Das Coronavirus führt zu einer unfreiwilligen Deglobalisierung

Bernd Hontschik © Ute Schendel
Bernd Hontschik / 09. Mär 2020 - Covid-19 zwingt zu einer weltweiten Vollbremsung, zu Nullwachstum, fast zum Stillstand – zu einer Art viralen Deglobalisierung.

Red. Chirurg und Publizist Bernd Hontschik ist regelmässiger Gastautor von Infosperber.

Satellitenbilder der NASA vom Februar 2019 zeigen in der Region Wuhan eine dunkelbraune Verfärbung der Atmosphäre als Ausdruck einer extrem hohen Belastung mit Stickstoffdioxid (NO2). Das ist das Gift, das von Autos, Heizungen, Kraftwerken und Fabrikschloten ausgestossen wird. Ein Jahr später, im Februar 2020, findet sich über Wuhan plötzlich helles Himmelblau als Zeichen einer niedrigen Konzentration von NO2. Das grösste Wirtschaftsrisiko seit 2009 verursacht also zugleich das grösste Aufatmen der Natur seit langer Zeit. Erste Anzeichen deuten auch schon darauf hin, dass der Ausbruch des Coronavirus innerhalb kürzester Zeit weltweit mehr CO2-Emissionen verhindert hat als die ganze sogenannte Klimapolitik der vergangenen Jahre zusammen.

Zu den Risiken des Coronavirus tauchen nach und nach auch Meldungen mit Einordnungen auf: Acht bis neun Millionen Menschen sterben jedes Jahr an den Folgen von Luftverschmutzung. Ich frage mich, wie es bei einer Krankheit, die überwiegend wie eine Erkältung verläuft, zu einer solchen Hysterie kommen kann? Sterben nicht jedes Jahr allein in Deutschland Tausende an einer normalen Influenza-Grippe, im Winter 2017/2018 sogar mehr als 25’000 der Erkrankten?

Doch keine Talkshow mehr ohne Virologen: Einige meinen, Quarantänen seien weit übertrieben. Andere betonen, die Ausbreitung des Virus sei sowieso nicht zu verhindern. Ein anderer stellt klar, dass niemand wirklich wissen könne, wie sich das Virus verhält, wie es sich verbreiten und was es verursachen wird. Und wieder ein anderer spricht davon, dass die Sterblichkeit der Coronavirus-Erkrankung geringer ist als anfangs befürchtet.

Hotlines sind geschaltet. Wir sollen uns nicht die Hand geben. Wir sollen uns nicht umarmen. Wir sollen in unseren Ellbogen husten. Messen, Sportfeste, Festivals, Reisen wurden und werden abgesagt, Veranstaltern droht Insolvenz. Kindergärten, Schulen, Universitäten werden geschlossen. Züge werden angehalten, Grenzen zeitweise dichtgemacht. Es gibt kaum noch Flüge nach China, in den Iran, nach Südkorea, nach Italien. Aktien von Luftverkehrsgesellschaften brechen ein. Panik führt zu leeren Regalen, das produziert neue Panik. Desinfektionsmittel und Klopapier werden knapp. Kreuzfahrtschiffe, Hotelanlagen, Dörfer, Städte, Regionen werden isoliert.

Vielleicht sieht in ein paar Tagen alles viel schlimmer aus als heute, vielleicht aber auch nicht. Der Corona-Wahnsinn rast um den Erdball. Nachrichtensender überbieten sich mit Live-Tickern. Rund um die Uhr wird jeder neue Infektionsfall gezählt, über 500 in Deutschland, fast 4’000 in Italien, mehr als 80’000 in China.

Das Coronavirus hat die Welt zu einer kollektiven Vollbremsung gebracht, zu Nullwachstum, fast zum Stillstand, sozusagen zu einer viralen Deglobalisierung. Das hat seine guten Seiten, aber für den viel zu hohen Preis einer Pandemie. Wenn diese Pandemie am Ende jedoch zu einem Umdenken beigetragen haben könnte, dann hätte sie vielleicht sogar einen Sinn gehabt.

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Diese Kolumne erschien in etwas anderer Form am 7. März 2020 in der Frankfurter Rundschau.

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Bernd Hontschiks neustes Buch: «Erkranken schadet Ihrer Gesundheit», 2019, Westend Verlag, 24.90 CHF / 16 Euro.

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3 Meinungen

Der Frühling steht vor der Türe und der hat schon jede Grippewelle beendet.

Dieser Hype generiert Einnahmen für die werbefinanzierten Medien.
Bei der Coronagrippe 2012, Covid-12 (Middle East respiratory syndrome coronavirus, MERS-CoV) gab es keinen solchen Hype, den haben die Medien verschlafen.
Peter Herzog, am 09. März 2020 um 18:33 Uhr
Es hilft nicht viel, wenn ich mich gegen das Menschenbild zur Wehr setze, das in diesem Artikel zum Ausdruck kommt: Er wurde ja in der grossen «Frankfurter Rundschau» schon gedruckt, und «Infosperber» befand ihn des erneuten «Abdrucks» für würdig.

Dennoch: Nie hatte eine Pandemie «einen Sinn"! Und der Vergleich der (Über-)Reaktion der Medien bzw. der «Verantwortlichen"/Behörden auf das neue Corona-Virus mit der (Nicht-)Reaktion insbesondere der «Verantwortlichen"/Behörden auf die Bedrohung durch den Klima-Wandel (Herr Hontschik spricht von «sogenannter Klimapolitik") ist längst «kalter Kaffee», denn es gibt jede Menge Argumente, die zeigen, dass man hier Äpfel mit Birnen vergleicht. Ein paar Beispiele:
-> Das Virus bedroht die jetzt Lebenden; der Klimawandel erst kommende Generationen.
-> Das Virus bedroht Menschen; der Klimawandel auch (oder vielleicht sogar nur?) andere Lebewesen wie Tiere und Pflanzen.
-> Die Auswirkungen der Viruserkranklung sind nach kurzer Zeit sichtbar; jene des Klimawandels erst nach langer Zeit (oder vielleicht gar nie?).

Zum Mitschreiben: Ich nehme die Gefahren des Klimawandels sehr ernst; es liegt mir fern, hier etwas zu bagatellisieren. Ich nehme auch die Problematik dieses neuen Corona-Virus sehr ernst. Auf beide Bedrohungen muss reagiert werden: Besonnen, adäquat! Und Ignorieren, Lächerlichmachen, mit dem Finger auf andere Zeigen ist ganz einfach pfui!
Dieter Kuhn, am 10. März 2020 um 17:01 Uhr
In einem Jahr werden wir die Resultate der Massnahmen von Grossbritannien mit denjenigen in China vergleichen können. Wetten, dass schnelles Handeln mehr bringt als Zweifel zu schüren.
Jürg Ackermann, am 16. März 2020 um 12:20 Uhr

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