Zahl der Eingriffe mit Herzkatheter (ohne Stents) im Verhältnis zu den Einwohnern © OFS/Obsan
Zahl der Bypass-Operationen im Verhältnis zur Zahl der Einwohner © BFS/Obsan
Zahl der Stent-Operationen im Verhältnis zur Zahl der Einwohner © BFS/Obsan
-

In einigen Kantonen doppelt so viele Operationen

Urs P. Gasche / 07. Okt 2014 - Zu viele Chirurgen verderben den Brei, meint die OECD in einem Vergleich von Eingriffs-Häufigkeiten auch in der Schweiz.

Bypass-Operationen, Stents, Arthroskopien, Herzkathetereinsätze oder künstliche Kniegelenke: Es hängt längst nicht immer vom Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten ab, ob sie operiert werden, sondern häufig auch vom medizinischen (Über-) Angebot in deren Wohnregion. Die OECD kritisiert «Anreize für möglichst viele Behandlungen» anstelle von Anreizen, welche «die Qualität und gute Behandlungsresultate» fördern.

Zahl der Stents im Verhältnis zur Zahl der Einwohner (Quelle BFS/Obsan):

Je nach Angebot machen Chirurgen doppelt so viele Herzoperationen. In einigen Kantonen operieren Chirurgen doppelt so viele Bypasse, legen doppelt so viele Katheter und machen dreimal so viele Knie-Arthroskopien.

In der kürzlich veröffentlichten Studie «Geographic Variations in Health Care»* vergleicht die OECD, wie häufig Chirurgen bestimmte Operationen, die in der Regel nicht dringlich sind, innerhalb von 13 Industrieländern durchführen. Die Unterschiede von Land zu Land und in verschiedenen Regionen innerhalb der Länder sind gross und medizinisch nicht erklärbar. Die Schweiz zählt zu den Ländern mit besonders vielen Operationen pro Einwohner.

Innerhalb der Schweiz bestätigt die OECD bereits früher festgestellte grosse Unterschiede in der Häufigkeit von Operationen, die nicht zwingend sind. In einigen Regionen werden Bypass Operationen am Herzen viel häufiger durchgeführt als in andern: Chirurgen in den Kantonen Tessin, Basel-Stadt und Uri operieren die dortigen Einwohner mehr als doppelt so häufig wie Chirurgen in den Kantonen Schaffhausen, Genf, Graubünden und Obwalden (vgl. Kasten).

Auch überdurchschnittlich häufig einen Bypass erhalten Bernerinnen und Berner, Freiburger, Luzerner und Baselbieter. Chirurgen im Kanton Bern unterziehen ihre Einwohner nicht nur überdurchschnittlich häufig einer Bypass-Operation, durchschnittlich häufig einer Stent-Operation, sondern «stark überdurchschnittlich» untersuchen sie auch mit einem Herzkatheter (ohne Einsetzen eines Stents). Ambulant durchgeführte Herzkatheter-Untersuchungen sind von der Statistik nicht erfasst.

Eine Knie-Prothese setzen Orthopäden den Einwohnern der Kantone Bern, Glarus Solothurn und Basel-Land sogar weit über dreimal häufiger ein als Einwohnern der Kantone Obwalden, Jura und Genf.

  • Diese kantonalen Unterschiede haben nicht etwa damit zu tun, dass sich in Bern oder Zürich viele Ausserkantonale operieren lassen. Denn die Statistik erfasst den Wohnort der Operierten unabhängig vom Ort der Operationen.
  • Auch mit der unterschiedlichen Altersstruktur der Bevölkerung haben die grossen Behandlungsunterschiede nichts zu tun, denn die Statistik berücksichtigt diese mit einer Alters-Standardisierung.

Die Behandlungsunterschiede haben Folgen für die Spitaleintritte. Am wenigsten in Akutspitäler eingewiesen werden Einwohner der Kantone Luzern, Zug und Nidwalden. Das höchste Risiko eines Spitaleintritts haben Einwohner der Kantone Tessin, Waadt, Genf und Jura: In diesen Kantonen mussten über 8700 von 100'000 Einwohnern im Laufe des Jahres 2011 ins Spital, in den erst genannten Kantonen nur 6000.

Trotzdem seien die durchschnittlichen Unterschiede innerhalb der Schweiz im Verhältnis von 1:2 im internationalen Vergleich «relativ gering», meint das Gesundheitsobservatorium Obsan, das die Schweizer Statistik der OECD lieferte**. Allerdings hat das Obsan die Häufigkeiten von Gebärmutter-, Prostata- und Mandel-Operationen sowie den Einsatz von MRI und CT nicht erfasst, obwohl aus dem Ausland bekannt ist, dass bei diesen Eingriffen die Unterschiede noch viel grösser sind. In Deutschland zum Beispiel werden Prostata- oder Mandeloperationen in einigen Regionen achtmal häufiger durchgeführt als in andern. Länder wie Holland, Schweden oder Norwegen, die für eine besonders gute Gesundheitsversorgung bekannt sind und für die Schweiz als Benchmark interessant wären, hat die OECD in ihrem Ländervergleich nicht berücksichtigt.

Zahl der Bypass-Operationen im Verhältnis zur Zahl der Einwohner (Quelle BFS/Obsan):

Bei den untersuchten Operationen handle es sich um «Behandlungen, die stark vom medizinischen Angebot abhängen», schreibt die OECD. Ob sie durchgeführt werden, hänge «vor allem von der Dichte an Ärzten oder Spitalbetten» ab oder von «finanziellen Anreizen für möglichst viele Behandlungen» anstelle von Anreizen, welche «die Qualität und gute Behandlungsresultate» fördern. Die Gründe der grossen Behandlungsunterschiede müssten allerdings weiter erfoscht werden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Weiterführende Informationen

*Operationshäufigkeiten in ausgewählten OECD-Ländern. OECD-Bericht vom September 2014
**Operationshäufigkeiten in der Schweiz: Bericht BfS/Obsan vom September 2014

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

Noch keine Meinungen

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.