Agnes Hirschi zeigt Jugendbilder mit Mutter und Carl Lutz aus dem Buch «Under Swiss Protection». © P.A.

Agnes Hirschi: Stieftochter des Juden-Retters Carl Lutz

Peter Abelin / 01. Apr 2018 - Der Schweizer Carl Lutz hatte im Zweiten Weltkrieg in Budapest 50'000 Juden gerettet. Zuerst wurde er gerügt, jetzt geehrt.

Weitgehend hinter den Kulissen hat sich Agnes Hirschi weltweit für die Rehabilitierung und gebührende Beachtung ihres Stiefvaters Carl Lutz engagiert, der im Zweiten Weltkrieg in Budapest über 50‘000 Juden gerettet hat. Erst durch die Ausstellung «The Last Swiss Holocaust-Survivors» und das Buch «Under Swiss Protection» wurde die frühere Berner Lokaljournalistin selbst als Holocaust-Überlebende geoutet. Auch gute Bekannte waren völlig überrascht.

Die drei Leben der Agnes Hirschi-Grausz

Ihr erstes Leben begann am 3. Januar 1938 in London. Das eigentlich in Budapest lebende jüdische Ehepaar Sándor und Magda Grausz wollte seiner Tochter Agi durch die britische Staatsbürgerschaft und die im Geburtsschein vermerkte Religion «anglikanisch» die Lebensaussichten in bedrohlichen Zeiten verbessern.

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Agnes Hirschi am Dienstag 3. April um 22.20 Uhr im «Club»:
«Die letzten Zeugen: Der Holocaust und Antisemitismus heute»

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Zum Exil in England konnten sich die Eltern aber nicht durchringen. Das Jüdische im Familienleben in Budapest beschränkte sich in der Erinnerung des damaligen Kindes auf ein Chanukka-Lied. Ihre Mutter sagte ihr über ihre Religion: «Das ist ein Fluch – vergiss es». Kein Wunder: Überleben hiess das vordringliche Ziel.

Deshalb suchten Mutter und Tochter im Mai 1944 auch den Schweizer Vizekonsul Carl Lutz auf. Von ihm erhofften sie einen der begehrten Schutzbriefe, welche die Deportation in ein Konzentrationslager verhindern konnten. Es kam sogar noch besser: Der Diplomat fand Gefallen an Magda Grausz, engagierte sie als Haushälterin und nahm sie und ihre Familie bei sich und seiner Ehefrau Gertrud auf. Trotzdem entgingen sie während der massiven Bombardierung Budapests im folgenden Winter dem Tod im Luftschutzkeller nur knapp. Sogar die Befreiung durch die russische Armee wäre dem siebenjährigen Mädchen fast zum Verhängnis geworden, schoss ein betrunkener Soldat doch wahllos unter das Bett, wo ihre Mutter es versteckt hatte.

Der Kontakt mit Carl Lutz brach auch nach dessen Rückkehr in die Schweiz nicht ab, wo seine Vorgesetzten sein humanitäres Engagement als Kompetenzüberschreitung rügten. Er trennte sich von seiner Ehefrau, heiratete Magda Grausz und wurde zum Stiefvater von deren Tochter, für die in Bern ein zweites Leben begann.

Journalistin und Kreisrichterin

Sie hiess nun Agnes, besuchte die Schulen, wurde in der evangelisch-methodistischen Tradition ihres gläubigen Stiefvaters konfirmiert und absolvierte eine Handelsausbildung. 1962 heiratete sie Eric Hirschi und wurde bald Mutter von zwei Söhnen.

Als Lokaljournalistin bei der «Berner Zeitung» war sie unermüdlich auf Achse; sie berichtete über Parlamentsdebatten in Regionsgemeinden ebenso wie über Modeschauen und Geschäftseröffnungen in der Stadt Bern. Das SP-Mitglied amtierte auch als Amtsrichterin in Fraubrunnen und Kreisrichterin in Burgdorf. Sie ist seit langem Mitglied der reformierten Kirchgemeinde ihres Wohnorts Münchenbuchsee.

In der ganzen Zeit ihrer Berufstätigkeit sei sie «total ausgefüllt» gewesen und habe ihre Herkunft verdrängt, sagt sie im Gespräch.

Ganz war dies allerdings nicht möglich: 1968 musste sie den frühen Tod ihrer Mutter verarbeiten, 1975 war sie dabei, als ihr Stiefvater einen Herzinfarkt erlitt und starb. Am Sterbebett gelobte sie, sich für eine angemessene Würdigung von Carl Lutz in der Öffentlichkeit zu engagieren. Vorerst überliess die Vielbeschäftigte die Pflege seines Nachlasses und die offiziellen Termine aber gerne seiner ersten Frau Gertrud Lutz-Fankhauser, mit der sie sich nun regelmässig traf: «Es war eine Art von allmählicher Übergabe des Vermächtnisses», blickt Agnes Hirschi auf die folgenden 20 Jahre zurück.

Reisende in Sachen Carl Lutz

Umso unermüdlicher stürzte sie sich nach der Pensionierung 1995 in ihr drittes Leben als «Reisende in Sachen Carl Lutz», wie sie es gegenüber dem «Forum» einmal nannte. Ausstellungen, Vorträge, Ehrungen, Filme und Bücher sorgten dafür, dass Carl Lutz heute in der Schweiz und weltweit in seiner tatsächlichen historischen Bedeutung wahrgenommen wird.

Agnes Hirschi war zwar fast immer dabei, sah ihre Aufgabe aber vorwiegend im Hintergrund. Doch im Jahr 2017 kam sie nicht darum herum, als Person selbst im Rampenlicht zu stehen: In der Wanderausstellung «The Last Swiss Holocaust Survivors», die im letzten Herbst mit grossem Erfolg im Berner Kornhausforum gezeigt wurde, stand die Geschichte ihrer Rettung durch Carl Lutz gleichberechtigt neben den Schilderungen anderer Überlebender.

Sie habe diese Publizität nie gesucht, beteuert Hirschi glaubwürdig. Und doch freute sie sich über die durchwegs positiven Reaktionen. Viele ihrer Bekannten seien völlig überrascht gewesen, da sie ihre Vergangenheit «nie an die grosse Glocke gehängt» hatte.

Gleich in der Mehrfachrolle als Mit-Herausgeberin, Autorin und Porträtierte fand sich Agnes Hirschi im umfassenden Buch «Under Swiss Protection»* wieder, mit dem die offizielle Schweiz ihr Jahr als Vorsitzende der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA) krönte. 36 von Carl Lutz gerettete Personen aus drei Kontinenten – oder deren Nachkommen – dokumentieren darin das damalige Geschehen an Hand ihres persönlichen Schicksals. Zu den so Vorgestellten gehören auch Eva Bino (Mutter von JGB-Mitglied Peter Bino) und Agnes Heffner (Mutter von Rebezzen Nora Polnauer).

Inzwischen «sehr wohl» in der Synagoge

Betrachtet Agnes Hirschi, die im Januar einen runden Geburtstag feiern konnte, ihre Mission nun als abgeschlossen? Beginnt für sie ein viertes, ruhigeres Leben? Vorderhand gehe die Hektik noch weiter, lautet die Antwort. Sie hoffe aber, auch mal Zeit zu finden, um ihre Tagebuch-Notizen, Dossiers und Unterlagen zu ordnen.

Zudem möchte sie die zahlreichen Kontakte und Freundschaften pflegen, die durch ihre Reisen und Recherchen entstanden sind: «Diese haben mein Leben sehr bereichert», bekennt die Frau, deren Ehemann vor zwei Jahren gestorben ist.

Etwas verändert hat sich inzwischen ihre religiöse Identität. Zwar sei sie nach wie vor in der reformierten Kirche «mehr daheim». Aber sie fühle sich auch in einer Synagoge «sehr wohl». Und, um den Kreis zu ihrer Kindheit vollends zu schliessen: Sie feiert jedes Jahr Chanukka – nun mit der Familie von JGB-Mitglied Andreas «Bandi» Sas, dessen 1986 verstorbene Ehefrau Wanda ihre Jugendfreundin in Budapest war – eine enge Beziehung, die später in Bern nahtlos weitergeführt wurde.

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Dieser Beitrag erschien im «Forum» der Jüdischen Gemeinde Bern

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Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Der Autor war von 1979 bis 1998 Redaktor der Berner Zeitung und kennt Agnes Hirschi seit langem.

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