Ältere Menschen: Von den Krankenkassen besonders begehrt, wenn sie im Spital waren. © E-Plus-Gruppe_Fotostream/flickr/cc

Ältere Menschen: Von den Krankenkassen besonders begehrt, wenn sie im Spital waren.

Billig-Krankenkassen werden zu teuren Kassen

Urs P. Gasche / 23. Okt 2012 - Folgen des neuen Risikoausgleichs unter Kassen: Viele ältere Spitalpatienten sind für die Kassen seit diesem Jahr ein Geschäft.

Bundesrat Alain Berset will verhindern, dass die Krankenkassen einander weiterhin junge gesunde Mitglieder abwerben. Bereits mit dem neuen, Anfang 2012 in Kraft getretenen Risikoausgleich sind die Kassen jedoch nicht mehr an jungen Gesunden, sondern an älteren Kranken mit Spitalaufenthalten interessiert. Sollte der Risikoausgleich zusätzlich noch den Medikamentenverbrauch der Kassenmitglieder berücksichtigen, wie es Berset vorschlägt, kann die Jagd auf ältere Kranke erst recht beginnen. Schon sehen sich etliche Billigkassen mit vielen gesunden jungen Mitgliedern gezwungen, ihre Prämien zu erhöhen. Denn für gesunde Mitglieder müssen sie mehr Risikoausgleich als bisher an andere Kassen abliefern.

Radikal neue Ausgangslage

Die Krankenkassen sind verpflichtet, akut Kranke und Chronischkranke genau so aufzunehmen wie Gesunde, obwohl alle die gleichen Prämien zahlen. Deshalb warben die Kassen möglichst viele Gesunde an und versuchten, Kranke vom Eintritt abzuhalten. Diese Risikoselektion wurde viele Jahre lang praktiziert, weil Kassen mit vielen Gesunden zu wenig Ausgleichszahlungen an Kassen mit vielen Kranken zahlen mussten. Der Risikoausgleich berücksichtigte lediglich die unterschiedliche Alters- und Geschlechtsstruktur der Kassenmitglieder.

Seit Anfang Jahr ist die Ausgangslage eine radikal andere: Es werden nicht nur Alter und Geschlecht der Kassenmitglieder berücksichtigt, sondern auch deren Spitalaufenthalte von über drei Tagen im vorausgegangenen Jahr. «Jetzt werden hospitalisierte Versicherte für die Kassen zu besseren Risiken als die Gesunden», erklärt Krankenkassen-Experte Josef Hunkeler, der sich bei der Preisüberwachung jahrelang mit den Kassen beschäftigt hat.

Rückwirkende Berechnung für das Jahr 2011

Der verschärfter Risikoausgleich kehrt den Spiess jetzt um: Billigkassen werden teurer und Kassen mit älteren und kränkeren Mitgliedern vergleichsweise günstiger. Auf Basis der realen Kosten hat Kassenexperte Hunkeler berechnet, wie die Kostenstruktur der Kassen ausgesehen hätte, wenn der neue Risikoausgleich mit den Spitalaufenthalten bereits im Jahr 2011 in Kraft gewesen wäre. Das Resultat ist frappierend: «Junge Männer werden für die Kassen zum Defizitgeschäft.» Der neue, verbesserte Risikoausgleich führe dazu, dass aus Sicht der Kassen die «kranken» Versicherten sogar zu «besseren» Risiken werden als die «gesunden». Als Hauptgrund nennt Hunkeler die «beträchtlichen Risikoausgleichszahlungen an hospitalisierte Versicherte». In der Handelszeitung meinte ein Kassenchef: «Gute Risiken müssen wir neu in Seniorenheimen suchen.»

Als Folge dieser neuen Anreize erwartet Krankenkassen-Spezialist Hunkeler, dass etliche der heutigen Billigkassen fusionieren und verschwinden.

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Keine

Weiterführende Informationen

An den steigenden Kosten sind nicht die Alten schuld

Eine Meinung

Also werden auch viele Junge und Gesunde jetzt wieder die Kassen wechseln müssen. Ein bürokratischer Irrsinn, den ich auch erlebt habe: Als die Visana im Stade de Suisse eine Luxusloge anmietete, habe ich sofort gekündigt – mit der Begründung, ich wolle mit meiner Prämie Arztleistungen finanzieren, und nicht Cüpli-Parties der Kassenbosse. Doch die Prämien der Sumiswalder, bei der ich jetzt bin, schnellten dann auch recht rassig in die Höhe. Fazit: Gegen diesen unsäglichen Scheinmarkt mit unzähligen Kassen, die sich gegenseitig die obligatorische Kundschaft abjagen und weit über einer Milliarde Verwaltungskosten (für Werbung und Luxuslogen...) im Jahr verprassen, hilft nur eines: Eine zentrale, öffentliche Kasse, analog der Suva oder der Berner Gebäudeversicherung (die macht mit halb so hohen Prämien, wie die Privaten auch noch viel Prävention mit Feuerwehr und so). Da könnten wir uns viel Geld sparen und die Kasse könnte statt Werbung zu schalten Prävention finanzieren, wie die Suva. Und auch Ärzte und Spitäler wirksam kontrollieren. Zum Glück kommt jetzt die Initiative für eine solche öffentliche Kasse: Ja stimmen! Niklaus Ramseyer (63).
Niklaus Ramseyer, am 24. Oktober 2012 um 12:21 Uhr

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