Nach Tschernobyl

Marco Meier © marcomeier
Marco Meier / 28. Apr 2011 - Die schlimmste aller Diktaturen ist jene der Technokraten. Auch der Super-GAU ändert nichts an ihrer Unbelehrbarkeit.

Vorbemerkung: Marco Meier, ehemaliger Chefredaktor des «Du», Leiter der «Sternstunden» (Schweizer Fernsehen) und von DRS 2 (Schweizer Radio), hat vor 25 Jahren einen Kommentar geschrieben im Zeitgeist-Magazin «Magma» (Tamedia) mit dem Titel: «Nach Tschernobyl». Dieser Kommentar hat bis heute Gültigkeit. Man müsste nur die Namen der damaligen mit den Namen der heutigen Akteure ersetzen. Michael Kohn mit Bernard Barré, Rudolf Rometsch mit Gerold Bührer, Leon Schlumpf und Alphons Egli mit Ueli Maurer und Doris Leuthard, auch wenn Bundesrätin und Bundesrat heute geschickter taktieren. «infosperber» publiziert den Kommentar von Marco Meier aus aktuellem Anlass noch einmal.

Viele Möglichkeiten gibt es nicht, aber zwei bestimmt. Entweder man schläft nach dem katastrophalen Reaktorunglück im russischen Tschernobyl gut – oder eben nicht. Ingenieur Michael Kohn, Atomkraft-Befürworter aus Berufung, gehört zur Sorte derer, die «immer noch gut schlafen». «Prima sogar», wie er dem «Sonntagsblick» wenige Tage nach dem Unfall versicherte. Es ist allerdings nicht sicher, ob man den 60jährigen Junggesellen darum beneiden soll. Vielleicht ist er bloss auf seinen eigenen Optimismus hereingefallen.

Mütter von kleinen Kindern und schwangere Frauen verfügen nach Tschernobyl wohl weniger über diese Art von blendendem Optimismus. Sie liegen nächtens öfter wach und sorgen sich. Die naheliegendste Frage nach einer Atomkatastrophe ist für eine Mutter und einen Technokraten eine ganz andere. Denkt sie zuerst ans biologische und gesundheitliche Überleben ihres Kindes, interessiert ihn nur, dass seine Technologie, die Ausgeburt seiner wissenschaftlichen Vernunft, nicht in Verruf gerät. Weil er sich zu den Wissenden zählt und er gleichzeitig ein Mächtiger ist, kann er sich die beruhigende Antwort gleich selber geben und weiter schlafen: «Es wäre falsch, wegen Tschernobyl eine ganze Technik abzuschreiben.»

Aber die Fragen der Mütter bleiben unbeantwortet. Denn sie zählen nicht zu den Mächtigen und misstrauen dem Wissen, das uns immer sichtbarer in die Sackgasse führt. Die Wissenden haben zwar versucht, dem gemeinen Volk mit altbekannt-unverständlicher Sachkenntnis vorzuspiegeln, es wäre alles nur halb so schlimm.

Exemplarisch trat am Abend nach der Hiobsbotschaft aus Russland Nagra-Chef Rudolf Rometsch am Fernsehen auf. Er erhielt von der «Rundschau» die Gelegenheit, uns Schweizern über seine Ansicht zum Reaktorunfall zu referieren. Mit angepasst ernster Miene setzte Rometsch auf die billigste aller möglichen Floskeln – bei der Technologie unserer Kernkraftwerke sei ein solcher Unfall ausgeschlossen. Dass Experten der Internationalen Atomenergie-Agentur (IAEA) den in Tschernobyl betriebenen Reaktortyp noch vor drei Jahren als «sicher und vertrauenswürdig» priesen, hat Rometsch nicht erwähnt. Auch nicht, dass vergleichbare graphitmoderierte Atomanlagen in Frankreich verwendet werden.

Das Ausspielen westlicher und östlicher Technologie gegeneinander dient ohnehin nur der Ablenkung und macht allenfalls ideologisch Sinn. Natürlich ist die Informationspolitik in der UdSSR ein Skandal. Aber ich bin mir da nicht so sicher, ob die Informationsverzögerung der Welt-Atom-Lobby nicht gerade recht kam.

Und kann es denn nach einer nuklearen Katastrophe überhaupt noch darum gehen, ein hämisches, technologisches Federlesen zu inszenieren und sich von Staat zu Staat selbstherrlich hinter Nuancen je anderer Sicherheitsphilosophien zu verschanzen, statt endlich die globale, weltumspannende Dimension der Situation zu erfassen. Es war schlicht grotesk, wie während den ersten Tagen nach dem Unfall jedes unserer Nachbarländer seine Massnahmen und Empfehlungen zum Schutz gegen radioaktive Strahlung auf völlig unterschiedlichen Richtwerten basierte. In der BRD wurde Milch bereits nicht mehr verkauft, deren Jod-Gehalt sieben Mal tiefer lag als die gefährlichen Werte für Schweizer Kleinkinder. Und Rom verbot schon gewissen Gemüseverkauf, als bei uns noch nicht der Hauch einer Gefährdung offiziell war.

Spekuliert wird in Sachen Atomkraft seit der letzten Aprilwoche 1986 nur über eines nicht mehr: den Super-GAU, den grössten anzunehmenden Unfall, den gibt es. Und drei Viertel aller Länder, die über AKWs verfügen, erklärten sich in der Folge von Tschernobyl als nicht imstande, einen GAU mit eigenen Mitteln zu bewältigen.

Aber es sieht weder unser Energieminister Leon Schlumpf noch der für die Umwelt verantwortliche Kollege Alphons Egli einen Grund, unsere Energiepolitik zu hinterfragen. Und Kaiseraugst-Projektleiter Hans Rudolf Lutz gewinnt der Diskussion um Tschernobyl gar einen «positiven Ansatz» ab: «Wir können Informationen einbringen, die sonst bei der Bevölkerung nicht durchkkommen.»

Das dürfte die Spitze technokratischer Arroganz sein, der bare Zynismus -, dass man selbst hinter der Katastrophe die Chance wittert, knallhart seine Interessen zu verkaufen. Ist also nicht einmal ein GAU geeignet, unseren Mächtigen eine Denkpause zu verschreiben? Da lob ich mir den italienischen Gesundheitsminister, der unerwartet drastische Massnahmen verfügte, um in ferne Zukunft nicht für die allfällige Häufung von Krebskranken vor Gericht geholt zu werden.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Tschernobyl: Mahnmal für die nächsten 100 Jahre
Tschernobyl und Europa. Ein Themenabend auf "arte"

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