infosperber, Doppelleben, Dreiecksbeziehung © pixabay

In seinem Liebesleben hält Markus die Trümpfe in der Hand: Zwei Frauen wollen mit ihm alt werden.

«Ich bin in einem Doppelleben gefangen»

Tobias Tscherrig / 09. Aug 2019 - Markus führt zwei Liebesbeziehungen, die Frauen wissen nichts voneinander. Ein Doppelleben, das jederzeit auffliegen könnte.

Markus* sitzt auf einem Gartenstuhl und nippt an seinem Bier. Der 43-jährige Maschinenbautechniker** mit «ambivalentem Charakter», wirkt entspannt. Dabei hat er dazu nur wenig Grund, seit einigen Monaten ist sein Leben kompliziert geworden. Seit er im Internet eine Frau kennengelernt hat, hintergeht er seine langjährige Freundin. Das Resultat der zusätzlichen Beziehung, die weit mehr als nur eine Affäre ist, ist ein Doppelleben. Ein zweites Leben, das sich zunehmend zu einem Konstrukt aus Halbwahrheiten und Lügen entwickelt. Ein Gebilde, das umsichtige Organisation erfordert – und das an Markus nagt.

Trotzdem kann und will er sich nicht für eine der Frauen entscheiden. Zumindest noch nicht.

Sein doppeltes Liebesleben ist kein Thema, das Markus gerne an die Öffentlichkeit trägt. Er will sich nicht erklären, hat Angst, auf Unverständnis und Ablehnung zu treffen. Nur eine Handvoll Menschen wissen darüber Bescheid, selbst enge Verwandte, Bekannte und seine Kinder sind ahnungslos. Trotzdem ist Markus bereit, mit «infosperber» anonym über seine Erfahrungen zu sprechen.

«Mein Verhalten ist unmoralisch»

Markus war jahrzehntelang verheiratet, er ist Vater von vier Kindern. Es funktionierte nicht. «Dem Eheleben fehlten die Lebendigkeit und die Unbeschwertheit», sagt Markus. Schliesslich kam die Scheidung, für ihn war das eine schwierige Zeit. Markus runzelt die Stirn, schweigt und nippt am Bier. Plötzlich lächelt er. «Nach der Ehe erlebte ich eine intensive, ekstatische Phase.» Näher darauf eingehen will er nicht, erklärt aber, dass er die Erlebnisse dieser Zeit «jedem Menschen» wünsche.

Schliesslich lernte er Anna kennen, die Frau, mit der er seit einigen Jahren zusammen ist. Und die er seit Monaten betrügt. «Das ist eine On-Off-Beziehung, die wir nie richtig definiert haben», sagt Markus fast entschuldigend. Trotzdem weiss er, dass er Anna hintergeht und dass sie wohl in eine Krise stürzen würde, fände sie die Wahrheit heraus. Er nennt sein Verhalten «unmoralisch». Und er denkt, dass sein Betrug etwas über seine Beziehung zu Anna aussagt. Das da etwas fehlt, etwas verloren ging. Oder vielleicht nie da war. «Vielleicht sind aber auch einfach nur meine Anforderungen zu gross.»

Dabei haben sie es gut zusammen. Sie besuchen oft kulturelle Anlässe, die Chemie und die Sexualität stimmen. Trotzdem habe er Mühe, Anna zu sagen, dass er sie liebe. Markus versucht zu erklären, was ihn umtreibt: «Mein Problem ist, dass ich nie zufrieden bin. Ich denke immer, es gibt noch etwas Besseres. Es geht noch etwas mehr.» Dann relativiert er: «Natürlich darf die Frau nicht perfekt sein, ich bin es schliesslich auch nicht.»

Am Anfang war das Internet

Das vermeintlich Bessere kam in Form von Lucie. Lucie kontaktiere Markus vor Monaten auf einer Dating-Plattform, auf der Markus eigentlich gar nicht richtig aktiv war. Aus Neugier schrieb er zurück, sie vereinbarten ein Treffen. Es folgten viele weitere. Weder Markus noch Lucie definieren ihr Zusammenleben. «Es entwickelt sich in Richtung einer Beziehung», sagt Markus. «Die Anziehungskraft ist gross, es ist spannend.» Trotzdem spüre er kein Herzklopfen, keine Schmetterlinge im Bauch. «Nicht so, wie ich das will», sagt Markus. «Aber vielleicht muss ich mich von der Illusion der grossen Liebe, des grossen Feuerwerks, verabschieden.»

Obwohl eine Dating-Plattform mitschuldig an der komplizierten Situation von Markus ist, findet er die Kontaktmöglichkeiten, die das Internet bieten, «genial». Weil sie Dinge unkomplizierter machen. Eigentlich. «Natürlich unterstützte das Internet meine Meinung, dass es irgendwo noch etwas Besseres gibt», sagt Markus. Diese Möglichkeiten seien eine Versuchung und logischerweise nicht beziehungsfördernd. «Es entsteht die Illusion, dass es Dutzende Frauen gibt, die in Frage kommen. Und dass alle nur auf mich warten.»

«Völlig offen, wie es weitergeht»

Und nun sitzt Markus da, auf einem Gartenstuhl, mit einem Bier in der Hand. Und sitzt in Wirklichkeit doch irgendwo zwischen zwei Stühlen. Der Mann, der über sich selber sagt, er suche eine gefestigte Beziehung und wolle bis ans Ende seines Lebens in einer glücklichen Partnerschaft leben. Der Mann, der sich wünscht, aufzuwachen und zu wissen, wer die Richtige ist. Und der Mann, der Andere für ihre klaren Prinzipien in Beziehungsfragen bewundert. «Viele hätten sich längst abgegrenzt oder es gar nie so weit kommen lassen», sagt Markus. «Ihre Prinzipien sind zwar starr und unflexibel, aber auch bewundernswert.»

Markus hat ein Problem. Er denkt, dass er zwei Frauen gefunden hat, die mit ihm alt werden wollen. Ein paradoxes Privileg. «Sie sagen beide, dass sie mich lieben – verbal und auch non-verbal.» Gerne würde Markus diese Gefühle erwidern. Aber er hängt in der Luft, weiss nicht, wohin das Ganze führen wird. Ob es eine «Überlappungsphase» ist und er sich doch mal für eine der Beiden entscheiden wird. Ob er beide Beziehungen beenden und er sich vielleicht in eine ganz Andere verlieben wird. Ob er den schwierigen Weg gehen und zwei Beziehungen zur selben Zeit führen soll. Oder ob er einer dieser Menschen ist, die ewig auf der Suche sind und nie ankommen.

«Ich bin gerne mit beiden zusammen, sie sind sehr unterschiedlich», sagt Markus und wirkt hilflos. Sein eigenes Vorgehen beschreibt er nüchtern: Die Beziehung, die er bereits seit Jahren hat, sei die Sicherheit. Die neue Beziehung sei aufregend und spannend. Sei diese dann aber doch nicht die Bessere, könne er immer noch in die Erste zurück. «Aber eigentlich ist das kein Dauerzustand, den ich erhalten will. Es ist viel zu anstrengend.» Was Markus mit Sicherheit weiss, ist, dass er Schmerzen verursachen wird. Dass eine oder beide der Frauen wegen ihm leiden werden.

Organisation: Kick und Fluch

Was Markus wirklich will, ist ein lebendiges, unkompliziertes Leben. Sich selber beschreibt er «als überhaupt nicht risikofreudig». Trotzdem hat er auch Gefallen an seinem Doppelleben gefunden. «Es ist wie ein Spiel: Der Kick, alles perfekt zu organisieren.» Die Organisation der beiden Beziehungen sei gar nicht so schwer, sagt Markus. Pro Woche verbringe er jeweils einige Nächte bei beiden Frauen. «Keine der Beiden hat das Gefühl, zu kurz zu kommen.»

Wer aber zu kurz kommt, ist Markus. Physisch und in Gedanken ist er permanent unterwegs, sein zuhause sieht er nur noch selten. Seine sozialen Kontakte haben sich auf ein Minimum reduziert, dafür fehlt ihm schlichtweg die Zeit. «Ich vermisse es, am Sonntag einfach mal ein Buch zu lesen. Oder ins Kino zu gehen und die Vorführung zu geniessen.» Denn auch die Zeit mit den beiden Frauen in der Öffentlichkeit kann Markus nicht mehr richtig geniessen. Zu gross ist die Angst vor Entdeckung. Sei es durch seine andere Freundin oder durch gemeinsame Bekannte. «Sind wir unterwegs, habe ich ständig meine Antennen ausgefahren und minimiere die Risiken», sagt Markus. «Das hindert mich auch daran, in der Öffentlichkeit Nähe zu zeigen.»

Eine weitere emotionale Anstrengung seiner Dreiecksbeziehung erwähnt Markus nur nebenbei, dabei dürfte sie eine der Schwierigeren sein: «Wie kann ich mich heute bei der einen Frau fallen lassen und echt rüberkommen und das Gleiche dann übermorgen bei der anderen Frau noch einmal?». Das habe viel mit Schauspiel zu tun, sagt Markus. Mit anstrengendem Schauspiel.

Lügen haben kurze Beine

Organisatorisch kompliziert wird es jeweils an den Wochenenden oder zur Ferienzeit. An diesen Tagen wollen beide Frauen Zeit mit Markus verbringen, er muss das managen. «Ich versuche, nicht zu lügen», sagt Markus. «Aber klar, ich sage nicht immer die Wahrheit.» Etwa, wenn ein Besuch seiner Tochter ins Wasser fällt und er Anna nichts davon erzählt, um Lucie treffen zu können. Oder wenn er Anna von Velotouren mit Kollegen erzählt, bei denen eigentlich Lucie dabei war. «Ich erfinde keine Personen», sagt Markus. «Natürlich wäre das einfacher, aber das mache ich nicht.» Frage Anna zum Beispiel nach der Velotour, fokussiere er bei seinen Erzählungen auf die Landschaft – und weniger auf die Personen, die dabei waren.

Im Umkehrschluss müsste Markus seine Kollegen vorwarnen, wenn sie zu Besuch kommen. Um nicht aufzufliegen. Bisher, musste er aber noch nie jemanden zum Lügen anstiften.

Die Unwahrheiten gehen nicht spurlos an Markus vorbei. Zwar spricht er auch bei ihnen von einem «schrägen Kick und einer schrägen Faszination». Trotzdem ist er sich bewusst, dass er seine Lügengebilde bei Nachfragen immer weiterspinnen muss, was sehr stressig sei. «All das hat Auswirkungen auf meine Psyche», sagt Markus. «Ich habe immer Angst, den Überblick zu verlieren und mich darin zu verstricken.»

«Egal was geschehen würde, ich hätte es verdient»

Auf seine Situation und auf die Lügen ist Markus nicht stolz. Auch wenn er davon überzeugt ist, dass ihn manche Männer insgeheim beneiden. Überhaupt wehrt er sich gegen Vorverurteilungen: «Wir sind nicht verheiratet, solche Doppelbeziehungen gibt es weit mehr, als allgemein angenommen wird.» Im Übrigen seien diejenigen Paare, die in unmöglichen Beziehungen ausharren und sich und den anderen tagtäglich belügen, auch nicht besser.

Aber Markus weiss, dass sein Vorgehen moralisch nicht einwandfrei ist. Eine seiner grössten Ängste ist es, dass Anna, Lucie und er sich zufällig treffen. Während er mit einer der beiden Frauen unterwegs ist. «Es wäre ein Desaster», sagt Markus. «Ich hätte keine Antwort und egal was geschehen würde, ich hätte es verdient.»

Markus hat sich daran gewöhnt, über dünnes Eis zu tanzen. Er ist sich bewusst, dass er beide Frauen verlieren könnte. Sei es, weil er sich nicht mehr richtig in die Beziehungen einbringen kann oder weil er auffliegt. Auf die Frage, ob Anna oder Lucie etwas ahnen, bleibt er lange still. Dann antwortet er: «Vielleicht fragt Anna nicht nach, weil sie es gar nicht wissen will. Weil es wahrscheinlich das Ende bedeuten würde.»

Das Ende. Vielleicht ist es das, was Markus will. Aber das Ende von was? Er weiss es nicht. Vielleicht wartet er darauf, dass ihm jemand oder etwas die Entscheidung abnimmt.

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* alle Namen geändert

** Um die Identität von Markus zu schützen, wurden einige Details zu seiner Person verfremdet.

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Hanspeter Guggenbühl zur Thematik:

Serielle Monogamie – warum nicht gleich polygam?

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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2 Meinungen

Mir scheint, Markus lässt sich derzeit von zwei Frauen lieben, aber er liebt selber nicht, deshalb sucht er auch weiter.
Reta Caspar, am 09. August 2019 um 15:53 Uhr
Willkommen in der postmoderne! Die entwicklung moderner gesellschaften richtung postmoderne folgt dem entropiegesetz.....
Christian von Burg, am 09. August 2019 um 19:35 Uhr

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