Der Mensch rentiert nicht – unter dem Strich

Jürg Müller-Muralt © cc
Jürg Müller-Muralt / 05. Jan 2015 - Eine exemplarische deutsche Expertendebatte zur Migration zeigt nur eines klar: Der Mensch ist generell ein Verlustgeschäft.

Migrationsdebatten haben immer die gleichen Ingredienzien: Ganz viele Emotionen, ganz wenig Nüchternheit, eine gehörige Portion Fremdenfeindlichkeit - und immer wieder statistische Zahlengefechte zwischen Experten, die Objektivität herstellen sollen und es trotzdem nicht schaffen. In Deutschland hat über den Jahreswechsel gerade wieder ein kurzes Gefecht dieser Art stattgefunden.

Die in Deutschland lebenden Ausländer sorgen für ein erhebliches Plus in den Sozialkassen: So lautet der Befund einer Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Jeder Ausländer zahle pro Jahr durchschnittlich 3300 Euro mehr Steuern und Sozialabgaben als er an staatlichen Leistungen erhalte. Falsch, konterte der Präsident des Ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung und Ökonom Hans-Werner Sinn: «Migration ist ein Verlustgeschäft». Der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» sagte Sinn, sein Ifo-Institut komme auf «eine fiskalische Nettobilanz je Migrant von minus 1800 Euro im Jahr». Daraufhin warf «Spiegel-online» dem Ifo-Chef einen «Denkfehler» vor und brachte in der komplexen Migranten-Mathematik neue Parameter ins Spiel: Man müsse unbedingt die «Grenzkosten pro Migrant» heranziehen. Ja, schon, duplizierte Hans-Werner Sinn, nur vergässen die Autoren von «Spiegel-online», «dass zu diesen kurzfristigen Grenzkosten auch die so genannten Ballungsexternalitäten gehören».

Für aufklärungshungrige Laien geriet die Debatte in all ihren ökonomischen, mathematischen und statistischen Verästelungen langsam zu einer schwer verdaulichen Kost. Bis irgendwann der erhellende Satz des ZEW-Forschers Holger Bonin auftauchte: «Jeder Einwohner Deutschlands ist in dieser Rechnung (von Hans-Werner Sinn, JM) eine Belastung». Und zwar ganz einfach deswegen, «weil der Staat im Jahr 2012, dem Jahr der Betrachtung, mehr Geld ausgegeben als eingenommen hat, kommt man für jeden Einwohner auf negative Werte.»

Jetzt wissen wir es: Nicht nur der Einwanderer ist ein Verlustgeschäft, auch der eingeborene Deutsche rentiert nicht.

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2 Meinungen

Falsch, der Staat, der alle auf seinem «Gebiet» lebenden Menschen zwangsbeglückt, ist das Verlustgeschäft, das nicht rentiert ...
Michael Gisiger, am 05. Januar 2015 um 09:53 Uhr
5.Januar 2015 22:55 srf

Schawinski hat intelligente Fragen gestellt.
Hottinger hat kompetente Antworten gegeben.

Trotzdem klingen weder die Rehabilitation des einen noch die Kompetenz des andern überzeugend. Weil

der eine vom «absoluten» Experten (Hottinger) spricht und dabei alle andern abschafft. Und weil beide offenbar noch nie in den Koranschulen Pakistans oder andernorts waren, wo schon den Kleinsten Hass gepredigt wird, in der Annahme übrigens, dass bei uns in Schulen und Kindergärten dasselbe gegenüber den Muslimen geschieht. Beide, insbesondere Hottinger, der mit Recht auf westliche Gewalt hinweist, scheinen eine gewisse globale Nazi-Tradition nicht zur Kenntnis nehmen zu wollen. Ebensowenig kommt zur Sprache, dass in klerikal-fastisch pervertierten Religionen mit dem Wort «Barmherzigkeit» Schindluder getrieben wurde und wird.

Es bleibt: Den Koran als Werkzeug für den politischen Islam zu diskutieren, ist inopportun, selbst wenn es muslimische Gelehrte gibt, die sagen, der Koran könnte und müsste einer veränderten Welt angepasst werden. (Hottinger muss gelesen haben, dass bei historisch erwiesenen Zusätzen immer der letzte als endgültig angesehen wurde). Nach Würenlingen (1970) hat die Schweiz offenbar ihre Lektion gelernt. Das ist, was man offen kommunizieren.
müsste.

Blosse Angriffe auf kritische Geister und ein generell verordnetes Schweigen ohne wirkliche Erklärungen machen uns zu Komplizen gerade der Unterdrücker, die als Muslime Muslime knechten.
Rolf Leemann, am 07. Januar 2015 um 05:34 Uhr

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