Übervölkerte Umgebung von Kairo © cc Liliana Bettencourt

Übervölkerte Umgebung von Kairo

100 Millionen: «Zu viele Menschen essen alles weg»

Christa Dettwiler / 23. Feb 2020 - In Ägypten steigt die Armut. Ein Gynäkologe und Geburtshelfer kritisiert fehlende Mittel für Aufklärung, Kondome und Pillen.

Am 12. Februar, um die Mittagszeit, feierte Ägypten die Geburt der 100-millionsten Einwohnerin. Wobei, feiern ist das falsche Wort. Denn Ägyptens Kabinett erklärte, es sei wegen des Bevölkerungswachstums in „hoher Alarmbereitschaft“. Präsident Abd al-Fattah as-Sisi hat das Wachstum der Bevölkerung sogar auf die gleiche Gefahrenstufe gehoben wie Terrorismus.

Mit gutem Grund: 95 Prozent der Bevölkerung leben dicht zusammengedrängt auf nur gerade vier Prozent des Landes – einem grünen Gürtel, der sich den Nil entlang zieht, ungefähr halb so gross wie Irland. Rund 20 Millionen Menschen leben allein in und um Kairo.

Die rasch wachsende Bevölkerung, so die Sorge, wird Armut und Arbeitslosigkeit verschärfen und die beschränkten Ressourcen wie Land und Wasser weiter belasten. Wächst die Bevölkerung ungebremst weiter, könnte sie 2030 die 128-Millionen-Marke knacken. Die öffentliche Kampagne unter dem Motto „zwei sind genug“ hat offensichtlich nichts gefruchtet, denn die Geburtenrate stieg seit 2008 stetig auf durchschnittlich 3,5 Kinder.

Die Menschen halten wenig von der präsidialen Kampagne. Stellvertretend für die Mehrheit sagte Ahmed Abdel-Hadi, Taxifahrer in Kairo und Vater von vier Kindern, gegenüber der New York Times: „Menschliches Kapital ist wertvoll. Die Familie eines Mannes reflektiert sein Einkommen. Und das sollte darüber entscheiden, wie viele Kinder ich habe, nicht irgendjemand, der mir etwas vorschreibt.“

In den 1990er Jahren gab es schon Anstrengungen, das Bevölkerungswachstum zu begrenzen. Damals sank die Geburtenrate von 5,2 auf 3 Kinder. Doch um die Zeit des Arabischen Frühlings 2011 begann sie wieder zu steigen, unter anderem weil – nach Informationen der New York Times – westliche Regierungen ihre Finanzierung für Geburtenkontrolle reduzierten. Allerdings, sagen Kritiker, die Regierung beschränke sich vor allem auf Worte statt auf Taten. Amr A. Nadim, ein Gynäkologe an der Ain-Shams-Universität kritisierte: „Überbevölkerung isst alles weg. Aber ich habe das Gefühl, dass die Regierung nicht allzu viel dagegen unternimmt.“ Es fehle vor allem das Geld für Aufklärung und für Verhütungsmittel.

Nicht überraschend verschärft die hohe Geburtenrate die Armut. Mehr als 700'000 junge Ägypterinnen und Ägypter strömen jedes Jahr auf den Arbeitsmarkt. Weil sie sich die von der Regierung hochgezogenen neuen Überbauungen nicht leisten können, behelfen sie sich mit den ungebremst wachsenden Siedlungen, die am Rand von Kairo immer mehr Agrarland überwuchern. Die Armutsrate stieg im letzten Sommer auf 32,5 Prozent. Die hohe Geburtenrate, so meinen Fachleute, reflektiere auch den wirtschaftlichen Zusammenbruch. David Sims von der Amerikanischen Universität in Kairo bringt es auf den Punkt: „Ägypten ist auf dem Weg zurück zu seinen ländlichen Wurzeln. Wenn du arm bist, wirst du mehr Kinder haben.“

Andere bevölkerungsreiche Länder konnten die Geburtenrate deutlich senken. In Vietnam, wo die Bevölkerung seit 1986 von 60 auf 97 Millionen enorm zunahm, beträgt das Wachstum der Bevölkerung heute nur noch ein Prozent pro Jahr – gegenüber heute immer noch zwei Prozent in Ägypten. In Bangladesh mit über 160 Millionen Einwohnern nimmt die Bevölkerung heute ebenfalls «nur» noch um ein Prozent jährlich zu.

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4 Meinungen

"Bis 2050 wird sich die Zahl der Afrikaner von heute rund einer Milliarde auf zwei Milliarden verdoppelt haben» (Die Welt). Das ist eine riesige Bombe, die unweit von Europa explodieren wird!
Pedro Reiser, am 23. Februar 2020 um 11:52 Uhr
Zu viele essen zu viel !
2 Milliarden Personen leiden an Übergewicht.
4 Millionen davon sterben jedes Jahr.
Aber 9 Millionen sterben an Unternährung pro Jahr.
Würden die 2 Milliarden etwas an die Hungernden abgeben, wären die übergewichtigen auch gesünder !
Dieter Gabriel, am 23. Februar 2020 um 16:34 Uhr
Entwicklungspolitik der Schweiz: Stellenwert der freiwilligen Familienplanung aufwerten!

Weder der Bundesrat noch die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit des Bundes (DEZA) unterstützen die freiwillige Familienplanung – das ist keine Geburtenkontrolle! – als Schwerpunkt ihrer entwicklungspolitischen Massnahmen, obwohl sie seit 1968 als grundlegendes Menschenrecht anerkannt ist. Das wäre weit dringender als die Konzentration der Entwicklungshilfe auf weniger Länder.
Alex Schneider, am 23. Februar 2020 um 16:41 Uhr
Leserbrief zur globalen Bevölkerungsentwicklung

Nach offiziellen Angaben beherbergt die Erde derzeit 7,76 Milliarden Menschen. Eingerechnet der Dunkelziffer aller nicht registrierten Menschen sind wir in Wirklichkeit wohl schon 9 Milliarden Menschen. Noch vor rund 100 Jahren waren es nur rund 2 Milliarden Menschen; jetzt sind wir schlicht und einfach viel zu viele, um noch in Frieden und im Überfluss auf nur einem Planeten leben zu können, und wir haben nur diese eine Erde. Die Überbevölkerung ist der Grund dafür, dass unser Ökosystem aus den Fugen geraten ist, dass urweltliche Stürme, Orkane und sintflutartige Überschwemmungen sich mit tödlichen Dürren und alles vernichtenden Bränden ablösen und nicht enden wollende Flüchtlingsströme über die Erde rollen werden. Weitere Folgen sind resp. werden sein: Kriege um Ressourcen wüten, Menschen wohnen in Käfigen (jetzt schon Realität: «Käfigmenschen» in Hongkong), verstopfte Strassen, aggressive Menschen, Epidemien (siehe «Corona-Virus») usw.
Vielleicht denken Sie jetzt, uns in Europa betreffe das nicht, uns gehe es so gut wie nie zuvor und der «liebe Gott» werde es schon richten. Dem ist aber nicht so, denn was wir uns selbst eingebrockt haben, müssen wir auch selbst auslöffeln – Ursache und Wirkung ist ein Naturgesetz und unbestechlich. Es ist höchste Zeit, dass wir unsere Vernunft gebrauchen und die einzig logische, die einzig ursächliche und einzig nachhaltige Lösung realisieren: Einen mehrjährigen globalen Geburtenstopp!
Achim Wolf, am 27. Februar 2020 um 07:22 Uhr

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