Die Medien in der Trump-Falle

Matthias Zehnder © mz
Matthias Zehnder / 18. Jun 2020 - Je abstruser der Blödsinn ist, den Trump von sich gibt, desto besser sind die Quoten, die er den Medien verschafft.

Stellen Sie sich vor, Sie wären Blattmacher einer Zeitung oder Produzent einer Nachrichtensendung im Fernsehen. Journalisten bieten Ihnen also Geschichten und Bilder an und Sie entscheiden darüber, welche Geschichte ins Blatt oder in die Sendung kommt. Sie arbeiten gerade an der Seite oder der Sequenz über internationale Politik. Sie haben die Wahl zwischen zwei Geschichten: Die erste Geschichte dreht sich um die Frage, ob die USA den Afroamerikanern Reparationen für die Sklaverei zahlen und so den systemischen Rassismus in der Gesellschaft ausgleichen soll.1) Die zweite Geschichte handelt davon, wie sich Donald Trump von Polizisten mit Tränengas den Weg vom Weissen Haus zu einer kleinen Kirche freiprügeln lässt, damit er danach mit einer Bibel in der Hand vor dieser Kirche für Fotos posieren kann.2) Welche Geschichte bringen Sie?

Es ist beispielhaft eine typische Entscheidung, wie sie Blattmacher und Produzenten jeden Tag zu fällen haben. Die Geschichte über den systemischen Rassismus in den USA ist relevant: Sie erklärt den Zusammenhang zwischen der Sklaverei und der heutigen, systematischen Benachteiligung der Schwarzen in den USA. Sie erklärt damit den Hintergrund der Unruhen, wie wir sie heute erleben. Doch der Stoff ist kompliziert. Die zweite Geschichte ist ein klassischer Aufreger. Zudem gibt es dazu ein Bild mit Symbolcharakter: Donald Trump mit der Bibel in der Hand vor der St. John's Church. Diese Geschichte verspricht alles, was eine Story haben muss: Sie handelt von Menschen, es passiert etwas, es ist emotional, ja sensationell. Wenn Sie verantwortlich wären für eine Zeitung oder eine Sendung und damit auch für die Quoten, die Sie mit ihren Inhalten erzielen, wäre der Fall klar: Sie setzen auf Trump.

Trump fast so wichtig wie das Wetter

Dass die Medien sich auf Trump stürzen wie die Schmeissfliegen, ist nicht neu. Seit Donald Trump 2015 auf der Rolltreppe im Trump-Tower seine Kandidatur bekannt gab, beherrscht er die Schlagzeilen. Während des Vorwahlkampfs, als die republikanische Partei in einem internen Wahlkampf ihren Kandidaten kürte, brachte es Donald Trump im Fernsehen auf mehr Sendezeit als alle 16 anderen republikanischen Kandidaten zusammengenommen! Im eigentlichen Wahlkampf ging es genauso weiter: Trump beherrschte die Schlagzeilen.

Heute ist die Wahl von Donald Trump eng verknüpft mit dem Skandal um Camebridge Analytica, der Firma, die mit Datenauswertungen von Facebookprofilen Millionen von Menschen manipuliert und so die Wahl von Donald Trump herbeigeführt haben soll. Es gibt heute zwar Beweise dafür, was die Firma gemacht hat. Ob es aber gewirkt hat, ist offen. Ganz vergessen geht in der Debatte nämlich, dass Donald Trump auch im Wahlkampf die Medien beherrscht hat. Hillary Clinton hat viel mehr TV-Werbung geschaltet als Trump. Studien gehen davon aus, dass ihr Werbebudget bis zu sieben Mal höher war. Aber Trump hat den redaktionellen Teil der Medien beherrscht. Laut einer Studie von Tyndall Reports lag Donald Trump 2015 auf Platz zwei (!) der 20 Themen, über die im Fernsehen am meisten berichtet wurde – mehr als über Trump berichteten die Fernsehnetzwerke nur über das scheussliche Winterwetter. Trump verbuchte dreimal mehr redaktionelle Sendeminuten auf seinem Konto als Hillary Clinton. Und das nur, weil er aufsehenerregend war.

Wie Donald Trump die Medien hackt

Heute kommt noch dazu, dass Donald Trump als US-Präsident auch noch wichtig ist. Entsprechend stürzen sich die Medien auf jede seiner Äusserungen und machen sich so zu seinen Gehilfen. Nehmen Sie die Geschichte mit dem Bild vor der Kirche. Kurz vorher hatte Trump im Rosengarten des Weissen Hauses vor einer Reihe amerikanischer Flaggen eine Pressekonferenz gegeben. Draussen, vor dem Weissen Haus, im Lafayette Park, demonstrierten Hunderte Menschen friedlich. Während Trump sprach, gingen berittene Polizisten auf die Demonstranten los und vertrieben sie mit Schlagstöcken und Tränengas. Als die Polizisten den Park geräumt hatten, ging der Präsident zu Fuss die 150 Meter durch den Park zur St. John's Church an der Ecke 16th und H Streets. Er postierte sich vor der Kirche und reckte schweigend eine Bibel in die Luft. Dieses Bild ging um die Welt.

Das ist ein klassischer «Media-Hack»: Trump hat die Medien dazu gebracht, seine Botschaft zu verbreiten. Die Botschaft lautete: «Ich, Donald Trump, bin mächtiger als all die Demonstrationen. Ich kann mir die Strasse jederzeit zurückholen. Seht her, ich stehe mit der Bibel in der Hand auf der Seite des Guten. Das bedeutet auch: Wer sich mir widersetzt oder gegen mich ist, begibt sich auf die Seite des Bösen.» Dazu musste Donald Trump nicht einmal etwas sagen. Er musste sich nur schweigend mit der Bibel in der Hand vor der Kirche aufbauen und darauf warten, dass die Fotografen die Auslöser ihrer Kameras drückten. Dass die Medien danach dieses Bild und damit seine Botschaft verbreiteten, darauf konnte er sich verlassen. Selbst Medien, die sich kritisch mit seinem Auftritt beschäftigten, verbreiteten seine Botschaft, indem sie das Bild zeigten und stellten sich so in seinen Dienst.

Süchtig nach Trump

Es ist wie schon im Wahlkampf: Donald Trump verschafft Quote und zwar in beiden politischen Lagern. Seine Fans schauen sich seine Stunts an, weil sie ihn lieben, seine Gegner schauen es sich an, weil sie sich darüber ärgern. Trump mobilisiert zuverlässig Emotionen. Das ist selten in der Politik und darum auch auf Nachrichtenredaktionen gern gesehen. Die Medien sind süchtig nach Trump. Er verschafft ihnen die Aufmerksamkeit. Medien umkreisen Trump deshalb wie die Motten das Licht. Und wie die Motten verbrennen sie sich öfter mal daran. Aber die meisten Medien brauchen die Aufmerksamkeit, die ihnen Trump verschafft, denn sie leben davon. Die Medien stecken in der Trump-Falle.

Langsam zeichnet sich ab, dass das Konsequenzen haben könnte. Es kann gut sein, dass die Amerikanerinnen und Amerikaner im Herbst wieder Donald Trump die Stimme geben, ganz einfach deshalb, weil in den Medien kaum je von jemand anderem die Rede ist. Auch in der Schweiz hat sich die USA-Berichterstattung weitgehend auf Donald Trump verengt. Ein Bericht über ihn erfüllt nun einmal alle Boulevardkriterien: personalisiert, emotionalisiert, sensationalisiert – und damit auch hierzulande gut für die Quote. Aber schlecht für den Kopf. Der enge Fokus auf Donald Trump verstellt die Sicht auf die wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die das Land hat, auf nachdenkliche Kunst, Musik und Literatur und auf Politiker, die sich nicht wie Rumpelstilzchen himself betragen. Und auf Joe Biden. Denken Sie deshalb daran, wenn Sie sich das nächste Mal über einen Tweet von @realdonaldtrump aufregen oder angezogen von einem dieser fürchterlichen Fotos sich kopfschüttelnd über einen Artikel beugen, der von Donald Trump handelt: Auch wenn Sie sich über ihn ärgern, gehen Sie ihm auf den Leim. Und stecken mit in der Trump-Falle.

Erstveröffentlichung 5.6.2020 auf 'Wochenkommentar & mehr'

1) Zum Beispiel wie dieser Artikel in der «NZZ»: «Amerikas Billionen-Frage: Soll man den Afroamerikanern «Reparationen» für die Sklaverei zahlen?», «NZZ» vom 5. Juni 2020.

2) Siehe zum Beispiel hier im «Tages-Anzeiger» vom 2. Juni 2020:

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Matthias Zehnder ist freier Publizist, Medienwissenschaftler und Berater (Medienkonzeption) in Basel. Er ist Vorstandsmitglied der SRG Region Basel und betreibt unter www.matthiaszehnder.ch einen Medienblog. •

    Unter «kontertext» schreibt eine externe Gruppe Autorinnen und Autoren über Medien und Politik. Sie greift Beiträge aus Medien auf und widerspricht aus politischen, journalistischen, inhaltlichen oder sprachlichen Gründen. Zur Gruppe gehören u.a. Bernhard Bonjour, Rudolf Bussmann (Redaktion, Koordination), Silvia Henke, Mathias Knauer, Guy Krneta, Alfred Schlienger, Felix Schneider, Linda Stibler, Martina Süess, Ariane Tanner, Rudolf Walther, Christoph Wegmann, Matthias Zehnder.

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3 Meinungen

Ganz schön einseitig schon am Anfang im Text: ... wenn sich Trump den Weg zur Kirche «freiprügeln» läßt. Das ist doch hierzulande überall das gleiche, würde Merkel irgendwo auftreten, dann muss sie auch geschützt werden, notfalls durch rabiates Eingreifen der Polizei und wenn AfD irgendwo eine Veranstaltung hat muss die Polizei auch Schutz gewähren, was aber oft nur halb gelingt, sofern dieser Partei überhaupt einen Veranstaltungsort gewährt wird im «freien» Deutschland, wo solche «Minderheiten» gezielt diskriminiert werden!
Manfred Sauter, am 18. Juni 2020 um 13:48 Uhr
'Je abstruser der Blödsinn ist', so beginnt der Artikel, und a propos...er endet auch mit abstrusem Blödsinn: '...auch wenn Sie sich über ihn ärgern, gehen Sie ihm auf dem Leim. Und stecken mit in der Trumpfalle.'

Nun, schon im Kung Fu lernt man, nicht zu emotional zu reagieren...und die Schweizer bekommen diesen Wesenszug schon mit in die Wiege gelegt, so scheint es.

Und das ist der Punkt. Das ist mal wieder ein Artikel, wo der Autor im Stile von US Autoren schreibt, und sich dabei nicht mal bewusst wird, dass man das nicht auf Länder ausserhalb der USA mit der selben Relevanz übertragen kann.

Trump ist als Amerikaner im Wahlkampf als US Präsident und zielt die Wirkung auf US Wähler mittels US Medien.

Schweizer würden anders oder viel weniger emotional reagieren. Und auch sonst: Frau Merkel oder Frau Sommaruga mit der Bibel vor einer Kapelle würden wohl anders wahrgenommen.

Selbst nutze ich keine Social Media wie Facebook und Twitter, noch hatte ich jemals einen Fernseher, noch höre ich Radio. Aber wenn ich trotzdem 'Trump auf dem Leim ginge und in der 'Trumpfalle' sitzen würde'...wovon sprächen wir den dann konkret?

Bin ich als Nicht-US Bürger etwa wahlberechtigt z.B.? Wahrscheinlich deutschsprachige Leser nur ausnahmsweise. Warum soll ich mich über den US Präsidenten ärgern schon grundsätzlich, auch wenn es nicht Herr Trump wäre?

Vielleicht ist auch nur der Autor in die Falle des unreflektierten US und social Medienkonsums geraten. Für wen schreibt er denn Deutsch?
Michael Schmidt, am 18. Juni 2020 um 14:28 Uhr
Eine echt gute Analyse und es hat mich sofort an
"Denken sie nicht an einen rosa Elefanten» erinnert.

Mit gefangen, mit gehangen, gilt leider auch hier.
Mich erinnert es immer wieder an die alten Schwarz-Weiss Western aus den USA, in denen eine grosse Masse von Rindviechern von wenigen Cowboys zum Transport in die Schlachthöfe von Chikago getrieben werden. Auch Menschen haben einen Herdentrieb, der noch nie so genial instrumentalisiert und bewirtschaftet wurde, wie heute.
Da hilft nur noch an DAS «NichtS"' oder «Nothing» zu denken um es gelassen zu überstehen. Was war nochmals zu lassen ?
de.wikipedia.org/wiki/Nichts
Sich mehrmals «NichtS» vorsagen beruhigt zumindest mich und lässt mich fast immer sofort einschlafen.
Ludwig Pirkl, am 18. Juni 2020 um 15:28 Uhr

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