Operationsschere: Wegen zu wenig Routine können vermeidbare Komplikationen entstehen © labormikro/Flickr

Operationsschere: Wegen zu wenig Routine können vermeidbare Komplikationen entstehen

Neue Spital-Pauschalen brauchen Qualitätskontrolle

Urs P. Gasche / 13. Aug 2011 - Wir Schweizer verbringen fast doppelt so viele Tage im Spital wie die Holländer. Warum? Antwort von Gesundheitsdirektor Conti.

Bisher gab es in der Schweiz keine einheitlichen Begriffe und Definitionen von Krankheiten und Behandlungen. Das hat Vergleiche unter den Spitälern fast unmöglich gemacht. Ab 2012 ist Schluss mit diesem Wirrwarr. Alle Spitäler müssen mit gleichen Fallpauschalen statt mit Tagespauschalen abrechnen. Das würde endlich Qualitätsvergleiche zwischen verschiedenen Spitälern erlauben.

Keine unabhängige Auswertung und Kontrolle

Die Patientinnen und Patienten könnten dann erfahren, wie häufig es in den einzelnen Spitälern zu Infektionen, vermeidbaren Komplikationen und Todesfällen kommt. Das verspricht der Basler Gesundheitsdirektor Carlo Conti, der sich für die neuen Fallpauschalen an vorsterster Front eingesetzt hat.

Doch noch ist fast nichts vorgekehrt, um die Daten der Spitäler auch unabhängig zu erfassen, zu kontrollieren und zu vergleichen. Deshalb wird es auch schwierig sein, die Folgen der neuen Fallpauschalen auf die Qualität der Behandlungen zu beurteilen. Was meint der Basler Gesundheitsdirektor dazu?

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Frage: Jeder Tag in einem Spital birgt Risiken, zum Beispiel Infektionen. Warum müssen die Schweizerinnen und Schweizer fast doppelt so viele Tage im Spital verbringen wie die Holländer?

Vielleicht sind es die Patienten, die das bei uns so wollen. Solange die Prämienzahler gesund sind, ärgern sie sich über die hohen Prämien. Sobald sie aber krank sind, wollen sie die bestmögliche Behandlung. Natürlich sind auch die Anbieter interessiert daran, möglichst umfassend zu behandeln.

Ich behaupte, dass die Patientinnen und Patienten in Basel häufig unnötig mit schädlichen Computertomogrammen diagnostiziert, oder mit risikoreichen Herzkathetern unnötig untersucht werden. Können Sie das Gegenteil beweisen?

Carlo Conti: Diesen Beweis haben wir nicht. Uns fehlen die Zahlen dazu. Aber ich gehe davon aus, dass niemand freiwillig ein Spital aufsucht. Wenn einige Eingriffe in Basel häufiger vorkommen, dann gilt es auch die Altersstruktur der Bevölkerung zu beachten. Und bei der Zahl der Computertomographen und anderer Grossgeräte haben die Kantone nichts zu sagen, sobald diese auch ambulant im Einsatz sind, was immer häufiger vorkommt. Das Parlament in Bern hat den Kantonen diese Kompetenz verweigert.

Soll man den Kantonen wirklich noch mehr Kompetenzen geben? Dort, wo sie bisher zuständig waren, haben sie in den letzten fünfzig Jahren weitgehend versagt: Die Schweizer müssen weltweit am längsten im Spital verbringen, bis sie gesund sind. Die Kantone haben die Qualität der Behandlungen weder vergleichbar erfasst noch transparent gemacht...

...Ich glaube nicht, dass wir in der Schweiz ein Qualitätsproblem haben. Unsere Versorgung ist im Vergleich zu andern Ländern sehr gut. Entsprechende Vergleichszahlen kann ich Ihnen zwar nicht vorlegen. Aber bei uns haben alle, ungeachtet der Einkommensverhältnisse, Zugang zu den besten medizinischen Dienstleistungen.

Warum teilt der Kanton der Öffentlichkeit nicht mit, zu wie vielen Komplikationen, Infektionen und Todesfällen es auf den Abteilungen der verschiedenen Basler Spitälern kommt?

Immerhin ist das Universitätsspital mit dem guten Beispiel voran gegangen und hat als erstes Spital der Schweiz die Infektions- und Mortalitätsraten im Internet veröffentlicht. Solche schweizweit vergleichbaren und transparenten Qualitätsdaten sollen es in Zukunft den Patienten ermöglichen, das Spital ihrer Wahl in der ganzen Schweiz selbst zu bestimmen. Ohne einen solchen Qualitätswettbewerb wird die geplante Tarifreform problematisch. Künftig sollen die Kassen den Spitälern ja keine Pauschalen pro Aufenthaltstag mehr zahlen, sondern unterschiedliche Pauschalen je nach differenzierter Diagnose oder Operation.

Dann verlangen die Spitäler für eine Blinddarmoperation je nach Komplikationsgrad eine Pauschale von 3000 oder 5000 Franken. Wie sollen die Krankenkassen kontrollieren, dass die Spitäler nicht zu viele 5000er-Diagnosen stellen?

Die Kantone, die mehr als die Hälfte zahlen müssen, sind wie die Kassen an einer wirksamen Kontrolle interessiert. Deshalb schlage ich eine gemeinsame Kontrollstelle vor. Ich möchte nicht, dass die Spitäler den Kassen Daten liefern, welche den Datenschutz verletzen.

Die Spitäler brauchen den Datenschutz als Scheinargument. Den Unfallversicherungen jedenfalls liefern sie alle Daten unverschlüsselt und anstandslos, auch wenn es sich um Berufskrankheiten handelt. Das ist für die Patienten viel heikler, weil die Suva mit den Arbeitgebern direkt zusammen arbeitet.

Für gezielte Kontrollen haben auch die kantonalen Finanzkontrollen Zugang zu Patientendaten. Aber es ist doch nicht sinnvoll, dass diese Kontrolle zwei- oder dreigleisig läuft. Wir sind mit den Kassen und den Spitälern daran, eine gemeinsame Lösung zu finden, denn wir sind uns einig, dass es wirksame Kontrollen braucht.

Gibt es nach der Einführung der neuen Fallpauschalen noch einen Grund, weshalb eine einfache Blinddarmoperation in Basel mehr kosten soll als im Kanton Thurgau?

Mittelfristig nicht. Die neuen Pauschalen enthalten alle Investitionskosten und auch Kosten für den Notfalldienst. Es gibt also keinen Grund mehr, warum eine Blinddarmoperation in einem Universitätsspital teurer sein sollte als in einem Regionalspital. Die Höhe der Pauschale muss natürlich davon abhängen, wie kompliziert ein Fall ist. Deshalb werden die geplanten Fallpauschalen die Schwere eines Falles berücksichtigen.

Wann werden die Prämienzahler von dieser Spitalreformen etwas spüren?

2012 müssen die Pauschalen eingeführt sein. Bis dann müssen die Pauschalen auch alle Investitionskosten enthalten, was bisher nicht der Fall war. Das kann die Prämien kurzfristig etwas erhöhen. Längerfristig aber führen die neuen Fallpauschalen wie überall in Europa zu kürzeren Aufenthalten in den Spitälern, was die Kosten für die stationäre Behandlung dämpfen dürfte.

(Dieses Interview von Urs P. Gasche erschien im CSS-Magazin)

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