Dauernd an der Wasserflasche nuckeln – «unnötig», sagen Ärzte © WDR «Markt»
Nierenspezialist Prof. Jan Galle: «Gesunde Erwachsene können sich auf ihr Durstgefühl verlassen» © WDR «Markt»
Die Kampane «Drink up», gesponsert von Getränkekonzernen, propagiert in den USA viel gesundes Wassertrinken © WDR «Markt»

Täglich zwei Liter trinken? – Vergessen Sie's!

Red. / 19. Apr 2018 - Das WDR-Magazin «Markt» entlarvt die gängige Trinkempfehlung als cleveren Marketing-Coup der Mineralwasserindustrie.

Es gibt Ernährungsmythen, die sind wie in Stein gemeisselt. Dazu gehört auch die weit verbreitete Regel, dass wir mindestens zwei Liter am Tag trinken müssen, um gesund und fit zu bleiben. Allerdings tun sich die meisten Menschen schwer damit, diese Menge zu erreichen. Ein schlechtes Gewissen brauchen sie deswegen nicht zu haben. Experten und Fachärzte halten nämlich die Zwei-Liter-Regel für unsinnig: «Es gibt von ärztlicher Seite überhaupt keine Empfehlung, so viel zu trinken», sagt der Nierenfacharzt Jan Galle, Direktor der Klinik für Nephrologie am Klinikum Lüdenscheid.

Nierenspezialist Prof. Jan Galle: «Gesunde Erwachsene können sich komplett auf ihr Durstgefühl verlassen» (Quelle: WDR «Markt»).

Der Nierenspezialist rät im WDR-Magazin «Markt», nur so viel zu trinken, wie man Durst verspürt. Dann reiche die Trinkmenge durchaus, auch wenn sie deutlich weniger als zwei Liter am Tag betrage. Denn Flüssigkeit bekommt der Körper zusätzlich aus den meisten Lebensmitteln. Gemüse und Obst enthalten oft viel Wasser, Gurken fast 100 Prozent, und sogar Fleisch liefert bis zu 70 Prozent Flüssigkeit. Im Durchschnitt nimmt der Körper täglich rund 0,7 Liter über feste Nahrung auf.

Laut Jan Galle kann sich ein normal gesunder Erwachsener «komplett auf sein Durstgefühl verlassen». Allerdings: Kleinkinder und ältere Menschen hätten tatsächlich Probleme mit dem Durstempfinden – aber alle anderen müssten sich nicht zwanghaft an der Zwei-Liter-Marke orientieren.

Kampagnen der Mineralwasserhersteller

Nur, warum hält sich die Zwei-Liter-Regel so hartnäckig in den Köpfen, obwohl sie doch längst widerlegt ist? Das liege wohl auch am geschickten Marketing der Getränkeindustrie, meint Maude Barlow. Die kanadische Umweltaktivistin kämpft seit Jahren gegen die Macht von Wasser-Konzernen. «Diese Vorstellung, dass man immer Wasser dabeihaben muss, damit man nicht verdurstet, ist lächerlich. Das haben die uns eingeredet.»

In den USA verlässt heute kaum jemand ohne Wasserflasche das Haus – wohl auch dank landesweiter Kampagnen wie «Drink-Up», die von Konzernen wie Pepsi oder Danone, dem Hersteller von Evian und Volvic, gesponsert sind. Darin lobt sogar Michelle Obama die Vorzüge häufigen Wassertrinkens. Maude Barlow sieht hier ganz klare Interessen: «Nestlé, Danone, Coca Cola, Pepsi, die arbeiten mit Ernährungsberatern, mit Gesundheitsexperten, mit Lehrern, zusammen – um ihre Version vom ‹gesunden Wassertrinken› zu promoten.»

Die Kampagne «Drink up», gesponsert von Getränkekonzernen, propagiert in den USA viel gesundes Wassertrinken (Quelle: WDR «Markt»).

Auch in Deutschland sind die Mineralwasserhersteller äusserst umtriebig bei der Vermarktung ihrer Produkte. Weil Schulkinder angeblich zu wenig trinken, gibt es die Kampagne «Trinken im Unterricht». Dahinter steckt der Verband der Mineralbrunnen, der die junge Zielgruppe an Schulen mit Events und Gewinnspielen bei Laune hält.

Viel «gesundes Wassertrinken» propagieren und via Medien die Angst vor Flüssigkeitsmangel schüren – das lässt die Umsätze der Getränkehersteller sprudeln. Die Kehrseite des Milliardengeschäfts: Tonnennweise Plastikmüll und lange Transportwege – kurz: ein ökologischer Blödsinn (siehe dazu auf Infosperber «Mineralwasser: Die unnötige Milliarden-Industrie»).

Weltweit steigt der Verkauf von Mineralwasser kontinuierlich an. Im Jahr 2000 trank die Weltbevölkerung «nur» 100 Milliarden Liter Mineralwasser, im Jahr 2014 waren es bereits 288 Milliarden Liter. Für das Jahr 2020 wird ein Verbrauch von 600 Milliarden Liter Wasser aus der Flasche prognostiziert.

Die Marketing-Strategie der Wasser-Produzenten scheint voll aufzugehen. Auch hierzulande sieht man immer mehr Menschen, die permanent an der Wasserflasche hängen. Der Nierenarzt Jan Galle kann darüber nur den Kopf schütteln: «Meines Erachtens ist das völliger Quatsch. Es tut nicht not, dass man ständig ein Nuckelfläschchen in der Hand hält, darauf kann man verzichten.»

Der beste Rat für gesunde Erwachsene: Auf den eigenen Durst hören – und nicht auf die Getränkehersteller.

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Keine

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7 Meinungen

Auf diesen Artikel habe ich gewartet wie ein Ertrinkender.
Diese Trinkempfehlung hat mich so genervt, dauernd sollte getrunken werden!
Ja ich trinke auch mehr, seit diesen andauernden Ermahnungen von verschiedenen Seiten. Allerdings wurde ich kein guter Kunde, denn ich mag keine Kohlensäuregetränke.
Zuckerhaltiges trinke ich prinzipiell nicht, also was blieb? Selbst gemachter Tee in der kühleren Jahreszeit, und sonst nur Hahnenwasser.
Damit bin ich wohl ein Spielverderber und als Konsument uninteressant. (;-))
Albert Deucher, am 19. April 2018 um 12:20 Uhr
Daß kaum noch jemand das Haus ohne Wasserflasche verläßt, trifft nicht nur auf die USA zu, sondern scheint sich weltweit verbreitet zu haben. In der Stadt Agadèz in Niger sah ich Mopedfahrer, die mit Wasser gefüllte Plastiktüten im Mund hielten. In vielen arabischen Ländern findet man kaum noch eine Moschee ohne Kühlschränke voller Wasserpackungen, von denen sich jeder Besucher kostenlos so viele nehmen kann, wie er will. Dabei handelt es sich nicht immer um Mineralwasser, sondern häufig einfach nur um gefiltertes Leitungswasser.
Außer dem Gewinn für die Getränkefirmen sorgt das auch für eine riesige Menge an Plastikmüll. Die leeren Wasserflaschen werden aus dem Auto einfach auf die Straße geworfen. Hatte man früher große, durch Verdunstung gekühlte Tonkrüge mit einem Aluminiumbecher, aus dem alle tranken, so hat man heute elektrisch betriebene Wasserspender, wo jeder den vielleicht nur für einen Schluck von ihm benutzten Plastikbecher in den Müll wirft. Manche scheinen zu meinen, nicht einmal die Zeit der Freitagspredigt durchstehen zu können, ohne dabei Wasser zu trinken, obwohl sie im Ramaḍān beweisen, daß sie den ganzen Tag ohne einen Schluck Wasser auskommen können.
Frank Bubenheim, am 19. April 2018 um 16:29 Uhr
Wie viel man trinken muss oder soll, hängt im Wesentlichen vom Klima ab. Bei 35 Grad im Schatten braucht der menschliche Körper viel mehr Flüssigkeit als an einem nasskalten Dezembertag, da er zur Regulierung der Körpertemperatur schwitzt und damit Wasser verliert. Da können auch 2 Liter nicht genug sein.
Alois Amrein, am 20. April 2018 um 19:00 Uhr
Beim Trinken geht's nicht um's Konsumieren von Limonaden und andern Süssgetränken oder Alkoholika, sondern um den Erhalt des Wasserhaushalts im Körper. Und der hängt von vielem ab. Im Artikel ist erwähnt, dass zuviele Menschen zuwenig Wasser zu sich nehmen. Das ist ernst zu nehmen. Andererseit ist es nicht ungesund grösser Mengen Wasser zu trinken, wenn man dazu Lust oder einfach Durst hat. Die Nieren kommen damit locker klar.

Für mich ein zwiespältiger Artikel, in welchem die «aufklärerisch» Einseitigkeit des Mediziners stört - für mich ein Sturm im Wasserglas.
Peter Müller, am 23. April 2018 um 09:15 Uhr
Es gibt auch Arbeitsplätze wo man aus irgendwelchen Gründen keine Getränke zu sich nehmen darf. Da trinkt man dann schnell einmal zu wenig. In erster Linie auf den Körper hören statt auf Empfehlungen für eine bestimmte Menge. Auch die Empfehlung bei z.B Grippe viel Tee trinken mach sicher Sinn, ja dieser Mediziner klärt etwas einseitig auf, es muss ja auch nicht immer Wasser aus PET Flaschen sein.
Edgar Huber, am 23. April 2018 um 19:55 Uhr
Die bessere Regel wäre: Alle 2 bis 4 Stunden auf die Toilette entspricht der richtigen Wassermenge.
Josef Brusa, am 25. April 2018 um 07:57 Uhr
Es kann auch lebensgefährlich sein, zu viel Wasser zu trinken. Weil meine Mutter gelernt hat, dass man muss, war sie im Altersheim bei einem Konsum von 5-7 lt! Schwierig sie davon abzubringen.
nani moras, am 28. April 2018 um 18:19 Uhr

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