Gegen Kälte, Hitze, Wind und Wellen: Segler Alan Roura allein auf seinem Boot © FST

Gegen Kälte, Hitze, Wind und Wellen: Segler Alan Roura allein auf seinem Boot

In 80 Tagen um die Welt - mit Windkraft

Niklaus Ramseyer / 08. Nov 2020 - Heute Sonntag startet die «Vendée Globe», die härteste Segelregatta der Welt – und rund um sie herum: 45 000 Kilometer in 80 Tagen.

Alle vier Jahre erfahren und beweisen ein paar Dutzend wagemutige Männer und Frauen, was Windkraft heute – mit Spitzentechnologie genutzt – alles leisten kann: Sie segeln ab November von Les Sables d’ Olonne an Frankreichs Westküste aus nonstop rund um die Welt. Allein in ihrem Boot trotzen sie der Hitze des Äquators, den eisigen Kälten des Südpolarmeeres zwischen Australien und der Antarktis, kämpfen mit meterhohen Wellen und heulenden (doch stets willkommenen) Winden. Nach nicht einmal drei Monaten sind die meisten dieser weltbesten Solo-SeglerInnen im Februar/ März des folgenden Jahres wieder zurück in Frankreich, wo alle mit Jubel empfangen werden. Applaus gibt es auch für jene, die noch Tage und Wochen nach dem Sieger am Ziel eintreffen, allein schon darum, weil sie es überhaupt geschafft haben.

Vom Start rein in den berüchtigten Golf de Gascogne

Start zur diesjährigen 9. Ausgabe dieses Rennens namens «Vendée Globe» ist heute Sonntag 8. November. Schon kurz nach der Startlinie geht es rein in den für seine Stürme mit bis zu zehn Meter hohen Wellen berüchtigten Golf de Gascogne (Biskaya). Bereits hier sind auch schon Vendée-Globe-Skipper über Bord gegangen und ertrunken – oder einfach verschollen. Und mancher Teilnehmer an dem 1989 erstmals ausgetragenen Rennen musste sich wegen Havarien nach nur wenigen hundert Seemeilen an die Küste Portugals retten, wo er seine Weltumsegelungs-Träume macht- und trostlos stranden und versanden sah.

Nach der Biscaya geht es südwärts der Antlantik-Küste Afrikas entlang, vorbei an den Kapverden und St. Helena über den Äquator und rein in die «Roaring Fourties» (Heulende Vierziger) zwischen dem 40. und dem 50. Breitengrad Süd. Da können die Einhand-SeglerInnen nun die meist konstanten und oft starken Westwinde nutzen, um auf Raum- oder Vorwindkurs das gefährliche Kap der Guten Hoffnung an der Südspitze Afrikas ostwärts zu umrunden. Tagelang segeln sie dann über Tausende von Seemeilen nördlich der Antarktis nach Osten durch den Süden des Indischen Ozeans und am Kap Leeuwin auf Australien vorbei.

Im bitter kalten Südpolarmeer nehmen sie nach Wochen Kurs auf das Kap Horn an der Südspitze Lateinamerikas. Danach – und nach der faktischen Umrundung der Antarktis – können sie wieder nordwärts der Ostküste Südamerikas entlang in wärmere Gefilde gelangen, um schliesslich über den Atlantik zurück zu kehren zum Start und Zielpunkt in Les Sables d’ Olonne; dies nach offiziellen 24 296 Meilen oder 44 996 Kilometern Fahrt allein auf hoher See. Je nach Kurs dem Wind folgend, können es auch weit über 50 000 Kilometer werden.

Kapitän, Steuermann, Meteorologe, Mechaniker und Arzt in einer Person

Wer diesen Wahnsinn mitmachen will, muss zu den absolut besten und erfahrensten Hochsee-SeglerInnen der Welt gehören. Und dies in Vor-Ausscheidungen auch gezeigt haben. Seit 1989 haben es nur 167 Frauen und Männer probiert. Wen wundert's: Monate lang allein in teils schwerster See und bei Windgeschwindigkeiten bis zu über 100 km/h muss man als Vendée-Globe-TeilnehmerIn nicht nur Kapitän, Navigator, Meteorologe, Steuermann, und «Grinder» an der Winch alles in einem sein – sondern oft auch Ingenieur, Mechaniker, oder Arzt und geschickte Improvisatorin in höchster Not. Bloss Kochkünste braucht es kaum: Als Verpflegung dient Vorgefertigtes und Abgepacktes – fast wie Kosmonauten-Futter.

Diese Regatte ist nur etwas für ganz besondere Leute: Legendär ist die geniale Britin Ellen MacArthur, die 2001 als erst 24-Jährige mit ihrer Yacht Kingfisher den 2. Platz belegte – und nur wegen einer Panne am Schluss des Rennens nicht gewonnen hat. Noch jünger als sie war aber der damals erst 23 jährige Westschweizer Alan Roura bei der letzten Ausgabe der Vendée Globe, 2016/2017. Roura ist mit seinen Eltern quasi an Bord von Yachten auf allen Meeren der Welt aufgewachsen. Im Unterschied zu seinen Konkurrenten hatte er 2016 nur ein minimales Budget und ein Occasion-Boot, das er von Bernard Stamm einem früheren Schweizer Teilnehmer an der Vendée, erhalten hatte. Auch Stamm ist ein Romand vom Genfersee.

Westschweizer zählen zu den besten Seglern der Welt

Am Lac Léman und in der Romandie sind die globalen Segelregatten – im Unterschied zur Deutschschweiz – populär und gut bekannt. Zahlreiche weltbekannte Segler, wie etwa auch Dominique Wavre, der die Vendée Globe 2013 als 7. beendet hat, kommen von da. Die SNG (Société Nautique de Genève) war es auch, der 2003 sogar gelang, was zuvor bloss Segler aus den Seefahrernationen Australien und Neuseeland geschafft hatten: Mit dem Hochleistungsboot «Alinghi» an dessen Entwicklung auch die ETH Lausanne (EPUL) mitgearbeitet hatte, konnten die Westschweizer in Auckland (NS) den «America’s Cup» den Amerikanern entreissen und erstmals nach Europa holen. Und in der nächsten Runde 2007 auch verteidigen. Erst mit juristischen und technischen Tricks konnten ihn die US-Amerikaner danach wieder zurückholen.

Verglichen mit der Vendée Globe ist der seit 1851 ausgetragene, weltberühmte (aber kostspielige und oft juristisch umstrittene) America’s Cup allerdings eher ein Rennen um zwei Bojen in der Bucht vor dem Clubhaus. Die Vendée hingegen wird oft gar als «Mount Everest der Seefahrt» bezeichnet. Und auch dieser Vergleich hinkt noch: Die 33 SkipperInnen, die am 8. November zur Weltumsegelung starten, haben keine Sherpas (Helfer), die ihnen schwere Lasten (und oft auch sie selber) auf den Gipfel tragen helfen. Sie sind ganz allein allen Gefahren ausgesetzt. Für noch so reiche Massentouristen ist das nichts.

Gekenterte, Verletzte, Verschollene

Die Gefahren lauern auf die Solitär-SeglerInnen der Vendée Globe zunächst in Form von schweren Stürmen oder überraschenden Wellen, die Mensch und Material an ihre Grenzen treiben: Mastbrüche gibt es immer wieder, sogar auch Kielabbrüche. Worauf die Schiffe dann sofort durchkentern. Tausende Kilometer vom Land und anderen Schiffen entfernt, haben einige der unglücklichen Skipper auf ihren umgekehrt im eiskalten Wasser des Südpolarmeeres treibenden Booten auch schon tagelang ausharren müssen. Bis sie von der australischen oder der neuseeländischen Marine gerettet wurden – oder von nachfolgenden Vendée-Konkurrenten, die einander auch immer wieder zu Hilfe eilen.

Einer hat sich seine halb abgebissene Zunge vor dem Spiegel selber wieder genäht. Andere erlitten Knochenbrüche. Mehrere sind aber auch einfach in den Weiten der Ozeane verschollen und wurden nie mehr gefunden. So verschwand etwa der Kanadier Gerry Raufs 1996 tausend Kilometer südlich von Neuseeland. Sein letzter Funkspruch lautete: «Das sind keine Wellen mehr, die sind ja hoch wie die Alpen.»

Wo UFOs der maritimen Art lauern

In diesen Wellen verbergen sich zudem gefährliche, treibende Objekte aller Art, sogenannte UFOs (Unidentified Floating Objects). Das können Baumstämme, Metallfässer oder abgerissene Stahlbojen sein. Aber auch ganze Container, die irgendwo über Bord gegangen sind, oder im Südmeer Eisberge. Die Kollision mit solchen Objekten hat bei Geschwindigkeiten bis fast 70 km/h, welche die Hochleistungsyachten erreichen, meist fatale Folgen: Da werden sofort Löcher in den Rumpf geschlagen oder ganze Steuerruder weg gerissen.

Dies ist auch dem Schweizer Alan Roura letztes Mal passiert. Er konnte sein Schiff aber selber reparieren, weil er genau das zusammen mit seinem Vater schon einmal gemacht hatte. Nur diesmal ganz allein, bei schwerer See und starkem Wind. Das Ziel erreichte er danach dennoch als 12. Um Kollisionen mit Eisbergen zu vermeiden, müssen die Skipper neuerdings eine südliche Abstandslinie zur Antarktis respektieren.

Sicherheit und Gerechtigkeit dank Norm-Yachten

Die Yachten sind zudem klar normiert und müssen Sicherheitsstandards entsprechen: Sie bestehen aus mehreren voneinander «abkompartimentierten» Räumen und sind darum grundsätzlich unsinkbar. Die Normierung sorgt auch für mehr Fairness und Gerechtigkeit: Entscheidend soll nicht die Konstruktion sein, sondern vorab das Geschick und Können der SeglerInnen. Erlaubt sind nur Einrumpf-Boote, sogenannte «IMOCA Open 60». Die International Monohull Open Class Association (IMOCA) hat zudem festgelegt: Die Sloops (Einmaster) dürfen maximal 60 Fuss (18,3 Meter) lang sein und 5 Meter 85 breit. Die Masthöhe beträgt 29, und der Tiefgang (Kiel) 4 Meter 50. Nicht reglementiert sind das Gewicht und die Segelfläche. Aber es dürfen maximal 9 Segel mitgenommen werden.

«Das Wichtigste ist schon mal zu überleben»

Der Schweizer Allan Roura kann auf seinem Schiff «La Fabrique», das vom Familienbetrieb Cornu, einer Industriebäckerei in Champagne (VD), gesponsert wird, am Wind 290 Quadratmeter Segel setzen – vor dem Wind gar über 500. Es ist dasselbe, jetzt 13 Jahre alte Boot, mit dem er schon 2016 von Les Sables d’ Olonne aus in See gestochen ist. Roura hat sein Schiff jedoch total überholt und mit verstellbaren Auftriebsflügeln (Foils) ausgerüstet. Er hat mit dieser Yacht letztes Jahr auch schon den Nordatlantik in der Zeit von 7 Tagen und 17 Stunden überquert: Das ist Weltrekord.

Rouras Ziel an der Vendée Globe 2019/20, zu der er heute Sonntag mit und gegen 27 Konkurrenten und 6 Konkurrentinnen starten wird: «Ich möchte diesmal in weniger als 80 Tagen wieder zurück sein.» Letztes Mal, 2017, waren es 105 Tage. Der Erste von damals, der Bretone Armel le Cléac’h, brauchte für seinen Rekord nur gut 74 Tage. Doch schon nur unversehrt zurück zu kommen, ist eine grosse Leistung. Einer von Rouras Kollegen und Konkurrenten sagt es so: «Die Vendeé Globe, da geht es schon mal nur darum, zu überleben.»

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine. Der Autor ist berechtigt zum Führen von Sport- und Vergnügungsschiffen auf hoher See.

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Eine Meinung

Wenn man die Entwicklung von Segelbooten nach 1945 anschaut, ist es schon erstaunlich, was da gelaufen ist. Ich beobachte diese Entwicklung seit 1970, als die ersten Mehrrumpfboote auftauchten und nach und nach alle Rekorde der alten Windjammer brachen. Ich lernte dann selber segeln - natürlich auf Sportkatamaranen - bis ich diese absolut beherrschte. Dann liess ich es bleiben, da mir Segeln um des Segelns willen sinnlos erschien. Später wendete ich mich der Entwicklung von Solarbooten zu, da mir diese als ökologische Verkehrsmittel auf Binnengewässern dienen konnten. So legte ich um die 50'000km auf Binnen- und Küstengewässern zurück. Letztes Jahr habe ich mir dann einen Segel-/Solarkatamaran zugelegt, um im östlichen Mittelmeer Menschen, die auf's Fliegen verzichten, von der Türkei nach Israel zu bringen. Ohne grosses Budget und Werbung hatte ich schnell 30 Reservationen, die aber Corona bedingt storniert wurden. Nun hoffe ich, nächstes Jahr weiter machen zu können: die Idee, Segel-/Solarboote als Verkehrsmittel zu verwenden, macht für mich weit mehr Sinn als Rekorde zu brechen. Zudem liegen weltweit Millionen von solchen Schiffen in den Marinas, die kaum benutzt werden. Falls sich ein Leser dieser Zeilen mit oder ohne Boot angesprochen fühlt: m.wegmann@artisolar.ch freut sich über jede Zuschrift.
matthias wegmann, am 09. November 2020 um 09:03 Uhr

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