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Sport für die Fans - und wo sind die Fans für den Sport?

SRF Sport: Zwischen Information und Manipulation

Robert Ruoff / 20. Mai 2013 - Die Tonmanipulation im «Sportpanorama» entpuppt sich als bewusste Unterschlagung von Information, also als handfester Skandal.

Vor einer Woche sah die Tonmanipulation im «Sportpanorama» noch aus wie die «Fehlleistung eines einzelnen Mitarbeiters», wie SRF verlautbaren liess. Es geschah «unter Zeitdruck», liess man den SRF-Mediensprecher sagen. Schon diese offizielle Verlautbarung gehört nach heutigem Wissen ins Kapitel Irreführung der Öffentlichkeit, mit allen fälligen Konsequenzen. Es ist die Vertuschung eines eigentlichen publizistischen Skandals innerhalb der Sport-Abteilung.

Was wir heute wissen, bestätigt voll und ganz unseren kritischen Kommentar über den «Einzeltäter und das Establishment» auf «Infosperber». Die damalige Kritik wirkt im Licht der heute bekannten Tatsachen geradezu milde.

Heute wissen wir, dank den Recherchen von «Schweiz am Sonntag», dass die Journalisten vor Ort bereits um 14 Uhr «vom geplanten Fan-Boykott erfahren» und «nach langen Diskussionen entschieden» haben, «den Boykott nicht zu erwähnen, weil sie dafür keine Plattform bieten wollten», wie Abteilungsleiter Urs Leutert feststellt.

Persönliche Zwischenbemerkung

An dieser Stelle muss ich eine persönliche Bemerkung einfügen. Ich habe in meiner Zeit als Kommunikationschef des Schweizer Fernsehens – das ist tatsächlich rund 20 Jahre her – mit dem Fernseh-Sportchef Urs Leutert aufs Beste zusammengearbeitet, und aus dieser Zeit verbindet uns bis zum heutigen Tag ein freundschaftlicher Respekt. Leutert scheut sich heute wie damals nicht, einen Fehler einen Fehler zu nennen, auch wenn er ihn selber betrifft. Er räumt ein, so die «Schweiz am Sonntag», dass die publizistische Führung in seiner Abteilung bis vor einem Jahr zu kurz gekommen sei, weil er als Direktor der «Business Unit Sport» mit schwierigen Verhandlungen über Sportrechte bis vor einem Jahr (zu) stark in Anspruch genommen war.

Und er nennt – nach einer Woche des Schweigens – nun auch persönlich und öffentlich die Tonmanipulation «eine inakzeptable Fehlleistung». Für (morgen) Dienstag hat er «die gesamte Sportabteilung aufgeboten. Wir wollen aus diesem Fall lernen und Grundsatzfragen – Informationspflicht versus Plattform für Proteste – klären.» So weit die Ergebnisse der Recherche der «Schweiz am Sonntag». So weit, so gut.

Die publizistische Schwäche

Die journalistische Analyse des Sportprogramms bringt allerdings ein klares Ergebnis. Die Sitzung der Sportabteilung kann nur der erste Schritt in einem Dringlichkeitsprogramm für die Bewältigung der publizistischen Schwäche im SRF-Sportprogramm sein. Die Schwäche geht tief. In einem Satz: Es fehlt ein Stück professioneller, journalistischer Distanz, und es herrscht in Teilen des nationalen und internationalen Sports ein Klima der Vertuschung oder gar der Manipulation.

UEFA-Vertrag: Handbuch der Manipulation

Urs Leutert sagt, es gebe bei der SRG «keine Vorgabe, politische Proteste auszublenden», aber bei Produktionen zum Beispiel für die UEFA – wie: Champions League, Europa League – gelte deren Handbuch. «Darin steht dann etwa, dass Feuerwerke, Fan-Krawalle und politische Spruchbänder nicht gezeigt werden dürfen.» - Dafür gibt es selbstverständlich Gründe, wie es für alles Begründungen gibt.

Aber bei Lichte besehen ist das UEFA-Handbuch ein Handbuch der Manipulation. Es bezweckt, die Wirklichkeit des Sportgeschehens zu schönen und möglicherweise relevante, wichtige gesellschaftspolitische Erscheinungen aus der Berichterstattung gezielt auszublenden. Manipulation ist das auch dann, wenn die Ausblendung nicht aus politischen sondern aus kommerziellen Gründen geschieht, etwa weil unerlaubtes Feuerwerk, politische Proteste oder rassistische Ausfälle das heile Bild des Sports beschädigen und manche Zuschauerinnen und Zuschauer abstossen mögen.

Teil des Sport- und Unterhaltungsbusiness

In diesem Klima findet auch SRF-Sport statt, auch wenn er nicht in gleicher Weise reguliert ist. Das SRF-Sportprogramm ist Teil des Sport- und Unterhaltungsbusiness, und diese Tatsache gefährdet täglich seine journalistische Leistung – so wie Rauchen die Gesundheit gefährdet.

Der Krebs wuchert schon lange. Formel 1, Champions League oder Ski-Weltcup sind hoch kommerzialisierte Machtapparate, bei denen es um Millionen geht. Ihre Verträge gehen hinein bis in das Mass der Vorberichterstattung, die Bildschirmpräsenz der Sponsoren oder der wichtigsten Werbepartner im Umfeld und während der Sportereignisse. Fernsehen ist Teil eines gewaltigen Sport- und Unterhaltungsbusiness geworden.

Personelle Verflechtungen

Vertragliche Bindungen sind das eine, personelle Verflechtungen das andere. Die wichtigsten Fachexperten spielen auf beiden Seiten der Trennungslinie: als Kommentatoren beim Fernsehen (und in anderen Medien) und zugleich als Teilnehmer am grossen Geschäft. Der eine kommentiert (hervorragend) den Weltcup und baut gleichzeitig Pisten für die Rennen von Kanada bis nach Sotschi. Der andere war Trainer, Berater, Ausbildner, in Ski, Fussball, Tennis, Rad, und will dies oder anderes wieder werden. Ihre Fachkompetenz ist unbestritten, publizistische Unabhängigkeit darf man von ihnen wohl kaum erwarten.

Auf beiden Seiten spielen aber auch die Journalisten, die eigentlich die Unabhängigkeit garantieren sollten: Sie moderieren nicht nur das «Sportpanorama», die Live-Übertragungen und – im Geflecht mit den «auserlesenen Gästen» – die «Credit Suisse Sports Awards», sondern auch viel anderes, wie etwa die «Nacht des Schweizer Fussballs» – bei der schon nicht mehr klar ist, wer sie eigentlich ausrichtet -, und sie stehen überhaupt mitten im Geflecht von Sportjournalismus, Sportbusiness und Entertainment.

So stehen sie täglich vor der Frage, wie sie heute diejenigen kritisch begleiten sollen, die sie gestern noch hochgejubelt haben, und wie sie Distanz halten sollen zu denen, deren Nähe sie gleichzeitig suchen (nicht zuletzt, um Informationen zu erhalten).

Es ist kein einfacher Job. Und eine intensive Führungsaufgabe.

Denn das Fernsehbusiness steht, wie sich zeigt, täglich vor der Entscheidung zwischen Information, Entertainment und Manipulation.

Fehlende Kritikkultur

Das Ergebnis all dieser Verflechtungen, fehlender publizistischer Führung und wohl auch zu geringer Kapazitäten ist offenkundig: Es fehlt eine ausreichende journalistische Kritikkultur. Über Sport wird berichtet, es wird gejubelt und geklagt, aber es wird kaum kritisch analysiert.

Die durchdringende Kommerzialisierung des Sports ist für eine solche Sportabteilung, die Marktanteil und Quoten machen muss, kein wirkliches Thema für eine eigene Analyse und Berichterstattung. Gesundheitsschädigung durch Leistungssport bleibt weitestgehend aussen vor. Doping im Spitzensport wurde jahrelang in gequälten Kommentaren abgehandelt und dann kaum noch erwähnt. Das ständige und zunehmende Doping im Breitensport ist nicht der Rede wert. All das würde der Idealisierung des Sports und seiner kommerziellen Verwertung in Business und Entertainment schaden.

Die grossen Quotenbringer werden behandelt wie heilige Kühe. Im letzten Katastrophenwinter der alpinen Männerteams hat eine kritische Analyse bis zum Saisonende nicht wirklich stattgefunden. Fragen, wie sie in jedem Business eine journalistische Selbstverständlichkeit sind, wurden hinausgeschoben, nicht wirklich gestellt und schon gar nicht journalistisch beantwortet: Die Fragen nach den Fehlern in der Vorbereitung, nach den Verantwortlichkeiten, nach der Rolle eines Präsidenten, der bei jedem vergleichbaren Wirtschaftsunternehmen wohl hätte den Hut nehmen müssen.

Der eine oder andere Moderator hat sich bei dieser Übung fast die Zunge abgebissen.

Unantastbare Idole

Fragen nach dem Zustand der Fussball-Nationalmannschaft und ihren mühsam erarbeiteten Siegen – wenn überhaupt – bleiben offen. Das scheitert schon an der Figur des Erfolgstrainers Ottmar Hitzfeld. Die Frage, ob dieser Meister seines Fachs mit seiner gewaltigen Autorität vielleicht der richtige Mann am falschen Platz ist, darf wahrscheinlich nicht einmal gedacht werden. Er bündelt ja alle Macht: als Nationaltrainer, als Kolumnist beim Unterhaltungs- und Sportvermarktungs-Konzern Ringier und als Fernseh-Kommentator bei Rupert Murdochs Sky.

Er zählt genau so als unantastbares Idol wie Roger Federer, ein absoluter Ausnahmeathlet und ausserdem ein liebenswürdiger Mensch. SRF begleitet ihn seit Jahren als «Heimsender» durch die Karriere. Kritische Analyse passt nicht in dieses Beziehungssystem, in dem der Star vom Medium und das Fernsehen vom Star profitiert.

Das Schweizer Fernsehen SRF ist ein voll integrierter Teil des Sport- und Unterhaltungsbusiness geworden. Das bedeutet zum allergrössten Teil fernsehgemässen Sportjournalismus, es bedeutet in beträchtlichen Teilen Verlautbarungsjournalismus oder gar Hofberichterstattung.

Das heisst auch: Es ist Teil eines Millionengeschäfts anstatt professionell distanzierter, kritischer Begleiter. Es ist Teil eines Machtgefüges anstatt kritischer Beobachter. Und an dieser Stelle verfehlt es seine gesellschaftliche Aufgabe für die Demokratie.

Verfehlte demokratische Aufgabe

Die Tonmanipulation bei der politischen Demonstration gegen das neue Anti-Hooligan-Konkordat ist dafür ein schlagendes Beispiel. Es ist Ausdruck einer inneren Haltung.

Die handelnden Journalisten haben eine völlig harmlose – gewaltfreie, friedliche – politische Willenskundgebung ausgeblendet. Mehr noch: sie haben eine an sich höchst erfreuliche gemeinsame Aktion von zwei rivalisierenden Fan-Gruppen – GC und FCZ – zensuriert. Sie haben schliesslich mit dem skandalösen Mittel der Manipulation Stellung genommen für die eine Seite eines politischen Konflikts. Genau genommen: Sie haben sich identifiziert mit den Führungsfiguren aus Sport und Politik, vom Regierungsrat bis zu den Verbandsfunktionären, die ohnehin schon rituell und automatisch Zugang haben zu den Informationskanälen.

Das Schweizer Fernsehen hat damit das grundsätzlich legitime Interesse der Betroffenen – der Fussball-Fans in der ganzen Schweiz – ignoriert, in der Öffentlichkeit mit ihren Ideen gehört und gesehen zu werden. Minderheiten, die den automatischen Zugang zu den Medien nicht haben, müssen manchmal stören, wenn sie wahrgenommen werden wollen. Medien, die über eine solche, friedlich störende Aktion nicht berichten, behindern den demokratischen, gewaltfreien Dialog in der Gesellschaft.

Aber es gehört zur demokratischen, gesellschaftlichen Funktion des Fernsehens auch im Sport, diesen Stimmen Raum zu geben, auch wenn es dem politischen Establishment nicht behagt und wenn es den gewohnten Ablauf stört.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der Autor war bis 2004 Mitarbeiter von SRG und SRF in verschiedenen Funktionen.

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5 Meinungen

Danke Robert Ruoff. Das ist eine kluge und differenzierte Analyse und gleichzeitig scharfe und nötige Kritik.

»... Minderheiten, die den automatischen Zugang zu den Medien nicht haben, müssen manchmal stören, wenn sie wahrgenommen werden wollen. Medien, die über eine solche, friedlich störende Aktion nicht berichten, behindern den demokratischen, gewaltfreien Dialog in der Gesellschaft.« – Genau!
Charlotte Heer Grau, am 20. Mai 2013 um 13:21 Uhr
Lieber Robert Ruoff,
Danke für den sichtlich gut fundierten Beitrag.
Und gedacht habe ich: Jämmerlich, dass wir uns an der Belanglosigkeit des Sportalltags orientieren müssen, um klarer zu sehen. Und danke dafür, dass Sie deutlich machen, welche Winkelzüge - aus finanziellen Interessen heraus - einer gutgläubigen Gesellschaft vorgemacht werden und wie der Glaube an das Funktionieren der Demokratie damit vor die Hunde geht...

Rolf Guggenbühl
Dr. Rolf Guggenbühl, am 20. Mai 2013 um 14:28 Uhr
Es braucht überhaupt keinen Sport am Fernsehen. Das kann man den Privaten überlassen. Es ist schon ein Skandal genug, dass man Umweltverschmutzung und Lärmterrorismus in Gestalt der Formel 1 in einem Staatsfernsehen präsentiert. Dass dann die ewigen Sport-News auch noch in der Tagesschau wiederholt werden, ist ein Affront gegenüber Leuten, die sich über Politik und Kultur informieren wollen. Da das Schweizer Fernsehen in seinen Hauptgefässen ohnehin auf eine seriöse Kulturberichterstattung verzichtet, schalte ich den Sender jeweils ab und schaue im Internet nach. So muss ich meine Intelligenz nicht mit anspruchslosem Entertainment beleidigen.
Thomas Läubli, am 20. Mai 2013 um 17:56 Uhr
Ein weltoffener, interessierter Mensch kann überhaupt gut auf Fernsehen verzichten.
Informationen und Kultur sind am Radio viel besser, es gibt mehr und bessere Information, Hintergründe ohne die Notwendigkeit, alles passend bebildern zu müssen. Alles Weitere lässt sich im Internet finden. Kein Wunder, ist die Zukunft des Fernsehens stark in Frage gestellt.
Der ganze Kommerz mit dem Sport gehört abgeschafft, und das geht am Besten, indem man nicht mehr hinschaut - wie z.B. bei «Mister-» und «Miss-Wahlen". Aber leider ist er ja «Opium» für das Volk ...
Daniel Nägeli, am 21. Mai 2013 um 10:07 Uhr
Das Radio wäre eigentlich ein Medium mit Anspruch, wenn nicht auch dort bereits musikalisch ungebildete Funktionäre bestimmen würden, was der musikalisch Gebildete gut zu finden hat.
Thomas Läubli, am 21. Mai 2013 um 20:05 Uhr

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