Zu Gast bei den olympischen Teppichverkäufern

Tobias Tscherrig © Tscherrig
Tobias Tscherrig / 16. Mai 2018 - Befürworter von «Sion 2026» laden zum «Informationsanlass» – und halten eine Werbeveranstaltung ab. So wird das nichts mit Olympia.

«Entfachen wir das Feuer» steht auf den beiden Fahnen, die den Eingangsbereich des «Zentrum Missione» in Naters schmücken. Kleine Farbtupfer vor Sichtbeton, das olympische Feuer zu Gast im Oberwallis.

Auch das Foyer des Tagungszentrums ist reich beflaggt. Unter dem Fahnenmeer unterhält sich der Walliser CVP-Staatsrat Christophe Darbellay mit SVP-Nationalrat Franz Ruppen, Gemeindepräsident von Naters und Co-Präsident des «Walliser Komitee Sion 2026».

14. Mai: Die Befürworter von «Sion 2026» haben schweres Geschütz aufgefahren. Sie sind in Naters zu Gast, in der zweitgrössten Gemeinde des Oberwallis. Auch ihre Zielsetzung ist nicht ohne: An der «offiziellen Informationsveranstaltung» wollen sie aufzeigen, «warum Sion 2026 ein verantwortungsvolles und nachhaltiges Projekt ist.»

Nicht verantwortungsvoll, nicht nachhaltig: Das sind zwei Kritikpunkte der Olympiagegner. Ihnen wollen sie den Wind aus den Segeln nehmen und so die Abstimmung vom 10. Juni gewinnen. Dann befindet die Walliser Bevölkerung darüber, ob sie die finanzielle Unterstützung des Kantons für die Organisation der Olympischen Winterspiele annehmen will. Der Stichtag rückt näher, deshalb touren die Befürworter mit ihren «offiziellen Informationsveranstaltungen» durch den Kanton.

Werbung statt Informationen

Leise, heroische Musik tönt aus den Lautsprechern. Ruppen und Darbellay betreten den Saal zuletzt, schütteln einige Hände, setzen sich. Alain Guntern, Präsident des Gewerbevereins Brig-Glis, begrüsst die Anwesenden und macht schnell klar, worum es geht. «Ihr seid gekommen, um euch eine eigene Meinung zu bilden. Das könnt ihr heute hier machen.»

Eine eigene Meinung bilden? Eine absurde Aussage. Die Organisatoren haben keine Olympiagegner eingeladen. Neben Darbellay und Ruppen sprechen Ralf Kreuzer, Delegierter der Olympischen Spiele, Olympiasieger Ramon Zenhäusern und Paraolympics-Sieger Hans-Jörg Arnold zum Publikum. Als Organisatoren treten mehrere regionale Gewerbevereine und Tourismusorganisationen auf. Allesamt Befürworter der Olympischen Spiele.

Eine einzige regional bekannte Olympiagegnerin ist im Publikum auszumachen. Sie wurde allerdings nicht von den Organisatoren, sondern vom Schweizer Radio und Fernsehen eingeladen – zwecks Interview am Schluss der Veranstaltung.

Angst vor einem «Nein»

Kritische Stimmen hätten dem Anlass gut getan. Damit hätten die Befürworter Kampfgeist und Mut bewiesen. Tugenden, die an den Olympischen Spielen hochgehalten werden und die zu ihrem Credo gehören. Es wäre ein Signal an die Bevölkerung gewesen: «Wir nehmen euch und eure Bedenken ernst. Wir informieren ausgewogen und transparent.»

Stattdessen gibt es Pathos und leere Phrasen. «Wir sind alle der Meinung, dass mit dem IOC in der Vergangenheit nicht immer alles gut gelaufen ist», sagt Kreuzer und meint damit die Korruptionsfälle, in welche die IOC-Sportfunktionäre immer wieder verstrickt waren. Es sind die kritischsten Worte des Abends. Dann preist er die rund 100 Massnahmen, die das IOC ergriffen hat, um «Gigantismus» zu vermeiden. «Wir werden eine neue Generation von Olympischen Spielen durchführen», so Kreuzer. Neue Olympische Spiele.

Auch die Kosten sind schnell abgehakt. Eine Folie, die in Grafiken das operative Budget, das Budget für die öffentliche Sicherheit und das Budget für die Infrastruktur darstellt, verschwindet bereits nach einigen Minuten. Einige Sätze à la «Olympische Spiele kennen keine Hooligans, da ist die Lage am Fussballspiel FC Sion gegen den FC Zürich schlimmer»; der obligate Hinweis auf die Sicherheit am WEF in Davos. Mehr braucht die Bevölkerung nicht zu wissen.

Was sie wissen muss, wird ihr in einem Werbevideo vermittelt. «Warum wollen wir die Spiele?», fragt Kreuzer, nur um sich die Antwort gleich selber zu geben. «Bei den Spielen in Pyeongchang haben wir doch alle mitgefiebert.» Und überhaupt, «bekommt das Wallis die Spiele, werden seine Anliegen in Bern nicht mehr erst an vierundzwanzigster, sondern an erster Stelle behandelt.»

Worthülsen in den Mixer

Die Befürworter sind in ihrem Element und machen, was sie am Besten können: Sie nennen die drängendsten Probleme des Wallis und präsentieren die Olympischen Spiele als Allheilmittel. Egal, welches Problem ansteht, die Winterspiele werden es lösen. Immerhin wird bei einer Durchführung der Spiele «weltweit über unsere Landschaft und unsere Kultur berichtet». Das sollte ausreichen, um sämtliche Probleme der Walliser zu lösen.

Nun ist der Boden bereitet, Christophe Darbellay betritt die Bühne. Mit lauter Stimme verkündet er: «Unsere Olympischen Spiele werden etwas Neues sein! Punkt. Amen.» Und: «Man darf nicht immer mit der Vergangenheit vergleichen.»

Aber Darbellay kann noch mehr. Er beschreibt den Notausgang, sagt, man könne sich jederzeit zurückziehen, wenn der Bund die Defizitgarantie ändere oder das IOC unhaltbare Forderungen stelle. «Alles ist ganz einfach», betont er. Und dann, zu den Risiken: «Schon am Morgen wenn man aufsteht, gibt es Risiken.» Eine Folie, die kurz die wichtigsten Risiken auflistet. Und weg ist sie.

Es folgen Hinweise auf die «Perspektive für unsere Kinder» und auf die nächste Mobilfunkgeneration 5G, die man nach einer Annahme der Spiele im Wallis eher erhalten würde. Und auf Recep Tayyip Erdoğan, den Präsidenten der Türkei. «Die Spiele könnten an die Türkei gehen», sagt Darbellay. «Da ist es nicht weit her mit der Demokratie.»

Jetzt hat sich Darbellay heiss geredet. Er weist auf die Zweitwohnungsinitiative sowie den Wolf hin und zementiert das Bild des Wallis als leidender, benachteiligter Kanton. Die Lösung? Die Olympischen Winterspiele.

«Ist das Wallis nicht fähig, das zu organisieren?», donnert Darbellay ins Publikum. «Hat man Angst? Wir sind der Kanton von César Ritz!»

Einige Zeit später wird Franz Ruppen in die gleiche Kerbe schlagen. «Wir brauchen im Wallis wieder mehr Pioniergeist», sagt er und verweist auf den Bau der Jungfraubahn, der Gornergratbahn und der Neat. «Unsere Vorfahren haben Mut bewiesen. Damals wurde gehandelt!»

Apéro und Werbegeschenke

Zwischen all dem Pathos spricht Olympiasieger Ramon Zenhäusern über seine Erlebnisse in Pyeongchang und über seine Bachelor-Arbeit, die von der Kandidatur «Sion 2026» handelt. «Je mehr ich mich mit dem Thema befasse, umso mehr muss ich sagen: es gibt kein Argument, das dagegen spricht.» Paraolympics-Sieger Hans-Jörg Arnold erzählt von seinem Unfall und wie toll es wäre, die Olympischen Spiele ins Wallis zu holen: «Wir haben die perfektesten Pisten und das schönste Wetter. Ausserdem können wir feiern.»

Alain Guntern schliesst die Veranstaltung schliesslich mit den Worten: «Merci denen, die sich Zeit nehmen und sich informieren.» Dann folgt ein Werbefilm, der am Schluss die lachenden Schweizer Medaillengewinner in Pyeongchang zeigt.

Nach rund einer Stunde werden die Zuschauer entlassen. Niemand hat auch nur eine einzige Frage gestellt. Während sie sich mit Werbegeschenken eindecken und einen Apéro geniesen, stehe ich etwas ratlos in der Ecke und suche noch immer nach den versprochenen Informationen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor ist im Wallis geboren.

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Eine Meinung

Bin gespannt, ob das Walliser Stimmvolk am 10. Juni auf die Schlangenfängerei des «Walliser Komitees Sion 2026» hereinfällt ...
René Edward Knupfer-Müller, am 17. Mai 2018 um 12:39 Uhr

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