Der eingeatmete, unsichtbare Mikrostaub kann die Lunge angreifen. © LiveLoveFruit

Wir alle atmen wahrscheinlich Mikroplastik ein

Janice Brahney / 30. Jul 2020 - Eine US-amerikanische Forschungsgruppe fand selbst in entlegendsten Gebieten Mikroplastik in Staubproben.

Red. Janice Brahney ist Assistenzprofessorin für die Wissenschaft von Wassereinzugsgebieten an der Utah State Universität. Ihre Studie erschien am 12. Juni in der Fachzeitschrift «Science».

Wir suchten nicht nach dem, was wir fanden. Die Aufgabe unserer Forschungsgruppe war es herauszufinden, wie viel Phosphor Wind und Regen in die abgelegenen Gebiete des amerikanischen Westens verfrachtet, und wie sich das auf Seen und Flüsse auswirkt. Um das zu untersuchen, nahmen wir Proben in elf völlig unterschiedlichen Gegenden – vom Joshua Tree Nationalpark in Kalifornien bis zur Wind River Kette in Wyoming.

Im Labor entdeckten wir unter dem Mikroskop neben den erwarteten Stoffen etwas höchst Unerwartetes: winzige Plastikteilchen, vor allem aus synthetischen Mikrofasern, aus denen Kleider hergestellt werden. Sie fanden sich in allen Proben und in erstaunlichen Mengen. Sie machten bis zu sechs Prozent des gesammelten Staubes aus. Hochgerechnet sind das über 1000 Tonnen Mikroplastik, die allein in diesen äusserst entlegenen Gegenden Jahr für Jahr von Wind und Regen deponiert werden – nicht nur aus nahen Städten. Der Grossteil kam von weit weg, und dokumentiert jahrzehntelange Ablagerungen von Plastikabfall.

Mikroplastik ist überall, auch in der Luft, die wir atmen. Die Partikel halten sich nicht an eine bestimmte Postleitzahl. Wenn es im Grand Canyon Mikroplastik gibt, wie viel enthält dann der Staub einer Grossstadt? Wie hoch kann die Konzentration an Mikroplastik, der sich über die Luft verteilt, steigen? Welchen Einfluss hat er auf die Umwelt? Ist Mikroplastik toxischer als natürlicher Staub oder Industriestaub?

Luft als Gesundheitsrisiko

Wir wissen, dass eingeatmeter Mikroplastik sowohl Entzündungen als auch Läsionen in der Lunge verursachen kann. Eine andauernde Aussetzung führt, so wird vermutet, zu Atemproblemen wie Asthma oder zu Krebs. Auch natürlicher Staub enthält gefährliche Substanzen wie Pilze, Schwermetalle und synthetische Toxine. Verschmutzte Luft ist die Ursache für rund sieben Millionen Todesfälle jährlich. Diese Statistik beinhaltet höchstwahrscheinlich auch die Auswirkungen von Mikroplastik.

Steve Allen, der an der Universität von Strathclyde im schottischen Glasgow über Mikroplastik forscht, sagte kürzlich zur „Washington Post“: „Ich kann mir keinen Satz vorstellen, der anfängt mit ‚der Gesundheitsnutzen von eingeatmetem Mikroplastik...’“

Die neuen Forschungsergebnisse sind keine Überraschung. 2018 wurden weltweit etwa 359 Millionen Tonnen Kunststoffe hergestellt. Hält die aktuelle Produktion und Abfallbewirtschaftung an, könnten bis 2050 rund 12 Milliarden Tonnen Plastikabfall auf Deponien und in der Umwelt vorhanden sein, besagte eine Studie im Journal „Science Advances“ schon 2017.

Ein Verbot von Trinkhalmen und Plastiksäckchen trifft den Kern des Problems nicht

Kritik an der Plastikverschmutzung hat dazu geführt, dass Trinkhalme, Säcke und Mikrokügelchen in Kosmetikprodukten geächtet werden. Aber der durch die Luft verfrachtete Mikroplastik stammt vor allem aus Kleidung, Autoreifen und der Zersetzung von Waren und Verpackung, die teils schon vor Jahrzehnten weggeworfen worden sind.

Wie das Problem aus der Welt geschafft werden kann, ist unklar. Klar ist, dass grosse und unbequeme Veränderungen notwendig sind. Denn eines wissen wir: Wir atmen Mikroplastik ein, und das kann nicht gut sein.

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Dieser Artikel erschien in der New York Times als Gastbeitrag. Übersetzung und Bearbeitung aus dem Englischen von Christa Dettwiler.

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Infosperber-DOSSIER:

Plastik-Abfälle für die Ewigkeit

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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Eine Meinung

Ja und? Seit Jahren trinken wir durch Geo Engineering mit Aluminium- und Barium Mikropartikel verseuches Wasser und es kümmert bis heute keinen... BR Sommaruga hatte dies 2019 vor der Presse bestätigt, aber natürlich nichts unternommen. Welcome to the new world!
René Lütold, am 30. Juli 2020 um 10:12 Uhr

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