Zu Rudolf Strahms pauschaler Abrechnung mit den Eliten

Beat Allenbach © BA
Beat Allenbach / 22. Jan 2019 - Schwere Vorwürfe des alt-Nationalrats: Die Eliten kümmerten sich nicht darum, warum viele Anhänger der Populisten unzufrieden sind.

Mit seinen Kolumnen im Tages-Anzeiger trifft der Ökonom und alt-Nationalrat Rudolf Strahm oft den Nagel auf den Kopf. Doch in seinem Beitrag „Aufstand von unten“ vom 27. Dezember 2018 ist sein Unwille über das Establishment und die Eliten allzu pauschal: die Anhänger der Populisten seien zu recht wütend und unzufrieden, das Establishment hingegen mache praktisch alles falsch.

Haben sich die politisch Korrekten jemals gefragt, weshalb die Blocher, Le Pen, Gauland, Salvini oder Trump „derart grosse Anhängerscharen mobilisieren können“, schreibt Strahm. Haben sie sich je für die tieferen Motive deren Anhänger interessiert, lautet seine rhetorische Frage und sie wird, unausgesprochen, aber deutlich erkennbar, mit Nein beantwortet.

Das ist nicht gerade fair vom wortgewaltigen Kolumnisten. Denn viele Menschen, die sich nicht zur Elite zählen, die er aber pauschal ihnen zuordnet, brüten oft über diese Frage.

Gewagte Prognose über langfristige Folgen der Migration

Gemäss Strahm ist der „idealistische Multikulturalismus bezüglich der langfristigen Migrationsfolgen ein Realitätsverhinderer“. Die Angst vor der Migration rechtfertigt er damit, dass manche Menschen langfristiger denken als das Establishment und dessen Berufsdenker. Denn die Skeptiker würden sich besorgt fragen, wie unsere Gesellschaft in 20, 50 oder 100 Jahren aussehen wird, wenn die Zuwanderung aus dem arabischen Raum und aus Afrika unvermindert weitergehe.

Eine Prognose auf 50 oder gar 100 Jahr ist aus meiner Sicht sehr gewagt, denn vor 100 oder vor 50 Jahren hätte niemand geahnt, dass die Schweiz und auch die Schweizer so sein würden, wie sie heute sind. Zwischen 2007 und 2017 hat die ausländische Bevölkerung in der Schweiz nach Angaben des Bundesamtes für Statistik um eine gute halbe Million auf 2,1 Millionen Personen zugenommen. Der Grossteil der Zuzüger, 382'000, stammen aus Europa.

Die Zuwanderung aus Schwarzafrika stieg in der gleichen Zeitspanne um gut das Doppelte auf 82'000 Personen; vor allem infolge der Asylsuchenden aus Eritrea und Somalia, aber auch aus Äthiopien, Kongo, Kamerun, Nigeria und Togo. In allen Zahlen sind auch die Asylsuchenden sowie die anerkannten Flüchtlinge enthalten.

Weniger hoch ist die Zuwanderung in absoluten Zahlen aus den arabischen Staaten Nordafrikas und des Nahen Ostens. Deren Zahl ist zwischen 2007 und 2017 um das Doppelte auf 55'000 Personen angestiegen, vor allem wegen der vielen Flüchtlinge aus Syrien und dem Irak.

Es besteht also keine allgemeine Fluchtbewegung aus Afrika und den arabischen Staaten, denn die Flüchtenden stammen in ihrer Mehrheit aus Kriegsgebieten. Zudem kommt die grosse Mehrheit der Flüchtlinge aus Afrika und den arabischen Staaten nicht nach Europa, sie sucht Unterschlupf in den Ländern ihrer Region.

Zuwenig um die Verlierer gekümmert

Leichter nachvollziehbar und auch berechtigter sind die von Strahm erwähnten „Abstiegsängste der unteren Mittelschichten im Zeichen der Globalisierung und technischer Revolution.“ Darauf reagieren das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), der Bundesrat und vor allem die bürgerlichen Parlamentarier unsensibel. Dass bisher die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer von der Personenfreizügigkeit eher profitierte, wird schwerlich zu widerlegen sein, aber dass ein Teil der Bevölkerung unter weniger sicheren Stellen und Lohndruck leiden, hätte man schon längst erkennen können. In diesem Bereich haben auch die Sozialdemokraten und die Gewerkschaften zu lange darüber hinweggesehen.

Die meist billigeren, qualifizierten Zuwanderer sind jedoch nicht daran schuld, dass viele Arbeitgeber in der Schweiz geradezu süchtig zu sein scheinen, ausländisches Personal einzustellen. Die Rechtfertigung, sie seien qualifiziert und benötigten keine weitere Schulung, verliert an Überzeugungskraft, wenn wir andererseits das Hohelied unserer hochwertigen Berufslehre mit den vielen Weiterbildungsmöglichkeiten singen.

Der Zorn über die steigende Zahl ausländischer Arbeitskräfte entlädt sich jedoch nicht an den Arbeitgebern, sondern an den Ausländern.

Besonders krass ist das im Tessin, wo die Grenzgänger von Lega und SVP schlecht gemacht werden (Plakat von SVP-Mitgliedern: «Mäuse, die sich am Tessiner Käse gütlich tun»), aber die Arbeitgeber keiner Kritik ausgesetzt sind, denn Unternehmer und Gewerbler, welche der Lega und der SVP nahestehen, haben selber viele Grenzgänger und Ausländer in ihrem Personalbestand. Diesen Widerspruch wollen viele Einheimische nicht sehen.

Auch sich wandelnde Dörfer, Städte und Landschaften bedeuten Identitätsverlust

Der Zorn der Anhänger der Populisten hängt laut Rudolf Strahm auch mit der Identitätsfrage zusammen. „Die Entfremdung fängt an mit der elitären, akademisierten Sprache der Eliten, die man nicht versteht. Der politische Mainstream dreht sich um die Flüchtlinge, Genderfragen, sexuelle Minderheiten. Die hart arbeitenden Menschen in den Vorstadt-Hochhäusern und im Hinterland fühlen sich vernachlässigt“, schreibt Strahm.

Er hat gleichzeitig recht und unrecht. Recht, da sich viele Politiker kaum um die Verlierer kümmern, unrecht, da zahlreiche Politiker Projekte zugunsten auch der Verlierer unterstützen. «Eliten» – das ist ein nebulöser Begriff, der nicht taugt, eine gewisse Gruppe Menschen für das schwindende Vertrauen eines bedeutenden Teils des Volkes verantwortlich zu machen, denn auch ein Blocher oder ein Köppel sind Teil der Elite, auch wenn sie sich als die wahren Vertreter des Volkes wähnen.

Verlorene physische Heimat

Der Identitätsverlust hängt meiner Meinung nach nicht in erster Linie mit der Zuwanderung zusammen. Viele Menschen fühlen sich in ihrem Dorf, in ihrer Stadt, ja in der Schweiz nicht mehr zu Hause, weil sich so vieles verändert hat: Dörfer und Stadtquartiere haben ihre Erscheinung gewandelt. Das ist u.a. darauf zurückzuführen, dass vertraute Gebäude verschwinden mussten, weil eine erhöhte Nutzung der Grundstücke gesteigerte Erträge bringen. Zudem werden in Gemeinden, in welchen oft auch SVP-Politiker das Sagen haben, für schwerreiche Ausländer Grundstücke in bester Hanglage oder in Seenähe umgezont. Dadurch wird die Landschaft dauerhaft beeinträchtigt.

Weiter ist ein erbitterter Wettbewerb um die niedrigsten Steuern im Gang, was Ausländer und ausländische Firmen anlockt. Weiter wollen bürgerliche Politiker, dass künftig auch in geschützten Landschaften gebaut werden darf. All das kann man wirklich nicht den Zuwanderern anlasten.

Man kann deshalb nicht pauschal den Intellektuellen und Journalisten vorwerfen, sie würden konservative Menschen als Rassisten, Isolationisten und Nationalisten abstempeln und diese verletzen. Rudolf Strahm hat indessen recht, wenn er fordert, es brauche mehr Verständnis für die Anliegen der konservativen Wähler.

Doch meiner Meinung nach genügt Verständnis allein nicht, es bräuchte mehr konkrete Unterstützung für die Verlierer der Globalisierung, welche Lohneinbussen hinnehmen müssen oder gar Stellen verloren haben. Ob in diesem Zusammenhang die Herabsetzung der Sozialhilfe um bis zu 30 Prozent, wie das manche SVP-Politiker möchten, das richtige Mittel sei, darf füglich in Frage gestellt werden

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Keine

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SVP Plakat Käse

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6 Meinungen

als langjähriger leser (und mitarbeiter) des tages-anzeigers habe ich mich über rudolfs strahms kolumne derart geärgert, auch emotional, dass ich das abo der «republik» nicht mehr erneuerte, als diese ihn dafür mit irgend so einem preis auch noch ausgezeichnet hatte. das ist ungerecht und beinahe ein verstoss gegen die meinungsfreiheit, ich weiss und werde dies sicherlich auch rückgängig machen, aber infosperber als vergleichsmedium bringt mir mit einem wesentlich bescheideneren, freiwilligeren und sympathischeren auftritt objektiv mehr als das gestochene ladies-und gentlemen-portal, dessen artikel allzu oft selbstverliebt erscheinen, als wären sie literatur, ohne es zu sein. journalismus ist gebrauchssprache. es gab nur wenige, und in der schweiz keinen mehr seit meienberg, der dies übertrifft.
Erich Schmid, am 22. Januar 2019 um 13:01 Uhr
Rudolf Strahm trifft auch in dieser Kolumne den Nagel recht gut auf den Kopf, und Beat Allenbach bestätigt mit seiner Reaktion die Diagnose. Die Linken sollten weniger über die bösen Populisten schimpfen, und sich mehr überlegen, warum diese bei so vielen Leuten auf Zustimmung stossen.

Es trifft schon zu, dass zur Zeit relativ wenige Leute aus Afrika in die Schweiz kommen. Der Hauptgrund dafür ist aber, dass die EU mit aller Kraft die Grenzen abriegelt. 2015 hat die EU kurzfristig etwas weniger abgeriegelt, und dieses Experiment dann sehr rasch abgebrochen.

Es gibt gute Gründe für Kritik an der heutigen Situation. Wer aber behauptet, eine Grenzöffnung wäre völlig unproblematisch, macht es sich zu einfach und muss sich nicht wundern, wenn er nicht mehr ernst genommen wird.

Kurzfristig mag es funktionieren, missliebige Parteien «Populisten» zu schimpfen und in die Schandecke zu stellen. Längerfristig wird es heikel, wenn man die Anliegen der Wählerinnen und Wähler nicht ernst nimmt.
Daniel Heierli, am 22. Januar 2019 um 17:46 Uhr
Danke, dieser Beitrag füllt thematisch ein Vakuum. Schnell heisst es Rassist, wird man in ein Klischee gestossen, wenn man die komplexen gesellschaftlichen Strukturen und ihre «Verlierenden» und «Verschupften» auf zu zeigen beginnt. Die Zunahme der Gewaltdelikte in Vor-Ortsquartieren wird in Statistiken verwässert, es wird versucht zu beruhigen statt an der Ursache Lösungen zu suchen. Der «Schmerz» einer benachteiligten Bevölkerungsschicht darf nicht ignoriert und/oder Ethnien zugeschoben werden. Wenn dieser Entwicklung nicht Einhalt geboten wird, wenn dazu noch «Vereelendung» auf die Benachteiligten, Kranken, Invaliden und Alten geworfen wird, dann wird es sehr gefährlich.
Beatus Gubler, am 22. Januar 2019 um 22:06 Uhr
Wir müssen die Zuwanderung im Interesse der ansässigen Bevölkerung kontingentieren, und wir müssen unsere Souveränität politisch und rechtlich erhalten. Das sind mit Abstand die wichtigsten politischen Anliegen der nahen und weiteren Zukunft der Schweiz. Die einzige Partei, die sich dafür einsetzt, ist die SVP. Bei anderen Abstimmungen kann man mit guten Gründen auch andere Positionen unterstützen als jene der SVP. Da die oben genannten Schwergewichtsthemen aber national entschieden werden, muss man zumindest bei nationalen Wahlen die SVP unterstützen.
Alex Schneider, am 23. Januar 2019 um 05:52 Uhr
Rudolf Strahm mag tatsächlich mit dem Begriff „Elite“ etwas unvorsichtig umgegangen sein. Der Begriff „Elite“ ist unklar und ideologisch belastet. Man sollte daher besser von der Machtelite sprechen; das war wohl auch Strahms Absicht. Mit dem Ausdruck „Elite“ ist immer ein impliziter Bedeutungsrahmen verbunden, zu dessen Inhalt Begriffe wie „Intelligenz“, „Vernunft“, „wissen, was richtig ist“ etc. gehören. Davon, dass die linksneoliberal-globalistische Machtelite besonders viel Intelligenz oder Vernunft besässe, kann keine Rede sein; dafür hat sie viel Ideologie – gescheiterte Ideologie. Zu dieser Ideologie gehört die längstens falsifizierte Behauptung, dass die Migration für uns von grossem Nutzen sei. Dazu ein längeres Stück hier: https://dergeististleer.wordpress.com/

In ihre Ideologie gehört auch Allenbachs gänzlich unbegründete Aussage „Dass bisher die Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer von der Personenfreizügigkeit eher profitierte, wird schwerlich zu widerlegen sein“. Die Personenfreizügigkeit hat den meisten Schweizern in keiner Art und Hinsicht mehrheitlich Vorteile gebracht. Allenbachs Behauptung ist eine Meisterleistung an linksneoliberaler Verdrängung von Fakten und Tatsachen. Ich fordere ihn auf, seine Behauptung zu belegen und zwar mit Fakten, Belegen, Beweisen, empirischen Studien und nicht mit dem üblichen linksneoliberalen Gerede und Gemeinplätzen aus der neoliberalen Ideologieküche.
Martin Sauser, am 24. Januar 2019 um 12:51 Uhr
Ich verstehe nicht, in welcher Weise Schweizerinnen und Schweizer von der Personenfreizügigkeit profitiert haben sollen. Das ist eine vermeintliche Wahrheit, die gepredigt wird und unhinterfragt geglaubt werden soll. Natürlich gibt es welche, die von der Personenfreizügigkeit profitieren, beispielsweise die Konzerne.
Ruth Obrist, am 26. Januar 2019 um 23:12 Uhr

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