Proteinhaltige Delikatessen aus Insekten. © zvg

Insekten züchten als zweite landwirtschaftliche Revolution

Urs P. Gasche / 29. Sep 2019 - Die Nutztiere der Zukunft könnten Insekten sein. Ein Schweizer Forscher hat den Stand des Wissens hervorragend zusammengefasst.

Zehntausend Jahre nach der ersten landwirtschaftlichen Revolution bevölkert die Menschheit den ganzen Planeten, doch die Ausbreitung der Menschen stösst an Grenzen. Über zwei Drittel des nutzbaren Humus wird für den Anbau von Futtermitteln verschwendet. Die damit produzierten Fleischprodukte sind so ungleich verteilt, dass die reiche Minderheit der Weltbevölkerung an Problemen des Überflusses leidet, während die Mehrheit zu wenige Proteine zum Essen hat.

Eine zweite landwirtschaftliche Revolution sei nötig, um kommenden Generationen das Notwendige zu bieten: Nachhaltig produzierte Lebensmittel und eine lebenswerte Umgebung. Mit diesen Zielen hatte die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Uno, die FAO, bereits im Jahr 2013 dazu aufgerufen, die Insekten als Lebensmittel zu fördern. Doch unterdessen, «vermutlich auf internen Druck der Fleischlobby und Futtermittelindustrie», schreibt Daniel Ambühl, habe die FAO selber ihre Arbeiten daran schubladisiert.

Auswahl der Insekten wird erforscht

Die Menschen ernährten sich schon immer auch mit Insekten, doch ist diese Tradition am Aussterben. Wild sind auch immer weniger dieser Insekten zu finden, weil die moderne Zivilisation sie dezimiert hat. In seinem Buch «Skyfood – Essbare Insekten» beklagt Autor Daniel Ambühl, dass «jährlich viele Milliarden ausgegeben werden, um Insekten zu bekämpfen». Niemand investiere Zeit und Geld in die Erforschung der Sitten und des Knowhows des Sammelns, Zubereitens und Essens von Insekten,

Im Fokus der Forschung steht heute, welche Insekten sich für die Ernährung der Menschen am besten eignen. In Afrika gibt es Projekte zur Zucht von Speiseraupen. In der Schweiz forschen die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften und die ETH Zürich, wie Holzabfälle zur Produktion von Pilzen und Speiseinsekten verwendet werden können. Zum ersten Mal in der Geschichte versuche der Mensch, Insekten als Lebensmittel zu domestizieren, meint Ambühl. Auch damals vor 10'000 Jahren, als es um die Auswahl unserer heutigen Nutztiere ging, hätten sich die Menschen mit der Frage befassen müssen, welche Tiere, die sie jagten, sich für eine Haltung und Aufzucht eignen: Murmeltiere, Hirsche, Gazellen, Kühe, Schafe, Braunbären oder Mammuts. Diese Frage stelle sich heute erneut im Reich der Insekten.

Unsinnige Verbote für Käferzuchten

Insekten-Spezialist Ambühl ärgert sich über diverse Verbote, «geschützte» Käfer zu züchten. In der Schweiz soll es in Schulen verboten sein, einheimische Hirschkäfer, Juchtenkäfer, Rosen- oder Rhinozeroskäfer zu züchten. Ihre Lebensräume würden ja weiterhin zu tausenden ungestraft zerstört durch kommunale Baumpflege, Gartenarbeiten, Grünraumbewirtschaftung und Landwirtschaft. «Macht es Sinn», fragt Ambühl, «dass unsere Kinder die zu unserer Kultur gehörenden Tiere nur noch in Youtube-Videos anschauen dürfen und so gezwungen sind, ausländische Käferarten zu züchten?»

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«Skyfood Essbare Insekten – Vom Wildfang zur Landwirtschaft»: Ein umfassendes, eindrücklich illustriertes Buch über die Geschichte und die Zukunft der Insekten als menschliche Nahrungsquelle. Der Schweizer Autor Daniel Ambühl ist Insektenzüchter, Forscher, Journalist und Fotograf. Für dieses Buch hat er viele Länder bereist, um möglichst alle Informationen über Insekten als Nahrungsmittel zu sammeln. Skyfood Verlag, CH-8882 Unterterzen, Deutsche Erstausgabe 2019. 49 CHF/39 Euro plus Versandkosten. Hier bestellen.

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3 Meinungen

Noch wichtiger wäre es für die Landwirtschaft und unsere Ernährung allerdings, Insekten dort zu bewahren und zu vermehren, wo sie natürlicherweise leben. Nicht nur Bienen und Regenwürmer sind absolut unverzichtbar für die menschliche Zivilisation, erst recht nicht, nachdem die Zahl der Menschen in den letzten zweihundert Jahren plötzlich um den Faktor 15 zugenommen hat.
Insekten-Food mag ja in begrenztem Rahmen eine Alternative zu Fleisch und Fisch sein, aber das Grundproblem bleibt dabei unverändert: Wir züchten Lebewesen, nur um sie zu töten, und weder ihr Leben noch ihr Tod sind, da fremdbestimmt, mit ihrer Natur vereinbar.
Grundsätzlich stimmt dies auch für Nutzpflanzen, die im Lauf von jahrtausendelanger Züchtung für Monokulturen ebenfalls immer mehr entgegen ihrer Art genutzt wurden; aber hier könnten wir uns auf einen Umgang mit Pflanzen besinnen, die ihrem ursprünglichen Sinn als frei wachsende, üppige Nahrungsgrundlage für tierisches Leben gerechter würde.
Billo Heinzpeter Studer, am 29. September 2019 um 15:23 Uhr
Ich unterstütze Heinzpeter Studer einerseits und finde es andererseits trotzdem wert Hern Ambühls Anliegen unter die Leute zu bringen, einfach, weil es dazu anhält die eigenen Sichtweisen zu verbreitern. Ich betreibe Permakultur und biete so meinen Beitrag an die Diversität und das Nebeneinander von dem was die Natur vorgegeben hat. Einer noch breiteren Sicht befleissige ich mich, indem ich meditiere und Anlässe zur Verbreitung eines tieferen Bewusstsein unterstütze, welches mit den Erkenntnissen der neusten Physik einher geht und Energie umfassender versteht, als der Rest der Wissenschaft. Genauso gehört dazu auch mein Engagement für Vollgeld und das bedingungslose Grundeinkommen. Ebenso bin ich engagiert bei der sorgfältigen Verwendung von Sprache, da diese nämlich in unseren Köpfen die Bilder bewegt und Erkenntnisse transportiert - oder eben auch unterdrückt, wie die Mainstream-Medien dies unterschwellige bis offensichtlich praktizieren. Ich freue mich über jeden, der hier im Infosperber seine Sichtweisen verbreitert und sich schult eine ganzheitlichere Haltung einzunehmen. Besten Dank an Euer Engagement
Carlos Werner Schenkel, am 30. September 2019 um 09:42 Uhr
Zuerst werden die Insekten vernichtet (Artensterben, mit Massenvernichtungsmitteln, klar, sonst würde es nicht den Masseneffekt haben) – und nun gezüchtet (wie Pelztiere in Hühnerbatterien) und zudem für andere Zwecke?
Begeisternd oder bestürzend wir Schöpfungskronen?
Wolfgang Reuss, am 30. September 2019 um 21:30 Uhr

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