Bei 558 untersuchten Anwendungsbeobachtungen wurde keine einzige Nebenwirkung entdeckt. © pixabay

Bei 558 untersuchten Anwendungsbeobachtungen wurde keine einzige Nebenwirkung entdeckt.

Pharma korrumpiert Ärzte für unnütze Studien

Tobias Tscherrig / 14. Aug 2017 - Ärzte verschreiben ahnungslosen Patientinnen bestimmte Pillen, nur weil sie von der Pharma für eine «Studie» dafür bezahlt werden.

Häufig verschreiben Ärzte ein bestimmtes Medikament nicht deshalb, weil es für die konkrete Patientin oder den konkreten Patienten das zweckmässigste ist, sondern wählen ein Medikament, bei dessen Abgabe sie zusätzlich verdienen. Möglich machen das zum Beispiel die vom Hersteller bezahlten «Anwendungsbeobachtungen».

«Transparency International» spricht bei diesem Vorgehen von «legalisierter Korruption». Gegen ein Honorar von zum Beispiel 300 Franken markieren Ärzte auf einem Formular, wie gut ein Patient oder eine Patientin ein bestimmtes Medikament verträgt und übermitteln dieses dem Pharmahersteller. Solche Kontrollen nach breiter Einführung eines Medikaments wären eigentlich sinnvoll, weil ein Medikament vor der Zulassung meistens nur von etwa tausend gesunden, meist männlichen Probanden getestet wurde.

Pharmakologen kritisieren schon lange, dass diese von den Pharmafirmen bezahlten «Anwendungsbeobachtungen», auch «Postmarketingstudien» oder «Beobachtungsstudien» genannt, nicht dazu taugen, unerwartete Nebenwirkungen eines Medikaments frühzeitig zu erkennen. Die Zahlungen sollen Ärztinnen und Ärzte vor allem dazu verleiten, bestimmte, meist neue und teurere Medikamente des zahlenden Pharmakonzerns zu verschreiben.

Die unveröffentlichten Studien sind untauglich

Jetzt haben Wissenschaftler, die sich ehrenamtlich bei Transparency International Deutschland engagieren, den Nachweis erbracht: Diese «Anwendungsbeobachtungen» eignen sich nicht dazu, die Sicherheit von Medikamenten zu erhöhen. Die meisten Anwendungsbeobachtungen seien viel zu klein, um Fakten über allfällige Nebenwirkungen zu liefern. Das haben die Wissenschaftler festgestellt, nachdem sie knapp 7000 Original-Meldedaten ausgewertet hatten.

Bei den Anwendungsbeobachtungen werden im Schnitt 600 Patienten untersucht. «Rein statistisch bräuchte man 30'000 Probanden, um seltenen, aber vielleicht gravierenden Nebenwirkungen auf die Spur zu kommen, schreibt die «Taz» unter dem Titel «Solche Studien sind unbrauchbar».

Ulrich Keil, Autor der Transparency-Studie und emeritierter Professor für Epidemiologie und Sozialmedizin der Universität Münster sagte in der «Taz», die Studien dienten in der jetzigen Form einerseits dem Marketing, damit das Medikament beim Arzt im Gedächtnis bleibe und häufig verschrieben werde. Angela Spelsberg, Erstautorin der Studie und Leiterin der Arbeitsgruppe Gesundheitswesen bei Transparency Deutschland findet noch deutlichere Worte: «Sie verhindern nach unseren Erkenntnissen wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn nach der Medikamentenzulassung.» Anwendungsbeobachtungen erreichen also das Gegenteil dessen, was sie bewirken sollen.

Die Autoren der Transparency-Studie erhalten in der «Taz» Rückendeckung von Jürgen Windeler, Leiter des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Iqwig). Windeler war nicht an der Studie beteiligt und hält die neuen Fakten für eindeutig: «Solche Postmarketingstudien sind unbrauchbar». Der jahrealte Vorwurf, Postmarketingstudien (Anwendungsbeobachtungen) seien nur Pseudo-Studien, habe sich damit bewahrheitet, schreibt die «Taz».

Korruption und unzulässige Einflussnahme auf Ärzte

Die Autoren der Transparency-Studie fanden zudem heraus, dass ein Arzt, der an den untersuchten Postmarketingstudien teilnahm, im Schnitt insgesamt 19'000 Euro erhielt. «Wir befürchten darum, dass dies die Meldung von Nebenwirkungen beeinflussen könnte», so Spelsberg in der «Taz». Transparency geht noch einen Schritt weiter und nennt dies auf ihrer Homepage «unzulässige Einflussnahme auf Ärzte und Korruption».

Das Autorenteam der Transparency-Studie fand im Zusammenhang mit den Anwendungsbeobachtungen aber noch weitere Unstimmigkeiten. Demnach würden sich viele Ärzte vertraglich verpflichten, die möglichen Nebenwirkungen nur an die Pharmaunternehmen zu melden. Das erkläre vielleicht auch, weshalb bei den 558 untersuchten Anwendungsbeobachtungen keine einzige Meldung zu einer Nebenwirkung gefunden werden konnte.

Ausserdem waren nur fünf der 558 Anwendungsbeobachtungen überhaupt publiziert worden, die anderen verschwanden in den Schubladen der Pharmaunternehmen.

Um die Misstände zu beheben, haben die Transparency-Wissenschaftler drei Vorschläge:

  • teilnehmende Ärzte müssen die Daten auch direkt an die Behörden liefern;
  • Daten aus Arzneimittelstudien dürfen nicht länger Betriebs- und Geschäftsgeheimnisse sein,
  • Ethikkomissionen sollten die Verträge zwischen Arzt und Hersteller auf Vertraulichkeitsklauseln überprüfen.

Klagen als einziger Weg

Die Transparency-Studie sah sich in Deutschland heftigem Gegenwind ausgesetzt. Nur dank der Beharrlichkeit der Autoren konnten die Ergebnisse schlussendlich überhaupt publiziert werden. Sie erhielten die nötigen Informationen erst, nachdem sie sich auf das Öffentlichkeitsgesetz berufen und Klagen gegen die zuständigen Behörden gewonnen hatten. Mehrere deutsche Behörden hatten die Herausgabe der Meldedaten von Postmarketingstudien zuerst mit der Begründung verweigert, dass diese Studien «auch nach der Zulassung noch als Betriebs- oder Geschäftsgeheimnis der Sponsoren gelten».

Die im Auftrag von Transparency arbeitenden Forscher klagen nun noch einmal gegen das «Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte», damit in Deutschland in Zukunft detaillierte Informationen zu den Studien und den gemeldeten Nebenwirkungen herausgegeben werden müssen.

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3 Meinungen

"Häufig verschreiben Ärzte ..."
So nicht!
Herr Tscherrig Sie können sich nicht erlauben alle ärzte zu beschipfen! Und ohne irgendwelche Zahlen um Ihre Aussage zu begründen.
Luc Farinelli, am 14. August 2017 um 13:33 Uhr
Herr Tscherrig ist in den Ferien. Er hat allerdings nicht geschrieben, dass «ALLE» Ärzte bestimmte Pillen verschreiben, weil sie sich für «Anwendungsstudien» zahlen lassen. Dass dies aber «HÄUFIG» der Fall ist, wie er geschrieben hat, ist eine Tatsache. Lesen Sie die angegebenen Quellen, auch die am Schluss des Artikels.
Urs P. Gasche, am 14. August 2017 um 16:44 Uhr
Nun, dass hier ein gesellschaftliches Umdenken stattfinden muss, ist wohl unbestritten. Es ist eben, wie bei vielen Branchen mit Grosskonzernen, und die Pharma ist nur eine davon. Man soll mit Recht die Pharma bei unlauteren Gebaren anprangern, man vergesse aber nicht, dass es letztendlich die Kundschaft (= Aerzte) ist, die genauso in die Pflicht genommen werden muss. Dazu sei auch auf eine Verhältnismässigkeit hingewiesen, wie dies bei den Bonifragen mehr und mehr in Diskussion kommt.
Das zitieren grosser Zahlen bei Sponsorengeldern (nicht nur in der Pharma) mag zwar erschrecken, sagt aber wenig aus, wenn sie nicht auf den Alltag runtergebrochen werden. Schwarze Schafe wird es immer geben und eine gesunde Gesellschaft sollte mit diesen umgehen und diese auch aushalten können. Das ist seit den Griechen so. Es gilt also primär die Exzesse anzugehen und so in kleinen Schritten zu einer Bewusstseins- und Verhaltensänderung zu kommen. Allgemeinplätze und Pauschalisierungen bewirken wenig. Der Beitrag im Beobachter «Der Doktor und sein Sponsor» macht da einen guten Anfang: https://www.beobachter.ch/gesundheit/pharmagelder-der-doktor-und-sein-sponsor
Felix Speiser, am 16. August 2017 um 09:49 Uhr

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