Die «New York Times» verlangte eine Untersuchung über die Ankunft verarmter Schweizer © cc
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Gegen Wirtschaftsflüchtlinge aus der Schweiz

Urs P. Gasche / 15. Sep 2015 - Schweizer Gemeinden hatten ihre ärmsten Leute im 19. Jahrhundert mit Finanzhilfen in die USA abgeschoben. Dort kam es zu Protesten.

Über 300'000 Schweizer sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Armut in unserem Land entflohen und ausgewandert. Viele Gemeinden zahlten den ärmsten Einwohnern die Schiffsreise, damit diese der Gemeinde nicht mehr zur Last fielen.

In den USA wurde die Ankunft solcher Wirtschaftsflüchtlinge zum Teil mit harscher Kritik aufgenommen. Die «New York Times» verlangte sogar eine Untersuchung. Die Zeitung ärgerte sich besonders darüber, dass Schweizer Behörden das Ausreisen ihrer Verarmten zahlte.

«New York Times» vom März 1855 unter dem Titel «Noch mehr Almosenempfänger aus der Schweiz – wieder eine Schiffsladung unterwegs»: Weitere 320 der ärmsten Einwohner aus der Aargauer Gemeinde Niederwil (heute Rothrist) seien unterwegs in die USA.

«Ein weiterer verarmter Immigrant»

Dieser Ausschnitt aus der «New York Times» stammt aus dem Jahr 1879: Schon wieder sei ein «verarmter Schweizer» aufgefallen: Der 43-jährige Theodor Meier aus dem solothurnischen Bärschwil. Er habe erklärt, zu Hause dem Vater auf einem kleinen Bauernhof geholfen zu haben. Doch der Betrieb sei bankrott gegangen. Statt wie ihm wie verlangt zu helfen, habe Gemeinde-Vizepräsident Holzherr ihn gedrängt, in die USA auszuwandern.

Nach seiner Ankunft in New York sei Meier rasch das Geld ausgegangen. Deshalb sollte er gemäss «New York Times» ausgeschafft werden. Doch er habe sich geweigert, in die Schweiz zurückzukehren. «Aber die Migrationsbeamten sind entschlossen, ihn zurückzuschicken», berichtete die «New York Times». Nur so könnten Schweizer Kantone davon abgeschreckt werden, weitere unerwünschte Bürger «zulasten des amerikanischen Steuerzahlers» auf Reise zu schicken.

Die Schweiz war offensichtlich nicht das einzige Land Europas, das die Ärmsten in die USA verschiffte.

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Infosperber stiess zuerst am 6. September in einem Facebook-Eintrag von Marc Brupbacher auf die abgebildeten Zeitungsausschnitte der «New York» Times.

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Keine

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5 Meinungen

Als Gedenkredner und Publizist zur Rothrister Auswanderung (2005) las ich diese Geschichte über den Meier aus Bürschwil mit Interesse.

Die Auswanderer von 1855 wurden angehalten, in le Havre auf die Frage nach der Freiwilligkeit der Reise dem US-Konsul unbedingt mit «Ja» zu antworten. Die 307 Rothrister, für deren Reisefinanzierung in vorsozialstaatlicher Zeit ein Wald verkauft werden musste, wurden im Raum Missouri in die freie Wildbahn entlassen, erhielten in den USA dann ein Taschengeld für 10 Tage.

Die Bezeichnung «Wirtschaftsflüchtlinge» ist aber weder für die Schweizer Auswanderer in die Mark Brandenburg (1685) noch für die US-Auswanderer, etwa aus meiner Heimatgemeinde Würenlingen, von wo mir sämtliche Auswanderer namentlich bekannt sind, angemessen. Nur in einer Minderheit von Fällen lag ein politischer oder «krimineller» Grund vor. Gelegentlich hinterliess man mal ein uneheliches Kind in der Schweiz. Die Auswanderung aus einem im Prinzip armen, eher übervölkerten Land wie die Schweiz in einen Grossraum, in dem Einwanderer im Prinzip willkommen sind, ist in keiner Weise mit der Wahl der Einwanderung ins grosszügigste Sozialsystem der Welt zu vergleichen, wo gleich sofort eine Therapie von 30 000 Franken für ein schwererziehbares eriträisches Flüchtlingskind gestartet wird.

Solche Phänomene werden unterdessen auch in Deutschland als «Hilfsbesoffenheit» bezeichnet, wie der Fremdenhass ein im Prinzip massenpathologisches Phänomen.
Pirmin Meier, am 15. September 2015 um 12:15 Uhr
PS. In le Havre wurden tatsächlich zwei weinende Solothurnerinnen 1855 vom US-Konsul zurückgeschickt. Die psychologische Situation dieser Schweizerinnen war also eher umgekehrt. Wer weint schon bei der Ankunft in München oder dann aus welchem Grund?
Pirmin Meier, am 15. September 2015 um 12:25 Uhr
Es ist wohltuend, den Kommentar von Pirmin Meier zu lesen, der momentan oft angestellte schiefe Vergleiche zurechtrückt. Dies besonders in einer Zeit, in der fast alle Medien dem Volk uanablässig eine unkritische Gutmenschenhaltung gegenüber dem Phänomen der vorwiegend durch erwarteten Wohlstandsgewinn getriebenen Massenmigration einhämmern.
Hans R. Moning, am 15. September 2015 um 14:57 Uhr
Geht es heute den USA wirtschaftlich und finanziell so schlecht, weil die ärmsten Schweizer nach den USA ausgewandert sind? Müssen wir dafür gar die Verantwortung übernehmen?
Beda Düggelin, am 15. September 2015 um 16:11 Uhr
@Wick. Sie tönen ähnlich wie Sarah Wagenknecht. Nicht völlig daneben, derzeit fast die einzige parlamentarische Opposition in Deutschland, aber doch ihrerseits eher von Ideologie und Feindbildern statt von Fakten und Geschichten geleitet. Der informierte Wähler merkt, warum sich Blocher und Lafontaine in Baden relativ gut miteinander verstanden haben. Noch was: Ablehnung von Empathie gibt es gar nicht. Es kommt immer darauf an, wem sie gilt. Desgleichen Solidarität und Toleranz. Die Hilfsbereitschaft ist vielleicht am ehesten ideologiefrei. Haben Sie der Glückskette schon gespendet?
Pirmin Meier, am 15. September 2015 um 18:02 Uhr

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