Fällander Tagebuch 33 © cc

Fällander Tagebuch 33

Der Kampf gegen das Altern gefährdet «die Alten»

Jürgmeier / 11. Mai 2020 - «Ich habe keine Angst vor dem Alter.» Sagen viele. Weil «die Schweiz» gegen «das Altern» kämpft? Wie der «Blick» schreibt.

5. Dezember 2019

Auf dem Rückweg vom Joggen spiegelt sich im Fenster eines Ladens ein alter Mann, der nach Hause rennt. In den Todesanzeigen lese ich, jemand sei mit achtzig gestorben. ‹Ein schönes Alter.› Denke ich. Erinnere mich an den Augenarzt, der mich wegen eines Hornhautgeschwürs auf meinen Jahrgang verwiesen hat. Und zucke zusammen. Nur noch zwölf Jahre bis Ultimo. Zwölf Jahre. Um alle Ideen noch auszuschreiben. Die Bücher in den Gestellen und die noch nicht geschriebenen in den Köpfen der Autor*innen zu lesen. Mit den Skis noch ein paar Mal von der Roten Nase ins Verlorene Tal zu fahren. Noch zehn Mal im Silsersee zu schwimmen. Noch zwölf Jahre. Um S. die Hand zu halten. Ihren Mund zu küssen. Mit ihr über den Greifensee zu paddeln. Über gleiche Welten zu reden. Und über Kinder zu streiten. Vorausgesetzt die ZumutungenSchmerzenEinschränkungen dieser letzten Jahre setzen mir nicht allzu hart zu. «Ich habe keine Angst vor dem Alter.» Lese ich. Und: «Alt werden ist nichts für Feiglinge.» Die Durchhalteparolen der grauen Soldat*innen beruhigen mich nicht.

Irgendwann – das Bild. Ich sitze am Schreibtisch. Finde in meiner Agenda die Notiz «Sterben». Frage mich, was damit gemeint ist. Wen will ich treffen? Wozu? Dann fällt es mir ein. Die Ärztin hat mir schonungslos, wie gewünscht, eine «beginnende Demenz» diagnostiziert. Und mir den ungefähren Verlauf skizziert. Anschliessend habe ich «Sterben» im Kalender eingetragen. Bevor die mittleren bis schweren Symptome beginnen. Heute. Wo’s grad so schön ist. Wie oft soll er den Termin noch hinausschieben? Wann würde er nicht mehr selbst entscheiden können? Das Bild ist das Bild. Nicht die Wirklichkeit. «Ceci n’est pas une pipe.»

Noch vor Corona – das mich einer «Risikogruppe» zuteilen und verängstigen wird – gibt der neuste Sorgenbarometer an: Altersvorsorge und Gesundheit, beziehungsweise die Krankenkasse, machen «den Schweizer*innen» am meisten Angst. Umweltschutz und Klimawandel folgen erst nach «den Ausländer*innen» an vierter Stelle. Indiz für eine Bevölkerung, die darauf spekuliert, dass sie das Versinken von Venedigs Brücken und der Tulpenfelder vor Amsterdam nicht mehr erleben wird. Selbst grosse Teile «der Jugend» kümmern sich stärker um die kurzfristige Sanierung der AHV als um die Zerstörung von «natürlichen» und anderen Lebensgrundlagen in (vermeintlich) ferner Zukunft. «Die Schweiz kämpft gegen das Altern.» Titelt das Boulevardblatt des Landes, das als «überaltert» gilt. Wie hoch wäre ein «gesundes» Ablaufalter? Und wie bekämpft man das Altern? Mit Reha, wie es im Blick beschrieben wird? Durch ein intensives, aber kurzes Leben? Durch den Krieg gegen «die Alten»? Würden die rechtzeitig erschlagen, sie alterten nicht. Würden nicht zu viele. Könnten die Volkswirtschaft nicht belasten. Und müssten nicht zusehen, wie die Gletscher schmelzen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine

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3 Meinungen

Es ist geradezu erschütternd, wie sehr sich der «moderne» Mensch vor dem Tod fürchtet. Aber jeder weiss, dass seine Lebenszeit beschränkt ist. Ich war einmal Atheist und habe nun neu über Leben und Sterben nachgedacht. Zum Glück hat mir ein Freund eine Bibel geschenkt, in der ich mittlerweile täglich im Neuen Testament lese. Das steht von «ewigem Leben» in Freude (oder eben nicht, je nach persönlicher Entscheidung). Das nimmt mir die Angst vor dem Sterben. Schade, dass die Bibel oft, ohne sie gelesen zu haben, verunglimpft wird, es ist soviel Hoffnung darin zu finden. Nur lesen muss man sie -- ohne Vorurteile und dann selber entscheiden. Versuchen Sie es doch mal.
René Lütold, am 11. Mai 2020 um 11:09 Uhr
Ich denke, das wir Alten, die aktiv mit Fahrrad, auf Hochtouren und Jogging unterwegs sind, gute Chancen haben, eine Infektion zu überleben.
Jürg Locher, am 11. Mai 2020 um 12:20 Uhr
Bitte hören Sie auf, den Genderstern zu verwenden!
Er steht für die Abschaffung des biologischen Geschlechts und somit der geschützen Räume für Frauen.
Ein Beispiel, wie Inklusion und «Vielfalt» sich in Unterdrückung verkehren.
Barbara Lampérth, am 12. Mai 2020 um 05:44 Uhr

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