Apokalypsen füllen Bibliotheken © Kunstee-flickr-cc
Bammé © Metropolis
Harari © Beck
Cachelin © Stämpfli

Schöne neue Welt: Mutmassungen über Zukünftiges

Hans Steiger / 20. Mrz 2018 - Seit 100 Jahren geht das Abendland unter. Zukunft heisst neue Ängste. Droht die Apokalypse jetzt? Drei differenzierte Diagnosen.

Manchmal ärgere ich mich selbst, dass mich das Thema nicht loslässt – die Furcht vor vermeintlichem Fortschritt, der mit Zerstörung von Gegenwart und Zukunft erkauft wird. Durch kleine praktische Konsequenzen sowie das tagtägliche mediale Gerede über sie rückt die Digitalisierung zunehmend ins Zentrum. Vielleicht zu Unrecht. Doch wir haben uns hier derzeit wohl alle am spürbarsten in technischen Netzen verfangen.

100 Jahre «Untergang» – aktuell?

Ausgangspunkt der zu beschreibenden Lesetour war ein neues Buch von Arno Bammé: «Die Apokalypse denken, um den Ernstfall zu verhindern». Der vielseitige Publizist leitete lange das Institut für Technik- und Wissenschaftsforschung der Alpen-Adria-Universität, war in einem «Ökotopia-Projekt» beteiligt, gibt die Buchreihe «Nordfriesland im Roman» mit heraus. Auch an der von Bazon Brock in Berlin gegründete «Denkerei» mit ihrem «Amt für Arbeit an unlösbaren Problemen» ist er beteiligt. Die dort erarbeiteten Texte klingen keineswegs unernst: «Warum Gesellschaften kollabieren», «Schöpfer der zweiten Natur. Der Mensch im Anthropozän». Als der emeritierte Professor gebeten wurde, sich mit Blick auf 2018 intensiver mit Oswald Spengler und der «epochemachenden Schrift» über den «Untergang des Abendlandes» zu befassen, sagte er interessiert zu. Geprüft werden sollte, ob in ihr noch Aktuelles stecke. Daraus wurde ein Essay, der weit über die Frage hinausreicht, was der noch 100 Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes bekannte Titel in unseren Köpfen auslöst und wer seitdem solche Visionen gesellschaftlicher Zusammenbrüche weiter verfolgt hat.

Schon auf dem Umschlag steht, derartige Untergangsprophetien – bereits die biblische Apokalypse von Johannes war eine – sowie Hinweise auf «ungeheure Gefahren» seien «aktueller denn je, auch wenn sie heute etwas völlig Anderes bedeuten». Nicht nur der im Untertitel erwähnte Peter Sloterdijk kommt als ein neuerer Denker vor, der sich mit verdrängten Zukunftsszenarien befasst. Eindrücklich erinnert wird an Günther Anders und dessen Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Atomzeitalters. Ein ganzes Kapitel befasst sich mit ihm und unserer «Apokalypse-Blindheit». Der nach der Exilzeit wieder in Wien lebende Philosoph prägte den treffenden Begriff in den 1950er-Jahren «angesichts der Tatsache, dass die Menschheit einerseits über die technische Möglichkeit verfüge, sich selbst auszulöschen, diesem gattungsgeschichtlichen Novum andererseits aber mental in keinerlei Weise gerecht werde». Bei der Atombombe und andern Nutzungen der Kernenergie merkten inzwischen viele, «dass wir der Perfektion unserer Produkte immer weniger gewachsen seien» und «mehr herstellen, als wir uns vorstellen und verantworten können». Auch in den medialen Bereich stiess Anders in seiner Studie über die «Antiquiertheit des Menschen» früh vor. Gern läse ich von ihm ergänzende Notizen zur aktuellen Entwicklung der Digitalisierung! Er starb 1992.

Bedenken, nicht alles glauben

Was die rosa Version der schönen neuen Silicon Valley-Welt betrifft, reichten mir die Zitate zu den Visionen von Ray Kurzweil, sein «Homo S@piens» und auch «Menschheit 2.0: Die Singularität naht» muss ich nicht lesen. Er gestaltet unsere Zukunft bei Google mit und rechnet für sich bereits mit ewigem Leben. Das vergleichend daneben oder eher dagegen gestellte Buch aber beschaffte ich mir: «Homo Deus» von Yuval Harari. Bammé merkte an, dass es nicht nur «in einer angenehm lesbaren, auch für Laien verständlichen Sprache» teils «sehr komplizierte Sachverhalte» darstellt, sondern auch zentrale Fragen formuliert. Etwa die: «Was wird aus unserer Gesellschaft, unserer Politik und unserem Alltagsleben, wenn nichtbewusste aber hochintelligente Algorithmen uns besser kennen als wir selbst?» Das beschäftigt offensichtlich viele. Der immerhin 500 Seiten starke, im besten Sinn populärwissenschaftliche Wälzer, dessen deutsche Ausgabe zu Beginn des vergangenen Jahres erschien, hatte im Dezember bereits die 12. Auflage erreicht.

Der an der Oxford University promovierte, nun in Israel wirkende Historiker hatte schon zuvor einen in fast 40 Sprachen übersetzten Bestseller verfasst: «Eine kurze Geschichte der Menschheit». Diese zu lesen ist keine Voraussetzung für das Verständnis der jetzt vorgelegten Mutmassungen zur Zukunft, denn der Weg in unsere Gegenwart wird im Schnelldurchgang skizziert, locker und anschaulich, mit oft überraschenden Bildern illustriert. So findet sich neben dem hehren Gott, der ein Pharao im alten Ägypten für seine Untergebenen eben auch war, ein Foto von Elvis Presley. «Marken sind keine Erfindung der Neuzeit.» Dass der Autor ein freier Denker sein will, markiert er gern mit Provokationen auf alle Seiten: «Liberale, Kommunisten und Anhänger anderer moderner Glaubensrichtungen mögen es nicht gerne, wenn man ihr eigenes System als Religion bezeichnet, denn sie setzen Religionen mit Aberglauben und übernatürlichen Mächten gleich.» Dabei stünden sie einfach für je eigene Systeme moralischer Gesetze. Daran wird sich vielleicht erinnern, wer beim letzten Kapitel angelangt ist, in dem es um «die Datenreligion» geht, den Dataismus. Dieser habe, nachdem die Beliebtheit und Macht der Moralreligionen schwinde, beste Aussichten, die Welt zu übernehmen. Derzeit breite er sich auf alle wissenschaftlichen Disziplinen aus. «Ein einheitliches Paradigma kann leicht zu einem unangreifbaren Dogma werden.» Dessen kritische Überprüfung werde vermutlich die grösste intellektuelle Herausforderung des 21. Jahrhunderts.

Digital getriebene Globalisierung

Auf den ersten Seiten wird der Anbruch des dritten Jahrtausends noch als Illusion des Aufbruchs in eine heilere Welt beschrieben. Es schien gelungen, Hunger, Krankheit und Krieg im Zaum zu halten. Vorbei die Zeit der politischen Polarisierung. Höchstens ferne Erinnerungen trübten das Traumbild: «Da war irgendwas mit Stacheldraht und riesigen Wolken, die aussahen wie Pilze.» Eine neue globale Agenda lag vor uns. Fortschritte in allen Bereichen machten alte Probleme lösbar, dank Bio- und Informationstechnologien rückten auch Unsterblichkeit und künstliche Intelligenz in die Nähe des Realen. «Homo Deus» eben. Viele fanden das allerdings nicht geheuer: «Kann bitte mal jemand auf die Bremse treten?» 2001 dann der terroristische Schock. 2008 offensichtliche Krisen. Die existenziellen Ängste kehrten zurück.

Bei der Klimafrage kam es in Paris zum erhofften internationalen Konsens, doch viele der Entscheide, die es zur Erreichung der Ziele braucht, reichte die Politik mit den dazu gesetzten Fristen gleich an die nächste Generation weiter. Wachstumsgläubige hoffen dabei nicht nur auf ein Wunder, «sie gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass dieses Wunder geschieht». Erwartet wird es in der Regel im Bereich von Wissenschaft und Technik. Irgendwann. «Die meisten Präsidenten, Minister und CEOs, die die Welt regieren, sind ausgesprochen rationale Menschen. Warum sind sie bereit, sich auf ein solches Vabanquespiel einzulassen?» Weil es nicht mehr um ihre persönliche Zukunft geht? Weil sie im Notfall auf Hightech-Archen für die Oberschicht setzen? «Und was ist mit den Armen? Warum protestieren sie nicht?» Weil sie mit im Hamsterrad sind.

Nebenwirkungen im Vordergrund

Ergänzend möchte ich «Internetgott» von Joël Luc Cachelin empfehlen. Darin wird nicht nur «die Religion des Silicon Valley» auf sehr eigenwillige Art vorgeführt, auch unsere vielfältige Verstricktheit mit dieser ist ein Thema, wenn nicht gar das zentrale. Sie wird Leserinnen und Lesern aus der Schweiz mit oft unheimlich anheimelnden Wendungen bewusst gemacht. «Google sieht mehr als die Migros und diese mehr als die Bäckerei am Dorfplatz.» Doch natürlich bin ich mit meiner Cumulus-Card längst in jenem roten Bereich, dem ich mich durch den Verzicht auf ein Smartphone zu entziehen versuche. Gerade als Verweigerer käme ich künftig voll ins Visier smarter Kontrolle. Wenn «die Digitalisierung als Megaerzählung» alle «politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und technologischen Realitäten» prägt, rückt ein Ausscheren in die Nähe des Terrors. Bei meinem Jahrgang würde es wahrscheinlich noch als Altersstarrsinn, nicht als Akt der Rebellion taxiert. Darum kann ich mich über die Zwänge rundum nur ärgern, muss mich nicht fürchten. Doch es geht schnell voran. «Wir erleben Zeiten der Verunsicherung und des Misstrauens. Diffuse Ängste machen sich breit.» Speziell bei Angehörigen des unteren Mittelstandes, zu dem der Autor etwa Verkäufer und Buchhalterinnen, auch das mittlere Management zählt. Hier wachsen Wutbürger heran. «Die Bedrohten sind vom Tempo der Veränderung überfordert, sie finden keine stabilisierenden Netzwerke.» Was sich in einer Vielfalt der Lebensstile entwickelt, nehmen sie als Sittenzerfall wahr. Wieder ein Untergang des Abendlandes?

Mehr als in früheren, inhaltlich ähnlichen Schriften von Cachelin, die für mein Gefühl zu oberflächlich im Chancen/Risiko-Muster verblieben, sind hier auch Nebenwirkungen in den Vordergrund gerückt, die für ein bedrängendes Gesamtklima sorgen. «Nicht jeder will eine intelligente Kontaktlinse, nicht jede einen Roboter zum Freund, nicht alle sehen das Heil im Fortschritt.» Der aber ist in seiner digitalen Ausprägung weltweit anerkannte Religion, mit dem Internet als Gott. Nach alter christlicher Vorstellung sah Gottes Auge alles. «Er verfolgt uns auf Schritt und Tritt, bewertet jede unserer Handlungen – je nach Perspektive, um uns kennenzulernen, beizustehen oder zu kontrollieren.» An die «totale Beobachtungskapazität» konnte einst glauben, wer wollte – «nun ist sie eine technische Realität.» Der nie um eine weitere Drehung verlegene Schreiber bringt hier auch den Teufel ins böse Gedankenspiel. Und der «betreibt Social Engineering»...

Natürlich wäre moderne Technologie auch für eine gute Gestaltung der Gesellschaft zu nutzen. Die «nachhaltige Bewirtschaftung des Planeten» zum Beispiel liesse sich befördern. Allerdings müssten wir uns dann als Menschen einig werden, «was wir wollen und was uns wichtig ist». Von dominanten Anwendungen und ökonomischer Steigerungslogik ist eher Selbstzerstörung zu erwarten als menschliche Solidarität. Aber ein Prophet, «ein verkappter Kleriker» will der in St. Gallen ausgebildete Betriebswirt nicht sein. Nur fällige Fragen stellen, reflektieren, «eigene Visionen der vernetzten Zukunft definieren». Eine von ihm betriebene «Wissensfabrik» bietet zudem an, die «digitale Transformation» von Unternehmen zu begleiten.

Ahnungen ohne böse Prognosen

Auch die zwei davor gewürdigten Bücher lassen das Feld für neue Hoffnungen offen. Bammé setzt das Verhindern des befürchteten Ernstfalls bereits in den Titel. Das habe ja auch Spengler vor hundert Jahren gewollt. Er sah «die Technik in ihrer Eigendynamik als das charakteristische Element der Zivilisation», rief «die abendländische Intelligenz» zu mehr Aufmerksamkeit für diese Triebkraft auf. Um sie zu beherrschen, sich ihrer zu bedienen hat der – allerdings antidemokratisch argumentierende – Geschichtsphilosoph dem Politischen die Priorität gegenüber der Ökonomie einräumen wollen. «In mittlerer Perspektive betrachtet, ist es anders gekommen.» Von ihm gewollte «charismatische» Formen von Herrschaft führten in katastrophale Kriege und «die profitorientierte Wirtschaftsform des Kapitalismus» blieb.

Harari, der den Sozialismus einmal als Alternative des 19. Jahrhunderts beschreibt, «weil niemand sonst eine Antwort auf die ganz neuen Bedürfnisse, Hoffnungen und Ängste» der Arbeiterklasse hatte, sieht nun eine vergleichbare Herausforderung im drohenden Entstehen einer «Nichtarbeiterklasse». Massen von nutzlos gemachten Menschen, die bestenfalls materiell mit dem Nötigsten versorgt und mit künstlichen Erlebnissen in virtuellen 3-D-Welten befriedet sind. «Dem liberalen Glauben an die Heiligkeit menschlichen Lebens und menschlicher Erfahrungen» würde das «einen tödlichen Schlag versetzen». Doch auch da: «keine Prognose», nur eines von vielen möglichen Szenarien. Zwar erlaube es uns der Kapitalismus nicht, «uns eine nicht-kapitalistische Alternative vorzustellen», aber die Demokratie ermuntere uns, «an eine demokratische Zukunft zu glauben». Sicher sei in dieser sich so schnell wie noch nie verändernden Welt nur, «dass es ein viel breiteres Spektrum an Möglichkeiten gibt.»

---

Arno Bammé: Die Apokalypse denken, um den Ernstfall zu verhindern. Unheilsprophetie von Spengler bis Sloterdijk. Metropolis, Marburg 2017, 239 Seiten, 24.80 Euro

Yuval Noah Harari: Homo Deus. Eine Geschichte von Morgen. Beck, München 2017, 576 Seiten mit 57 Abbildungen, 25 Euro

Joël Luc Cachelin: Internetgott. Die Religion des Silicon Valley. Stämpfli Verlag, Bern 2017, 156 Seiten, Fr. 29.80

---

Dieser Text erscheint auch in der Frühjahrs-Buchbeilage des P.S.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

Meinungen / Ihre Meinung eingeben

Ähnliche Artikel dank Ihrer Spende

Möchten Sie weitere solche Beiträge lesen? Ihre Spende macht es möglich:

Mit Kreditkarte oder Paypal - oder direkt aufs Spendenkonto für Stiftung SSUI, Jurablickstr. 69, 3095 Spiegel BE
IBAN CH0309000000604575581 (SSUI)
BIC/SWIFT POFICHBEXXX, Clearing: 09000

Ihre Spenden können Sie bei den Steuern abziehen.

Einzahlungsschein anfordern: kontakt@infosperber.ch (Postadresse angeben!)

2 Meinungen

Whatever happens tonight, tomorrow, the sun will rise again.

So, oder ähnlich hat Obama die Wahlniederlage Hillary's kommentiert. Das dürfte auch für die Apokalypse zutreffen.
Josef Hunkeler, am 20. März 2018 um 15:13 Uhr
Der «Dataismus» als Ersatzreligion, beherrscht bereits jetzt das Denken und Handeln vieler Politiker. Aus unüberschaubarer Datenverarbeitung und -gewichtung erfolgten Zukunfts-Szenarien, wird reale politische Handlung. Wahrscheinlich wird es noch ein wenig dauern, bis auch die Mitmengung von Firmen wie «Cambridge Analytica» etwa in der «Klimapolitik» zum Medienthema wird.

Der Artikel-Autor Hans Steiger, deutet ansatzweise das «Pariser Klimaabkommen» an aber scheint nicht so wirklich bewußt wahrzunehmen, daß dort die Politiker von fast zweihundert Staaten, etwas beschlossen, was weder messbar, noch kontrollierbar ist.

Beschlossen wurde bekanntlich in Paris, eine gewisse «Globaltemperatur» um nicht mehr als «maximal 2 Grad C.» ansteigen zu lassen. Nur hat offenbar niemand von all den Leuten und auch kein Journalist gemerkt, daß es «diesen Wert» gar nicht gibt. Vielmehr gibt es völlig unterschiedliche, allessamt mathematisch errechneten «Globaltemperaturen» die sogar in denselben Nachrichtensendungen (etwa ZDF in D.) schon untereinander abweichen. Wer da etwas genauer recherchiert, wird bald staunen.

Wie man aber nun den «Anstieg» von etwas begrenzen und dies auch noch kontrollieren will, was gar nicht einheitlich und verbindlich international und nachvollziehbar festgelegt ist (es gibt KEINE ISO-Norm für «Globaltemperatur"!) dann ist das absurd.

Zurück zum Artikel-Thema oben. Die derzeit verbreitetste Angst vor einem «Weltuntergang» ist ja heute die «Klimakatastrophe»..
Werner Eisenkopf, am 21. März 2018 um 08:48 Uhr

Ihre Meinung

Loggen Sie sich ein. Wir gestatten keine Meinungseinträge anonymer User. Hier können Sie sich registrieren.
Sollten Sie ihr Passwort vergessen haben, können Sie es neu anfordern. Meinungen schalten wir neu 9 Stunden nach Erhalt online. Wir folgen damit einer Empfehlung des Presserats. Die Redaktion behält sich vor, Beiträge, welche andere Personen, Institutionen oder Unternehmen beleidigen oder unnötig herabsetzen, oder sich nicht auf den Inhalt des betreffenden Beitrags beziehen, zu kürzen, nicht zu veröffentlichen oder zu entfernen. Über Entscheide der Redaktion können wir keine Korrespondenz führen. Zwei Meinungseinträge unmittelbar hintereinander sind nicht erlaubt.