Industrielle Hühnerfarm in Deutschland © BiMüncheberg/flickr/cc
Tierfabrik mit Kühne in Deutschland

Wie das Rauchen auch die Tierfabriken bekämpfen

Red. / 10. Jun 2017 - Die WHO soll prioritär die weltweiten Tierfabriken ins Visier nehmen. Denn Tierfabriken bedrohen Gesundheit und Umwelt.

Die Tierproduktion wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA und Europa zunehmend industrialisiert. Fabrikähnliche Betriebe erhöhten die Zahl der Kühe, Hühner und Schweine radikal. Die weltweite Fleischproduktion hat sich in den letzten vier Jahrzehnten verdreifacht und allein im letzten Jahrzehnt um 20 Prozent zugenommen.

Die heute weit verbreitete industrielle Fleischproduktion und der stark erhöhte Fleischkonsum haben gravierende Konsequenzen sowohl für unsere Gesundheit als auch für die Umwelt. Die WHO muss handeln.

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Der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus wurde am 23. Mai von den WHO-Mitgliedsländern zum neuen Generaldirektor gewählt und tritt sein Amt am 1. Juli an.

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Die abtretende WHO-Direktorin Margareth Chan warnte an der letztjährigen WHO-Vollversammlung vor den «drei Katastrophen in Zeitlupe»:

  1. Antibiotikaresistente Keime;
  2. Klimawandel;
  3. Chronische Krankheiten.

Diese drei Probleme würden die globale Gesundheitslandschaft der Zukunft prägen.

An allen diesen drei schleichenden Katastrophen sind die Tierfabriken beteiligt.

  • Die Masse von billigen Fleisch- und Milchprodukten hat wesentlich zur Verbreitung chronischer Krankheiten beigetragen. Das «Institute of Health Metrics and Evaluation» an der Universität Washington schätzt, dass im Jahre 2015 weltweit über eine halbe Million Todesfälle auf das Essen von zu viel verarbeitetem und rotem Fleisch zurückzuführen sind. Die WHO klassifiziert die Ernährung mit zu viel verarbeitetem Fleisch als «krebserregend» und diejenigen mit zu viel rotem Fleisch als «wahrscheinlich krebserzeugend».
  • Ein noch grösseres Problem sind «Super Bugs». Das sind antibiotikaresistente Bakterien, die sich unter den eingesperrten Tieren in den Fabriken leicht vermehren. Etwa 75 Prozent der in den USA und der EU eingesetzten Antibiotika werden in der Landwirtschaft eingesetzt. Das unbedachte Verwenden dieser Medikamente soll in diesen Fabriken, die mit Tieren vollgepfercht sind, Krankheiten verhindern, was sich für die armen Länder als weitgehend erfolglos erwiesen hat. Gleichzeitig sollen die Antibiotika das Wachstum der Tiere beschleunigen.

    Als Folge davon konsumieren wir Menschen zwangsweise Antibiotika in niedrigen Dosen mit dem Fleisch, das wir essen, und an vielen Orten auch aus dem Trinkwasser, das Spuren von tierischen Abfallprodukten enthält. Gegen diese aufgenommenen Antibiotika können Bakterien Resistenzen entwickeln, so dass etliche Antibiotika bei Krankheiten wie Lungenentzündungen und Harnwegsinfektionen unwirksam werden.

  • Die Auswirkungen der Tierfabriken auf den Klimawandel sind ebenfalls tiefgreifend. Die Tierfabriken erzeugen mehr Treibhausgas-Emissionen als alle Transportarten zusammen genommen.

Eine Studie der Zeitschrift «Climatic Change» kam 2014 zum Schluss, dass angesichts einer zunehmenden Weltbevölkerung die Emissionen von Treibhausgasen aus der Lebensmittelproduktion über die nächsten Jahrzehnte den grössten Teil des weltweit verbleibenden «CO2-Budgets» verbrauchen werden. Als verbleibendes «CO2-Budget» nahmen sie die maximal verträgliche Emissionsmenge, um die globale Erderwärmung bis 2050 «höchst wahrscheinlich» nicht über zwei Grad ansteigen zu lassen.

  • Für das Erreichen dieses Klimaziels bis 2050 sei es entscheidend, dass wir unsere Ernährungsgewohnheiten ändern und weniger Fleisch- und Milchprodukte essen.

Eine andere Studie in Grossbritannien hat 2014 berechnet, dass Fleischesser doppelt so viele Treibhausgase ausstossen wie Menschen, die sich pflanzlich ernähren. Nach noch neueren Studien würden die Emissionen von Treibhausgasen um 29 Prozent bis 45 Prozent gesenkt, wenn alle Menschen nur noch so viel Fleisch- und Milchprodukte essen würden, wie es auch für ihre Gesundheit am besten wäre.

Tierfabrik mit Kühen in Deutschland (Quelle: BiMüncheberg/flickr/cc)

Nach der Tabakkontrolle eine Fleischkontrolle!

Nationale und globale Kampagnen haben schon grosse Gefahren für die öffentliche Gesundheit bekämpft, selbst gegen den Widerstand von multinationalen Unternehmungen. Ein Beispiel dafür ist das Rahmenübereinkommen der WHO zur Eindämmung des Tabakgebrauchs, ein internationaler Vertrag zur Förderung von wirksamen Massnahmen gegen den Tabakkonsum. Einen ähnlichen Ansatz könnte die WHO bezüglich Tierfabriken und übermässigen Fleischkonsums übernehmen.

Ein offener Brief, der von über 200 Wissenschaftlern, Politikexperten und anderen unterzeichnet wurde – uns eingeschlossen –, fordert den neuen WHO-Generaldirektor auf, die industrielle Tierproduktion als ein Problem der öffentlichen Gesundheit anzuerkennen. Unter anderem wird die WHO dazu aufgefordert, ihren fast 200 Mitgliedstaaten Folgendes zu empfehlen:

  • Wachstumsfördernde Antibiotika in der Tierzucht verbieten;
  • Anreize bieten, damit Fleischproduzenten Antibiotika und tierische Abfälle in einer Weise entsorgen, die eine Umweltkontamination verhindert;
  • Tierfabriken nicht mehr subventionieren;
  • Ernährungsstandards etablieren und mit Informationskampagnen vor den gesundheitlichen Risiken des übermässigen Fleischkonsums warnen;
  • Forschung über pflanzenbasierte Alternativen zu Fleisch fördern.

Die Schäden, welche die industrielle Landwirtschaft an der Natur verursacht, sind global. Weder antibiotikaresistente Bakterien noch der Klimawandel kennen nationale Grenzen. Unsere Gesundheitssysteme werden weltweit gegen die Verbreitung von chronischen Krankheiten zu kämpfen haben.

Das Verspeisen von Tieren mag in der Vergangenheit für unser Überleben wichtig gewesen sein. Jetzt aber tötet es uns.

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Dieser Appell erschien am 22.5.2017 in der «New York Times». Uwe Böhm hat ihn vom Englischen ins Deutsche übersetzt.

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Fleisch als Ursache von Diabetes

Forschungsresultate belegen, dass zu viel Fleisch Diabetes verursacht:

  • Ein Eiweissanteil von über 20 Prozent in der Ernährung erhöht die Todesrate wegen Diabetes um das Fünffache (Quelle: Valter Longo in Cell Metab.). Je mehr tierische Eiweisse Menschen aufnehmen, desto grösser ist ihr Risiko für Diabetes (Quelle: de Jong in Diabetologia).
  • Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt 60 Kilo schweren Frauen, höchstens 48 Gramm Eiweisse zu konsumieren. 100 Gramm Fleisch enthalten etwa 20 Gramm Eiweisse, 100 Gramm Käse rund 30 Gramm.
  • Tierische Eiweisse erhöhen das Krebsrisiko. (Quelle: Valter Longo in Cell Metab.).

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der frühere «New York Times»-Kolumnist Mark Bittman arbeitet an der «Mailman School of Public Health» an der Columbia University in New York. Scott Weathers ist ein Master-Student an der Harvard University in Cambridge MA. Sophie Hermanns ist Doktorandin an der Cambridge University.

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3 Meinungen

Jedes Jahr wirbt Coop für Grillieren. Das sollte wirklich aufhören. Es braucht keine Werbung für mehr Fleischkonsum - insbesondere für die ungesündeste Art und Weise der Fleischzubereitung.
Unterschreiben und weiterverbreiten:
AN COOP - STOPPT DIE GRILLWERBUNG!
https://www.openpetition.eu/ch/petition/online/an-coop-keine-grillwerbung-fleischwerbung-im-sommer
Thierry Blanc, am 10. Juni 2017 um 20:50 Uhr
Schade, dass im Bericht nur auf das CO2 hingewiesen wird und kein Hinweis darauf, das für Tierfutter Soja angebaut wird wofür auch der Regenwald abgeholzt & zerstört wird. Man sollte vermehrt lernen, wie die Menschen geboren Anfang 1900 lebten. Da konnten die meisten sich nur selten Fleisch leisten. Trotzdem waren sie gesund und erreichten nicht selten ein hohes Alter. Es gibt vor allem heute so viel anderes dass man schmckhaft zubereiten kann. Kein Mensch braucht jeden Tag Fleisch.
Edgar Huber, am 11. Juni 2017 um 21:58 Uhr
Völlig einverstanden, mit Artikel und bisherigen Kommentaren. Leider sind wir fleisch-süchtig. Selbst in grünen Kreisen isst die Mehrheit viel Fleisch. Ich auch, allerdings selten, vermutlich auf nachhaltigem und gesundem Niveau. Das Parlament hat es abgelehnt, mit der staatlichen Werbung für Fleisch aufzuhören. Etc, etc. Wobei die Situation in der Schweiz wohl um eineges besser als in der EU ist.
Theo Schmidt, am 12. Juni 2017 um 09:49 Uhr

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