Leeres Labor nach Bankrott. Vorher für eine Milliarde ein erfolgreiches Antibiotika entwickelt. © pd

Leeres Labor nach Bankrott. Vorher für eine Milliarde ein erfolgreiches Antibiotika entwickelt.

Firmenliquidationen verschärfen die Antibiotika-Krise

Chantal Britt / 22. Jan 2020 - Immer mehr Menschen sterben wegen resistenter Keime. Doch ohne Staatsunterstützung kommen chancenreiche Mittel nicht zum Einsatz.

Gemäss Weltgesundheitsorganisation sterben jährlich rund 700'000 Menschen an Infektionen mit Mikroorganismen, auf die wirksame Medikamente nicht mehr ansprechen. Die WHO empfiehlt, Antibiotika nur noch im Notfall zu verschreiben, in der Tiermast auf sie zu verzichten und gleichzeitig neue Wirkstoffe gegen resistente Keime zu entwickeln. Eben diese Entwicklung scheitert jedoch oft bereits in der Aufbauphase, wie die «New York Times» am 25. Dezember 2019 berichtete.

Pharmariesen wie Novartis und Allergan haben bereits vor einigen Jahren aufgehört Antibiotika zu entwickeln, weil sie vergleichsweise niedrige Margen abwerfen. Jetzt geht auch Start-ups, die euphorisch begonnen hatten, die Luft aus. Gleichzeitig werden Bemühungen, die Ausbreitung tödlicher arzneimittelresistenter Bakterien einzudämmen, ernsthaft untergraben.

Start-ups haben Unsummen in die Entwicklung neuer Versionen von Medikamenten investiert – doch sie scheitern reihenweise. Antibiotika-Pioniere wie Achaogen und Aradigm gingen in den letzten Monaten bankrott. Viele der verbleibenden Firmen in den USA taumeln in die Insolvenz. Sogar Melinta Therapeutics, eine der grössten Entwicklerinnen von Antibiotika, warnte Ende des letzten Jahres, dass ihr das Geld ausgehe.

Die Zukunft von Melinta sieht düster aus. Obwohl eines seiner vier Produkte erst vor kurzem die Zulassung zur Behandlung einer tödlichen Lungenentzündung erhalten hatte, brach der Aktienkurs des Unternehmens nach einer Warnung um 45 Prozent ein. Jennifer Sanfilippo, Melintas interimistische Geschäftsführerin, hofft, dass sie dem Unternehmen durch einen Verkauf oder eine Fusion mehr Zeit verschaffen kann, um die Krankenhausapotheker vom Mehrwert der neuartigen Antibiotika zu überzeugen und den Umsatz zu steigern. «Diese Medikamente sind meine Babys und werden so dringend benötigt.»

Experten sagen, dass die düsteren Aussichten für die wenigen noch immer engagierten Unternehmen Investoren vertreiben und die Entwicklung neuer lebensrettender Medikamente zu ersticken drohen. «Dies ist eine Krise, die alle alarmieren sollte», sagt Helen Boucher, Spezialistin für Infektionskrankheiten am Tufts Medical Center und Mitglied des Presidential Advisory Council on Combating Antibiotic-Resistant Bacteria.

Antibiotika werden nur für jeweils kurze Zeit verschrieben

Erfreulich ist, dass neue Antibiotika einige der hartnäckigsten und tödlichsten Erkrankungen wirksam bekämpfen, darunter Therapien gegen Anthrax, bakterielle Lungenentzündung, E. coli und multiresistente Hautinfektionen. Leider scheint das aber nicht zu reichen, daraus ein lohnendes Geschäft zu machen. Firmen, die Milliarden in die Entwicklung investierten, fanden keinen Weg, mit Verkäufen genügend Geld zu verdienen. Denn Antibiotika werden meist nur für Tage oder Wochen verschrieben – ganz im Gegensatz zu Kassenschlagern wie Medikamente gegen chronische Krankheiten wie Diabetes oder rheumatische Arthritis. Dazu kommt, dass viele Krankenhäuser nicht bereit sind, hohe Preise für neue Medikamente zu bezahlen, solange günstige Generika von älteren Antibiotika erhältlich sind.

Das Unternehmen Achaogen investierte eine Milliarde Dollar

Ein Beispiel ist das tragische Schicksal des Biotech-Unternehmens Achaogen. Über 15 Jahre investierte es eine Milliarde Dollar in sein Medikament Zemdri gegen schwer behandelbare Harnwegsinfektionen. Die US-Zulassungsbehörde FDA bewilligte Zemdri als bahnbrechende Therapie mit einem beschleunigten Verfahren. Im Juli nahm die WHO das Medikament in die Liste der unentbehrlichen neuen Medikamente auf. Doch zu diesem Zeitpunkt war bei Achaogen bereits niemand mehr da, der den Erfolg hätte feiern können. Im April war der Firma das Geld für die Vermarktung und Durchführung von Studien ausgegangen. Im Juni wurden im Konkursverfahren die Laborausrüstung und die Rechte an Zemdri für nur 16 Millionen Dollar an die US-Niederlassung der indischen Generikaherstellerin Cipla verscherbelt. Viele von Achaogens Wissenschaftlern fanden inzwischen Forschungsjobs in lukrativeren Bereichen wie in der Onkologie. Umsonst hatten Achaogen und seine 300 Mitarbeiter auf ein Eingreifen der Regierung gehofft.

Nur wenige wirkliche Forschungsdurchbrüche

Die Entwicklung neuer Präparate ist kein leichtes Unterfangen. In den letzten 20 Jahren wurden nur zwei neue Klassen von Antibiotika eingeführt – die meisten anderen Produkte sind Varianten der bestehenden. Sinkende Erträge haben die meisten Unternehmen vom Markt verdrängt. In den 1980er Jahren gab es 18 grosse Pharmaunternehmen, die Antibiotika entwickelten; heute sind es noch drei. Die Entwicklung eines neuen Antibiotikums könne 2,6 Milliarden Dollar kosten, erklärt David Shlaes, ehemaliger Vizepräsident von Wyeth Pharmaceuticals und Vorstandsmitglied der Global Antibiotic Research and Development Partnership, einer gemeinnützigen Interessenvertretungsorganisation.

Viele der neuen Klasse von Antibiotika sind nicht eben billig, zumindest im Vergleich zu älteren Generika, die ein paar Dollar pro Pille kosten. Xerava, ein neu zugelassenes Antibiotikum gegen tödliche multiresistente Keime wie MRSA und CRE, kostet bis zu 2’000 Dollar. Um Geld zu sparen, geben viele Krankenhausapotheken deshalb lieber billigere Generika ab, selbst wenn ein neues Medikament weit überlegen ist.

Aus Kostengründen werden Menschenleben riskiert

Absatzprobleme belasten die Zukunftsaussichten. Der Aktienkurs von Tetraphase Pharmaceuticals, der Herstellerin von Xerava, dümpelt um die 2 Dollar herum. Vor einem Jahr kostete eine Aktie noch fast 40 Dollar. Um Kosten zu senken, musste Larry Edwards die Labore der Firma dicht machen, 40 Wissenschaftler entlassen und Pläne für drei weitere vielversprechende Antibiotika beerdigen. Geschäftsführer Edwards versteht das nicht: «Im Gegensatz zu teuren neuen Krebsmedikamenten, welche die Überlebenszeit um drei bis sechs Monate verlängern, retten Antibiotika wie die unsrigen wirklich das Leben der Patienten.»

Kevin Outterson, Geschäftsführer von CARB-X, einer gemeinnützigen Förderorganisation, meint: «Einem Krebspatienten würde man nie sagen: «Warum probierst du nicht zuerst ein Medikament aus den 1950er Jahren, und wenn es nicht wirkt, gehen wir zu einem aus den 1980er Jahren über.» Doch mit Antibiotika würde man dies tun, mit allen negativen Folgen für die Patienten und den Markt.

Experten sind sich einig, dass die Krise ein Eingreifen der Regierung erfordert. Zu Vorschlägen, die breite Unterstützung finden, gehören ein längerer Patentschutz für neue Antibiotika, höhere Verkaufspreise sowie finanzielle Anreize, die auch Pharmariesen zurücklocken. Schliesslich sollen Regierungen das Lagern neuer Antibiotika unterstützen, wie sie es bereits heute tun für Notfallmedikamente gegen mögliche Pandemien oder Bioterror-Bedrohungen wie Milzbrand und Pocken.

Trotz parteiübergreifender Unterstützung ist die Gesetzgebung im US-Kongress ins Stocken geraten. «Wenn das in den nächsten sechs bis zwölf Monaten nicht in Ordnung gebracht wird, werden die letzten Mohikaner pleite gehen und die Investoren werden erst in ein oder zwei Jahrzehnten auf den Markt zurückkehren», sagte Chen Yu, ein Risikokapitalgeber im Gesundheitswesen, der in diesem Bereich investiert hat.

Ryan Cirz, einer der Gründer von Achaogen und Vizepräsident für Forschung, verlor all seine Ersparnisse, aber für ihn sei das nicht die grösste Sorge. Denn ohne wirksame Antibiotika könnten viele gängige medizinische Verfahren eines Tages lebensbedrohlich werden. «Das ist ein Problem, das gelöst werden kann, es ist nicht so kompliziert», sagte er. «Wir können uns jetzt mit dem Problem befassen, oder wir können einfach hier sitzen und warten, bis noch viel mehr Menschen [wegen resistenter Keime] sterben. Das wäre eine Tragödie.»

____________________________

Hauptquelle dieses Artikels ist eine Recherche von Andrew Jacobs in der «New York Times» vom 28.12.2019.

*******************************************************

Infosperber-DOSSIER

*******************************************************

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Die Autorin leitet eine Arbeitsgruppe des «European Network for Optimization of Veterinary Antimicrobial Treatment» über Antibiotika-Resistenzen im Veterinärbereich.

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

4 Meinungen

Die nächste Pandemie kommt bestimmt. Die resistenten Bakterienstämme werden zahlreicher, die infizierten Patienten ebenfalls. Auch wenn der Planet überbevölkert ist, wäre es eine humanitäre Verpflichtung der Regierungen, die Entwicklung neuer, dringend benötigter Antibiotika zu unterstützen. Offenbar aber wird das Geld lieber in fragwürdige Klimarettungsprojekte investiert, in Agrarsubventionen zur Herstellung von Biotreibstoffen, welche weder ökonomisch noch ökologisch irgend einen Sinn machen und die zudem die Populationsexplosion bei Wildschweinen befeuern. Es werden einfach die falschen Prioritäten gesetzt. Der Antibiotikanotstand ist Tatsache, der Klimanotstand eine Hypothese. Wie sagte doch Einstein? «Es gibt zwei Unendlichkeiten, jene des Weltalls und jene der menschlichen Dummheit. Wobei ich sagen muss, dass ich mir bezüglich Ersterer nicht ganz so sicher bin."
Urs Lauper, am 22. Januar 2020 um 12:48 Uhr
Antibiotika sind doch längst zum Geschäft verkommen, verschrieben zur Tiermast wie für jeden Schnupfen.
In uns allen leben mehrere Kilo Bakterien und sorgen für den Ablauf unserer Körperfunktionen. Soll mir mal jemand erklären, wie die Medikamente da zwischen Gut und Böse unterscheiden sollen. Die Resistenz entsteht im Kampf gegen diesen unseligen Chemiekrieg.
Walter Schenk, am 23. Januar 2020 um 11:07 Uhr
Das neoliberale System versagt komplett.

Nicht nur bei den Antibiotika, sondern planetar! Sichtbar bei der anrollenden Klimakrise, zu der Zuerich Insurance heute offiziell fast die gleichen lebensbedrohlichen Szenarien verbreitet wie die Klimastreikbewegung oder Extinction Rebellion:
https://biggerpicture.ft.com/global-risks/article/urgency-emergency-why-businesses-must-act-now-avert-climate-catastrophe/

Da gibt's nur eine Lösung: Wir müssen lernen, Lösungen ausserhalb des aktuellen Wachstums- und Profit-orientierten Systems zu finden.

Dazu gehört auch die Einsicht, dass wir die globalen Probleme nur gewaltfrei und in Kooperation innerhalb der Menschheitsfamilie lösen können.

Diesen Weg sollten wir alle täglich in unserem Alltag versuchen zu gehen.

https://www.friedenskraft.ch/
Dr. med. Paul Steinmann, am 23. Januar 2020 um 11:35 Uhr
Dieses Problem ensteht, weil wir ZU VIEL Antobitikaeinsatz haben und nicht weil es zu wenig wirksame Antibiotika gibt. Wir haben eine Massentierhaltung, die nicht natürlich ist. Wir bekämpfen jeden kleinen Infekt grosszügig mit Antibiotika. Wir schwächen dauernd und intensiv durch unsere nachlässige und naturfremde Lebensweise unser Immunsystem. Wir tun nichts dafür, um das Immunsystem zu stärken. Wir brauchen nicht neue Antibiotika, wir brauchen eine neue Lebensweise. Wir leben auch hier Gewalt und Aggression, wohlwissend dass wir ohne die Symbiose mit Bakterien, wir als menschliches Wesen, nicht überlebensfähig wären. Das Wissen ist da, es wird einfach nicht gelebt. Die Frage ist warum?
Sieglinde Kliemen, am 26. Januar 2020 um 15:08 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online, damit wir Zeit haben, deren Sachlichkeit zu prüfen. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.