Zwei grosse Welterkunder: Georg Forster (links) und Alexander von Humboldt © Wikimedia Commons/cc

Zeit- und Weltreise mit grünroten Vordenkern

Hans Steiger / 21. Jun 2019 - Georg Forster gehört mit ins Humboldt-Jahr! Hier locker-leidenschaftlich geschriebene Biografien zu beiden plus Zusatz-Lesetipps.

Alexander von Humboldt wird 250! Der im September 1769 geborene Naturforscher ist allenthalben präsent. Bereits vor seinem Jubiläumsjahr las ich, er habe sich von Georg Forster inspirieren lassen. Ja, in vielen heute grünrot zu nennenden Belangen sei dieser sogar der revolutionärere Vordenker gewesen. Also soll der weniger bekannte Forster in unserem Alternativmedium den Vortritt bekommen. Dafür sprechen auch Aussagen des aktuellen Jubilars über sein Vorbild. Immer wieder bezog Humboldt ihn in Betrachtungen ein: Berichte des naturkundigen Erdumrunders hätten seine Entdeckungslust geweckt. Mit ihm kam er nach wohlbehüteter Kindheit im zunehmend als eng empfundenen Berlin ins geistig-politisch offenere Paris. Von ihm empfing er frühe Anstösse zum Verknüpfen der Naturwissenschaft mit einer aufklärenden Philosophie. «Den ersten Entwurf zu einer Pflanzen-Geografie legte ich meinem Freunde Georg Forster, dessen Name ich nie ohne das innigste Dankgefühl ausspreche, vor.»

Zu früh verstorbener Revolutionär

Humboldt hatte ein halbes Jahrhundert mehr Zeit, sich zu entfalten. Forster lebte von 1754 bis 1794, nur knapp vierzig Jahre. Trotzdem lernte er die Welt wie wenige andere kennen und sein Themenfeld war weit. «Naturforscher, Ethnologe, Reiseschriftsteller und Revolutionär in der Zeit der Aufklärung», umreisst es die Wikipedia. «Er gilt als einer der ersten Vertreter der wissenschaftlichen Reiseliteratur und trat auch als Übersetzer, Journalist und Essayist hervor.» Dass er heute trotzdem kaum im «Kanon der Klassiker» zu finden sei, betont auch Humboldt-Biograf Schaper, habe viele Gründe – «mit seiner intellektuellen und schriftstellerischen Qualität hat es nichts zu tun.» Wahrscheinlich war er denen, die bei solchen Gewichtungen den Ausschlag geben, einfach zu radikal. «Humboldt hat die Erinnerung an ihn stets hochgehalten.»

Frank Vorpahl, der gleichfalls schon letztes Jahr eine biografische, durch die detaillierte Beschreibung seiner Recherchen zuweilen autobiografisch werdende «Suche nach Georg Forster» vorgelegt hat, beleuchtet Bezüge zu Humboldt zum Beispiel im zweiten Kapitel. Da wird ihre gemeinsame Reise nach Paris geschildert. Wochenlang mit dem Mann unterwegs zu sein, der zuvor 1111 Tage lang Captain Cook durch die Weltmeere begleitet und darüber ein spektakuläres Buch verfasst hatte, war für den Jüngeren mehr als nur eine Ehre. Es muss eine überwältigende Erfahrung gewesen sein. Forster erwähnt in seinem Tagebuch gelegentliche Tränenausbrüche des Begleiters, aber «diskret, ohne Angabe von Gründen». Humboldt, welcher diese wohl selbst nicht genau kannte, notiert seinerseits, dass «der arme Forster» sich quälte, um herauszufinden, «was so dunkel in meiner Seele lag». Aber als sie dann Anfang Juli 1790 mit Schaufel und Schubkarre unter den Tausenden waren, die auf dem Marsfeld in Vorbereitung des ersten Jahrestages der Französischen Revolution einen mächtigen Freiheitshügel aufschütteten, waren beide in bester Stimmung.

Frank Vorpahl: Der Welterkunder. Auf der Suche nach Georg Forster. Galiani, Berlin 2018, 542 Seiten mit vielen, meist farbigen Illustrationen, CHF 36.90

Forster blieb nach seiner Rückkehr «voller Elan für einen Neuanfang» und trat in Mainz als führender Kopf der dort 1793 gegründeten Republik auf. Erstmals in den deutschen Landen wurden Feudallasten abgeschafft, gab es demokratische Wahlen, konstituierte sich ein Parlament. In der Stadt Gutenbergs wurde Pressefreiheit verkündet! Doch die österreichisch-preussische Militärmacht beendete den Aufbruch. Forster bemerkte dazu bitter, die Mainzer kehrten «so leicht und so gern in ihr altes Joch zurück» als hätten sie nie etwas anderes gekannt. Gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen, eine Ausbürgerung ins Auge gefasst. Er starb – nach kurzem Aufenthalt im Schweizer Jura, wo seine Frau mit den Töchtern sowie einem gemeinsamen Freund eine relativ sichere Bleibe gefunden hatten – an den Folgen einer Lungenentzündung in Paris.

Weltreisen zu (s)einem Wasserfall

Natürlich nimmt «Die Reise» – jene grosse, wahrscheinlich fast allen als historisches Abenteuer bekannte – im Buch mehr Raum ein: Es steigt gleich mit der Entdeckung einer Südseeinsel ein, dem ersten, gewaltsam endenden Kontakt mit Eingeborenen. Ungefähr so hatte ich Derartiges in Jugendbüchern mitbekommen. Nun weckte dieser Ton sehr gemischte Gefühle. Er verliert sich zum Glück bald, und die Spurensuche enthält ausreichend andere Spannungsmomente.

Über gut zwei Jahrzehnte hinweg hat sich der Autor mit Forster beschäftigt, damit auch Auslandaufenthalte und Ferienreisen fern vom journalistischen Berufsalltag mit Inhalt gefüllt. 2010 sorgte ein unerwartetes Element für neue Dramatik. Er stiess nämlich beim Sichten archivierter Zeichnungen auf eine, deren zentrales Motiv weder ein Tier noch eine Pflanze war, sondern ein malerisch mit Regenbogen versehener Wasserfall. Doch nicht dessen Schönheit war für den Betrachter das Sensationelle; vieles von dem, was der vorfotozeitliche Bildreporter festgehalten hat, sieht von der Form und den Farben her wunderbar aus. Es werden im Buch reichlich exotische Beispiele geliefert. Forster war ja als Experte für die botanischen und zoologischen Entdeckungen angestellt. Bei klarer Arbeitsteilung. Für das Geographische waren andere in der Crew zuständig. Darum war, was da im Pariser Naturkundemuseums in einer Forster-Schachtel lag, tatsächlich ein Novum, «die erste Landschaftszeichnung, die wir von ihm kennen». Warum gerade dieser Wasserfall? Wo entstand die Skizze?

Über mehrere Kapitel verteilte Passagen gelten diesem Rätsel. Das langweilt nicht, obwohl die Geschichte zuweilen überdreht und künstlich gedehnt scheint. Selbst den 36-Stunden-Flug nach Tahiti, der sich den Indizien zum Trotz als Fehlschlag erwies, nahm ich dem rasenden Rechercheur nur halb übel. Klar, dass ich nicht verrate, ob er ans Ziel kommt. Denkbar war vieles, nach immerhin rund 250 Jahren, in Gebieten, wo Vulkane und Erdbeben häufig ganze Landstriche verändern ... Ganz nebenbei werden auch derartige Informationen ohne Lehrbuchgehabe transportiert. In diesem Sinne: Ferienlektüre mit Mehrwert!

Berlin, Paris, dann ab in die Anden

Eher zufällig war mein früher Griff in die Überfülle von Büchern zum Humboldt-Jahr. Sprach es nicht gegen die Biografie von Rüdiger Schaper, dass dieser zuvor Karl May, ja sogar Entertainer Harald Juhnke porträtiert hatte, Feuilletonist und offensichtlich ein Vielschreiber war? Ich bereute die Wahl nicht. Über das Wesentliche fühlte ich mich am Ende informiert. Auch das Insistieren auf Privatem hatte seinen Reiz. Wie war das mit der anderswo höchstens diskret angetippten Männerliebe des früh vom weniger sturen Paris und von Lateinamerika angezogenen Preussen? Es gab in seinem Umfeld auch Frauen, aufregend kluge. Zu längeren Bindungen ohne Sachbezug kam es kaum. An seinem Lebensende erscheint der Porträtierte als berühmt, aber doch einsam, und bei gesellschaftlichen Anlässen war er dem Spott aufstrebender Konkurrenten ausgesetzt: Ach, wieder dieser alte Mann mit seinen immer gleichen Geschichten! Damals auf dem Gipfel des Popocatépetl ... Aber einer der nun häufigen Besucher aus Übersee erlebt den in Berlin, «unserem baltischen Sandmeere», festsitzenden Forscher als eine Person voller Menschlichkeit und Heiterkeit. Humboldt habe ihm zum Abschied gesagt: «Sie sind viel gereist und haben viele Ruinen gesehen. Jetzt haben Sie eine mehr gesehen.» In der Bevölkerung wurde der Greis verehrt. Das staatlich zelebrierte Begräbnis im Mai 1859 war gewaltig. Es legte die Innenstadt lahm. Nachts kam es sogar zu Krawallen: «Der Aufmarsch der Honoratioren hat offenbar die Armen provoziert». Lange nicht alle hätten wohl gewusst, um wen es da eigentlich ging.

Rüdiger Schaper: Alexander von Humboldt. Der Preusse und die neuen Welten. Siedler, München 2018, 288 Seiten, s/w-Abbildungen, CHF 29.90

Die seinem Denken und Wirken gewidmeten Kapitel im Buch zeigen, dass er ein Pionier ökologischer Wissenschaft war und zumindest in dem Sinn auch ein Revolutionär. Mit seinem Bruder, dem stärker in Berlin verankerten Wilhelm von Humboldt, der – unter anderem als Universitätsgründer – vor allem im Bildungsbereich neue Wege beschritt, verknüpfte er die Natur- mit den Geisteswissenschaften. Und trotz opportunistischen Anpassungen blieb er ein engagierter Humanist, was zumal die Haltung gegenüber der Sklaverei zeigt. Mit diesem Grundübel wurde er in Amerika direkt und oft in Extremform konfrontiert. So kamen die Reisenden durch Täler mit Kakao- und Zuckerrohrplantagen, deren Erträge den Grundherren auf Kosten der darin hart Schuftenden ein angenehmes Leben erlaubten. Die grosszügigen Gastgeber jedoch präsentieren sich gern als gütige Kolonialisten. «Humboldt lässt sich nicht täuschen.» Er erkannte darüber hinaus, dass deren Eingriffe zu schweren Verheerungen von Natur und Kultur führen würden. Selbst moderne Klimaforschung ist im Ansatz sichtbar, zum Beispiel bei Messungen der Strömungen und Temperaturen des Meeres. Der nun nach ihm benannte Humboldtstrom fliesst von der Antarktis parallel zu den Anden.

Begeisterung in der Staatsbibliothek ...

Schaper verfolgte die Spur seines Helden nicht vor Ort. Der als Ressortleiter Kultur beim Berliner «Tagesspiegel» tätige Biograf konnte sich in der Staatsbibliothek begeistern, wo die schon optisch von den oft strapazierenden Touren zeugenden, später von Humboldt immer wieder als Rohmaterial konsultieren und mit Ergänzungen versehenen, kurz vor seinem Tod in neun Schweinslederbänden geordneten Reisetagebücher heute lagern. «Sie können das Buch ruhig anfassen.» Er musste nicht einmal Handschuhe tragen; nur angemessene Sorgfalt verlangte die Restauratorin. «So fühlt sich Glück an, ein Stück Papier, fest und eng beschrieben, Gewimmel wie unter einem im Wald aufgehobenen Stein.» Und was für ein Wunder, dass sie hier sind, unzerstört. Desgleichen unzählige Zeichnungen, Briefe, Dokumente. Vieles, so auch «Kosmos», der Fragment gebliebene «Entwurf einer physischen Weltbeschreibung», ist in sorgfältigen Editionen greifbar.

Alexander von Humboldt: Das Buch der Begegnungen. Menschen, Kulturen, Geschichten. Hrsg. von Ottmar Ette. Manesse Verlag, München 2018, 395 Seiten, meist kartographische Abbildungen, CHF 59.90

Aus den Reisenotizen, die es sogar komplett faksimiliert im Internet gibt, hat Ottmar Ette neu ein «Buch der Begegnungen» komponiert, einen Querschnitt, der entweder ganz oder je nach Interesse auf diversen Themenlinien lesbar ist – von Autobiografischem bis zu «Zivilisation und Barbarei». Hier werden Eindrücke von Humboldts spezieller Art des Schreibens, seines Sehens und Verstehens vermittelt. Alles wirkt lebendig frisch, nicht fein ausgefeilt und wird im Nachwort mit viel Hintergrundwissen kommentiert. Zeittafeln zur Vita sowie zur grossen amerikanischen Reise helfen beim Einordnen. Dafür schien mir bei diesem sonst gediegen gestalteten Band die Illustrierung etwas dürftig.

... und Stoff für ein halbes Leseleben

Gemäss der Empfehlung von Schaper beschaffte ich mir zudem «Ansichten der Natur». Keine noble Ausgabe, sondern das von Adolf Meyer-Abich herausgegebene Reclam-Bändchen. Der war mir als Vertreter einer holistischen, also «ganzheitlichen» Weltsicht bereits bekannt. Er betont diese denn auch als Kern der von Humboldt hier vereinten sieben Vorträge und Essays. Was «der botanische Systematiker trennt», versucht der Globaldenker zu verbinden. Anhand von Forschungsergebnissen und eher allgemeinen Betrachtungen, oft durchaus gefühlvollen Charakterisierungen einzelner Landschaften, geschieht das in mehreren Anläufen und bereits in der Vorrede werden die Fehler angesprochen, «welche ich selbst leichter rügen als verbessern kann».

Alexander von Humboldt: Ansichten der Natur. Herausgegeben von Adolf Meyer-Abich. Reclams Universal-Bibliothek, 173 Seiten, CHF 6.90

Bei der heutigen Humboldt-Lektüre geht es denn auch weniger um Sachinformation, einzelne Details, sondern um die Herangehensweise. Geboten wird mit diesen alten «Ansichten» ein Wegweiser, keine Lösung. Es gehöre zu den Rechten und Pflichten jeder Generation und Epoche, schrieb Meyer-Abich bereits 1969, «sich die für ihre Erkenntnisstufe gültige Lehre von der Natur durch eigene Anstrengung zu erarbeiten». Offenbar macht sich eben wieder eine Generation ziemlich selbstständig neu auf den Weg. Für sie sei aus dem Nachwort noch die Feststellung zitiert, dass wir «seit einem Jahrhundert dazu erzogen sind, die 'Natur' vorwiegend mit technischen Augen als eine ungeheuerliche Weltmaschine, als ein Sammelsurium von im Grunde unverständlichen 'Mechanismen' anzusehen.» Dies gelte es zu korrigieren.

Schaper rät zudem zur Lektüre der «Ansichten von Niederrhein» von Georg Forster, auf die Humboldt sich in Erinnerung an gemeinsam Erlebtes bei der Titelwahl für die eigene Sammlung bezog: «Sie sind voller Empathie für die unfreien, geknechteten Menschen, denen die Reisenden begegnen – ein kaum versteckter Aufruf zur Umwälzung.» Die vielen einschlägigen Zitate von Männern und Frauen aus der Umgebung der beiden Porträtierten liessen mich ohnehin vermuten, dass leicht ein halbes Leseleben mit Werken und Briefwechseln jener revolutionären Jahre zu verbringen wäre.

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Dieser Text erscheint auch in der P.S.-Sommer-Buchbeilage.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine.

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