Die Zielscheiben im Schiesskeller der Polizei zeigen Menschen ohne Beine © cm
Schiesstraining in den USA heute © Ad
US-Polizisten freuen sich über ihre Treffer auf der Zielscheibe © gk
Schweizer Polizisten beim Schiesstraining © gk

Die US-Polizei schiesst nur aufs Herz

Christian Müller / 13. Jun 2020 - Die US-Police schiesst nach einfachen Regeln: Es gibt nur den Schuss ins Herz. Die Brutalität der Polizei hat erkennbare Ursachen.

«Die Ausbildung zum Polizisten dauert in den USA gerade einmal 19 Wochen», so titelte die NZZ in ihrer Ausgabe vom 16. Juni 2020. Marie-Astrid Langer, die Autorin des Berichts, differenziert in ihrem Artikel allerdings: «Die 18'000 Polizeibehörden in Amerika handeln weitgehend autonom bei der Ausbildung ihrer Polizisten. Im landesweiten Schnitt dauert diese 19 Wochen, doch die Unterschiede sind gross: In Kalifornien werden Polizeianwärter 32 Wochen ausgebildet. In Indiana kann jeder, der von einer Polizeibehörde eingestellt wird, ohne formale Ausbildung seine Arbeit beginnen, solange er die Schulung innerhalb des ersten Jahres nachholt; wie lange diese dauert, ist der lokalen Polizeibehörde überlassen.»

Klar aber ist: «Zentral ist der Einsatz von Schusswaffen», so eine Zwischenüberschrift des Artikels in der NZZ. Marie-Astrid Langer: «Der Fokus der Ausbildung liegt fast überall auf dem Einsatz von Waffen: Wie eine Umfrage unter 281 amerikanischen Strafverfolgungsbehörden im Frühling 2015 zeigte, übten die Rekruten im Schnitt 58 Stunden den Umgang mit Schusswaffen und 49 Stunden Taktiken zur Verteidigung, aber nur 8 Stunden wurden sie in Deeskalationstechniken unterrichtet.»

Wie viele Menschen von US-Polizisten pro Jahr tatsächlich erschossen werden, ist nicht bekannt, es gibt darüber keine Statistik. Schätzungen gehen von mindestens 1000 aus. Umgekehrt aber gibt es Zahlen: Im mehrjährigen Durchschnitt sind es, so Langer, 162 Polizisten pro Jahr, die im Dienst ums Leben kommen.

Als Journalist in Denver im nächtlichen Streifenwagen

1983 – ich war damals Chefredaktor der «Luzerner Neusten Nachrichten» – hatte ich Gelegenheit, auf Einladung der «Information Agency» in Washington einen Monat die USA zu besuchen, und ich durfte Wünsche äussern, was ich sehen möchte. Einer meiner Wünsche war, die Polizei eine Nacht lang in einem Streifenwagen begleiten zu dürfen. Der Wunsch wurde erfüllt – in Denver, der Hauptstadt des Bundesstaates Colorado. Denver war zu jener Zeit gerade weltberühmt wegen der damals äusserst populären TV-Serie «Denver Clan». Bedingung für das nächtliche Mitfahren im Streifenwagen allerdings war: Ich musste ein Papier unterschreiben mit dem ausdrücklich erklärten Verzicht, im Falle eines Schadens meinerseits – also wenn ich etwa bei einer Schiesserei verletzt würde oder ums Leben kommen sollte – die Polizei zu beschuldigen oder sie gar einzuklagen. Ich unterschrieb.

Es wurde eine filmreife Nacht, inklusive der Verhaftung eines Einbrechers, mit «Hands up» und allem, was dazugehört. Was aber auch dazugehörte: So gegen 23 Uhr erhielten die beiden Polizisten per Funk die Anweisung, in den polizeieigenen Schiesskeller zu gehen und das vorgeschriebene Training zu absolvieren. Auch hier durfte ich mitgehen. Zu meinem Erstaunen sah ich in dem eher düsteren Schiessraum aber keine Schiessscheiben. Doch plötzlich tauchten in Sekundenschnelle aus der Decke Zielscheiben auf – in der Form eines menschlichen Oberkörpers. Der trainierende Polizist packte, ebenfalls in Sekundenschnelle, im Holster seinen Revolver und feuerte. Das Gleiche mehrmals, mit neuen, an verschiedenen Stellen des Raums auftauchenden Scheiben. Ein Spektakel der besonderen Art.

Der schnellere Schütze gewinnt

Das Erlebnis bleibt unvergessen: Nicht nur die Schnelligkeit der Schussabgabe war beeindruckend, einigermassen erschüttert war ich auch, weil die Zielscheibe nur den Oberkörper eines Menschen zeigte, ähnlich wie die damalige B-Scheibe in meiner Rekrutenschule. Danach befragt erläuterte der Polizist: «Wenn der überraschte und/oder angehaltene Zivilist eine Waffe zieht, müssen wir schneller sein als er – und um sicher zu sein, dass er seinerseits nicht mehr schiessen kann, müssen wir auf sein Herz schiessen. Das ist unser klarer Auftrag.» Siehe dazu das Foto oben, das ich damals machen durfte – bei «situationsgerecht» schlechten Lichtverhältnissen.

Ist heute alles anders?

Eine alte, eine veraltete Geschichte, weil schon im Jahr 1983 erlebt? Mitnichten. Nicht zufällig haben die führenden Hersteller von Militär- und Polizeiwaffen SIG SAUER, Beretta, Glock, CZ und wie sie alle heissen von ihren Tactical- und Government-Modellen mehr und mehr auch schlankere, sogenannte «Compact» und «Subcompact»-Versionen im Angebot, die zwar weniger Patronen fassen, aber besser unter den Gurt passen und weniger sichtbar in einer Jackentasche verdeckt mitgeführt werden können – in den meisten Bundesstaaten der USA auch heute noch vollkommen gesetzeskonform.

Auch in den USA hat sich in den letzten Dekaden vieles verändert, sehr vieles sogar. Man denke etwa an die Digitalisierung oder an die Medien und die Social Media. Nicht verändert aber hat sich der freie Zugang zu Handfeuerwaffen und nicht verändert hat sich – eine Folge davon – die Brutalität der Polizei im Umgang mit den von ihr zu Beschützenden, den Bürgerinnen und Bürgern. Der unterschiedliche Umgang mit weissen und schwarzen Bürgern, also das rassistische Verhalten der US-Police, darf und muss kritisiert und muss künftig unter Strafe gestellt werden. Auch eine Hilfsverweigerung gehört hart bestraft. Die oft sichtbare generelle Brutalität der US-Polizisten aber ist keine Eigenerfindung der Behörden. Sie ist die Folge der vorherrschenden Mentalität: Ein Grossteil der US-Amerikaner vertraut noch immer mehr auf die eigene Schusswaffe als auf das Gewaltmonopol des Staates, das es in den USA de facto eben immer noch nicht gibt.

So wirbt heute ein US-Schiesskeller für seine Schiesskurse. Man beachte die Schiessscheibe.

Auch wenn das Schiessen auf Zielscheiben in Form eines menschlichen Oberkörpers gelegentlich ganz friedlich aussehen mag: Nicht im sportlichen Schiesstraining – dort sind die Schiessscheiben auch in den USA wie hierzulande schwarzweiss und rund –, wohl aber im polizeilichen Schiesstraining haben die Schiessscheiben die Form eines menschlichen Oberkörpers. Und nur des Oberkörpers! Getroffen werden muss ja das Herz.

Drei ganz friedliche Männer, so zumindest scheint dieses Bild aus den USA es zu zeigen. Aber auch sie haben im Training aufs Herz gezielt: aufs Herz auf der Schiessscheibe. Und sie haben gut getroffen …

Zumindest in der Schweiz gibt es sie noch, die Zielscheiben in Menschenform fürs Polizei-Training, auf denen auch Beine zu sehen sind. Zu hoffen bleibt, dass auch in diesem Fall das Bild mehr sagt als tausend Worte. Lustig allerdings ist es auch hier nie, wenn Polizisten zur Pistole greifen – greifen müssen.

Auch Schweizer Polizisten müssen das Schiessen trainieren. Wohin sie schiessen, ist situationsbedingt aber unterschiedlich.

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Siehe zur selben Thematik auch:

  • «Kein Staatsvertrauen: Die einen kaufen Gold, die anderen Guns» (auf Infosperber)

  • «Teenager kämpfen als Journalisten gegen Waffengewalt» (auf Infosperber)

  • … und heute Sonntag aktuell:

    Die Polizei erschiesst einen Schwarzen in Atlanta

  • Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

    Zum Autor deutsch und englisch.

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    4 Meinungen

    Der «klassische» Amerikaner: Einmal Cowboy - immer Cowboy , auch mit dem Sheriff-Stern ....Man sieht das nicht nur bei der Polizei sondern auch Welt-politisch ...
    bernhard sartorius, am 13. Juni 2020 um 11:59 Uhr
    In Hollywood Filmen wird die Pistole des Gegners aus der Hand geschossen. In einer realistischen Situation schiesst man auf die grosste Flache. Und das ist der Oberkorper.
    Urs Zaugg, am 14. Juni 2020 um 06:56 Uhr
    Ich weiss nicht, ob das wirklich Polizei-spezifisch ist. Ich bin in den USA aufgewachsen und machte dort in den Pfadi einen ganz kleinen Jungschützenkurs mit. Wir schossen zwar auf runde Scheiben, aber die Instruktoren erklärten uns, man solle nie auf einen Menschen zielen ausser in Absicht zu töten. Auch in der Schweizer Armee sind die Zielscheiben mit Silhouette ohne Beine Standard und geübt wurde nur das Zielen auf's Zentrum aus der Distanz und nicht das Zielen auf Extremitäten. Das ist eigentlich logisch: wenn jemand unbewaffnet ist sollte man gar nicht schiessen, und wenn er bewaffnet ist, hätten wohl nur sehr gute Schützen oder Psychologen eine andere Möglichkeit als in's Zentrum zu schiessen, wie Urs Zaugg sagt. Wäre interessant zu wissen, was die schweizerischen Polizei-Ausbildner dazu sagen.
    Theo Schmidt, am 15. Juni 2020 um 18:21 Uhr
    Was soll jetzt diese dümmliche Diskussion, bei der Polizei- und Militär-Einsätze wild verwechselt werden? Ich rechne schon damit, dass als nächstes die Frage der Kaliber, der Geschosse, des «Stoppens», des «ausser-Gefecht-Setzens», des Tötens, usw. hier diskutiert werden. Und dann sind wir bald einmal bei der Haager-Landkriegs-Ordnung.
    Entscheidend ist: Es gibt Polizisten, die einen Verbrecher (ev. verletzt) verhaften und später verhören können. Und es gibt andere Polizisten, bei denen der Verbrecher, weil er sich der Verhaftung widersetzte, getötet wird. DA liegt der Unterschied! Und Polizisten der zweiten Art gibt es (vornehmlich) in den USA. Und darum gibt es dort überaus viele ungeklärte Verbrechen!
    Dieter Kuhn, am 16. Juni 2020 um 11:41 Uhr

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