Wissenschaft für Dummies

Beat Gerber © cc
Beat Gerber / 22. Nov 2016 - Bob Dylan sagt ab, Junkfood macht dumm, Trump heizt auf und Erdbeben sind nicht voraussagbar. Was ist bloss mit der Forschung los?

Vermessen, aber cool: Bob Dylan lässt definitiv die Preisverleihung in Stockholm aufgrund «anderer Verpflichtungen» aus. Oder müsste er sonst Joan Baez mitnehmen, seine wichtigste Förderin? Nobelpreise sind jedenfalls nicht mehr so begehrt wie einst, zumindest bei der Literatur. Auch fürs Geniekult-Geschäft gilt jetzt der berühmte Refrain (1964): «The times they are a changin‘.» Allerdings erwarten andere Nobel-Anwärter jeweils sehnsüchtig den Anruf aus Schwedens Hauptstadt und wären bestimmt an der Feier im Dezember dabei, zum Beispiel Wissenschaftler aus der Schweiz. Aber auch dieses Jahr blieb ihnen bei den noblen Preisen bloss das Nachsehen. Für unsere stolze Innovationsnation liegt die letzte dieser höchsten akademischen und kulturellen Auszeichnungen bereits 14 Jahre zurück, fürs Selbstbewusstsein eine unendlich lange Durststrecke! 2002 erhielt der ETH-Biophysiker Kurt Wüthrich die Chemie-Medaille des Dynamit-Erfinders, seither warten wir jeden Herbst gespannt auf eine positive Antwort aus Stockholm. Wie dichtet bzw. singt doch nobelpreiswürdig Dylan mit heiserer Kehle (1963): «The answer, my friend, is blowing in the wind.»

Hemmungsloser Hirnschaden

Schmackhaft, doch zum Kotzen: Eine Studie von Forschenden der ETH und Uni Zürich kommt zum Schluss, dass Junkfood das Hirn schädige. Fettreiches Essen in der Zeit von der späten Kindheit bis zum jungen Erwachsenenalter wirke sich negativ auf die Reifung der Stirnhirnrinde aus. Das könne später schlimme Folgen haben, etwa Mühe beim Lernen oder unkontrollierte Aggressionen. Auch können Betroffene die Hemmungen verlieren (diverse Medien, 16.11.). Zwar wurden die Tests an Mäusen vorgenommen und bei der hohen verabreichten Fettkalorienzahl müssten Jugendliche unweigerlich kotzen. Doch um den Heranwachsenden den saftigen Burger und die gluschtigen Pommes zu vermiesen, wird jetzt auch die Spitzenforschung bemüht. Frage an ETH und Uni Zürich: «Ist Wissenschaft stets relevant und wertfrei?» – Antwort aus dem Elfenbeinturm: «Im Prinzip ja, doch hängt das von den Sponsoren ab.» Transparent in diesem Fall ist allein der Blick ins Mäusegehirn.

Warme Luft aus Washington

Entsetzlich, dazu noch hitzig: Der neu gewählte US-Präsident ist bekanntlich bekennender Klimaskeptiker und bezweifelt die menschgemachte Erwärmung («ein Scherz»). Wissenschaftler und Elektroautobauer sind beunruhigt, weil Donald Trump die Kohleförderung wieder ankurbeln und die verbrennungsmotorige Autoindustrie aufleben lassen will. Kohlendioxid-Emissionen werden in atmosphärische Höhen steigen, Subventionen für Alternativtechnologien dagegen in tiefe Abgründe sinken – im Gegensatz zum hiesigen verfilzten Klimaschutz-Markt (SoZ, 20.11.). Nach Trumps Triumph verlor die Tesla-Aktie rund 4 Prozent (20 Minuten, 10.11.). Fassungslos war ETH-Klimaphysiker und IPCC-Autor Reto Knutti, zurzeit mit Familie in den USA (TA, 10.11.): «Ich weiss nicht, wie ich die Wahl meinen Kindern erklären soll.» Trump erhitzt weltweit nicht nur die Gemüter, sondern auch die Erdatmosphäre. Besonders wirksam dabei wird die warme Luft aus dem Weissen Haus sein.

Animalische Warnsignale

Tragisch, schon fast vergessen: Schwere Erdbeben haben Ende Oktober Mittelitalien durchgeschüttelt und eine Unzahl mangelhaft konstruierter Häuser zerstört. Zehntausende Menschen sind obdachlos geworden. Die Wissenschaft kann die fatalen Erschütterungen geologisch eingängig erklären: Unter dem Apennin dehnen sich die Erdplatten auseinander, wodurch sich die in den Krustengesteinen ausgelösten Spannungen in vielen kleineren oder eben grösseren Stössen entladen (mehrere Medien, 30.10.). Doch bei der Vorhersage von Erdbeben müssen die Seismologen immer noch verschämt passen, keine Chance! Künftig könnten aber Hunde als Frühwarner dienen. Bevor nämlich die Erde erzitterte, bellten viele Vierbeiner und heulten laut auf (TA-online, 31.10.). Dass sich Tiere Stunden und sogar Tage vor einem Beben auffällig verhalten und flüchten wollen, ist bekannt. Bereits die Römer hatten das Phänomen beim Ausbruch des Vesuvs im Jahr 79 (Pompeji) beobachtet. Weltweit versuchen daher Wissenschaftler seit langem, die animalische Vorahnung von Naturkatstrophen zu erforschen und zu nutzen. Bisher ergaben solche «Tierversuche» jedoch keine klaren Befunde. Seismisch abgerichtete «Bernhardiner» wären toll, erdbebensichere Bauten aber noch besser.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist Beat Gerber publiziert heute auf seiner satirischen Webseite «dot on the i», auf der diese Glosse erschien.

Weiterführende Informationen

DOSSIER: Beat Gerber: Tüpfelchen auf dem i

4 Meinungen

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Stephan Klee, am 22. November 2016 um 12:23 Uhr
"Junkfood macht dumm» hinter dieser Studie von ETH und Uni ZH steckt leider die
Erfahrung, dass auch diese beiden Institute Studien auf Anfrage erstellen.
Die WHO stellt die Schädlichkeit von Big Food der von Big Tobacco gleich.
Global geht es massiv gegen Zucker. Wenn man jetzt gegen Fett (welches? jede
Zelle benötigt es, nur industrielles und ranziges Fett schädigt), wettert, so lenkt man davon ab, dass global an Zuckersteuer, weniger Zucker usw. gearbeitet wird.
Dabei geht es vor allem um den Zucker, den wir ohne zu wissen, essen. Er dient zum
Geschmackaufmozzen von billigem Material. Daher empfiehlt die WHO 50 Gramm pro
Tag mit Hinweis nur 25 wäre besser. Tatsächlich sind es bis 180 im Schnitt. Schweiz empfiehlt 100 gr /Tag. Wir sind damit unter den «Top 5» global und die Schweiz subventioniert den Rübenanbau enorm. Dafür wird Gemüse importiert. Am schlimmsten ist es, dass Buschinahrung bis 40% aus Zucker bestehen darf und damit die Entwicklung von Organen, BESONDERS HIRN schädigen kann. Und diese Buschinahrung darf als GESUND verkauft werden.
ETH und UNI ZH lenken «wunderbar» vom Zuckerproblem ab.
Elisabeth Schmidlin, am 22. November 2016 um 16:10 Uhr
Kein vernünftiger, ehrlicher Mensch bezweifelt, dass die Klimaerwärmung menschgemacht ist. Dass, wer sich für eine Mehrproduktion von CO2 einsetzt, zur Aufheizung der Erdatmosphäre beiträgt. Es ist kein Geheimnis, dass ein gewisser Donald Trump, genau das anstrebt. Es muss unterbunden werden, dass Trump sein Programm umsetzen kann. Dafür sind alle Mittel recht, denn es geht um die Existenz der Menschheit.
Peter Beutler, am 22. November 2016 um 20:25 Uhr
Eine Ergänzung. Mit «allen Mitteln recht», sind natürlich die Legitimen gemeint: Streiks, Dienstverweigerung, passiver Widerstand, Lahmlegung von Verkehrswegen, Zerstörung von Pipelines aber nicht Angriffe auf menschliches Leben.
Peter Beutler, am 23. November 2016 um 03:25 Uhr

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