Der Basler SVP-Gesundheitspolitiker verteidigt den enormen Preis des Roche-Produkts © srf

SVP-Frehner und BAG-Vizedirektor täuschen die Öffentlicheit

Urs P. Gasche / 09. Feb 2019 - Den Preis eines Roche-Medikaments nennt Krebsspezialist Thomas Cerny «inakzeptabel». BAG und Sebastian Frehner sehen kein Problem.

Perjeta wird in Kombination mit Herceptin gegen fortgeschrittenen Brustkrebs zur Lebensverlängerung eingesetzt. Ein Fläschchen davon kostet die Krankenkassen 2852 Franken. Eine Jahresbehandlung kostet die Prämienzahlenden 54'184 Franken.

Zur Erlangung dieses Preises habe die Herstellerin Roche das Bundesamt für Gesundheit BAG «erpresst», erklärte Onkologie-Professor Thomas Cerny in der Rundschau vom 30. Januar.

Nur dank dem Öffentlichkeitsgesetz gelangte die Rundschau in den Besitz von Verhandlungsunterlagen zwischen Roche und dem BAG. Falls das Bundesamt den von Roche offerierten Preis nicht akzeptiere, «würde es zu einem grossen medialen Aufsehen führen», hatte Roche dem BAG geschrieben.

Gegenüber der Rundschau wollte BAG-Vizedirektor Thomas Christen nichts davon wissen. Es habe normale Verhandlungen gegeben und das Ergebnis sei sogar ein «Erfolgsmodell», erklärte er in der Rundschau. Was zähle, sei am Schluss der Preis, den das BAG ausgehandelt hat. Christen wörtlich: «Der Preis, den wir festgelegt haben, ist tiefer als der in den europäischen Ländern.»

Darunter konnten die Zuschauerinnen und Zuschauer nur eines verstehen: Nach Angaben des BAG müssen die Prämienzahlenden und Krankenkassen für Perjeta in keinem andern Land Europas so wenig zahlen wie in der Schweiz.

Der Basler SVP-Gesundheitspolitiker Sebastian Frehner doppelte im Fernsehstudio nach: «In den Nachbarländern ist Perjeta teurer.»

Krasse Irreführung

Doch damit haben Frehner und Christen die Öffentlichkeit mit einem billigen Trick getäuscht. Denn beide sprachen nicht vom Preis, den die Krankenkassen in der Schweiz und in den andern Ländern für Perjeta zahlen müssen. Vielmehr bezogen sie sich – ohne es zu sagen – auf die gelisteten Fabrikabgabepreise. Diese sind im Ausland weitgehend irrelevant. Infosperber hat schon x-mal darauf hingewiesen.

Tatsache ist, dass die Schweizer Krankenkassen für Perjeta einen höheren Preis zahlen müssen als die Kassen in praktisch allen andern Ländern Europas. Also genau das Gegenteil von dem, was das BAG und der SVP-Politiker dem Fernsehpublikum weismachen wollten.

Weder das BAG noch Roche bestreiten das. Beide erklären, dass sie nicht wüssten, wie viel die Kassen im Ausland für Perjeta tatsächlich zahlen.

Infosperber wollte von Nationalrat Sebastian Frehner erfahren, aufgrund welcher Quellen er zur Aussage gelangt, Perjeta sei in den Nachbarländern teurer als in der Schweiz. Trotz zweifacher Anfrage blieb der sonst redselige Frehner eine Antwort schuldig.

Thomas Christen, Vizedirektor des Bundesamts für Gesundheit BAG. (Bild srf)

BAG-Vizedirektor Thomas Christen schrieb Infosperber: «Es dürfte tatsächlich auch Rabatte geben im Ausland. Diese kennen wir aber nicht und daher müssen wir uns auf den offiziellen Auslandpreis abstützen.»

Die Frage, weshalb er denn in der Rundschau nicht transparent von «veröffentlichten Fabrikabgabepreisen» gesprochen habe, beantworte Christen nicht.

Im konkreten Fall des extrem teuren Perjeta sollte es möglich gewesen sein, dass das BAG die effektiven Preise recherchieren liess, welche die Kassen in den Hochpreisländern Niederlanden, Schweden, Dänemark, Deutschland, aber auch in «Billigländern» wie Italien, Belgien etc. nach gewährten Rabatten effektiv zahlen.

Oder das BAG hätte diese Angaben von Roche einfordern können. Die Ausrede, dass das Mutterhaus Roche nicht weiss, welche Rabatte ihre Tochterfirmen in den jeweiligen Ländern gewähren, sollte das BAG nicht akzkeptieren.

Vielleicht bräuchte es für diese Kompetenz des BAG eine Verordnungsänderung. Doch eine solche hat das BAG dem Bundesrat unseres Wissens nie vorgeschlagen.

Max Giger, damals Präsident der Eidgenössischen Arzneimittelkommission EAK: «Die EAK hat den von Roche verlangten Preis von Perjeta mehrere Male abgelehnt». Vergeblich. (Bild srf.)

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  • Weitere Informationen von Infosperber zur unrühmlichen Preispolitik betreffend Perjeta HIER.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor vertrat zu jener Zeit in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission EAK die Interessen der PatientInnen und Prämienzahlenden.

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7 Meinungen

Der grösste Teil der Pharma-Forschung wird seit eh und je von Universitäten erbracht. Die privaten Firmen erledigen meist nur die letzten Schritte, patentieren das Ganze und kassieren 100% des gesamten Mehrwertes. Pharmaforschung gehört nicht in private Hände. Patente auf Medikamente sind in hohem Grad unmoralisch und müssten gänzlich verboten werden. Aber solange die ganze Welt nach der neoliberalen Pfeiffe tanzt, regen wir uns über Randerscheinungen auf, statt das System in Frage zu stellen.
Markus Schellenberg, am 09. Februar 2019 um 12:33 Uhr
Immer derselbe nicht transparente Filz, zwischen Industriemacht-Politikern-Administration, was die Stimmbürger und die Oeffentlichkeit täuscht. Wenn endlich die staatliche Admnistration mit der politischen staatlichen Macht sich als Wahrer der Interessen der Bevölkerung sähe und deren Unabhängigkeit durch mehr Transparenz und Medien-Neugierigkeit garantiert wäre, würde die vielgepriesene demokratische Entscheidung der Wähler den legalen und legitimen Rahmen für die Wirtschaft setzen können. Wie die Schweiz aber zurzeit in dieser Hinsicht funktoniert, garantiert sie der Wirtschaft als Staat im Staat zu funktionieren (wie die Mafia), sodass der demokratische Prozess zur Alibiübung wird, die langsam aber sicher zum Zerfall des Systems führt, weil sie das Vertrauen der Bürger sowohl in den Staat als auch in die wirtschaftlichen Entscheidungsträger zerstört
Rainer M. Kaelin, am 09. Februar 2019 um 16:41 Uhr
Gibt es nur SVP-Leute, denen man Negatives unterjubeln kann? Vielleicht gibt es auch Leute aus anderen Parteien, die den Nutzen und auch die Nachteile der Pharmaindustrie erkennen, und vielleicht vorsichtig urteilen? Aber die SVP ist halt nicht nur irgendeine Partei? Wo bleibt der neutrale, sachliche informative Journalismus?

Was ich auf gar keinen Fall möchte, dass nur noch der Staat, also die Universitäten, oder eine neu geschaffene, staatliche Organisation, Medikamente entwickeln würde! Finanzielle Unterstützung, in Projekten durch die privaten Unternehmungen, selbstverständlich JA!

Leider ist es in allen Bereichen des Ertragswirtschaftens ein «Übel», dass nur in privaten Händen, die besten Produkte entstehen! Wenn es sich lohnt, werden die gewünschten Produkte entwickelt und auf den Markt gebracht! Bei Medikamenten kommt der «erpresserische Faktor» hinzu, weil es in vielen Fällen um Lebensverlängerung, sowie oft um Leben und Tod gehen kann! Und das weiss die Pharma-Branche nur zu gut, wie daraus auch Kapital zu schlagen ist. Kein Parteiprogramm würde solches unterstützen – auch die SVP nicht! Man unterstellt gerne, vor allem diesen Exponenten eine Gewissenlosigkeit! Darum auch der «SVP-Frehner» Wichtig ist, dass die staatlichen Organe, soweit möglich, schauen, dass in der Preisgestaltung nicht übertrieben werden kann!
Willy Brauen, am 10. Februar 2019 um 17:43 Uhr
Immer wieder wird die Forschung bemüht, um überteuerte Medikamenten-Preise zu begründen. Aber auch die Pharma-Industrien veröffentlichen Bilanzen. Da stehen unter dem Strich stolze Gewinne von über 10 Milliarden. Bei diesen Gewinnen sind alle Aufwendungen von den Einnahmen abgezogen, auch die Aufwendungen für die Forschung. Es ist alles abgeschrieben, was irgendwie gesetzlich erlaubt ist. Es sind die steueroptimierten Gewinne. Somit ist die Frage nicht, ob Forschung betrieben wird und wie teuer sie ist. Die Fragen, die beantwortet werden müssen sind z.B.: «Ist es moralisch vertretbar, dass sich diese Firmen derartige Gewinne auf dem Buckel des Krankheitswesens nehmen?» und wenn nein: «Wie baut man die Macht auf, sie in die Schranken zu weisen.»
Paul Rentsch, am 11. Februar 2019 um 15:57 Uhr
Herr Brauen
Es ist doch ganz normal, dass man bei Politiker die Parteizugehörigkeit erwähnt. Das gehört sogar zum sachlichen, informativen Journalismus. Einen Teil der Information zu verschweigen wäre nicht neutral. Neutral ist es, wenn bei Politikern ihre Parteizugehörigkeit unabhängig von der Partei immer erwähnt wird, also nicht nur von SVP-Politikern.
Paul Rentsch, am 11. Februar 2019 um 16:04 Uhr
Herr Brauen, Sie argumentieren nach dem Motto «Es kann nicht sein, was nicht sein darf.» Das ist eine schlechte Grundlage für rationale Entscheidungen. Infosperber kritisiert sowohl einen SVP-Vertreter als auch einen Vertreter des Staates. Auf der Seite der Kritiker stehen Vertreter des Fachs, die Ärzte Giger und Cerny. Wem soll man jetzt eher trauen? Politiker, die nicht selber fachlich versiert sind, haben in solchen Fragen selten etwas anderes als ihr Eigeninteresse im Sinn - besonders die bürgerlichen, die überall in Verwaltungsräten privater Unternehmen sitzen. Sebastian Frehner hat Rechtswissenschaften studiert, nicht Medizin.

Zudem ist es ein Glaubenssatz, dass nur in privaten Händen die besten Produkte entstünden. Der Markt fördert das Äufnen von Geld um des Geldes willen. Pharmafirmen sind schon in die Kritik geraten, weil sie Krankheiten erfinden: irgendwelche zusammengewürfelten Syndrome, gegen die ein Medikament angeblich helfen soll. Gewissenlosigkeit ist hier keine Unterstellung, sondern die Realität, wenn auch (hoffentlich) nicht die ganze innerhalb der Pharmaindustrie.
Thomas Läubli, am 11. Februar 2019 um 23:14 Uhr
Thomas Läubli: Nein das ist ganz sicher nicht mein Motto! Gegen angebrachte Kritik habe ich gar nichts einzuwenden! Die Pharmabranche ist ein hervorragendes Beispiel, wie Nöte der Bevölkerung ausgereizt werden könnten. Wahrscheinlich in vielen Fällen eine nicht beweisbare Tatsache!? Wenn Frehner seine Meinung vertritt, ist das sein gutes Recht. Wenn die Meinung nicht passt, unterstellt man sofort Eigeninteressen, Vorteilsnahme, Unkenntnis usw. Bei unbeliebten Personen noch eher! Da muss ich mich selbst auch immer fragen, ob ich dem nicht auch gelegentlich unterliege?
Wie ich erwähnt habe stimmt es, dass bei den rezeptpflichtigen Medikamenten der «erpresserische» Faktor hinzu kommt. Die Pharma-Branche will davon verständlicherweise nichts wissen. Jeder obligatorisch Versicherte, sowie die Zugewanderten, können Anspruch auf die besten und nützlichsten, zugelassenen Medikamente erheben! Es wird von den Krankenkassen obligatorisch bezahlt! Die rezeptpflichtigen Medikamente müssen durch Ärzte verschrieben werden. Hier liegt eine gewisse Konkurrenz, die aber meist durch die Margen und Zuwendungen bestimmt werden und nicht durch den Verkaufspreis, den bestimmt ja zT das BAG (unter Berücksichtigung der Gunst der Pharma-Industrie, als Arbeitgeber von hochdotierten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, guten Steuerzahlern und als Sponsoren für Projekten in Universitäten?) Es gibt in dieser Branche nur bei nicht kassenpflichtigen Medikamenten eine gewisse Konkurrenz.
Willy Brauen, am 14. Februar 2019 um 10:06 Uhr

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