Was für eine Rolle spielt Gott in der Corona-Krise? © Wolfgang Sauber/Wikimedia Commons

Was für eine Rolle spielt Gott in der Corona-Krise?

Die Corona-Hotline Gottes läuft zurzeit heiss

Kurt Marti / 09. Apr 2020 - Im Himmel stauen sich die christlichen Gebetsrufe zur Corona-Pandemie. Aber wer wird angerufen: Der gütige oder der strafende Gott?

Parallel zum Corona-Virus rollt eine christliche Gebetswelle durchs Schweizerland. Selten wurde seit dem 2. Weltkrieg der Spruch «Betet, freie Schweizer, betet!» des Schweizerpsalms (Schweizer Landeshymne) mehr bemüht. Selten wurde der «Hocherhabene», «Herrliche», «Menschenfreundliche», «Liebende», «Unergründliche», «Ewige», «allmächtig Waltende» und «Rettende», wie er im Psalm genannt wird, mehr um Hilfe angerufen. Die Corona-Hotline Gottes läuft zurzeit heiss:

  • Die evangelisch-reformierte und die römisch-katholische Kirche laden «zum gemeinsamen Gebet» ein.
  • Die katholische Bischofskonferenz ruft gemeinsam mit dem Papst zu einem «Sturmgebet gegen das Corona-Virus» auf.
  • Für den Chef der Piusbrüder ist «der Zeitpunkt gekommen, den Rosenkranz in unseren Häusern systematischer und mit grösserem Eifer als gewöhnlich zu beten».
  • In Arbon ruft ein SVP-Politiker unter dem Motto «Not lehrt beten» zum Gebet auf und weitere Politiker von links bis rechts folgen ihm.
  • Die EDU Schweiz verlangt mittels Petition vom Bundesrat und den Kantonsregierungen, am heutigen Gründonnerstag «eine staatlich verkündete Zeit der Besinnung und des Gebets festzulegen».
  • Ebenfalls am Gründonnerstag kündigen mehrere evangelikale Religionsgruppen an, «gemeinsam vor Gott zu treten und um sein Eingreifen und seinen Schutz in der Corona-Krise zu beten».

Die Gebetsaufrufe werfen die Frage auf: Welcher Gott wird angerufen? Der gütige oder der strafende Gott? Infosperber hat einige Texte zu den Corona-Gebetsaufrufen angeschaut und kommt zum Schluss: Dahinter lauert – mehr oder weniger cachiert – der strafende Gott, der wie die Erbsünde zur Erbsubstanz des christlichen Glaubens gehört. Im Alten Testament straft Gott durch die Vernichtung der sündigen Menschen (Sodom und Gomorra, Sintflut) und im Neuen Testament (Matthäus 13,42) ist vom «Heulen und Zähneklappern» der SünderInnen die Rede, die vom strafenden Gott «in den Feuerofen» geworfen werden.

Churer Weihbischof Eleganti: «Strafe Gottes»

Die christliche Geschichte lehrt, dass die Gebete nützen, wenn der strafende Gott die Menschen für ihre Sünden auf die Probe stellt: Als im 17. Jahrhundert der Aletschgletscher die Dörfer Fiesch und Fieschertal im Goms bedrohte, glaubte die Bevölkerung an eine Strafe Gottes für ihre Sünden und versprach dem Herrgott, alljährlich eine Bittprozession abzuhalten und in Zukunft tugendhaft zu leben.

Und siehe da, die Gletscher hörten auf zu wachsen, ja sie schmolzen gar dahin – leider bis heute. Deshalb beten die gläubigen GommerInnen im Zeichen der Klima-Krise nicht mehr für den Rückzug, sondern für den Vormarsch des Gletschers.

Die Zeiten änderten sich, doch der strafende Gott ist geblieben. So zum Beispiel in den Worten des Churer Weihbischofs Marian Eleganti, der in einem Video einen «Zusammenhang zwischen der richtigen Einstellung der Menschheit gegenüber Gott und den Kriegen und Krankheiten» behauptete und gleichzeitig von einem Engel im Alten Testament sprach, der symbolisch für «die Strafe Gottes» stehe. Doch Eleganti brandete breite Empörung entgegen. Corona sei keine Strafe Gottes, lautete der Gegenruf.

Kardinal Brandmüller: «Der Mensch bestraft sich selbst»

Weniger direkt gibt sich Papst Franziskus in seinem Aufruf zum Gebet. Die Strafe Gottes nimmt er nicht in den Mund, sondern er spricht im Zusammenhang mit der Corona-Krise von einem «Sturm», der «unsere Verwundbarkeit» blosslege und «sichtbar» mache, «wie wir die Dinge vernachlässigt und aufgegeben haben, die unser Leben und unsere Gemeinschaft nähren, erhalten und stark machen». Mit diesem Sturm seien «auch die stereotypen Masken gefallen, mit denen wir unser ‘Ego’ in ständiger Sorge um unser eigenes Image verkleidet haben».

Doch wer hat diesen «Sturm» entfacht, der durch «Sturmgebete» zu Gott gezähmt werden soll? Der Papst liefert keine explizite Antwort, dafür der konservative deutsche Kardinal Walter Brandmüller. Für ihn zeigen «die Sünde und der Böse» in der Corona-Pandemie «ihre erschreckende Gorgonenfratze». Die Christen sollten «endlich wieder bedenken, dass alles Unheil in der Schöpfung dadurch entfesselt worden ist, dass das Geschöpf Mensch sich gegen seinen Schöpfer erhob und dass wiederum Heil geschieht, wenn er zu ihm zurückkehrt».

Also doch der allmächtige Gott, der die Menschen für ihre Sünden mit dem Corona-Virus bestraft? Nein, sagt Kardinal Brandmüller und schlägt eine erstaunliche Kapriole: «So ist es doch wahrlich nicht Gott, es ist der sich autonom gebärdende Mensch, der sich selbst bestraft, wenn dann das Übel über ihn hereinbricht. Alles Übel dieser Welt ist die giftig-bittere Frucht von Adams und eines jeden seiner Nachkommen Sünde, nicht aber Strafe eines beleidigt zürnenden Gottes.» Eine wahrlich abenteuerliche Konstruktion: Der sündige Mensch ist sein eigener Richter!

Piusbrüder: «Eine leicht verständliche Lektion»

Konsequent auf der Linie der Tradition des strafenden, zürnenden Gottes wandelt Davide Pagliarani, der Chef der Piusbrüder, bei denen der bisherige Bischof Huonder von Chur Unterschlupf gefunden hat. Schon die Eingangsfrage von Pagliaranis «Brief an die Gläubigen in dieser Zeit der Epidemie» deutet implizit auf einen strafenden Gott hin: «Was will uns Gott bei diesem Stand der Dinge zu verstehen geben?»

Pagliaranis Antwort lautet: Wenn «die göttliche Vorsehung eine Katastrophe oder ein Übel» erlaube, so tue sie es «immer mit dem Zweck, daraus ein grösseres Gut zu erreichen». Die Epidemien hätten «immer dazu gedient, die Lauen zur religiösen Praxis zu führen, zum Denken an Gott und zum Abscheu vor der Sünde».

Die Corona-Krise als Fingerzeig Gottes also, um die Menschen zurück zum Glauben zu führen – so die Logik der Piusbrüder. Für die «einfachen und reinen Herzen» sei das eine «leicht verständliche Lektion». Deshalb gelte es, «unseren Herrn zu suchen, ihn anzuflehen, ihn um Verzeihung zu bitten, mit grösserem Eifer zu ihm zu beten und uns vor allem ganz der göttlichen Vorsehung zu überlassen».

Gebet für die Schweiz: «Der Herr wird das Haus Gottes reinigen»

Besonders evangelikale Kreise überlasten zurzeit die Corona-Hotline Gottes. Auf der Internetseite gemeinsambeten.ch rufen sie zum Gebet am Gründonnerstag auf. Zu den Gebetsrufern gehört auch das Netzwerk Gebet für die Schweiz (GfdCH). In seiner Mitteilung zur Corona-Krise verweist das Netzwerk auf Jesus und «seine Endzeitpredigt». Die «schrecklichen Ereignisse der Endzeit – Kriege, Erdbeben, Stürme, Seuchen» werden im gleichen Atemzug mit «der zunehmenden Entfernung von Gottes Ordnungen» genannt.

Und weiter heisst es, der GfdCH-Leiter habe am 9. März 2020 eine «Botschaft Gottes» empfangen, die wie folgt lautet:

  • «Gott will die Nation Schweiz zurück! Eine Erschütterung wird den Leib Christi warnen und vorbereiten.»
  • «Der Herr wird das Haus Gottes reinigen. Ab 2017 werden global vermehrt Erdbeben und Seuchen auftreten, welche dazu dienen.»
  • «Aufgrund ihrer speziellen Berufung wird die Schweiz besonders geprüft und erlebt stärkere Geburtswehen als andere Nationen.»»

Der allmächtige und allgütige Gott ist «äusserst unwahrscheinlich»

Angesichts der Seuchen, Kriege und Naturkatastrophen ist der gläubige Christ immer mit dem Dilemma der Theodizee konfrontiert, das heisst mit der Frage, warum der gütige Gott die Menschen leiden lässt, wenn er doch zugleich allmächtig ist, also das Leiden verhindern könnte.

An diesem Problem der Theodizee haben sich die Theologen und Philosophen jahrhundertelang die Zähne ausgebissen. Der Philosoph Norbert Hoerster kommt in seinem Buch «Die Frage nach Gott» zum Schluss: «Alles in allem geht kein Weg an der Feststellung vorbei, dass jedenfalls auf dem gegenwärtigen Stand unseres Wissens die Existenz eines ebenso allmächtigen wie allgütigen göttlichen Wesens angesichts der vielfältigen Übel der Welt als äusserst unwahrscheinlich gelten muss.»

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15 Meinungen

Als Kind wusste ich, dass der Weltuntergang am 19. Mai kommt. Ich wusste zwar nicht warum und wusste auch nicht genau, was so ein Untergang sein könnte.

Aber alle redeten davon, dass der 19. Mai das relevante Datum sei.

Heute würde ich wohl fragen, ob es auch Angaben zum relevanten Jahr gäbe...

PS: der strafende Gott scheint keine Eigenheit christlicher Kirchen zu sein. Auch Muslime, Hindus... sind auf diesen Zug aufgesprungen Der Satz «cela aurait payé, mais cela ne paye plus» gehört vielleicht schon bald wieder der Vergangenheit an.
Josef Hunkeler, am 09. April 2020 um 11:38 Uhr
Was soll man zu all diesem Gottesgeplapper noch sagen? All die selbsternannten Stellvertreter Gottes auf Erden reden doch schon bald 3000 Jahre ohne den geringsten Nachweis des Feedbacks Gottes. Vermutlich hat Gott seine Krone der Schöpfung aufgegeben, die Beseitigung scheint ihm etwas Mühe zu machen, so einfach wie bei den Dinosauriern geht es nicht mehr. Mal mit Corona versuchen?
Walter Schenk, am 09. April 2020 um 12:15 Uhr
Der Autor stellt eine Frage, schwierig zu beantworten in ein paar Zeilen. Deshalb klischeehaft zusammengezogen: Vielleicht ist der strafende Gott der Gott der Katholiken? Würde ins Geschäftsmodell passen. Wobei auch hier noch dringend anzumerken ist, dass sich der Vatikan spätestens seit 1962 in den Händen der Freimaurer befindet. Man wünschte sich einen Journalisten, der über diese sehr weltliche bzw. politische Tatsache einmal recherchierte und genauso empathisch berichtete wie über Jesus. // Wenn man schon Corona bemüht, muss festgehalten werden, dass solche Viren gerne vom Schwein auf den Menschen überspringen. Zumindest bei der Spanischen Grippe scheint es so gewesen zu sein. Gott erliess Speise- und Hygienevorschriften. Das Schwein (und alle Meeresfrüchte) gehört in den semitischen Völkern bis heute nicht zu den Nahrungslieferanten. Da hat sich der nichtsemitische Mensch also über die virus- und pandemieeindämmenden Gesundheits-Empfehlungen der Götter hinweggesetzt. Nun sitzt er da und heult und gibt Gott die Schuld. Das „Wer-das-nicht-tut-muss-sterben“ ist also keine Drohung, sondern eine Formulierung auf dem Beipackzettel (in seltenen Fällen kann das Aussterben eines Teils der Menschheit beobachtet werden). // Der Autor sucht Informationen oder möglicherweise gar hilfreiche Antworten bei verschiedenen Kirchenvertretern: Eine vom Gott der Bibel abgefallene Kirche kann aber keine wahre Hilfe sein – sie bewirtschaftet die Krise, statt dass sie dem Menschen hilft.
Leonhard Fritze, am 09. April 2020 um 14:07 Uhr
So nutzt eben jede Institution jede aufsehenserregende Situation, um die eigene Agenda zu vermitteln: konkret im Jetzt: die Religiösen ihre religiöse Agenda, und Atheisten, Agnostiker oder Spirituelle, wie auch du selber, Kurt, die jeweils entssprechende.

Dabei ist die Situation viel zu ernst, um eigene Agenden voranzutreiben, insbesondere die wirtschaftliche. Noch nie ging es so um Existenzen seit dem zweiten Weltkrieg wie heute, und ich frage mich, ob schon zu einem früheren Zeitpunkt die eigene Agenda wichtiger war als die Existenz anderer?

Wir müssen die Fakten weiterhin mehr oder minder selber analysieren. Die allermeisten Medien können oder dürfen es nicht.

Den gestrigen Wochenbericht des Schweizerischen Bundesamtes BAG erachte ich z.B. als viel zu wenig fokussiert und teilweise irreführend. Hier eine fakten- und zahlenbasierte, auf das Wesentliche fokussierte Analyse des Berichts: https://covid-19-fakten.blogspot.com/2020/04/die-analyse-des-aktuellen.html

Es ist wieder einmal eine Zeit, wo wir kleinen Bürger alles gut durchdenken und Verantwortung übernehmen müssen, denn der Staat läuft gerade aus dem Ruder, gibt sich ruhig, doch die Massnahmen gehen eher in Richtung «amok».
Jürg Biner, am 09. April 2020 um 14:42 Uhr
Keine Länder-Regierung, kein Politiker, kein Medienerzeugnis, noch sonst jemand, klärt uns auf und macht uns darauf aufmerksam, dass wir ab Baby-Alter unbemerkt in eine Landes-RELIGION des jeweiligen Geburtsortes, der der Eltern, ohne eigene Reflektion, indoktriniert werden, u.a. Türkei = Islam, Indien = Hindu, Birma = Buddhismus, usw.
Alles weltgeschichtlich, angefangen mit einer willkürlichen Religionsvorgabe, für die keine nachvollziehbaren Fakten vorliegen (von Jesus selber, z.B., liegt überhaupt keine Schriftstücke vor).
Wir werden getauft (und beschnitten) und auf eine Religion eingeschworen, die unser ganzes Leben entscheidend prägt. Dies einschliesslich des Tatbestandes, wie wir unsere Sexualität (aus-)leben (dürfen) und welchen Stellenwert dem weibliche Geschlecht, in unserer Gesellschaft, eingeräumt wird.
Angefangen hatte in unseren Breitegraden alles im Mittelalter mit dem Adel und dem Klerus, die ihre Machtinteressen gepoolt hatten.
Kein Politiker konnte und kann sich auch heute nicht gegen eine vorherrschende Religion stemmen. Um gewählt zu werden (USA, D, CH) ist es wichtig, die Stimmen(ungen) der religiösen Wähler zu beachten und zu bedienen (Papst, Imame, Prediger).
Wären wir im Spital seinerzeit als Baby zufällig vertauscht worden, wären wir heute ungefragt und unreflektiert nicht ein Christ, sondern ein Moslem oder ein Buddhist.
Es wird immer von Religionsfreiheit gesprochen, wo es sich aber tatsächlich um Indoktrinationen in der Kindheit handelt.
Erwin Staub, am 09. April 2020 um 16:29 Uhr
Bei Hoerster fällt frappante Unkenntnis des anthropologisch Religiösen auf; seine Thesentheologie war bei religiös «Musikalischen» wie etwa hat Meister Eckhart gar nie das Problem, eigentlich auch nicht bei Paulus, gewiss nicht bei Luther oder Karl Barth, am allerwenigsten bei jenem Schweizer Schriftsteller, der es - unter Reformierten - denkwürdig mit dem Religiösen konnte: Kurt Marti, Bern Biertischfragen «derjenigen, die da herumstehen und nicht an Gott glauben» verfehlen gemäss Friedrich Nietzsche die nihilistische Wurzel der Existenz. Dazu eine Schneiderin bei Greyerz: «Der Glaube ist das Kleinste, hat in einem Fingerhut Platz.» Die Wirkungsstätte der hl. Marguerite Bays im freiburgischen Siviriez bleibt aber aus «Corona"-Gründen geschlossen. Noch spannend ist, dass Verbotspraxis der Gottesdienste in Europa keine Rücksicht auf das Osterfest nehmen musste, wohingegen im Hinblick auf kommenden Ramadan nun Lockerungen vorgesehen sind. ( )
Lesetipp: Meister Eckhart - «Das Buch der göttlichen Tröstung», gewidmet ab 1319 der in Königsfelden (Aargau) domizilierten Königin Agnes von Ungarn. Für Eckhart, der abendländische Intellektualität mit dem Buddhismus nahestehender spiritueller «Leere» verbindet, hat, nicht unähnlich mit dem in diese Thematik zu Lebzeiten eingearbeiteten Kurt Marti, die ontologische Debatte um die «Existenz» Gottes mit dem Kern des religiösen Problems beim Menschen nichts zu tun.
Pirmin Meier, am 09. April 2020 um 18:15 Uhr
@Walter Schenk. Ist Ihnen bekannt, dass Papst Franziskus, der uns zwar Enttäuschungen nicht erspart hat, soeben auf den Titel «Stellvertreter Christi» , wohl bleibend für das Papstamt, verzichtet hat? Keine kleine Geste auch den Orthodoxen des Ostens gegenüber. Es wäre wünschbar, bei aller Neigung zu gewohnter Religionskritik, sich jeweils auf dem neuesten Stand zu halten. Die Erklärung des Papstes hat bei einigen kath. «Fundis» (meines Erachtens unnötige) wütende Reaktionen ausgelöst. Religionsphilosophen wie Franz von Baader und natürlich Karl Barth hätten sich darüber gefreut, bei Hans Küng scheint aus gesundheitlichen Gründen eine Reaktion kaum mehr möglich. Bei meinem Lob Kurt Martis merkten wohl alle, dass ich den vor drei Jahren verstorbenen grossen Berner Autor meinte, dessen tausendseitiges journalistisch-publizistisches Vermächtnis sich z.B. vor den Kolumnen des kürzlich 85 gewordenen Peter Bichsel nicht verstecken müsste. Letzterer war und ist, was auch der durch den Walliser Katholizismus etwas traumatisierte Kurt Marti II zur Kenntnis nehmen dürfte, auch ein eigenwilliger und nonkonformer Zeuge Jesu Christi. Dabei gestehe ich gerne ein, dass sowohl der «grosse» Marti wie auch Bichsel für mich selber keineswegs nur angenehme Gesprächspartner waren. Dies müssen wir respektieren, wenn wir den toten Theologenpoeten Marti und den glücklicherweise noch lebenden Bichsel gerne rühmen. Kurt Marti-Berns Vermächtnis steht indes durchaus in einer Verbindung zu Infosperber.
Pirmin Meier, am 10. April 2020 um 12:00 Uhr
In den meisten Religionen und auch in unserer Natur besteht ein Verständnis und ein Naturgesetz für Gerechtigkeit. Strafe für Verbrechen/Sünde (und Belohnung für gutes Verhalten). Auch im alten Testament ist das ersichtlich. Im Neuen Testament so aber nicht, da die Strafe durch Gottes sündlosen Sohn für uns (dh für alle die das Geschenk annehmen) bezahlt wurde. «doch um unserer Übertretungen willen war er verwundet, um unserer Missetaten willen zerschlagen. Die Strafe zu unserem Frieden lag auf ihm, und durch seine Striemen ist uns Heilung geworden.
Jesaja 53:5 ELB»
Der liebende Gott weiss das freiwillige Liebe echte Liebe ist. Deshalb haben wir die Freiheit zurückzulieben oder auch nicht.
Unsere volljährigen Kinder können die guten Gebote, Anleitungen etc unsererseits annehmen, oder auch nicht. Wenn sie die nicht annehmen, kann das schwerwiegende bis tödliche Folgen haben für sie selber und auch Andere. Sind wir Eltern dann schuldig, wenn das nicht Beachten unserer Gebote schwerwiegende Folgen hätte? Hätten wir Eltern die Folgen verhindern können?
Nicht wenn den Kindern die freie Entscheidung nicht genommen wird. Wer die guten Gebote nicht hält wird nicht von Gott bestraft, sondern bestraft sich durch die Konsequenzen seines falschen/sündigen tuns selbst und andere dazu. Somit ist für mich Theodizee auch kein Dilemma.
Beat Schärer, am 10. April 2020 um 15:40 Uhr
@Pirmin Meier. Habe ich in meinem Kommentar von Papst Franziskus gesprochen? Ich bewundere Sie, wie Sie hoch belesen am Problem vorbeireden. Wenn Gott den Menschen erschaffen hat, dann auch Corona. Verstehen Sie seine Pläne? Wer wachen Geistes ist erkennt im Menschen das einzige wesentliche Problem auf dem Planeten.
Der Ursache kommen wir näher, wenn wir Gott weglassen und bei uns selbst suchen.
Walter Schenk, am 10. April 2020 um 21:58 Uhr
@Schenk. Ich fasste Ihre Thematik zumal als allgemeine Religionskritik auf, insofern fiel mir gerade der Papst ein. Mein Beitrag war nicht bloss eine Antwort an Sie, eher ein Subkommentar zum Artikel und zur laufenden Debatte. Ich will philosophisch aus der Sicht meiner Sterblichkeit nicht einsehen, warum nicht gerade das Corona-Virus kein kluger Beitrag der Natur und wenn Sie wollen des Schöpfers sein könnte, um menschliche «Vollkommenheit» im z.T. sinnfreien Wunsch nach ständigem Hinausschieben des Lebensendes auszutricksen. Als mündiger Mensch 70 habe ich die Resolution unterzeichnet, dass wir älteren durchaus als selbstverantwortlich anzusehen sind. Ich bedaure zutiefst, dass gegen das Epidemiegesetz nicht vor ca. 9 Jahren das Referendum ergriffen worden ist. Die derzeitigen Kompetenzen der Exekutive hätte ich nie gutgeheissen. @Schenk. Meines Erachtens hätte Leibniz wohl kein Problem damit gehabt, auch im C-19-Virus eine regelnde Weisheit des Schöpfers anzuerkennen. Hegel, der sagte «Das Vernünftige wird wirklich und das Wirkliche ist vernünftig», starb 1831 an einer weit tödlicheren Cholera-Epidemie. In Salzburg pilgerte man damals ans Grab von Paracelsus. Die Theorie von der Materia peccans hielt er mit der Weisheit Gottes vereinbar.
Pirmin Meier, am 11. April 2020 um 13:04 Uhr
So lange in Europa, derer Medienlandschaft und deren Sozial–Sozialistischen–Netzwerken nicht wieder die „Komm“ Rufe aus Ghom, Akzeptiert und als Gut propagiert werden wie im vergangenen Januar. So lange besteht noch Hoffnung
Jacques Marchand, am 11. April 2020 um 15:57 Uhr
PS. Bin direkt dankbar, weil in einem meiner obigen Beiträge ein etwas polemischer Zwischensatz gestrichen wurde, eine Bemerkung von Bundesrat Berset betr. Maskentragen; die Aussage wurde in die Nähe des für das Prädikat Lügner/Dummkopf stets zugelassenen Trump gerückt. Mit der Polemik wäre aber die Hauptsache an der Debatte auf ein Nebengeleise verschoben worden, was der Sache nicht dient. Ändert aber wohl nichts, dass bei einer Gesamtanalyse dann ex post auch Schweizer Bundesräte nicht als Autoritäten gehandelt werden müssen. Bei den schädlichen Wirkungen gibt es nämlich nicht nur die Wirkungen des Virus, sondern durchaus diejenigen der Massnahmen, so weit sie nun mal nicht in jedem Fall proportional sind und, wie ein kluger Mann wie Jürgen Habermas dieser Tage hervorhob, oft auf der Basis frappanten Unwissens in Richtung try and error verhängt wurden. In der Regel erhielt und erhält derjenige mehr Applaus, der mehr Härte fordert. Dieser Trend scheint sich jedoch unterdessen zu wenden. Das Bedürfnis, Befehlen gehorchen zu wollen, bleibt jedoch in solchen Situationen erhalten. Nur sind es dann am Ende halt «gewendete Befehle». Die Gesamttendenz bei Infosperber geht in die Richtung eines mündig-kritischen Journalismus, und, wie ich hoffe, das Kommentariat ein bisschen inbegriffen. Freut mich sodann, «alte Kunden» wie den Altluzerner @Hunkeler wieder mal zu vernehmen. Er scheint auch im übertragenen Sinn noch nicht «angesteckt» zu sein.
Pirmin Meier, am 12. April 2020 um 16:34 Uhr
Mit Religion lässt sich bekanntlich alles rechtfertigen und das Gegenteil davon auch. Wie wäre es, wenn die Menschheit zur Lösung ihrer Probleme als Arbeitshypothese davon aus ausgehen würde, Religion als geistige Verwirrung bis hin zu schwerer Behinderung auf zu fassen?
Nic H Müller, am 12. April 2020 um 17:36 Uhr
@Nic H. Müller. Möchte mal gern mit Ihnen einen Intelligenztest machen, im Zusammenhang mit der Frage nach Schöpfer und Universum bei Isaac Newton und Johannes Kepler, oder wie es Einstein gemeint hat, mit Gott, der nicht würfelt, siehe noch Einsteins Artikel über Kepler in der Frankfurter Zeitung vom 9. Nov. 1930. Friedrich Nietzsche hat sich noch mit der Frage des Vulgäratheismus auseinandergesetzt, also mit denjenigen, die «so herumstehen und nicht an Gott glauben» und sich deswegen gescheit und aufgeklärt vorkommen. Karl Barth, bei dem der «andere Kurt Marti», siehe oben, noch studiert hat, gab auf die Frage, was die Vernunft mit dem Glauben zu tun habe, zur Antwort: «Ich gebrauche sie.»

Gerne hoffe ich von Ihnen, dass Sie auf dem Gebiet des Geistes vielleicht schon mal eine Spitzenleistung erbracht haben, etwa so wie der Staatsgefangene auf der Aarburg, Micheli du Crest, der mit kritischer Bibellektüre und Konstruktion von Thermometern und Barometern 19 Jahre Einzelhaft überstand. Mit einem selbst gebastelten Barometer bestimmte er seine Höhe über Meer auf umgerechnet acht Meter genau. Theologie hatte für ihn übrigens, wie für Pythagoras, Nikolaus von Kues und Blaise Pascal, viel mit Mathematik zu tun. Zugegebenermassen ist die Luft bei solchen Genies auch psychisch ziemlich dünn. Aber so klar denken wie gewisse ihrerseits fundamentalistische «Religionskritiker» hier konnten sie noch alleweil.
Pirmin Meier, am 14. April 2020 um 15:47 Uhr
@Pirmin Meier. Freut mich zu sehen, dass Sie immer noch «am Ball» sind. Natürlich ist die Machtvollkommenheit, welche das Pandemiegesetz erlaubt, ein heikles Element in der Entwicklung unserer Demokratie.

Eine Nichte hat mich gefragt, was ich von der Qualität der politischen Entscheidträger und ihrer Entscheide i.S. Covid halte. Ich musste offen zugestehen, dass mich die Qualität der Arbeit des Bundesrates positiv beeindruckt hat. Insbesondere die mit den ökonomischen Fragen beauftragten zeigten m.E. eine erstaunliche Klarsicht und der Innenminister hat Führungsstärke gezeigt, welche nicht unbedingt erwartet werden konnte.

Natürlich bleibe ich kritisch gegenüber all den offenen Fragen und auch ich gehöre zu den 8 Mio CH-Coronaexperten, welche alles «besser als die Regierung verstehen».

In einer Umwelt mit weniger als perfekter -- wenn auch verbesserbarer -- Informationslage würde ich unserer Regierung doch wenigstens eine 9 auf 10 mögliche Punkte für das aktuelle «Handling» der Krise zugestehen.

Vielleicht wird eine Konsequenz dieser Krise ja auch bessere Transparenz im Gesundheitsbereich sein, vielleicht kann so das Erbe einer selbstherrlichen Politik der Vergangenheit überwunden werden. Vielleicht wird sogar das BAG weitere Fortschritte i.S. Information machen...
Josef Hunkeler, am 14. April 2020 um 21:14 Uhr

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