Weihnachtsbescherung: Millionen brauchen dank Federstrich keine Medikamente mehr. © flickr.dirkvorderstrasse/cc

Weihnachtsbescherung: Millionen brauchen dank Federstrich keine Medikamente mehr.

Weihnachtsgeschenk: Millionen Kranke werden gesund

Urs P. Gasche / 21. Dez 2013 - Über 60-Jährige galten als krank, wenn ihr Blutdruck leicht erhöht war. Sie mussten Medikamente schlucken. Jetzt ist alles anders.

Hochoffiziell kam eine 17-köpfige US-Expertengruppe nach fünfjähriger Arbeit zum Schluss, dass Frauen und Männer im Alter von 60 und älter als gesund gelten und keine Medikamente brauchen, selbst wenn ihr Blutdruck leicht erhöht ist. Das «Journal of the American Medical Association» hat die neue Richtlinie am Mittwoch veröffentlicht.

Ein zu hoher Blutdruck kann zu Herzinfarkten und Schlaganfällen führen. Hunderte von Millionen Menschen schlucken deshalb für den Rest ihres Lebens Medikamente, die den Blutdruck senken. Je niedriger die Schwelle des Risiko-Blutdrucks festgesetzt wird, desto mehr Menschen müssen nach den ärztlichen Empfehlungen Arzneimittel einnehmen. Diese bergen wiederum ihre eigenen Risiken.

Zahl der «Kranken» auf einen Schlag verdoppelt

Noch Ende der 80er Jahre galten Blutdruckwerte erst ab 160/100 als behandlungsbedürftig. Doch die Richtlinien der Schweizerischen Hypertonie-Gesellschaft, deren Sekretariat von der Firma Roche betrieben wurde, empfehlen seit den Neunzigerjahren Medikamente bereits ab einem Wert von 140/90. Damit hatte sich die Zahl der «Kranken» auf einen Schlag mehr als verdoppelt. Die Industrie erzielt mit Blutdrucksenkern Milliardenumsätze.

Cochrane-Organisation warnte schon 2012

Doch ein leichter Bluthochdruck mit einem Wert zwischen 140 und 159 mm Hg (oberer Wert) und/oder 90-99 mm Hg (unterer Wert) werde wahrscheinlich unnötig mit Medikamenten behandelt. Zu diesem Schluss kam letztes Jahr eine Untersuchung im Auftrag der unabhängigen Cochrane-Organisation. Die Schäden der Nebenwirkungen seien bei diesem leichten Bluthochdruck wahrscheinlich grösser als der Nutzen.

Ein oberer Wert bis zu 150 braucht keine Behandlung

Jetzt kommt auch das «American Guidelines Committee» zum Schluss, dass Menschen im Alter von 60 und darüber mit einem oberen Blutdruckwert von 150 und darunter als gesund gelten können und keine Medikamente brauchen. Als Folge könnten «Millionen von Amerikanerinnen und Amerikanern», die einen oberen Blutdruckwert zwischen 140 und 150 haben, künftig auf medikamentöse Blutdrucksenker verzichten, erklärte William White, Präsident der Fachgesellschaft «American Society of Hypertension». Die Schäden durch Nebenwirkungen der Medikamente seien für diese Menschen grösser als der Nutzen.

Millionen von Menschen haben also bisher von Ärzten blutddrucksenkende Medikamente empfohlen bekommen, die ihnen mehr schaden als nützen. Und Millionen dieser Menschen mit leicht erhöhtem Blutdruck wurden viermal im Jahr von einem Arzt umsonst zur Blutdruck-Kontrolle aufgeboten – alles zu Lasten der solidarischen Grundversicherungen.

Für Menschen im Alter von unter 60 bleibt die Behandlungsschwelle gemäss neuer Richtlinie bei einem Blutdruck von höher als 140/90.

Folgende Risikofaktoren können Sie selbst beeinflussen

Mehrere Faktoren tragen zu einem hohen Blutdruck bei. Je mehr Risikofaktoren man ausschaltet, desto stärker kann man seinen Blutdruck ohne Medikamente senken. Ohne Medikamente riskieren Sie keine langfristigen schweren Nebenwirkungen. Folgende Risikofaktoren können Sie selber beeinflussen:

Bewegungsmangel

Übergewicht

Rauchen

Störungen des Fettstoffwechsels (z. B. erhöhte Cholesterinwerte)

Zuckerkrankheit (Diabetes)

Chronische Nierenerkrankungen

Zu viel Alkoholkonsum

Übermässige Salzzufuhr (Fertiggerichte!)

Ständiger Stress

Medikamente (z. B. Rheumamittel, Antibabypille)

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GELTENDE DEFINITIONEN

Leichter Bluthochdruck:

Altersgruppe ≤60: 140-159 mm Hg und/oder 90-99 mm Hg

Altersgruppe >60: 150-159 mm Hg

Mässig erhöhter Blutdruck:

160-179 mm Hg und/oder 100-109 mm Hg

Schwerer Bluthochdruck

≥180 mm Hg und/oder ≥110 mm Hg

Mässig und schwer erhöhter Blutdruck können mit grossem Nutzen medikamentös behandelt werden.

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Siehe auch

«Ärzte erhöhen Schwelle für Blutdruck-Medikamente» vom 26.6.2013

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor vertritt Patienten und Prämienzahlende in der Eidgenössischen Arzneimittelkommission EAK.

Weiterführende Informationen

Blutdruck Tabelle Empfehlungen

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2 Meinungen

Super! weniger kranke Menschen bzw mehr gesunde...!
Um wieviel wird deshalb das Bruttosozialprodukt abnehmen? Es sind ja die kranken Menschen, die «rentieren".
Urs Lachenmeier, am 22. Dezember 2013 um 11:55 Uhr
Endlich findet die Medizin zurück zur Medizin mit Augenmass. Blutdruckmittel sollten «verboten» sein wenn die Patienten nicht das ändern, was sie selbst ändern können, eg. Alkohol, Rauchen, Bewegungsarmut, Fettleibigkeit, Zuckerkonsum etc.etc. Aber für Arzt und Patient ist es einfacher ein Pilleli zu nehmen und so das schlechte Gewissen zu beruhigen und dann nichts wirksames machen zu müssen um das zu ändern.
P.Hirzel, pens. Hausarzt
Peter Hirzel, am 22. Dezember 2013 um 12:38 Uhr

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