Aspirin hilft bei Frühfranzösisch

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Beat Gerber / 27. Sep 2016 - Unabhängige Forschung hat ihren Preis. Der hiesige Sprachenstreit und die Bayer-Monsanto-Fusion zeigen das überdeutlich.

Wenn Frühfranzösisch an den Deutschschweizer Primarschulen verschwindet, falle das Land auseinander. Mit diesem apokalyptischen Argument verteidigen die Anhänger der Praecox-Frankofonie ihr Anliegen, unter ihnen Bundesrat Alain Berset und die Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK). Verschiedene Sprachwissenschaftler hierzulande kommen hingegen zum Schluss, dass der frühe Fremdsprachenunterricht den Schülerinnen und Schülern nicht zwingend etwas nütze. Mais attention, solch linguistische Häretiker wurden gleich mehrfach von offiziellen Stellen heftig unter Druck gesetzt, wie die «NZZ am Sonntag» berichtete (18.09.). Dabei sollen sie dermassen schikaniert worden sein, dass sie um Karriere und Forschungsgelder fürchteten. Oder ihre Studien wurden von den Behörden (u.a. EDK) als qualitativ ungenügend abgetan, wie es der Linguistin Simone Pfenninger an der Universität Zürich passierte.

Eigentlich recht plump, wie hier Exponenten aus Politik und Verwaltung die Wissenschaft zu disziplinieren respektive zu beeinflussen versuchen. Derartige Manipulationen beherrscht die Wirtschaft eindeutig besser – und mit nachhaltigem Erfolg: Man erinnere sich an die Tabakindustrie, die seit den 1950er-Jahren jede Studie schlechtredet, die vor den Gefahren des aktiven (und passiven) Rauchens warnt. Oder an die zahl- und einflussreichen Thinktanks, die der US-Regierung noch heute weismachen, die menschgemachte Klimaerwärmung sei ein Hirngespinst. Oder kürzlich wurde publik, dass vor 50 Jahren die Zuckerindustrie Wissenschaftler der renommierten Harvard-Universität dafür bezahlte, Fett als alleinigen Schuldigen für die Zunahme von Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu deklarieren (TA, 14.09.). Die Hersteller von Softdrinks und Müeslis haben uns also jahrzehntelang zuckersüss verschaukelt.

Am Tropf von Bayer-Monsanto

Doch die langjährigen Machenschaften dieser «Händler des Zweifels»*) sind ein Klacks im Vergleich zum ökonomischen Husarenstück, das letzte Woche verkündet wurde. So will der deutsche Pharma- und Chemiekonzern Bayer den US-Saatgutriesen Monsanto für 66 Milliarden Dollar übernehmen (14.09.) Damit wird das neue Monster-Unternehmen zum global grössten Agrochemie-Multi und ein Drittel des Weltmarkts in diesem Geschäft kontrollieren. Wir hängen also künftig am Tropf von Bayer-Monsanto (BM), das die gesamte Nahrungskette zu beherrschen versucht und dazu raffiniert ein Gesamtpaket verkauft: Saatgut für stets neue Pflanzen, die zudem konzerneigene Düngemittel und Pestizide brauchen. Obendrein gibt es im BM-Sortiment noch Medikamente, um sich bei allerlei Beschwerden wieder hochzurappeln. Kurzum: Wir werden unsere Teller mit Gentech-Food füllen, die Bauern ihre Lagerräume mit BM-Produkten und der Grosskonzern die Taschen seiner Aktionäre. Schöne neue Agrowelt, die sich die entsprechende Forschung geradewegs selbst einverleibt und so «unabhängig» wirken kann!

Voilà, zurück zum Frühfranzösisch: Was können dessen Befürworter von Bayer-Monsanto und Konsorten lernen, um die Wissenschaft gewitzter für ihr Anliegen zu beeinflussen? Mehr Gefälligkeitsgutachten, eigens dafür bezahlte Forscher, behördlich manipulierte Studien oder ein diktatorisches Bildungsprogramm? Oder gar Offenheit für andere Sichtweisen, der Einbezug konträrer Untersuchungsresultate? Die Frage rüttelt an der stets als unabhängig gepriesenen Forschung und macht echt Kopfweh. Zum Glück gibt es Aspirin!

*) Gemäss dem erhellenden Buch «Merchants of Doubt» von Naomi Oreskes und Erik M. Conway, Bloomsbury Press, 2010

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Keine. Der langjährige Wissenschaftsjournalist Beat Gerber publiziert heute auf seiner satirischen Webseite «dot on the i», auf der diese Glosse erschien.

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