Impotent nach einer Prostata-Operation © gespharm

Viele Männer sind wegen PSA-Test unnötig impotent

Urs P. Gasche / 31. Mär 2013 - Der PSA-Test soll Prostata-Krebs frühzeitig erkennen. Doch die Risiken von Impotenz und Inkontinenz sind enorm. Der neuste Befund.

Auf einen einzigen Mann, der dank einem PSA-Test vor dem Tod an Prostata-Krebs gerettet wird, kommen 36 Männer, die wegen eines PSA-Tests eine Krebsdiagnose erhalten, ohne von der Frühentdeckung zu profitieren. Einige von ihnen werden nach einer Bestrahlung und Operation impotent und inkontinent, ohne irgend einen Vorteil zu haben.

Das ist der neuste Befund, den das deutsche Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen IQWiG vor wenigen Tagen veröffentlicht hat. Das unabhängige, vom Staat finanzierte Institut beurteilt Nutzen und Risiken von medizinischen Behandlungen.

Krebszellen, die nie zu Beschwerden geführt hätten

Die Zahl der Männer, bei denen Prostatakrebs entdeckt wird, hat sich in den letzten Jahrzehnten mehr als verdoppelt. «Hauptursache dafür ist die Früherkennung durch den sogenannten PSA-Test», sagt Klaus Koch, Leiter des Ressorts Gesundheitsinformation IQWiG. Früherkennung soll das Risiko verringern, an Prostatakrebs zu sterben. Dabei kann der PSA-Test helfen, bei dem im Blut die Menge des prostataspezifischen Eiweiss gemessen wird. Ein Nachteil des Tests ist aber, dass er auch Krebsgewebe entdeckt, das nie zu Beschwerden geführt hätte. «Wird etwas gefunden, macht das nicht nur Angst, sondern zieht oft auch belastende Behandlungen nach sich», sagt Koch. «Diese sogenannten Überdiagnosen werden so oft gestellt, dass Prostatakrebs heute die häufigste Krebsart bei Männern ist.»

Wer über einen PSA-Test nachdenkt, sollte daher nicht nur die Vorteile kennen. Die Nachteile können ebenso bedeutsam sein. Zum Nutzen und Schaden des Tests hat das IQWiG auf der Webseite Gesundheitsinformation umfangreiche Informationen veröffentlicht.

Wieso führt der PSA-Test zu mehr Krebsdiagnosen?

Ziel jeder Früherkennungs-Untersuchung ist es, Krebs zu entdecken, bevor er Beschwerden verursacht. Es ist daher nicht verwunderlich, dass Früherkennung zunächst zu mehr Krebsdiagnosen und damit statistisch zu mehr Krebsfällen führt. Krebs kann sich aber sehr unterschiedlich verhalten und entwickeln.

Das trifft auch auf Prostatakrebs zu. Es gibt aggressive Krebsformen, die schnell wachsen und das Leben verkürzen können. Doch Studien zeigen, dass viele ältere Männer einen kleinen Tumor in der Prostata haben, der entweder gar nicht wächst oder nur so langsam, dass er nie Beschwerden verursachen würde. «Wenn man die Zellen der Prostata untersucht, hat fast jeder zweite Mann zwischen 50 und 60 Jahren ein Prostatakarzinom», stellte der Mannheimer Professor und Urologe Maurice-Stephan Michel bereits 2008 fest. Ohne Früherkennung würden die meisten dieser Männer von ihren Krebszellen bis zu ihrem Tod nichts merken.

Wird aber ein PSA-Test gemacht und ist dieser auffällig, werden bei einer Biopsie Gewebeproben entnommen. Durch diese Früherkennungsuntersuchung erhalten heute in Deutschland jedes Jahr mehrere 10'000 Männer die Diagnose «Prostatakrebs», ohne zunächst zu wissen, was das für sie bedeutet. «Im günstigsten Fall wird ein Tumor entdeckt, der sich durch die frühe Entdeckung besser behandeln lässt oder sogar geheilt werden kann», erklärt Koch. «Doch andere Männer haben nur Nachteile: Bei ihnen wird Prostatakrebs gefunden, der langsam oder gar nicht wächst. Diese Männer hätten sich ohne Früherkennung zeitlebens nicht mit dem Thema Prostatakrebs beschäftigen müssen

Wie viele Männer einen Nutzen und wie viele einen Schaden haben, hat das IQWiG abgeschätzt: Studienergebnisse zeigen, dass der PSA-Test innerhalb von elf Jahren einen einzigen von 1000 älteren Männern, die am PSA-Test regelmässig teilnehmen, davor bewahren kann, an Prostatakrebs zu sterben. Dem steht als wichtigster Schaden gegenüber, dass 36 dieser 1000 Männern eine Krebsdiagnose erhalten, ohne von der frühen Entdeckung zu profitieren.

Die Diagnose «Krebs» und mögliche Behandlungen sind belastend

Ärztinnen und Ärzte versuchen den Schaden in Grenzen zu halten, indem sie nach einer Krebs-Diagnose abzuschätzen versuchen, wie aggressiv ein Prostatakrebs ist. Männern mit einem wahrscheinlich nicht aggressiven Tumor bieten sie dann an, zunächst einmal abzuwarten und den Tumor nicht direkt zu behandeln. «Dass man bei der Früherkennung Krebsgewebe erst findet und dann abwarten soll, wie es sich entwickelt, erscheint vielen Männern widersinnig», so Koch. Doch es gibt tatsächlich gute Gründe, sich bei einem nicht aggressiven Prostatakrebs zunächst gegen eine Operation oder Bestrahlung zu entscheiden. Denn eine Bestrahlung oder operative Entfernung der Prostata ist selbst belastend. Oft kommt es zu Nebenwirkungen wie Impotenz und ungewolltem Harnverlust (Inkontinenz).

«Die Entscheidung für einen PSA-Test kann also einiges nach sich ziehen», so Koch. «Da ist es gut, Für und Wider in Ruhe abzuwägen und nichts zu überstürzen.»

Swiss Medical Board: «Mehr Nachteile als Vorteile»

In der Schweiz ist der von Pharma, Kassen und Urologen unabhängige «Swiss Medical Board» schon 2011 zum Schluss gekommen, dass der PSA-Test zur Früherkennung eines Prostata-Krebses mehr schadet als nützt. Mehr Vor- als Nachteile brächten PSA-Tests nur Männern mit familiärer Vorbelastung oder mit verdächtigen Symptomen. Der Swiss Medical Board wird von der FMH, der Akademie der Medizinischen Wissenschaften und von der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektoren finanziert.

International empfehlen praktisch nur Fachgesellschaften der Urologen, die an den Behandlungen, auch an denen ohne Nutzen, verdienen, den PSA-Test zur Früherkennung.

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2 Meinungen

Am besten geht man zu seinem Hausarzt, der regelmässig das Blut unter-
sucht und falls nötig, an SEINEN ihm bekannten Spezialisten verweist.
So geschehen und mit knapp 80 Jahren von eben diesem Spezialisten
gut aufgeklärt worden und den “kleinen Befund” vorläufig ohne eine so-
fortige Behandlung usw. besprochen wurde. Es kommt also vor allem auf
die Aerzte selbst an, ob allenfalls unnötige Eingriffe, die auch Angst ver-
breiten, vorzunehmen sind.....
Anton Wehrli, am 31. März 2013 um 17:23 Uhr
Mit 67 Jahren wurde meinen Prostate voll von sehr aktive Krebs gefunden. PSA 22.5. Stade T3. Nach selbststudium von Dokumentation aus Kanada, USA, Frankreich, Schweiz und Deutschland, habe ich mit meiner Frau den Krebs zu bestrahlen entschieden. Es war die richtige Entscheid! Heute mein PSA ist 0,19. Impotent bin ich gar nicht, was man mit Chirurgie höchste wahrscheinlich der fall wäre. Ich empfehle jedoch die Bestrahlungen so viel wie möglich mit Einsatz von Hochleistung Gerät zu reduzieren. Belgien, Frankreich und Deutschland setzen soche moderne Gerät ein. Heute bin ich aktiv wie noch nie. Ich sorge dafür als engagierte J+S Trainer dass 40 KIndern und 20 Erwachsene in Kampfkunst ausgebildet sind sowie SAC Senioren weiter spass am Klettern haben.
Alfred Horlent, am 04. April 2013 um 22:35 Uhr

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