Psychiatrische Universitätsklinik «Burghölzli» in Zürich um 1890 © Graphische Sammlung ZB Zürich/Wikimedia Commons

Psychiatrische Universitätsklinik «Burghölzli» in Zürich um 1890

Die Geschichte der Psychotherapie

Walter Aeschimann / 16. Mai 2019 - Ein kurzer historischer Abriss der verschiedenen psychotherapeutischen Strömungen, Denkrichtungen und Methoden von 1900 bis 1970.

Die moderne Psychotherapie beginnt um 1900 mit der Psychoanalyse. Sie wurde vom Wiener Neurologen Sigmund Freud begründet. Er entdeckte und beschrieb die Psychodynamik des Unbewussten und entwickelte daraus eine psychotherapeutische Theorie und Behandlungsmethode. Aus der Psychoanalyse bildeten sich später die verschiedenen Schulen der Tiefenpsychologie heraus. Anfang des 20. Jahrhunderts praktizierte Freud in Wien. Bald sollte sich Zürich als wichtigster Ort für die Rezeption und Ausbreitung der Psychoanalyse etablieren. Auch Freud zog eine Weile in Betracht, seinen Mittelpunkt dorthin zu verlegen, wie er 1910 in einem Brief an den Zürcher Psychiater Carl Gustav Jung schrieb.

In Zürich hatte sich unter Eugen Bleuler eine Gruppe von Ärzten gebildet, die sich in der klinischen Arbeit mit der Psychoanalyse auseinandersetzte. Der Direktor der Psychiatrischen Universitätsklinik Burghölzli zeigte sich gegenüber der neuen tiefenpsychologischen Theorie aufgeschlossen. Er wandte die Psychoanalyse auf Patienten mit psychotischen Symptomen an. So wurde Zürich zu einem wichtigen Ort für die Beziehung zwischen Psychiatrie und Psychoanalyse und für die Diskussion über das Verständnis seelischen Leidens und menschlicher Existenz.

Die Psychoanalyse verbreitete sich weltweit und hatte grossen Einfluss auf die psychiatrische Praxis. Die ersten Psychotherapeuten waren Ärzte. Freud selber war daran gelegen, der Psychoanalyse eine institutionelle Verankerung und eine wissenschaftliche Anerkennung zu verschaffen und eine klare therapeutische Vorgehensweise zu entwickeln. Dies führte unter ihren eigenständigen Rezipient*innen und Anwender*innen zu leidenschaftlichen Diskussionen. In vielen Vereinigungen, Gruppen und Ausbildungsseminaren, die in den folgenden Jahrzehnten entstanden, stritten die Mitglieder heftig um Grundsatzfragen der Psychoanalyse, die nicht selten in weltanschauliche Glaubensstreitigkeiten mündeten. Dabei entwickelte sich auch eine Kultur und Dynamik von Integration und Ausgrenzung.

Differenzen zwischen Freud und Jung

1910 hatte Freud die Internationale Psychoanalytische Vereinigung gegründet. 1919 bildete sich die Schweizerische Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa), die sich als Zweig der internationalen Vereinigung verstand. Inhaltliche Differenzen zwischen Freud und den ersten Psychoanalytiker*innen führten zur Entwicklung eigenständiger Richtungen der psychodynamischen Therapie. Carl Gustav Jung wollte seelische Probleme nicht nur im Kontext der individuellen Geschichte deuten, sondern erweiterte Freuds Unbewusstes um die Dimension des kollektiven Unbewussten. Als dessen Inhalte bestimmte er so genannte Archetypen. Bei seelischen Störungen würden nicht nur persönliche Erlebnisse eine Rolle spielen, sondern auch die Archetypen, die grundsätzlich das Seelische strukturieren. Ein weiterer Aspekt der Differenz zwischen den beiden Pionieren der Psychoanalyse war, dass Jung im Unterschied zu Freud die Sexualität nur als Teiltrieb der Libido anerkannte und diese als allgemeine Lebensenergie verstand.

Daseinsanalyse

Ludwig Binswanger lernte Freuds Psychoanalyse über seinen Doktorvater C.G. Jung am Burghölzli kennen. Zu Freuds Theorie ging er auf Distanz, allerdings nicht mit psychologischen, sondern mit philosophischen Argumenten. Er kritisierte das psychoanalytische Menschenbild als zu naturalistisch und zu begrenzt. Auf der Suche nach einem ganzheitlicheren Menschenbild stiess er auf den deutschen Philosophen Martin Heidegger. Heideggers Auslegung des Menschen als «Dasein» in seinem Hauptwerk «Sein und Zeit» wurde für Binswanger zur philosophischen Basis seiner Untersuchungen von Menschen, die an Schizophrenie erkrankt waren. Medard Boss, zunächst ebenfalls Psychoanalytiker, entwickelte Ende der 1940er-Jahre in enger Zusammenarbeit mit Heidegger seine Daseinsanalyse. Anders als Binswanger verstand Boss diese auch als eine Form therapeutischer Praxis.

Schicksalsanalyse

Eine weitere Schule etablierte Leopold Szondi (1893–1986). Er war von 1927 bis 1941 Professor für Psychopathologie und -therapie an der Ungarischen Hochschule für Heilpädagogik in Budapest. Als Jude im KZ Bergen-Belsen interniert, kamen er und seine Familie dank Interventionen aus dem Ausland 1944 frei und reisten in die Schweiz. In Zürich widmete sich Szondi der Schicksalsanalyse, einer weiteren Richtung der Tiefenpsychologie. Auch in seiner Theorie spielen die unbewussten Motive für die Diagnose und Therapie psychischer Erkrankungen eine entscheidende Rolle. Doch war er überzeugt, dass neben dem individuellen und dem kollektiven auch das familiäre Unterbewusstsein einen wesentlichen Einfluss hat. Das Schicksal des Menschen sah er in dessen lebensbestimmenden Wahlhandlungen. 1970 wurde in Zürich unter seiner Leitung das Lehr- und Forschungsinstitut für Schicksalspsychologie und allgemeine Tiefenpsychologie gegründet.

Verhaltenstherapeutische Verfahren

Bis Mitte der 1970er-Jahre bildeten sich neben der Psychoanalyse und ihr nahestehenden Richtungen weitere psychotherapeutische Verfahren heraus. Die Verhaltenstherapie verstand sich als Reaktion auf die exzessive Beschäftigung der Psychologie mit dem Unbewussten und der Selbstbeobachtung. Ihre Grundidee ist, dass störungsbedingtes Verhalten erlernt wurde und neue gesunde Denk- und Verhaltensmuster ebenfalls erlernt werden können. Die Verhaltenstherapie lehnt sich stärker an die neurologisch-neurobiologischen Modelle an, deren Arbeit quantifizierbar, kontrollierbar wurde. Im Labor war die Nähe zu den Naturwissenschaften gewährleistet. Die subjektive Seite des Bewusstseins wurde ausgeklammert, sie war zu privat und störte die Objektivität. Die Ursachen psychischer Störungen lägen nicht im Unbewussten verborgen, sondern in der Gegenwart.

Als bekannteste Therapieform für psychische Störungen etablierte sich in der Verhaltenstherapie das Konfrontationsverfahren. Dabei setzen sich die Patient*innen unter Anleitung der Therapeut*innen jenen Reizen aus, die bei ihnen Angst auslösen. Die bewusste Konfrontation mit ihren Ängsten und somit der Realität soll den Betroffenen neue Erfahrungen und im Erfolgsfall eine Stärkung vermitteln.

Die Wende zur Humanistischen Psychotherapie

Die frühen Grundlagen der Verhaltenstherapie liegen im Behaviorismus. Dieses Konzept versuchte das Verhalten von Menschen mit wissenschaftlichen Methoden zu erforschen und zu beschreiben. Es wurde vom US-amerikanischen Psychologen John Broadus Watson begründet und nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem durch Burrhus Frederic Skinner weiterentwickelt und radikalisiert. Skinner veröffentlichte sein Hauptwerk «Verbal Behavior» 1957.

Ebenso berühmt wurde jedoch die Behaviorismus-Kritik des US-amerikanischen Sprachwissenschaftlers Noam Chomsky. Ein in seiner Buchbesprechung berühmt gewordener Satz lautet: «Es ist durchaus möglich – überaus wahrscheinlich, könnte man annehmen –, dass wir allemal mehr über menschliches Leben und menschliche Persönlichkeit aus Romanen lernen werden als durch die wissenschaftlich betriebene Psychologie.» Chomsky leitete mit seiner Kritik an der bisherigen Verhaltenstherapie die sogenannte kognitive Wende ein, eine Strömung, die die Verhaltenstherapie den Einflüssen aus der Philosophie, der Linguistik, Verfahren aus der humanistischen Therapie sowie östlicher Philosophie und Meditation öffnete.

Als sich die Humanistische Psychotherapie herausbildete, fand sie eine medizinisch ausgerichtete Psychiatrie vor, eine erstarkte klinische Psychologie, eine Psychoanalyse mit Vertretern in der zweiten Generation und eine starke Richtung des Behaviorismus, der Verhaltenstherapie. Die Humanistische Psychotherapie verstand sich als Gegenreaktion zur Psychoanalyse und Verhaltenstherapie, aber auch zur klinischen Psychologie. Sie definierte sich weniger als Therapie, sondern vielmehr als System verschiedener Behandlungsmethoden, auch als übergeordnete psychotherapeutische Grundorientierung. Zu Beginn war sie eher ein heterogenes Sammelbecken unabhängig entwickelter und ausdifferenzierter Ansätze.

Gesprächspsychotherapie

Ein Hauptvertreter war der US-amerikanische Psychologe und Psychotherapeut Carl Ransom Rogers, der die Gesprächspsychotherapie und die klientenzentrierte Gesprächsführung entwickelte. Diese psychologische Schule ging davon aus, dass der Mensch über «unerhörte Möglichkeiten» verfüge, um sich zu begreifen und zu entwickeln. Im Gegensatz zu Freud betonte Rogers die Einzigartigkeit des Individuums. Dessen kreatives Potenzial könne erschlossen werden, «wenn es gelingt, ein klar definiertes Klima förderlicher psychologischer Einstellungen herzustellen». Psychische Störungen entstehen, so die Annahme, wenn Umwelteinflüsse die Selbstentfaltung stören. Weltanschauliche Wurzeln fand diese Strömung auch im Humanismus und im Existenzialismus, etwa in den Schriften von Jean-Paul Sartre, Martin Heidegger oder Edmund Husserl.

Konzepte der Körperpsychotherapie

Parallel zur Psychoanalyse und zu humanistischen Therapierichtungen entstanden auch Konzepte der Körperpsychotherapie. Diese gingen davon aus, dass der Körper und die Psyche nicht zu trennen seien. Fast alle Methoden der Körperpsychotherapie sind humanistisch oder tiefenpsychologisch orientiert. Sie nutzen die Körperwahrnehmung als Möglichkeit, unbewusste psychische Prozesse aufzudecken. Körperpsychotherapeut*innen arbeiten erfahrungsorientiert. Im Zentrum des Therapieprozesses steht vor allem das momentane und körperliche Erleben.

Die Gesellschaft für Humanistische Psychotherapie wuchs, wurde international und hatte bis in die 1970er-Jahre über 6000 Mitglieder. Die Offenheit der humanistischen Therapierichtungen führte allerdings auch zu einer gewissen Beliebigkeit der Methoden und Verfahren. Meditative und hypnotische Elemente flossen ein, teils unter Einsatz von bewusstseinsverändernden Drogen. Viele europäische und US-amerikanische Therapeut*innen des Human Potential Movement reisten in den 1970er-Jahren auch ins indische Poona und wurden zeitweise Schüler*innen des indischen Gurus Bhagwan Shree Rajneesh. Er hatte die Neo-Sannyas-Bewegung gegründet, eine von spiritueller Suche bestimmte Lebensart.

Systemische Therapie

Ab den 1950er-Jahren entwickelte sich ein weiteres Verfahren, dessen Schwerpunkt auf dem sozialen Kontext der Menschen mit psychischen Störungen liegt, insbesondere auf ihren Interaktionen mit Familienmitgliedern und deren sozialem Umfeld. Die sogenannte Systemische Therapie unterscheidet sich von anderen, indem sie weitere Mitglieder des für den Patienten relevanten sozialen Umfeldes in die Behandlung einbezieht. In Abgrenzung zur Psychoanalyse betonen ihre Vertreter*innen die Bedeutung der unausgesprochenen Normen des Zusammenlebens für das Entstehen und das Überwinden psychischer Störungen (Familienregeln). Familientherapeutisches Denken entwickelte sich ab den 1950er-Jahren. Einem breiteren Publikum wurde das systemische Denken durch den österreichisch-amerikanischen Sprachwissenschaftler und Psychotherapeuten Paul Watzlawick bekannt: «Der systemische Ansatz basiert auf der Situation im Jetzt und Hier. Das heisst auf der Art und Weise, in der die Menschen miteinander kommunizieren und im Kommunizieren dann in Schwierigkeiten kommen können.»

In der Systemischen Therapie werden soziale oder psychische Auffälligkeiten nicht als krank oder pathologisch, sondern als verstehbare Reaktionen auf Probleme oder Anforderungen gesehen, die selbst problematisch sein können. Sie steht damit im Gegensatz zu den etablierten psychotherapeutischen Verfahren, die störungs- und defizitorientiert, psychoanalytisch und behavioristisch operieren. Kritiker bemängelten deshalb, dass sich die Systemische Therapie zu sehr sprachlich-konstruktivistisch verstehe und dabei emotionale und biografische Momente vernachlässige.

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Serie zur Entwicklung der Psychotherapie

In mehreren Folgen wird Infosperber in den kommenden Wochen die Geschichte der Psychotherapie näher beleuchten.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Walter Aeschimann ist freischaffender Historiker und Publizist. Er hat im Auftrag der Assoziation Schweizer Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten (ASP) zu deren 40jährigem Jubiläum eine historische Schrift zur Geschichte der Psychotherapie in der Schweiz verfasst: Walter Aeschimann. Psychotherapie in der Schweiz. Vom Ringen um die Anerkennung eines Berufsstandes. Jubiläumsschrift 40 Jahre ASP. Zürich 2019.

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2 Meinungen

Danke für den Überblick! Was mir fehlt, ist der Franzose Jacques Lacan. Warum haben Sie ihn nicht erwähnt?
Geri Müller, am 16. Mai 2019 um 12:52 Uhr
bemerkenswert: Alles Männer!
Gertrud Bernoulli, am 16. Mai 2019 um 14:01 Uhr

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