McDonald's und das Schauspielhaus

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Robert Ruoff / 25. Feb 2013 - Das Schauspielhaus ist unglücklich, weil sich nach dem Scheitern anderer Restaurants nun McDonald's im gleichen Haus einnisten will

Kultur schafft Gemeinsamkeit, Kultur zieht Grenzen, Kultur verbindet oder trennt. Wie scharf diese Linien gezogen werden und wie undurchlässig die gläsernen Schranken zwischen der eigenen Kultur und der fremden oder auch nur einer anderen Un-Kultur sein können, erlebe ich bei der Beschäftigung mit der Programmreform des Radios SRF 2 Kultur. Und wer (wieder) einmal aufmerksam wird auf solche Abschrankungen in unserer Gesellschaft, nimmt andere, ähnliche Vorgänge (wieder) schärfer wahr.

Kulturelle Klassengesellschaft

Die Musik-Kultur ist mindestens dreigeteilt. Es gibt das zeitgenössische Musik-Schaffen der sogenannten E-Kultur, das im Radio ab 20 Uhr, also ausserhalb der Prime Time, stattfindet und im Kulturbetrieb in Zürich zum Beispiel im kleinen Tonhalle-Saal oder in anderen geeigneten Lokalitäten, das heisst: ebenfalls am Rande.

Daneben gibt es die Musik des Volkes, zu der neben den Casting-Veranstaltungen des Fernsehens wie «Voice of Switzerland» auch die sogenannte Volksmusik sowie die sogenannt volkstümliche Musik sowie alle Pop-Musik zählt.

Und schliesslich gibt es den etablierten, bürgerlichen Kulturbetrieb von der Opern- bis zur Theaterbühne, gut subventioniert und trotzdem in der Regel mit sehr selektiven Eintrittspreisen.

Die Geld-, Theater- und Musikstadt Zürich ist für diese kulturelle Klassengesellschaft ein schlagendes Beispiel. Zurzeit ist sie ein bisschen aufgeschreckt. Sie wird vom Zusammenprall der heilen Kulturwelt mit der kapitalistisch-kommerziellen Wirklichkeit bedroht: Mc Donald's will gleich neben den Schauspielhaus, im gleichen Haus, eine zweistöckige Filiale einrichten. Die Reaktion darauf sagt viel über das herrschende Kulturverständnis in dieser Stadt.

Ein hübsches Pro und Kontra

Björn Quellenberg, Mediensprecher des benachbarten Kunsthauses, sieht es eher positiv: «Unser Ziel ist es, auch die jungen Generation ans Kunsthaus heranzuführen.» – Cool.

Leicht panisch reagiert hingegen das Schauspielhaus in einer Medienmitteilung. «Wir sind der Auffassung, dass die Eröffnung eines Fastfood-Lokals im Pfauen nicht passend ist.» Der Theatertempel sucht Unterstützung beim Publikum (nur «eine Umfrage», heisst es neuerdings) und will prüfen, in welcher Form gegen das Projekt vorgegangen werden kann.

Um die aufdringliche Annäherung der globalisierten Konsumgesellschaft an die heiligen Hallen der Zürcher Kulturgesellschaft fand deshalb in den Kommentarspalten des «Tages-Anzeiger» ein hübsches Pro und Kontra statt. Hans Kissling, der ehemalige Chef des Statistischen Amts des Kantons Zürich, der sich seit Jahren Sorgen macht über die Feudalisierung der Schweiz, anerkennt, dass die wenig zahlungskräftige jugendliche Kundschaft von McDonald's zwar nicht zum Stammpublikum des Schauspielhauses zählt, aber er erinnert dann daran, dass «die Stadt 2011 für Theater und E-Musik 68 Millionen ausgab», während «die Jugendkultur wie Rote Fabrik oder Jazz, Rock und Pop gerade mal ein Zehntel davon» erhielt. Sprich: diese Jugend wird nach Kisslings Feststellung recht eigentlich diskriminiert. «Im übrigen», so Kissling, «könnte sich eine offene Haltung des Schauspielhauses zur Jugend langfristig auszahlen.»

Dem widerspricht tags darauf Bice Kuriger, Kunsthaus-Kuratorin und Chefredaktorin der Kunstzeitschrift «Parkett» mit dem Hinweis, der Junk Food-Händler McDonald's suche lediglich aus Imagegründen die Nähe und den Nimbus von Kulturhäusern, und es sei an der Zeit, die «Seele hinter den Fassaden» zu retten. Zürichs Heimplatz, umgeben vom Schauspielhaus mit vielleicht einem gepflegten vegetarischen Restaurant, einem renommierten Musikhaus und dem Kunsthaus (dem die Steuerzahler – unter anderem McDonald's-Kunden - in der Abstimmung für den Ausbau grade 88 Millionen genehmigt haben) -, der Heimplatz wäre demnach die Heimstatt der reinen Seelen und Kunstliebhaber, die gerne unter sich bleiben wollen, während sich die Fast Food-Konsumenten wohl in den populären Strassenzügen diesseits und jenseits der Limmat zu sättigen haben.

Provokation ja, solange sie folgenlos bleibt

Diese Abgrenzung findet statt um ein Haus, das sich den Vaudeville-Regisseur Christoph Marthaler geleistet hat und leistet, den sozial engagierten Provokateur Christoph Schlingensief und den links-radikal-demokratischen Volksbühne-Intendanten Frank Castorf. Die Ränge waren voll bei ihren Inszenierungen, denn das bürgerliche Publikum lässt sich gerne ein bisschen provozieren, solange die Provokation folgenlos und die soziale Wirklichkeit draussen vor der Tür bleibt.

Es ist ein kleiner Zwischenfall, aber mit Symbolwert. Er erinnert mich, nehmt alles nur in allem, an die Geschichte von Brecht/Weills «Dreigroschenoper», an der sich das bürgerliche Publikum Berlins so sehr delektierte, dass sie zwischen 1928 und 1933 zur erfolgreichsten deutschen Theateraufführung wurde. In denselben Jahren herrschte draussen Not und Arbeitslosigkeit, Mackie Messer (oder wie er hiess) eroberte die Strassen und mit rechtsnational-bürgerlicher Hilfe die politische Macht, und die demokratische Weimarer Republik ging zugrunde.

Aber Karl Marx stellte ja zu unserer Beruhigung fest, dass die Geschichte sich nicht wiederholt oder, wenn doch, dann als Farce. So können auch die heutigen Kulturmanagerinnen getrost nach der Maxime leben: Wenn nur die gegenwärtige Realität nicht eindringt in den geschützten Kulturraum. Es gilt zwar in Zürich als schick, nach dem Konzert-, Theater-, oder Opernbesuch am Bellevue im Vorderen Sternen eine Bratwurst mit Büürli und Bier zu sich zu nehmen und sich dabei kurz unter alle Schichten der Zürcher Bevölkerung zu mischen. Aber der «Big Mac» am Heimplatz, nach der Besichtigung von «Kaspar Hauser» oder «Wilhelm Tell» oder gar des geplanten, neuen Schauspielhaus-Projektes «Arm und Reich», verdirbt den Kulturgenuss.

Einlassen auf gesellschaftliche Wirklichkeit

Wenn sich das Schauspielhaus und seine Kulturkundschaft ernsthaft mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auseinandersetzen wollen, werden sie McDonald's Futtertröge nicht aus ihrer Nachbarschaft verbannen sondern fragen, was sie gegen die globalisierte Kommerzialisierung und Uniformierung der Städte tatsächlich unternehmen wollen und vor allem: wie sie einen wirklich nachhaltigen Dialog mit der «wenig zahlungsfähigen Jugend» etablieren können, die das Schauspielhaus offenkundig «als störend für ihr Stammpublikum» empfindet. Dabei wäre für ein lebendiges Theater «McDonald’s eigentlich ein perfekter Nachbar» (Kissling).

Was diese Geschichte mit dem Kulturradio zu tun hat? – Es geht in beiden Fällen darum, ob eine Kulturinstitution, ihre Mitwirkenden und ihr Publikum bereit sind, sich auf die gesellschaftliche Wirklichkeit einzulassen, das heisst: auf die dramatischen Veränderungen, die sich seit zwanzig Jahren in rasender Geschwindigkeit vollziehen, oder ob sie sich einhüllen wollen in eine «Kultur», die nur so tut, als ob sie sich mit der Gesellschaft auseinandersetzt, und die in Wirklichkeit eine wohltätige Hülle bildet, in der sie sich von eben dieser Gesellschaft abschottet.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

3 Meinungen

In dieser kulturellen Dreiteilung passe ich sowohl in die erste wie in die dritte Kategorie. Meine Musik geht von Renaissance und frühem Barock über World Music zu old School Rap. Meine Radioprogramme sind (immer noch, aber immer weniger) SRF2, vermehrt SRF3, RSR La 1ère, Rete Uno und LoRa. Ich bin ausser in der Roten Fabrik auch oft am Schauspielhaus anzutreffen. Warum ich dort keinen McDonald will? Schlicht wegen dem Geruch, weil diese Mischung von Coci und Fritieröl mir den Magen kehrt.
Barbara Stiner, am 25. Februar 2013 um 14:08 Uhr
@Barbara Stiner: Der Geruch von Fritieröl ist tatsächlich ein durchdringendes Argument. Aber (warum) gilt das nur für das Schauspielhaus?
Robert Ruoff, am 26. Februar 2013 um 14:08 Uhr
das gilt natürlich für sämtliche MacDonalds - nur kann ich den andern problemlos ausweichen. Aber ich werde das Schauspielhaus nun deswegen nicht meiden, da überwiegt dann doch die Freude am Theater.
Barbara Stiner, am 27. Februar 2013 um 09:04 Uhr

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