Ruf nach Zwang und Strafe wegen wenigen Masernerkrankungen

Bernd Hontschik © Ute Schendel
Bernd Hontschik / 19. Mai 2019 - Ich bin ein Impfbefürworter. Doch den Einzug von Zwang und Strafen im Gesundheitswesen lehne ich ab. Wehret den Anfängen!

Red. Der Autor ist Chirurg und Publizist.

Ein Glaubenskrieg ist entbrannt. Impfbefürworter und Impfgegner stehen sich unversöhnlich gegenüber. Ich bin kein Impfgegner. Ich kann Impfgegner nicht einmal verstehen. Ein Konzept, das Millionen von Menschenleben gerettet und Abermillionen von Krankheiten verhindert hat, kann ich nicht im Ernst ablehnen.

Historische Erfolge gegen Kinderlähmung und Pocken

Ich denke nur an die Kinderlähmung (Poliomyelitis) und an die Pocken. Als ich ein Schulkind war, war der Slogan: «Schluckimpfung ist süss., Kinderlähmung ist grausam» omnipräsent in Radio und Fernsehen. Mit der Einführung der Impfung im Jahr 1961 sank die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle dramatisch. Zwar kam es selten, mit einer Häufigkeit von etwa 1:12 Millionen, auch zu schwerwiegenden Impfzwischenfällen. Doch die Poliomyelitis-Epidemien hatten Tausenden das Leben gekostet und Hunderttausende in ein Leben mit schwersten Behinderungen gestürzt. Es gibt in Deutschland seit zwanzig Jahren keinen einzigen Fall von Kinderlähmung mehr. Was für ein grandioser Fortschritt!

Als die weltweit grösste Errungenschaft aller Zeiten in der Medizin wird immer wieder die Ausrottung der Pocken bezeichnet. Nach zwei Millionen Toten im Jahr weltweit wurde die Pockenimpfung auf Beschluss der WHO 1967 die erste weltweite Pflichtimpfung. Mitte der siebziger Jahre konnte diese Pflicht nach und nach wieder aufgehoben werden. Nach 1970 gab es in Deutschland keine Pockenepidemie, nach 1972 keinen einzigen Erkrankungsfall mehr, und 1975 erkrankte ein Mensch in Bangladesch an Pocken: weltweit der letzte Fall.

Auch dieser grandiose Impferfolg hatte einen Preis, denn bei einer Million Impfungen kam es im Durchschnitt zu zwei bis drei Todesfällen und zu Tausenden, auch lebensbedrohlichen Komplikationen.

Bei den Masern geht es um Einzelfälle

Nun sind plötzlich die Masern zum Thema Nummer eins geworden. Die Masern haben alle Talkshows erobert, und in allen Medien, von vielen Politikern wird eine Impfpflicht gefordert. Es müsste nämlich eine Impfquote von mindestens 95 Prozent erreicht werden, um Masernausbrüche in Zukunft zu verhindern. Derzeit liegt die Impfquote zwischen 90 und 93 Prozent. Viel fehlt also nicht.

Worum geht es hier eigentlich? Es geht nicht um Millionen von Toten, Schwerkranken und Behinderten wie bei Pocken oder Polio. Im Jahr 2018 sind in Deutschland 543 Menschen an Masern erkrankt, in der Schweiz 49. EinenTodesfall gab es weder in Deutschland noch in der Schweiz [doch seit Anfang 2019 zwei Fälle].

In dieser Situation fordert der CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn, der ein Gesetz nach dem anderen vorlegt, ein weiteres Gesetz: Ungeimpfte Kinder werden vom Besuch von Kindertagesstätten ausgeschlossen. Eltern droht ein Bussgeld bis zu 2500 Euro, das auch wiederholt verhängt werden kann, wenn sie ihr Kind weiterhin nicht impfen lassen. Lauteste Unterstützung dafür kommt von Karl Lauterbach, dem gesundheitspolitischen Sprachrohr der SPD.

Nachdenkliche, differenzierte Stimmen werden kaum mehr gehört.

Vorsicht mit Zwang und Strafe!

Es gibt sehr viele und sehr gute Argumente für die Masernimpfung. Es gibt nur wenige und weniger überzeugende Argumente gegen diese Impfung. Aber wieso ein Impfzwang? Das hat es seit mehr als fünfzig Jahren nicht mehr gegeben.

Unabhängig von der hitzigen Debatte um Masern und sonstige Viren fällt mir dabei etwas anderes auf, das unbemerkt und hinterrücks in die Gesundheitspolitik Einzug gehalten hat: Der Zwang und die Strafe!

Vor wenigen Tagen liess Jens Spahn verlauten, dass Ärzt*innen, die ihre Praxis nicht sofort an die digitalen Online-Netze anschliessen, mit Honorarabzügen von 2,5 Prozent bestraft werden sollen. Denn der Datenschutz sei nur etwas für Gesunde, sagte Jens Spahn.

Und ich sehe noch das wütende Gesicht von Karl Lauterbach vor mir, als er sich vor Jahren mit einer Pflicht zur Teilnahme an Vorsorgeuntersuchungen nicht durchsetzen konnte: Er wollte an Krebs Erkrankte, die an keiner möglichen Vorsorge teilgenommen haben, mit einer Verdoppelung der Selbstbehalte bestrafen.

Wie soll das weitergehen? Vielleicht mit Strafen für unzuverlässige Medikamenteneinnahme? Oder wie wäre es mit 5000 Euro Strafe, wenn man keinen Organspendenausweis hat? Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt!

«Bis zum Sommer werden wir weitere zwölf Gesetze einbringen», verkündete Karl Lauterbach über seine geölte Zusammenarbeit mit dem kongenialen Gesundheitsminister Spahn.

Es ist beängstigend, es wird furchtbar.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Chirurg Bernd Hontschik ist u.a. Mitglied bei der Thure von Uexküll-Akademie für Integrierte Medizin AIM, bei MEZIS und bei der Ärzte für eine Verhütung eines Atomkriegs IPPNW, ist im Beirat der Akademie Menschenmedizin AMM und im wissenschaftlichen Beirat der Fachzeitschrift «Chirurgische Praxis». Kolumnen von Hontschik erscheinen regelmässig in der Frankfurter Rundschau.

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5 Meinungen

Ich teile natürlich ihre Meinung Betreff Impfzwang aber ich bestreite ihren Lobgesang auf die Erfolge der Impfungen. Die polioimpfung in den USA wurde 1955 eingeführt, die Erkrankungsrate befand sich jedoch schon ab 1952 im freien Fall.
(Hans Tolzin, Macht Impfen Sinn?, Band 1, abb.12) im Deutschland sieht es anders aus dort sinken die Erkrankung mit der Impfung. Allerdings wurden zeitgleich mit der Einführung der Impfung auch die Erfassungskriterien für Polio geändert. So dass die Zahlen von vorher und nachher nicht mehr miteinander vergleichbar sind.(abb.14.s.205)
Dies wird von den Behörden ignoriert
Ähnlich sieht es bei den Pocken aus.
Starker Rückgang bereits 2-3 Jahre vor der Impfung. Abb8.s194.
In dem Klassiker von Dr.Buchwald finden sich viele nachweise und belege dass die Impfung nichts mit dem Rückgang der Pocken zu tun hat. Im Gegenteil.
Gute Lektüre.
Sacha Walter, am 19. Mai 2019 um 18:18 Uhr
Der Mann hat Recht. Außerdem interessant, dass die Groko hier einmal wie geschmiert läuft.
Alexander Hoffmann, am 19. Mai 2019 um 18:55 Uhr
Ein wichtiger Beitrag frei von Gesundheitsideologie. Danke.
Pirmin Meier, am 20. Mai 2019 um 11:13 Uhr
Wenn es nur um den Impfzwang geht, ist die Welt eine einfache: Wer Impfzwang ausspricht, muss im selben Atemzug sagen, dass er bereit ist, für Impfschäden uneingeschränkt zu zahlen. Dann würde die Durchimpfungsrate emporschnellen. Vielen geht es nicht um sachliche Diskussionen, sondern allein ums Schreien und Denunzieren. Die Menschheit verhooliganisiert sich.
Leonhard Fritze, am 20. Mai 2019 um 11:48 Uhr
Die Frauen haben sehr viel Erfolg mit der Parole «mein Körper gehört mir» gehabt (die ich zwar nicht ganz teile). Nun ist die GesundheitsINDUSTRIE dran in unsere Körper einzugreifen und uns mit Vorschriften und Bussen zu belegen. Ich sehe darin einerseits eine Geschäftemacherei, andererseits eine schleichende Versklavung. Denn es ist nichts anderes als ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht und ein Schlag gegen die Menschenrechte «körperliche Unversehrtheit».
Patrick Jetzer, am 21. Mai 2019 um 09:51 Uhr

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