Kerem Adigüzel und sein Verein wollen in der Schweiz eine offene Moschee installieren. © tt

Kerem Adigüzel und sein Verein wollen in der Schweiz eine offene Moschee installieren.

«Ich erwarte, dass ich zur Zielscheibe werde»

Tobias Tscherrig / 04. Aug 2017 - Ein neuer islamischer Verein schreibt sich demokratische Werte auf die Fahnen und will den Frieden fördern.

Red. Kerem Adigüzel (30) ist in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Er studierte an der Universität Zürich Mathematik, aktuell arbeitet er als Software-Entwickler. Adigüzel gründete im Jahr 2006 ein islamisches Wissensportal, auf dem er redaktionell tätig ist. Im Herbst 2015 veröffentlichte er das Buch «Schlüssel zum Verständnis des Koran». In einigen Tagen wird Kerem Adigüzel zusammen mit Menschen aus dem Umfeld des islamischen Wissensportals einen neuen islamischen Verein gründen.

Kerem Adigüzel, am 12. August gründen Sie den Verein «Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe». Ist es vernünftig, in der Schweiz einen weiteren muslimischen Verein zu etablieren?

Ja. Wir wollen eine Plattform für all diejenigen bieten, die mit dem konservativen Weg des Islams nicht einverstanden sind, ihre Religion aber trotzdem bewahren wollen. Diese Menschen brauchen eine Gemeinschaft.

Trotzdem. In der Schweiz existiert zum Beispiel das «Forum für einen fortschrittlichen Islam (FFI).»

In unserem Land gibt es genügend gemässigte Muslime, die sich mit den vorherrschenden religiösen Strukturen nicht anfreunden können. Das FFI ist eine Diskussionsplattform, ein Forum. Unser Verein möchte eine unabhängige religiöse Gemeinschaft bilden. Die Erfahrung aus anderen Ländern zeigt: Jemand muss den Kopf hinhalten. Danach erhalten die Vereine Zulauf, die Gläubigen fassen Mut. Sie merken, dass sie nicht der Diktatur des konservativen Islams unterworfen sind. Sie erkennen: Da gibt es noch andere, die so denken wie ich.

Dieser jemand sind Sie? Sie wollen den Kopf hinhalten?

Ich erwarte, dass ich zur Zielscheibe werde. Das ist der «Dschihad», die Abmühung auf dem Wege Gottes: Ich halte die Gegenpositionen der Konservativen aus, bis sie schlussendlich überwunden werden. Selbst wenn Leib und Leben bedroht sein sollten. Indem ich dem Verein ein Gesicht gebe, verhindere ich, dass die Mitglieder bedroht oder angegriffen werden. Ich lenke die Aufmerksamkeit auf mich.

Ausgerechnet der Mitgründer eines Vereins für progressiven Islam spricht vom Dschihad.

Die «Gottergebenen» (Muslime) haben derartige Begriffe und ihre Bedeutung zu lange den radikalen Islamisten überlassen. Wir müssen sie zurückerobern. Zum Beispiel der Begriff «Scharia». Eigentlich bedeutet er nur Ritus, Brauch oder gebahnter Weg. Koranisch bedeutet das aber auch, dass sich jeder Staat seinen eigenen Gesetzen unterwirft. So wird das auch in der westlichen Welt gehandhabt. Die Auseinandersetzung mit dem islamischen Glauben verläuft sehr oft einseitig. Es gibt eine konservative Auslegeordnung, die alle anderen dominiert. Das muss sich ändern.

Das wollen Sie mit Ihrem Verein erreichen?

Wir stehen ein für eine «Gottergebenheit» (Islam), die vereinbar mit dem demokratischen System ist. Wir wollen einen gemeinsamen Ort aufbauen, in dem eine offene, diskursive Theologie vorherrscht. Alle dürfen mitreden, egal ob Frau oder Mann, homosexuell, bisexuell, Christ, Jude oder «Gottergebene». So wollen wir zur Friedensförderung beitragen. Der Koran wird dabei im Vordergrund stehen, auf Zweitquellen verzichten wir. Viele Probleme im «gottergebenen Glauben» entstehen durch Auslegungen von Gelehrten aus dem Mittelalter oder aus einer noch früheren Zeit, die bis heute Autorität geniessen.

Also missverstehen Islamisten die Botschaft des Korans.

Ihre Auseinandersetzung mit dem Glauben ist einseitig. Dabei ist der Koran voll von Versen, die das Gegenteil verlangen. Es gibt Verse, die es dem Gläubigen verbieten, zu verfolgen, worüber er kein Wissen hat. Verse, die gebieten, jedem zuzuhören. Verse, die es verbieten, jemandem seinen Glauben aufzuzwingen. Das sind drei Beispiele, der Koran ist voll davon.

Und Sie? Sie kennen die richtige Auslegung des Korans?

Der Koran spricht von Liebe und Frieden. Natürlich verkündet niemand die einzige Wahrheit, natürlich gibt es viele Interpretationen. In unserem Verein sind Menschen mit den unterschiedlichsten religiösen Ansichten. Wir wollen den Austausch mit allen Menschen, wir wollen weg von der moralisierenden Debatte. «Gottergebene» müssen aus ihrem Wohlfühlbereich ausbrechen und sich den heiklen Fragen stellen. Etwa: Gehört Salafismus zum Islam? Wie sieht es mit den Frauenrechten aus? Wir sind selber schuld: Wir haben den Radikalen das Feld überlassen.

Sie sprechen von Friedensförderung, vom Verständnis zwischen den Religionen. Wer muss mehr aufgeklärt werden: Muslime über das Christentum oder Christen über den Islam?

Sowohl als auch. Friedensförderung funktioniert nur, wenn sie überkonfessionell und interreligiös angestrebt wird. Es würde sicher helfen, wenn andere über unseren Glauben besser Bescheid wüssten – und umgekehrt. Erst in der Begegnung mit anderen lerne ich mich selber besser kennen.

Das sind grosse Worte. Konkret: Sind Schweizer Muslime ausreichend über das Christentum informiert?

Nein. Leider gilt das Christentum vielen Muslimen als Feindbild. Traurigerweise ist das intellektuelle Niveau der einfachen muslimischen Bevölkerung in der Regel nicht sehr hoch. Wissenslücken über das Christentum sind aber nicht das einzige Problem. Viele muslimische Gläubige kennen ihren eigenen Glauben und ihre eigene Geschichte kaum. Es gilt die Bewahrung des Status quo, neue Lösungen und Wege haben es schwer. Zwar gibt es viel Bewegung im arabischen und türkischen Raum, das Problem ist aber die Verbreitung der Ideen bei der einfachen Bevölkerung, der Basis.

Sie sind in der Schweiz geboren und aufgewachsen. Wissen Schweizer über den Islam Bescheid?

Nein. Das Bild über den Islam wird in der Schweiz vor allem über die Medien transportiert. Diese sprechen aus Vorsicht immer nur mit denselben Ansprechpersonen. Die Vielfalt des Islams geht verloren. Es ist klar, dass sich die Schweizer so kein fundiertes Bild machen können. Der islamische Glauben wird von einem Grossteil der Bevölkerung mit Islamismus gleichgestellt. Unser Verein will aufklären.

Deshalb wollen Sie einen Ort der Begegnung, eine offene Moschee.

Richtig. In der Moschee sollen aber nicht nur Gebete abgehalten werden. Es wird auch Seminare und viel Raum für Diskussionen geben. Frauen werden gleichberechtigt behandelt. Wir werden auch viel mit der deutschen Sprache arbeiten, das erscheint uns wichtig.

Was stört Sie an den bereits existierenden Schweizer Moscheen?

Persönlich habe ich viele schlechte Erfahrungen gemacht. Ich fand in wenigen Moscheen einen Ort für sachliche Auseinandersetzungen. Zudem sind die meisten der Moscheen nur nach einer einzigen theologischen Strömung ausgelegt. Die Vorprediger halten stur an ihren Argumentationen fest. Es sind Orte der Tradition, nicht der Religion. Ausserdem werden Frauen in den meisten Schweizer Moscheen als Mensch zweiter Klasse behandelt. Das bestehende Angebot ist für viele Schweizer Muslime zu traditionell, sie meiden die Moscheen.

Es ist kein Zuckerschlecken, eine Lokalität für eine Moschee zu finden.

Da haben Sie Recht. Wir sind noch immer auf der Suche nach einer geeigneten Räumlichkeit im Raum Bern-Zürich. Wir haben auch schon mit Kirchen Kontakt aufgenommen, das würde der religiösen Verständigung dienen. Leider haben wir bisher nur negative oder keine Antworten erhalten.

Die Finanzierung der Schweizer Moscheen wird oft kritisiert.

Die islamische Weltliga hat ihre Hände im Spiel. Mit dem Geld kommt der Anspruch, die Inhalte mitzubestimmen. Trotzdem sind die Schweizer Moscheen nicht einfach nur Orte des Radikalismus. Hier muss man aufpassen: Spricht man ein pauschales Verbot gegen diese Moscheen aus, besteht die Gefahr von Radikalisierungen. Trotzdem muss der Einfluss aus dem Ausland unterbunden werden, da sind die Politiker gefordert.

Und Ihr Verein? Woher nehmen Sie Ihre finanziellen Mittel?

Wir fangen bei null an und haben keine Geldgeber. Natürlich sind wir offen für finanzielle Zuwendungen, das Blutgeld der islamischen Weltliga und anderen konservativen Vereinen würden wir aber nicht nehmen.

Sie kämpfen mit nichts gegen ein milliardenschweres Imperium von Organisationen, die Islamismus verbreiten. Ein Tropfen auf dem heissen Stein.

Umso dringender braucht es Vereine wie den unseren. Die Finanzen sind nicht wichtig. Unsere Ideen sind stark, wir bauen auf geistige Werte auf. Es sind die Salafisten, die Milliarden brauchen, damit sie überhaupt Anerkennung erhalten. Unsere Ideen sind viel stärker.

Sie trauen den islamischen Gläubigen zu, dem Islamismus zu widerstehen?

Aufgrund der Terroranschläge und der Terrorherrschaft des «Islamischen Staats» sind viele Gläubige aufgewacht. Vor allem die jüngeren Generationen von «Gottergebenen» setzen sich stark mit ihrem Glauben auseinander. Sie stellen die richtigen Fragen, leben die überkonfessionelle Begegnung und informieren sich. Das gibt Hoffnung.

Trotzdem werden in der Schweiz die Gesetze gegen islamistische Umtriebe verschärft. Der richtige Weg?

Kurzfristig ist das der richtige Weg. Nachhaltige Änderungen finden allerdings nicht statt, wenn Behörden Menschen aus dem Verkehr ziehen. Dadurch entsteht bei den Betroffenen und ihrem Umfeld eine Abwehrhaltung gegenüber der Gesellschaft. Langfristig gesehen braucht es vor allem Aufklärung. Es ist besser, Gegner einzuladen und sie mit Argumenten zu kontern, statt sie wegzuweisen. Ansonsten verlagert sich die Diskussion ins Internet und wird unkontrollierbar.

Was hält ein Schweizer Muslim von der hiesigen Politik?

Im Grossen und Ganzen funktioniert das politische System der Schweiz gut. Beamte, die im Bereich des Islams tätig sind, werden speziell geschult. Gut, es gibt die SVP, die «den Islam» als Feindbild darstellt. Daran gehe ich mit Würde vorbei und sage: «Frieden». Wenn jemand den Dialog sucht, sind wir bereit dafür. Von Politikern erwarte ich nicht, dass sie immer sachlich sind.

Sie sind 30-jährig und engagieren sich seit rund einem Jahrzehnt für einen progressiven Islam. Woher kommt Ihr Engagement?

Das hat verschiedene Gründe. Erstens, weil ich es kann: Ich bin religiös gebildet und wuchs in einem freiheitlichen, religiösen Umfeld auf. Dann, weil ich es muss. Mit 18 Jahren war ich auf der Trauerfeier eines guten Kollegen. Die umfassenden religiösen Vorschriften fand ich irritierend. Es wurde zum Beispiel verboten, der Familie nach drei Tagen Beileid zu bekunden. Da begann meine Auseinandersetzung mit dem traditionellen Islam. Damals hatte ich eine Christin als Freundin. Ich besuchte Messen, Weihnachts- und andere Feiern. So bin ich dem Christentum zum ersten Mal vorurteilsfrei begegnet. Das zerstörte mein damaliges Weltbild, weil es vor allem aufzeigte, dass die traditionellen Meinungen anders sind als das, was uns der Koran lehrt.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

SRF Regionaljournal ZH/SH zum gleichen Thema
So kleinlich kann Gott nicht sein (auf Infosperber)
Zum Infosperber-Dossier "Religionen und Menschenrechte"

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Eine Meinung

Schon wieder ein superwichtiger Artikel, Danke.
Mir hat «Alrahman.de» sehr geholfen als es darum ging Geschwätz (Ahadite) von Inhalten (der Lesung) zu unterscheiden. Kann ich allen empfehlen die sich sachlich mit dem Islam auseinandersetzen oder auch nur eine Info (Kopftuch, Beschneidung usw.) brauchen.
Eigentlich wollte ich nur wissen was es mit den ...Jungfrauen (als Belohnung!) auf sich hat. Das war etwa vor zwei Jahren, unterdessen hab ich alles gelesen, auch weil die jewiligen Artikel spannend und für alle gut verständlich sind.
Mein Fazit ist, dass «gute» Ideologien die Menschen nicht unbedingt besser, aber gute Menschen aus einer Ideologie etwas relevantes, konstruktives machen können.
Danke Kerem, der Friede sei mit Euch
(Ich hoffe das Religionen als Ideologie zu sehen, nicht negativ ausgelegt wird.)
vitto chiarini, am 04. August 2017 um 15:59 Uhr

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