SRF-Tagesschau von 29. März 2020: «Es steht fest, dass Einschränkungen verschärft werden müsssen». © srf

«Die Krise ist sicher nicht vor Mitte Mai ausgestanden»

Urs P. Gasche / 31. Mär 2020 - Diese Aussage Bundesrat Bersets verbreiteten Medien landauf und landab. Doch niemand fragte, was denn nicht ausgestanden sein soll.

«Krise wird nicht vor Mitte Mai zu Ende sein», titelten einige Zeitungen. «Lockdown bis Ende Sommer?», fragte der Blick besorgt. «Dass ein Ende der ausserordentlichen Lage noch nicht absehbar ist, bestätigte auch Bundesrat Alain Berset: Die Coronakrise sei sicher nicht vor Mitte Mai ausgestanden», verbreitete die SRF-Tagesschau vom 29. März.

Tatsächlich wären die meisten Leute erleichtert, wenn sie wüssten, wie lange der Lockdown mit dem Hausarrest dauert. Doch die Aussage Bundesrat Alain Bersets, die «Krise» sei sicher «nicht vor Mitte Mai» ausgestanden, ist dazu wenig hilfreich, weil sie extrem interpretationsbedürftig ist.

Infosperber fragte die Leitung der Tagesschau, wie die Zuschauerinnen und Zuschauer denn die Information der Tagesschau hätten verstehen sollen: «Etwa dass die meisten heutigen Massnahmen bis Mitte Mai aufrecht erhalten werden? Oder dass es bis Mitte Mai immer noch zu schweren Erkrankungen und zu Todesfällen kommt? Oder dass das Virus sich bis Mitte Mai weiter ausbreiten wird und dass man sich bis dann immer noch anstecken kann? Oder?»

Doch offensichtlich hatte die Tagesschau an den täglichen Pressekonferenzen der Behörden nicht nachgefragt, was denn Berset mit «Krise» meinte. Deshalb konnte Tagesschau-Leiterin Regula Messerli die Frage nicht beantworten, sondern verwies auf Szenarien des Basler Professors Richard Neher, welche die Tagesschau am Anfang der Sendung vorstellte. Neher erwartet den Höhepunkt an Neu-Infektionen Mitte Mai. Warum sollte die Krise dann ausgestanden sein? Hat Bundesrat Berset das gemeint?

Die Tagesschau-Redaktion wagte sich noch weiter auf die Äste hinaus, indem sie verbreitete: «Fest steht, dass ... Massnahmen und Einschränkungen zuerst verschärft werden müssen, bevor der Silberstreifen am Horizont sichtbar wird

Schweizerinnen und Schweizer erfuhren zum ersten Mal, dass eine weitere Verschärfung des Lockdownseine beschlossene Sache sei. Betont Daniel Koch vom BAG nicht ständig, dass eine mögliche Verschärfung der Massnahmen nicht vorgesehen sei, ausser die weitere Entwicklung würde es erfordern?

Bei ihrem «Primeur» habe sich die Tagesschau «auf verschiedene Interviews von Bundesrat Berset und Daniel Koch in der Sonntagspresse und im Radio bezogen», erklärte TS-Leiterin Regula Messerli. Eine bestimmte Quelle mit einem entsprechenden Zitat von Berset oder Koch konnte Messerli nicht angeben.

Die Tagesschau informierte einseitig über Szenarien von Professor Richard Neher vom Biozentrum der Universität Basel. Andere Epidemiologen und Virologen bezog sie nicht ein. Neher hatte noch Ende Januar erklärt, es gebe «keinen Grund zur Panik». Es seien «sehr gute und effiziente Möglichkeiten vorhanden, um eine weitere Ausbreitung einzudämmen» [Ausgangsbeschränkungen und Ladenschliessungen waren nicht gemeint]. Die Sterblichkeitsrate sei «bislang wesentlich kleiner als bei der Infektionskrankheit Sars». Nur zwei Monate später, am 22. März, liess sich Neher von der NZZ am Sonntag wie folgt zitieren: Selbst wenn man harte Gegenmassnahmen ergriffe, wäre bis Ende Juni mit fast 3700 Toten zu rechnen.

In der Tagesschau vom 29. März rechnete Neher bei einem mittleren Szenario bis Ende August mit schweizweit über 22'000 Todesfällen (pessimistisches Szenario 97'000 Todesfälle, optimistisches Szenario 1000 Todesfälle). Vieles hänge davon ab, wie wirksam die beschlossenen Ausgehbeschränkungen wirken würden.

Zwischen 1000 und 97'000 Todesfälle? Da könnte Neher sogar recht bekommen.

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10 Meinungen

Niemand will sich auf die Äste hinaus wagen, vom zeitlichen Beenden des «angezettelten Chaos"?, zu reden, in der Gewissheit, dass alles ungewiss ist, wie es tatsächlich enden wird! Wer möchten den ungewissen Held, die ungewisse Heldin riskieren? Nebeneffekt: Der Umwelt tut dieser Beinahstillstand gut! Aber auch der Beinahstillstand wird seine Todesopfer fordern!
Willy Brauen, am 31. März 2020 um 12:02 Uhr
Danke für diesen guten Beitrag.

Der Herr aus Basel fällt in meiner Wahrnehmung durch ein ziemlich ausgeprägtes Profilierungsbedürfnis auf. Es gibt in dieser Sache auch ganz viele Wissenschafter, welche die Lage etwas anders einschätzen.

Ich empfehle diesbezüglich https://swprs.org/covid-19-hinweis-ii/

Ob solche Stimmen in den Programmen der SRG auch Platz bekommen? Bis jetzt habe zumindest ich sie nicht gehört. Dafür vergeht kaum ein Tag, ohne dass die SRG über die gleichgeschalteten Medien in Ungarn, Russland, Polen usw. berichtet...
Joel Christen, am 31. März 2020 um 12:05 Uhr
Herr Gasche mahnt die unglaubliche Unprofessionalität allzu vieler Journalisten an, aber nicht nur dieser Berufsgruppe, wiewohl Sie zumindest eine anständige kritische Fragetechnik entwickelt haben sollten. Zwischen 1000 und 97 000 Todesfällen; ja, bei dieser Spatzig wird man wohl «immer recht» haben bzw. recht behalten, wobei aber nach menschlichem Ermessen 97 000 eine doch eher verantwortungslose Drohung ist, zu schweigen davon, dass es nur proportional wenige «monokausale» Todesfälle gibt,
Pirmin Meier, am 31. März 2020 um 13:24 Uhr
Da drückt der latente Hass auf die SRG oder auf SRF wieder einmal durch. Die andern Medien sind in dieser Beziehung in keiner Art und Weise konkreter bzw. korrekter. Warum jetzt die Tagesschau zur zweifelhaften Ehre kommt, der Verbreiter von unklaren Botschaften zu sein, erschliesst sich mir nur aus dieser Optik.
Ueli Custer, am 31. März 2020 um 13:51 Uhr
@Custer. Eingangs habe ich ausdrücklich erwähnt, dass etliche Zeitungen eine ähnliche Schlagzeile verbreiteten wie die SRF-Tagesschau. Die Falschmeldung, es seien bereits verschärfte Massnahmen beschlossen, hat allerdings nur die Tagesschau verbreitet. Sie haben natürlich recht, dass die privaten TV-Stationen und viele Zeitungen über das Coronavirus teilweise ebenfalls Irreführendes und Unsachliches publizieren. Auch Infosperber ist nicht vor Fehlern gefeit.
Doch vom SRF, das unabhängig ist von Mäzenen oder privaten Konzernen, darf das Publikum eine besonders sorgfältige Information erwarten. Meine Kritik am Flaggschiff Tagesschau, das ein breites Publikum erreicht, erfolgt aus Sympathie zum SRF, nicht aus latentem Hass. Die Kritik soll zu Optimierungen anregen.
Urs P. Gasche, am 31. März 2020 um 15:28 Uhr
Es sterben in der Schweiz pro Monat 3400 Menschen über 80 Jahren. Viele von Ihnen sterben an einer altersbedingten Krankheit. (https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/bevoelkerung/geburten-todesfaelle/todesfaelle.html)
Wichtig ist jetzt, dass es keine Verzerrungen gibt bei den Zahlen und Angaben. Es gilt zu schauen ob sie mit Corona oder wegen Corona gestorben sind. Und wenn man die Lebenserwartung in der Schweiz anschaut (82 Jahre), dann sehe ich an dieser Grippe noch nichts ungewöhnliches. Das wird meines Erachtens gerne übersehen wenn man von Krise spricht. Die Sterbezahlen stehen doch in keiner Zahl zu einer solchen «Krise"?
Oder irre ich mich da...?
Lg Patrick
Patrick Grogg, am 31. März 2020 um 16:06 Uhr
... und weiter geht es, um die Kompetenz Illusion aufrecht zu erhalten !


ABB auf Konfrontationskurs mit dem Bundesamtes für Gesundheit (BAG)
weil sie auch «Gesunde» Testen wollen ...

cash.ch/news/top-news/corona-krise-abb-testet-auch-mitarbeitende-ohne-symptome-auf-coronavirus-1514250


Die Dunkelziffer wird nur deshalbt nicht erhellt, damit sich sich weiterhin Dunkelziffer nennen darf und die Wahrheit über Viren verschwiegen werden kann.
Jacques Marchand, am 31. März 2020 um 18:11 Uhr
Na ja dann kommt noch die Frage dazu: Tote mit oder durch den Virus? Das weiss man bei den jetzigen Toten schon nicht, wie soll man dann in die Zukunft schauen? Wahr kann nur sein mit und nicht von. Es werden nicht mehr als bei einer starken saisonalen Grippe sein, die durch den Virus sterben.
Beat Schärer, am 31. März 2020 um 20:30 Uhr
und weiter geht es ... mit der beabsichtigten Falsch Information der Bürger !

Ich erinnere an die bislang veröffentlichten Klinischen Analysen zur Mortalität der in Italien mit covid19 verstorbenen Menschen mit Einzelschicksalen. Wurden durch die ISS.it erhoben und publiziert.

Beim ISS wurde die so kommuniziert und veröffentlich :
„ Das Durchschnittsalter dieser Patienten beträgt 78 Jahre und Frauen 29,6%. Die durchschnittliche Anzahl der in dieser Population beobachteten Pathologien beträgt 2,7. Insgesamt hatten 15 Patienten (2,1% der Stichprobe) 0 Pathologien, 151 (21,3%) hatten 1 Pathologie, 184 hatten 2 Pathologien (25,9%) und 360 (50,7%) hatten 3 oder mehr Pathologien.“

Beim BAG sieht dies dann so aus in der Öffentlichkeitsarbeit :
„ Die Zahl der Todesfälle gab das Bundesamt für Gesundheit mit 540 an. Die Altersspanne der verstorbenen Personen betrug 32 bis 101 Jahre. Laut Koch sind nur 6Prozent von ihnen unter 65 Jahre alt, das mittlere Alter lag bei 83 Jahren.

97 Prozent der Toten litten zuvor an mindestens einer Vorerkrankung. Die drei am häufigsten genannten Vorerkrankungen waren Bluthochdruck (69 Prozent), Herz-Kreislauferkrankungen (55 Prozent) und Diabetes (29 Prozent).„

Fehlt eigentlich nur noch eine Hitparde mit den 1870 verschiedenen
Pathologischen Vorerkrankungen auch den Seltenen..

„Laut BAG-Mann Daniel Koch müssen 435 Patientinnen und Patienten künstlich beatmet werden“

Wetten da sind Nasen–Sauerstoff–Röhrchen miteingerechnet !
Jacques Marchand, am 04. April 2020 um 19:59 Uhr
Die Redaktionsleistung der Tagesschau habe ich schon mehrfach als grottenschlecht empfunden. Nur Verlautbarungen herunter zu lesen ist keine redaktionelle Leistung. Wenn ein Mediensprecher sich ungenau ausdrückt ist kritisches Nachfragen Pflicht. Über mehrere Tage war Corona Thema jeder Sendung. SRF1 als Corona-Sender?
Jürg Schmid, am 06. April 2020 um 15:40 Uhr

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