Öffentliche Toilette in Peking © Cardash/Flickr/cc

Öffentliche Toilette in Peking

China: Revolution am «stillen Örtchen»

Peter G. Achten / 30. Mär 2016 - Schluss mit verdreckten Plumpsklos ohne Trennwände und Türen: Öffentliche Toiletten in China sollen moderner und sauberer werden.

In den «Zwei Sessionen» in der Grossen Halle des Volkes in Peking beschäftigen sich die Politiker vornehmlich mit grossen Geschäften. Am Rande geht es aber auch um vermeintlich weniger Wichtiges. Im konkreten Fall um das «kleine Geschäft», beziehungsweise um öffentliche Toiletten.

Li Jinzao, Chef der Nationalen Tourismus-Administration, brachte es in einem Interview mit der Tageszeitung «Global Times» – einem Ableger des Parteisprachrohrs «Renmin Ribao» – auf den Punkt: Die vor einem Jahr ausgerufene Toiletten-Revolution müsse im ganzen Land und auf allen Ebenen konsequent vorangetrieben werden, forderte der umtriebige Li. Viele Leute hätten Schwierigkeiten, innert nützlicher Frist eine Toilette zu finden. Zudem sei der Hygiene-Standard in öffentlichen Toiletten oft ungenügend. Jeder in- und ausländische Tourist sei davon betroffen, stellte Li treffend fest.

Drei Fliegen pro Quadratmeter

Li kündigte an, dass im laufenden Jahr in Stadt und Land 170'000 neue Lokusse gebaut und 80'000 verbessert werden – eine ähnlich hohe Zahl wie schon im vergangenen Jahr. Ein grosser Teil der diesjährigen «Revolution» wird sich darauf konzentrieren, die öffentlichen WCs auf A-Standard zu bringen. In China heisst das: Toiletten mit Wasserspülung und mit einem Lavabo fürs Händewaschen. Zudem sollen die WCs auch für Behinderte zugänglich sein. Es heisst aber auch: Einzelkabinen statt Plumpsklos mit bis zu acht Plätzen ohne Zwischenwände. Zudem sind pro Quadratmeter nicht mehr als drei Fliegen erlaubt…

In Peking und anderen Grossstädten werden die öffentlichen Bedürfnisanstalten mit bis zu fünf Sternen bewertet. Es versteht sich von selbst, dass die Abgeordneten der «Zwei Sessionen» in der Grossen Halle des Volkes ihre kleinen und grossen Geschäftchen – Xiao Bian und Da Bian – in einer top-hygienischen kleinen Halle mit Fünf-Sterne-Standard verrichten. Aber auch ausserhalb der Grossen Halle des Volkes kommen die Politiker mit ihrer Notdurft in der Hauptstadt Peking nie in Not. Es gibt über 20'000 öffentliche Toiletten im Herzen Chinas. Das sind 25 Toiletten pro Quadratkilometer, wie die städtischen Statistiker zahlenverliebt feststellen. Somit gibt es innerhalb der 4. Ringstrasse alle 350 Meter ein WC, und man muss auch in grösster Not nicht mehr als fünf Minuten gehen – oder rennen. Aber auch wer zwischen der 4. und 5. Ringstrasse unterwegs ist, findet alle 500 Meter ein «Häuschen», um sich zu erleichtern. Welch ein Fortschritt! 1949, als die Kommunisten die Macht übernahmen, gab es gerade einmal 500 öffentliche Plumpsklos in Peking.

Krankheiten wegen schlechter WC-Hygiene

Die «Revolution» betrifft aber nicht nur die grossen chinesischen Metropolen. Denn wo und wie man in China seine Notdurft verrichtet, ist letztlich auch «eine Frage der Zivilisation», wie ein Volkskongress-Abgeordneter sich ausdrückte. Schliesslich geht es auch um volkswirtschaftliche und gesundheitliche Aspekte. Der Tourismus wird immer mehr zu einem Stützpfeiler der chinesischen Volkswirtschaft. Und saubere Toiletten – welcher Tourist und welche Touristin wüsste das nicht – sind da von nicht zu unterschätzender Bedeutung.

Auch für die Volksgesundheit sind saubere Toiletten wichtig. Gemäss Fu Yanfen, Wissenschaftler bei der chinesischen Präventions- und Kontroll-Behörde, sind rund 80 Prozent der ansteckenden Krankheiten wie Durchfall oder Cholera auf mangelnde Toiletten-Hygiene zurückzuführen. In der südöstlichen Provinz Jiangsu, wo in diesem Bereich bislang die grössten Fortschritte erzielt worden sind, weiss man um die Schwierigkeiten. «Die meisten Dorfbewohner», so der Parteisekretär Wang Zhigang von Tanggou, «sind an ihre Art die Toilette zu benutzen gewöhnt. Es ist schwierig, das zu ändern».

Trocken-Toiletten für ländliche Gebiete

In ländlichen Gebieten ist bis heute das einfache Plumpsklo der Standard. Einer der Gründe: Bauern benutzen die Exkremente als Dünger. Wo Wasserspülung und Kanalisation fehlen, sind Trocken-Toiletten eine hygienische und ökologisch sinnvolle Alternative. Die Ausscheidungen werden getrennt aufgefangen und können dann als Kompost-Dünger verwertet werden. Dafür setzt sich weltweit auch die Bill & Melinda Gates Foundation ein.

China hat sich zum Ziel gesetzt, die von der UNO festgelegten Gesundheits-Ziele zu erreichen: 75 Prozent aller ländliche Regionen müssten bis Ende des laufenden Jahres mit hygienischen Toiletten ausgerüstet sein. China hat das UNO-Ziel sogar auf 85 Prozent bis 2020 erhöht. Die «Revolution» ist natürlich nicht kostenneutral. Die Kommunen zahlen meist die Zeche. Allerdings erhalten Bauern Subventionen, wenn sie ein «Hüsli» nach dem Standard der Zentrale bauen oder renovieren.

Non olet!

Eine Toiletten-Steuer, wie sie die alten Römer unter Kaiser Vespasian vor 2000 Jahren kannten, ist in China kein Thema. Die Pissoirs in Paris heissen noch heute Vispasiennes und in Italien Vespasiani obwohl sie heute gratis sind. Doch der pragmatische Kaiser Vespasian hielt seinem Sohn Titus ein Geldstück der Steuer unter die Nase und rief aus: «Pecunia non olet!».

Streift man heute durch die Pekinger Altstadt, kann man trotz «WC-Revolution» nicht «non olet» sagen. Denn die öffentlichen Gemeinschafts-Toiletten in den Hutongs riechen hundert Meter gegen den Wind. Besonders im Sommer. Allerdings muss man einräumen, dass sich in den letzten dreissig Jahren vieles verändert hat. Ihr Korrespondent hat zu Beginn seiner Arbeit in Peking 1986 bereits eine erste «Toiletten-Revolution» erlebt. Damals gab es einen Wettbewerb für die beste öffentliche Bedürfnisanstalt. Als Recherchier-Journalist liess ich es mir natürlich nicht nehmen, die WC-Anlagen in Augenschein zu nehmen und zu testen. Nun, ich möchte dem geneigten Leser und der klugen Leserin die Details meiner Recherchen auf den Plumpsklos ersparen. Nur so viel: Sieger wurde eine öffentliche Toilette, deren Aufseher die Räume putzte, eine Woche geschlossen hielt und kurz vor Eintreffen der Jury literweise Eau de Javel an Wände, Decken, Boden und in die Plumpsklos kippte. Non Olet!

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Peter Achten arbeitet seit Jahrzehnten als Journalist in China.

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