Massenmörder Breivik stellt die Toleranz-Prinzipien der Unesco auf eine harte Probe © MM

Massenmörder Breivik stellt die Toleranz-Prinzipien der Unesco auf eine harte Probe

Moslem-Hasser: Unesco erklärt, was Toleranz ist

Red. / 30. Jul 2011 - Wer behauptet, er sei tolerant, kann hier kontrollieren, ob er sich wirklich an die Prinzipien der Toleranz hält.

Nach dem hasserfüllten Massenmord in Norwegen wird das Prinzip der Toleranz einmal mehr auf eine harte Probe gestellt. Sind wir gegenüber Extremisten und Fundamentalisten jeglicher Art zu tolerant? Wo hört die Toleranz auf? Muss man Andere zwingen, tolerant zu sein? Falls ja, wie?

Max Frisch meinte: «Toleranz ist immer das Zeichen, dass sich eine Herrschaft als gesichert betrachtet.» Also nur eine Schönwetter-Tugend?

Albert Einstein hatte Toleranz wie folgt definiert: «Toleranz ist das menschenfreundliche Verständnis für Eigenschaften, Auffassungen und Handlungen anderer Individuen, die der eigenen Gewohnheit, der eigenen Überzeugung und dem eigenen Geschmack fremd sind.»

Im Jahr 1995 hat sich die UN-Organisation für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (Unesco) auf Prinzipien der Toleranz geeinigt. Es lohnt sich, anhand dieser Prinzipien unsere eigene Haltung zur Toleranz und zum Fundamentalismus zu prüfen.

Im Folgenden geben wir diese Prinzipien im Wortlaut wieder, leicht gekürzt. Den vollen Wortlaut kann man am Schluss dieses Textes als PDF-Dokument herunterladen.

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Erklärung von Prinzipien der Toleranz

Die Mitgliedstaaaten der Unesco haben die Erklärung von Prinzipien der Toleranz an der Generalkonferenz von 1995 verabschiedet:

Entschlossen, alle positiven Schritte zu unternehmen, die notwendig sind, um den Gedanken der Toleranz in unseren Gesellschaften zu verbreiten - denn Toleranz ist nicht nur ein hochgeschätztes Prinzip, sondern eine notwendige Voraussetzung für den Frieden und für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung aller Völker, erklären wir:

Artikel 1: Bedeutung von 'Toleranz'

1.1 Toleranz bedeutet Respekt, Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt... Toleranz ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht, und trägt dazu bei, den Kult des Krieges durch eine Kultur des Friedens zu überwinden.

1.2 Toleranz ist nicht gleichbedeutend mit Nachgeben, Herablassung oder Nachsicht. Toleranz ist vor allem eine aktive Einstellung, die sich stützt auf die Anerkennung der allgemeingültigen Menschenrechte und Grundfreiheiten anderer. Keinesfalls darf sie dazu missbraucht werden, irgendwelche Einschränkungen dieser Grundwerte zu rechtfertigen. Toleranz muß geübt werden von einzelnen, von Gruppen und von Staaten.

1.3 Toleranz ist der Schlüsselstein, der die Menschenrechte, den Pluralismus (auch den kulturellen Pluralismus), die Demokratie und den Rechtsstaat zusammenhält. Sie schließt die Zurückweisung jeglichen Dogmatismus und Absolutismus ein und bekräftigt die in den internationalen Menschenrechtsdokumenten formulierten Normen.

1.4 In Übereinstimmung mit der Achtung der Menschenrechte bedeutet praktizierte Toleranz weder das Tolerieren sozialen Unrechts noch die Aufgabe oder Schwächung der eigenen Überzeugungen. Sie bedeutet für jeden einzelnen Freiheit der Wahl seiner Überzeugungen, aber gleichzeitig auch Anerkennung der gleichen Wahlfreiheit für die anderen...Dazu gehört, dass die eigenen Ansichten anderen nicht aufgezwungen werden dürfen.

Artikel 2: Toleranz und der Staat

2.1 Toleranz auf der Ebene staatlichen Handelns erfordert Gerechtigkeit und Unparteilichkeit in der Gesetzgebung, bei der Anwendung der Gesetze sowie in Justiz und Verwaltung. Sie erfordert auch, dass wirtschaftliche und soziale Chancen jeder einzelnen Person ohne Unterschied zuteil werden. Ausgrenzung und Randständigkeit können Frustration, Feindseligkeit und Fanatismus zur Folge haben.

2.2 Auf dem Weg zu einer toleranteren Gesellschaft sollten Staaten die vorhandenen internationalen Menschenrechtskonventionen ratifizieren und neue Gesetze erlassen, soweit dies erforderlich ist zur Sicherstellung von Gleichbehandlung und Chancengleichheit für alle Gruppen und Individuen in der Gesellschaft.

2.3 Für ein harmonisches internationales Zusammenleben ist es wesentlich, dass einzelne, Gemeinschaften und Nationen den multikulturellen Charakter der Menschheit anerkennen und respektieren. Ohne Toleranz gibt es keinen Frieden, und ohne Frieden kann es weder Demokratie noch Entwicklung geben.

2.4 Intoleranz zeigt sich oft in Form von Marginalisierung schutzloser Gruppen und ihrer Ausgrenzung von sozialer und politischer Partizipation, verbunden mit Gewalt und Diskriminierung. Nach den Bestimmungen der Erklärung über Rasse und Rassenvorurteile «haben alle Personen und Gruppen das Recht, verschieden zu sein» (Unesco-Rassendeklaration vom 27.11.1978, Artikel 1.2).

Artikel 3: Soziale Dimensionen

3.1 In der heutigen Welt ist Toleranz wichtiger als jemals zuvor. Diese Epoche ist gekennzeichnet durch Globalisierung der Wirtschaft und durch schnell zunehmende Mobilität, ...gewaltige Wanderungsbewegungen und Vertreibung ganzer Bevölkerungen, Verstädterung und Wandel sozialer Muster. Da jeder Teil der Welt das Merkmal der Vielfalt trägt, bedrohen zunehmende Intoleranz und Zwietracht potentiell jede Region. Sie sind nicht begrenzt auf einzelne Länder, sondern eine globale Gefahr.

3.2 Toleranz ist notwendig zwischen einzelnen wie in Familie und Gemeinschaft. Toleranz und Offenheit, die Fähigkeit zum Zuhören und Solidarität sollten vermittelt werden in Schulen und Universitäten wie in ausserschulischer Bildung, zu Hause und am Arbeitsplatz. Die Massenmedien können eine konstruktive Rolle spielen, indem sie Räume schaffen für freien und offenen Dialog und Diskussion, die Werte der Toleranz verbreiten und hinweisen auf die Gefahren der Indifferenz gegenüber der Ausbreitung intoleranter Gruppen und Ideologien.

3.3 Wie schon die Unesco-Rassendeklaration bekräftigt, müssen, wo immer nötig, Massnahmen zur Sicherung von Gleichheit in Würde und der Rechte einzelner oder ganzer Gruppen ergriffen werden. Dabei sollten sozial oder wirtschaftlich benachteiligte und deshalb besonders gefährdete Gruppen besondere Beachtung finden durch Schutzgarantien der geltenden Gesetze und Sozialhilfemassnahmen, insbesondere in den Bereichen Wohnung, Arbeit und Gesundheit, durch Achtung der Authentizität ihrer Kultur und ihrer Werte und - insbesondere über Bildungsmassnahmen - durch Förderung ihrer sozialen und beruflichen Entwicklung und Integration...

Artikel 4: Bildung und Erziehung

4.1 Bildung ist das wirksamste Mittel gegen Intoleranz. Der erste Schritt bei der Vermittlung von Toleranz ist die Unterrichtung des einzelnen Menschen über seine Rechte und Freiheiten und die damit verbundenen Ansprüche sowie die Herausbildung des Willens zum Schutz der Rechte und Freiheiten anderer Menschen.

4.2 Erziehung zur Toleranz gehört zu den vordringlichsten Bildungszielen. Deshalb ist es notwendig, für den Unterricht zum Thema Toleranz systematische und rationale Lehrmethoden zu verbreiten, die aufklären über die kulturellen, sozialen, wirtschaftlichen, politischen und religiösen Wurzeln von Intoleranz - und damit über die tieferen Ursachen von Gewalt und Ausgrenzung. Bildungspolitik und Lehrpläne sollen ihren Beitrag leisten zur Verständigung, Solidarität und Toleranz zwischen Individuen ebenso wie zwischen ethnischen, sozialen, kulturellen, religiösen oder Sprachgruppen und zwischen den Nationen.

4.3 Erziehung zur Toleranz soll sich bemühen, das Entstehen von Angst vor anderen und der damit verbundenen Ausgrenzungstendenz zu verhindern. Sie soll jungen Menschen bei der Ausbildung ihrer Fähigkeit zur unabhängigen Wertung, zum kritischen Denken und zur moralischen Urteilskraft helfen.

4.4 Wir verpflichten uns zur Unterstützung und zur Umsetzung von sozialwissenschaftlichen Forschungsprogrammen und von Lehrplänen zu den Themen Toleranz, Menschenrechte und Gewaltlosigkeit. Besondere Aufmerksamkeit verdienen deshalb die Verbesserung der Lehrerausbildung, der Lehrpläne, der Unterrichtsinhalte und Lehrbücher sowie anderer Lehrmaterialien einschliesslich der neuen Unterrichtstechnologien. Ziel ist die Ausbildung solidarisch und verantwortlich denkender Bürger, die offen sind für andere Kulturen, die den Wert der Freiheit schätzen, die die Menschenwürde ebenso wie zwischenmenschliche Unterschiede achten und die in der Lage sind, Konflikte zu vermeiden oder sie gewaltfrei zu lösen.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

Weiterführende Informationen

Voller Wortlaut der Unesco-Erklärung zu den Prinzipien der Toleranz

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Eine Meinung

Der Begriff Toleranz ist ein vielbesetzter und breit vereinnahmter Modebegriff und heute immer weniger klärend und hilfreich. Die Begriffe Freiheit, Kultur, Bildung, Harmonie und Menschenwürde etc. sind ebenfalls in jedem neuen Kontext zu hinterfragen. Der Diskurs zur «Differenzbereinigung» wie er von Hans Saner formuliert wurde setzt sich mE viel präziser, auch von den Ursachen her gedacht und gedanklich gut nachvollziehbar mit dieser Problematik auseinander. Mich würde seine Kritik an dieser wohl jeden letztlich überfodernden UNESCO Erklärung interessieren. Eine Erklärung darf und soll natürlich ein Ideal anvisieren, aber welchen Prozess kann sie im einzelnen damit wirklich auslösen damit ein differenzverträgliches Zusammenleben möglich wird?
Thomas Cerny
Thomas Cerny, am 30. Juli 2011 um 12:16 Uhr

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