Journalismus tut das nicht gut», schreibt der NZZ-Redaktor.

Die «Anbiederungen mögen auf dem Boulevard gebräuchlich sein», meint Stadler. Aber auch die Weltwoche habe es nicht lassen können, in einem Eigeninserat Trump zu huldigen. Und der Tages-Anzeiger habe verwundert festgestellt: «Keine Provokation, keine Posen». Das sei doch nicht überraschend, meint Stadler, «angesichts des Klimas der Nettigkeiten».

Lesen Sie den vollständigen Artikel von Rainer Stadler.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

Weiterführende Informationen

Zu Trumps Rede und den Medien (auf Echo der Zeit)
"We received weapons .." Der ukrainische Präsident Poroshenko war am WEF
Trumps Rede in 2 Minuten (auf BBC, in Englisch)

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9 Meinungen

Unabhängig davon ob man Trump liebt oder hasst, die sogenannte «4. Gewalt» der Schweiz, die Presse, war peinlich. Dabei wäre Gelegenheit gewesen einiges zu betrachten. Beispielsweise den Nutzen eines WEF's das eine private Stiftung auf Kosten SteuerzahlerIn durchführt. Die selbstgefällige Art des Herrn Schwab, der mittlerweile zum globalen Lobhudler mutiert ist! Kritisches Betrachten nach einem Jahr Trump, unabhängig von täglichen Meldungen über «Affären» oder Pannen von Trump. Auch die Festung Davos wurde nicht in Frage gestellt, wie die Behörden die demokratischen Grundrechte ausser Kraft setzten und eigentlich die ganze Fragwürdigkeit des WEF dokumentierte! Wirkliche nachhaltige und kritische Diskussionen waren nicht erwünscht oder nur im Hinterzimmer! Eindrücklich peinlich, die Gümperliaktion von BLICK Chefredaktor Dorer und die leuchtenden Augen von Stefan Klaproth, der auch zum Gefälligkeitsjournalisten mutierte!
Victor Brunner, am 27. Januar 2018 um 08:34 Uhr
Die «Blick"-Schlagzeile «Dear Mister President – Welcome to Switzerland !» bringt es auf den Punkt. Illustriert perfekt die servile Anbiederung unserer «classe politique», unserer Wirtschaftsvertreter und eines Grossteils unserer Medienschaffenden beim POTUS 45. Alle, alle haben ihren Stolz, ihre Würde und ihre Selbstachtung bedenkenlos an der Garderobe des WEF abgegeben. Ein Paradebeispiel von widerwärtiger Speichelleckerei und charakterlosem Opportunismus ! Zum Fremdschämen !
René Edward Knupfer-Müller, am 27. Januar 2018 um 13:41 Uhr
Danke und kompliment fuer ihren kommentar zum tanz uns goldene kalb!
Gabriella Broggi, am 27. Januar 2018 um 14:09 Uhr
Das Problem an Trump ist, dass man seine Rolle als US-Präsident nicht vom Menschen Trump lösen kann. Auch wenn er menschlich in der untersten Schublade haust, ist er halt trotzdem derjenige, der die USA und damit eine Weltmacht repräsentiert. Ich werde mich deshalb hüten, jemanden zu kritisieren, weil er oder sie damit nicht wirklich umgehen kann.
Ueli Custer, am 27. Januar 2018 um 15:42 Uhr
Erich Gysling schreibt mir aus dem Herzen. Ich kenne niemanden, der diesen unangebrachten Medienrummel nicht widerlich gefunden hat. Henusode! - Betreffend NZZ wäre noch nachzutragen, dass der heutige wirtschaftsjournalistische Leitartikel auch in den Trump-Lobgesang einstimmt. Und ganz generell kommt das WEF m.E. in den Medien viel zu umfangreich daher: Dem Marketinggenie Klaus Schwab ist es gelungen, sein WEF zum privaten Weltgipfel hochzustilisieren, obwohl dort zu übersetzten Eintrittspreisen und teuren öffentlichen Sicherheitskosten doch weitgehend nur «warme Luft» produziert wird.
Rolf Zimmermann, am 27. Januar 2018 um 17:42 Uhr
Es ist einfach und schlicht beschämend, was da passiert ist: Bücklinge, schmeichelnde Worte, Tausende iPhone-Aufnahmen usw nicht nur der Medien, sondern auch der WEF-Anwesenden vor einem, eigentlich in jeder Hinsicht, fragwürdigen Typen, der aus allen Poren nur Hurra-Patriotismus, Umweltverachtung und Geldgier ausstrahlen konnte. Wie tief sind die moralisch gefallen, die einem solchen Menschen, nur weil er Macht hat und noch mehr Einnahmen verspricht, dermassen den Hof machen ?
bernhard sartorius, am 27. Januar 2018 um 18:43 Uhr
Politischer Diskurs unter der Gürtelline, wie bei DagobertDonald zu erwarten:
Siehe: https://www.transcend.org/tms/2018/01/joke-or-no-joke/

MfG
Werner T. Meyer
Werner Meyer, am 29. Januar 2018 um 16:54 Uhr
Danke für diesen Artikel. Es war schwierig, sich während dieses Rummels von dem so wichtigen (?) Ereignis abzuschotten. Immerhin habe ich ein aufschlussreiches, äusserst informatives und unglaublich spannendes Video gesehen. Es war der Überflug des amerikanischen Präsidenten (wie heisst er schon wieder?) über den Zürichsee (oder Walensee, ich konnte es wegen des grauen Himmels nicht verifizieren): 4 (oder 5?) Helikopter vor grauem Hintergrund waren zu sehen (und sonst nichts).
Ueli Hasler, am 31. Januar 2018 um 22:37 Uhr
Danke, Herr Gysling und obige Kommentatoren. Ich war auch empört über das Ausmass der Anbiederung der am WEF anwesenden Mächtigen an Donald Trump, bis hinauf zur Spitze unseres Landes. Seine widerliche und destruktive Politik dient den reichsten der Reichen, und wenn WEF-Gründer Klaus Schwab sogar noch seine Steuerreform lobte, entlarvt er die vorgeschobenen Ziele des WEFs als Heuchelei und zeigt, dass es auch ihm vor allem um die Anhäufung von Reichtum geht. Und um
eine exklusive Party, welche die Steuerzahler mitfinanzieren und erdulden müssen.

Schon nur die Tausende Flugbewegungen und Hunderttausende Autofahrten, wobei Tagi/Bund/BZ usw. wenigstens den Irrsinn der US-Präsidial-Reisen schön in einer Grafik zeigten, da ist die Airforce One noch das wenigste. Oder eine Limousine als Luftfracht Tausende von Kilometer transportieren, um damit in Davos jeweils ein paar Hundert Meter zurückzulegen! Besser kann man Arroganz gar nicht ausdrücken.
Theo Schmidt, am 05. Februar 2018 um 20:06 Uhr

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