Falscher Anreiz: Der Arzt verdient in der Schweiz an jeder einzelnen Leistung. © Gina Sanders - Fotolia.com

Falscher Anreiz: Der Arzt verdient in der Schweiz an jeder einzelnen Leistung.

«Ärzte und Spitäler machen viel Unnötiges»

Red. / 19. Aug 2011 - Mit Unnötigem können sie ihre Einnahmen optimieren, weil die finanziellen Anreize falsch sind. Das kritisiert ein neues Buch.

In Gegenden mit vielen operierenden Gynäkologen haben doppelt so viele Frauen keine Gebärmutter mehr als in Gegenden, in denen es weniger Gynäkologen gibt. Privatpatienten operieren Chirurgen viel häufiger als Allgemeinversicherte. In beiden Fällen ist der wesentliche Grund derselbe: Viele Chirurginnen und Chirurgen wollen wie die meisten Menschen ihr Einkommen optimieren – zum Schaden der unnötig Operierten. Dieser Missstand ist schon lange belegt.

«Reform ohne andere finanzielle Anreize ist illusorisch»

Eine «nachhaltige Reform unseres Gesundheitswesens ohne andere finanzielle Anreize ist illusorisch»: Zu diesem Schluss kommt jetzt ein neues Buch über das Schweizer Gesundheitswesen. Gemeint sind in erster Linie Anreize für Ärzte, Spitäler, Pflegeheime und Apotheken, dann aber auch für die Patienten. Autor Werner Widmer weiss wovon er spricht: Er war CEO mehrerer Spitäler und ist heute Direktor der Stiftung Diakoniewerk Neumünster, zu der in der Region Zürich ein Spital, ein Pflegeheim und ein Alterszentrum gehören.

In Gegenden, wo weniger operiert, weniger Medikamente verschrieben und generell weniger behandelt wird, gebe es «keine Hinweise darauf, dass sie unterversorgt wären». Das lasse eine Überversorgung in andern Gegenden vermuten.

Mit der Menge können Ärzte ihr Einkommen erhöhen

Praktizierende Ärzte in der Schweiz und in Deutschland sind die einzigen in Europa, die an jeder einzelnen Leistung für Grundversicherte verdienen können. In den andern Ländern sind die Ärzte entweder im Lohnverhältnis angestellt oder werden im wesentlichen mit Pauschalen bezahlt.

Die Preise der einzelnen Leistungen sind vertraglich kantonal einheitlich fixiert («Tarmed»). Gut besuchte Ärzte können also nicht einfach höhere Tarife verlangen. Um ihre Einkommen zu erhöhen, können Ärzte also nur die Mengen ihrer Leistungen erhöhen, was konkret heisst: Häufigere Arztbesuche empfehlen, mehr diagnostische Untersuchungen und vielfältigere und teurere Behandlungen durchführen.

Autor Werner Widmer führt das Beispiel der Selbstdispensation an: 4400 der 15'000 frei praktizierenden Ärzte verkaufen selber Medikamente. Ihr Umsatz mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln erreiche pro Arzt bei 420'000 Franken im Jahr. Dagegen würden Ärzte ohne Beteiligung am Medikamentenverkauf nur Arzneimittel im Betrag von 310'000 Franken verschreiben.

Die Patienten hätten insofern einen falschen Anreiz, dass sie nach dem Aufbrauchen der Jahresfranchise nur noch einen Selbstbehalt von 10 Prozent zahlen: «Es entfällt jede Budgetrestriktion».

Heutige Anreize bestrafen gute und erfolgreiche Ärzte

Die heutigen Anreize führten nicht bloss zu einer Mengenausweitung. Sie würden auch die Qualität nicht fördern. Denn jede einzelne Leistung werde vergütet, unabhängig davon, ob die Diagnosen und Therapien mehrheitlich korrekt sind oder nicht: «Der gute Arzt unterscheidet sich von einem weniger guten in erster Linie darin, dass er auf direktem Weg zur richtigen Diagnose gelangt.» Doch das werde finanziell nicht honoriert. Auch müsse der Arzt auf ein Honorar verzichten, wenn er «vernünftigerweise auf eine Leistung verzichtet». Der Nutzen oder Schaden für die Patienten berücksichtige das Tarifsystem nicht.

«Zentrale Herausforderung

«Eine zentrale Herausforderung für eine Reform des Gesundheitswesens» sei das Ändern der finanziellen Anreize für die Anbieter und Nachfrager, bilanziert Widmer. «Idealerweise wären die finanziellen Anreize für die Leistungserbringer so zu gestalten, dass Leistungsanbieter, die eine vernünftige Medizin und Pflege erbringen, belohnt werden, und dass Leistungsanbieter, die zu viele Leistungen und/oder ungenügende Qualität erbringen, aus wirtschaftlichen Gründen, ihre Leistungserbringung einstellen müssen.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Zum Buch von Werner Widmer «Das Gesundheitswesen der Schweiz», Careum Verlag Zürich, 2011, 39.00 CHF. (Link zum Online-Bestellen)

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

3 Meinungen

"Viele Chirurginnen und Chirurgen wollen wie die meisten Menschen ihr Einkommen optimieren – zum Schaden der unnötig Operierten. Dieser Missstand ist schon lange belegt.» Ich bezweifle, dass dieser Beleg erbracht worden ist, überhaupt erbracht werden kann. Im Nachhinein ist man immer klüger, da erscheint oft eine Operation als unnötig. Wichtig ist, dass die PatientInnen darauf drängen, dass man mit ihnen verswchiedene Behandlungsmethoden vorgängig erörtert, sie die Wahl haben. Dass mit dem heutigen Finanzierungssystem, welches immerhin 10% Selbstbehalt als Kontrollinstrument eingebaut hat, auch falsche finanzielle Anreize gemacht werden, ist unbestritten. Dass das Bild des raffgierigen Arztes gezeichnet wird, ist eigentlich nicht nötig. In unserer fmCh PublicDatabase, wo die PatientInnen die über sie erfassten Qualitätssicherungsdaten kontrollieren und kommentieren können, sind 98% mit dem Spital/Arzt sehr zufrieden und 88% geben an, dass der Spitalaufenthalt ihnen sehr geholfen hat. Darauf kommt es an.
Luzi Rageth, am 20. August 2011 um 12:29 Uhr
Die Statistik hatte gezeigt, dass Chirurgen Privatversicherte viel häufiger operieren als Grundversicherte. Gegen den Vorwurf, dies deshalb zu tun, weil die Honorare bei Privatversicherten viel höher sind und es mehr zu verdienen gibt, hat sich der Chirurgenverband bis vor Bundesgericht gewehrt, ist dort jedoch abgeblitzt.
Red., am 21. August 2011 um 15:47 Uhr
Viele sprechen über die Gesundheit. Viele versuchen bewusst es so kompliziert wie nur möglich darzustellen. Weil es dann eben ein sehr komplexes Thema ist, kann man dann ja auch nichts machen, wenn es um die Krankenkassen Prämien geht.
Dabei müssten wir nur zwei Punkte hervorheben.
1. Das Thema Gesundheit muss parteifrei werden. Mit dem Parteigehabe geht nichts.
2. Wir müssen im Krankheitswesen nur das bezahlen, was wir alle miteinander an Kosten verursachen. Nicht mehr und nich weniger. Wir wissen, dass wir hier von über 60 Milliarden Franken sprechen. Egal mit wem Sie sprechen, jeder weiss und bestätigt, wir könnten locker mindestens 10% davon einsparen. Das sind gewaltige sechs Milliarden Franken. Mein einfaches Konzept für dieses sechs Milliarden Projekt, schicken wir drei Institutionen ins Rennen, die das für uns erarbeiten. Ich sage es in einem Beispiel aus dem Themkreis rund um unser Auto. Da heissen die Institutionen TCS - ACS - VCS. Im Gesundheitswesen habe ich einen GCS (Gesundheitsclub Schweiz gegründet, der im Gesundheitswesen das macht, was der TCS ums Auto. In kleinen Modellen gelingt es zu zeigen, wie gewaltig viel Geld versickert und anderswo so viel dringender gebraucht würde. Beachten Sie unter parteifrei.ch, wie ich das Modell dieser drei Institutionen sehe. Bereits eingeleitet ist eine Anfrage bei der WEKO, dass der freie Markt im Gesundheitswesen nicht optimal funktioniert. Das Resultat wird dann vom Preisüberwacher bewertet, während wir als Gesundheitspolitiker dann ganz einfache Fragen stellen werden. Es wird ohne Qualitätseinbusse einiges bewegen. Ich bitte gerade Sie als Leser, sich einzumischen. Wir erhalten uns damit eines der besten Gesundheitswesen der Welt.
Josef Rothenfluh, am 28. September 2011 um 11:53 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.