infosperber, Arne Elsen © freiheit-in-jesus/prtSc

Arne Elsen beschönigte gegenüber der Gemeinde Pfäffikon seine Vergangenheit.

«Schwulenheiler» lullt Gemeindebehörde ein

Tobias Tscherrig / 12. Mai 2018 - Ein deutscher «Heiler» hält in Pfäffikon ZH Heilungsgottesdienste ab. Die Gemeinde verbreitet seine schönfärberischen Aussagen.

Arne Elsen wirkt wie ein Showmaster, aber nicht wie ein gewöhnlicher. Wie einer, mit direktem Draht zu Gott. Der deutsche Facharzt für Innere Medizin und Diabetologie will bereits selber übernatürliche, spontane Heilungen erlebt haben. Ausserdem sah er sich im Traum auf einer Bergkuppe stehen. Ein starker Wind sei aufgekommen und habe ihm ins Gesicht geblasen. Beim Aufwachen habe er eine Stimme gehört: «Ich habe Grosses mit dir vor.»

Glaubt man den «Zeugnissen und Heilungsberichten» auf seiner Internetseite, hat Arne Elsen mit Gebeten schon fast alles geheilt: Beziehungen, Schrumpfnieren, Prostataleiden, Krebs, Magersucht, Schmerzen, beeinträchtigtes Sehvermögen, eingeklemmte Nerven, Ellenbogenprellungen, Schlafstörungen. Die Liste ist weit länger.

Heilungswochenende im Gemeindegebäude

Am Wochenende vom 11., 12 und 13. Mai tritt Arne Elsen in Pfäffikon ZH auf. Im Kesselhaus – und damit in einem Gebäude, das der Gemeinde gehört. Hier wird Elsen gleich drei Heilungsgottesdienste abhalten. Dazwischen leitet er das Seminar «Christen in Gesundheitsberufen». Kostenpunkt des anmeldepflichtigen Seminars: 35 Franken.

Die Auftritte des deutschen Arztes sind umstritten. Bei der Kritik geht es weniger um die angesprochenen Wunderheilungen durch Gebete und Glauben. Im Vordergrund steht, dass Arne Elsen wiederholt versucht hat, Homosexuelle zu «heilen».

«Homosexualität ist therapierbar»

Der homosexuelle NDR-Reporter Christian Deker besucht im Jahr 2014 einen Heilungsgottesdienst von Arne Elsen. Deker filmt mit versteckter Kamera und fragt den «Heiler», ob er Homosexualität für therapierbar halte. «Keine Frage, logisch», sei seine Antwort gewesen. Am Ende habe Elsen dem Reporter geraten, alle zehn Minuten zu beten. Wenn es in den Tagen danach nicht besser werde, solle er in seine Praxis kommen.

Der NDR-Bericht: «Die Schwulenheiler»

Einige Zeit nach der Veranstaltung wählt Reporter Deker die Telefonnummer von Elsens Praxis, einem Hamburger Diabeteszentrum. Ohne Umschweife kann er einen Termin vereinbaren. Am Telefon wird Deker gefragt, ob er nur zum Gebet komme oder ob er Elsen auch als Arzt konsultieren wolle.

Der Reporter ist nervös, als er sich auf den Weg zur Arztpraxis macht. Im Sprechzimmer erklärt ihm Elsen seine Behandlungsmethode: Er wolle ihm seine Dämonen austreiben. «Ich weiss, der Geist der Homosexualität muss ausgetrieben werden», habe ihm der Facharzt gesagt. «Und dann ist man geheilt.»

Arne Elsen habe für ihn gebetet, sagt der Reporter der Sendung «Panorama». Anschliessend habe ihn der Arzt ins nächste Stockwerk geschickt – wo weitere Menschen für ihn gebetet hätten. «Der Teufel hat dich angegriffen. In Jesu Namen, er will Mädels liebhaben», sei so ein Gebet gewesen. «Herr, so bitte ich dich, mich von dieser verkehrten Neigung freizusetzen.» Diesen Satz habe Deker nachsprechen müssen.

Ein schwarzer Stachel sei aus dem Rücken gekommen

Im Jahr 2015 deckt der NDR einen weiteren Fall von einer versuchten «Homosexuellen-Heilung» durch Arne Elsen auf. Der homosexuelle Bastian Melcher hatte in den Jahren 2010 und 2011 mehrere Termine bei Elsen. Dieser habe auch bei Melcher eine Dämonenaustreibung vorgenommen und dann gesagt, seine Homosexualität sei die Ursache für die Dämonen und damit auch für seine Rückenleiden.

Eine Frau, die bei der Dämonenaustreibung ebenfalls anwesend ist, habe auf «einen schwarzen Stachel» hingewiesen, der Melcher aus dem Rücken gekommen sei.

Der NDR-Bericht: «Die Schwulenheiler 2»

Gemäss NDR behauptet Arne Elsen bis heute, dass diese Zeugenaussagen nicht wahr sind. Er betrachte Homosexualität nicht als Krankheit und wolle Schwule auch nicht heilen. Die beiden NDR-Berichte sprechen eine andere Sprache: Arne Elsen versuchte sich mindestens in den erwähnten Fällen als «Schwulenheiler». Auch gegenüber der evangelischen Nachrichtenagentur (idea) hat Elsen im Jahr 2014 erklärt, Homosexualität sei behandelbar.

Die Ärztekammer Hamburg leitete nach dem ersten NDR-Beitrag Ermittlungen gegen Arne Elsen ein. Das Verfahren wurde allerdings eingestellt, da ihr der Film «als Beweis nicht ausreicht», schreibt der NDR.

Gemeindebehörde übernimmt Version des «Schwulenheilers»

Da Elsens Veranstaltungsreihe in Pfäffikon in einem Gemeindegebäude stattfindet, steht diese in der Kritik. Im Lokalsender «TeleZüri» äussern Einwohner ihr Unverständnis.

Es gab auch verschiedene Anfragen an die Gemeinde, ob die Veranstaltung abgesagt werden könne. In einem Schreiben machte die Gemeinde geltend, sie sehe «keine Rechtsgrundlage für ein Einschreiten seitens der Gemeindebehörde.» Die Veranstaltung gefährde auch nicht die öffentliche Ruhe und Ordnung.

Weiter hätten Veranstalter und der Referent keinerlei Absicht, Homosexuelle zu verunglimpfen und gar gegen sie zu hetzen.» Und: Veranstalter und Referent hätten darauf hingewiesen, dass der «Referent in Deutschland rechtliche Schritte gegen die (...) erhobenen Vorwürfe unternommen hat und die Kritiker zurückbuchstabieren mussten.»

In Wahrheit war es genau andersrum. Arne Elsen hatte dem NDR die Verbreitung der Aufnahmen durch eine einstweilige Verfügung des Landgerichts Hamburg verbieten lassen. Gegen diesen Maulkorb wehrte sich der Fernsehsender: Das hanseatische Oberlandesgericht Hamburg gab dann während einer mündlichen Verhandlung zu erkennen, dass ein Urteil zugunsten des NDR ausfallen würde. Daraufhin zog Arne Elsen seine Anträge zurück – die einstweilige Verfügung wurde gegenstandslos. Seit Juni 2015 darf der NDR die Dokumentation wieder in ihrer ursprünglichen Version, inklusive der Originalaufnahmen aus der Arztpraxis, zeigen.

Die NDR-Rechtsabteilung sagt gegenüber Infosperber: «Der NDR hat gegen Herrn Dr. Elsen vollständig obsiegt.» Es war Arne Elsen, der «zurückbuchstabieren» musste – und nicht etwa seine Kritiker.

Die Gemeinde Pfäffikon liess sich davon nicht beirren. Statt die Aussage von Arne Elsen zu überprüfen, hat sie diese unkritisch an Einwohner und Medien weitergeleitet.

Arne Elsen war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Organisator aus dem radikalen Flügel der Freikirchenszene

Die umstrittene Veranstaltung wird von der «Gemeinde Freiheit in Jesus» organisiert. Gemäss ihrer Internetseite, ist das Heilungs-Weekend mit Arne Elsen der erste öffentliche Anlass, den der Verein organisiert. Aufgrund der zahlreichen Kritik hat der Verein kürzlich eine Pressemitteilung veröffentlicht: Demnach werde Elsen das Thema Homosexualität in seinen Predigten nicht behandeln. Dann folgt ein Zitat des Referenten: «Ich habe noch nie etwas gegen Homosexuelle gehabt und sehe Homosexualität nicht als Krankheit an.»

Die «Gemeinde Freiheit in Jesus» zählt sich zur Wort-des-Glaubens-Bewegung, einem radikalen Flügel der Freikirchenszene. Als Gründungspastoren treten Patrick und Margot Krähenbühl auf, die von Pastor Michael Merkt vom Gospelcenter Brugg «ausgesandt» wurden. In diesem Center hielt Elsen bereits 2013 ein mehrtägiges Heilungsseminar. Auch die weltweit bekannte und umstrittene US-amerikanische Pastorin Becky Fischer ist hier bereits aufgetreten.

Thema mit politischer Brisanz

Die «Gemeinde Freiheit in Jesus» hat mit ihrem ersten Anlass gleich in ein Wespennest gestochen. Die JUSO Zürich Oberland führte eine Protestaktion durch. Auch Einwohner von Pfäffikon üben massive Kritik.

Die Schwulenorganisation «Pink Cross» verweist auf ihrer Internetseite auf die politische Aktualität des Anlasses: «Gerade auch diese Woche läuft eine Petition von "AllOut", die sogenannte Konversionstherapien in Deutschland auf politischer Ebene stoppen will.»

Dies sei auch in der Schweiz längst überfällig. 2016 forderte etwa BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti, dass Heilung von Homosexualität unter Strafe gestellt wird. Das Wochenende in Pfäffikon ZH zeigt laut «Pink Cross» einmal mehr, wie aktuell diese Forderungen immer noch seien, nämlich «solange sogenannten Homoheilern in öffentlichen Räumen weiterhin eine Plattform gegeben wird, obwohl alle wissen, dass dies das Leben von Menschen gefährdet.»

Die «Gemeinde Freiheit in Jesus» kümmert das wenig, das Heilungswochenende wird durchgeführt. Vielleicht kann sie nach dem Auftritt von «Heiler» Elsen endlich die Rubrik «Zeugnisse» auf ihrer Internetseite füllen.

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NACHTRAG vom 15. Mai 2018

Arne Elsen wird im Internet als Mitglied der «Christen im Gesundheitswesen» bezeichnet, einer Organisation, die in Hamburg «alternative Heilmethoden aus christlicher Sicht» vorstellt und die «Liebe Gottes» neben der Schulmedizin als «wunderbares Medikament» bezeichnet. Geschäftsführer Günther Gundlach legt Wert darauf, dass – entgegen einer ersten Darstellung in obigem Artikel – Arne Elsen kein Mitglied der «Christen im Gesundheitswesen» ist.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

keine

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6 Meinungen

Ach du meine Güte! Wir haben ja bald Zustände wie in den USA oder Deutschland. Wenn etwas gegen das Credo der 0.1% Weltelite verstösst, muss es verboten werden.

Kein Homosexueller ist gezwungen, an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Natürlich darf er sich über diesen Heiler aufregen und das auch sagen. Aber es geht nicht an, dass eine Gemeinde den Vertrag mit einem Veranstalter aufgrund einer Nicht-Verletzung von Gesetzen lösen soll.
Elisabeth Heer, am 12. Mai 2018 um 13:07 Uhr
@Elisabeth Heer: Mit den Zuständen wie in den USA meinen Sie wahrscheinlich den aggressiven Bible Belt, der uns seine Ideologie aufpfropfen möchte. Der «Echo»-Preis wurde eingestampft wegen der Prämierung antisemitischer Äusserungen. In diesem Falle geht es um Homophobie, und ich bin froh, wenn sich auch die Leute aus Pfäffikon hier dagegen wehren. Ich hoffe, dass der StGB § 261bis endlich um die sexuelle Identität erweitert wird, damit solche «Heiler» auch strafrechtlich verfolgt werden können. Vor allem die bürgerlichen Politiker haben in dieser Angelegenheit bis anhin auf der faulen Haut gelegen.
Thomas Läubli, am 12. Mai 2018 um 23:22 Uhr
@Thomas Läubli. Nein, ich spreche nicht vom Bible Belt, der wirklich arg «daneben» ist. Mir geht es um Redefreiheit und Zensur. Solange etwas nicht per Gesetz verboten ist, muss es erlaubt sein und bleiben, darüber zu sprechen. Im Übrigen nehme ich an, dass der eingeladene Sprecher auch noch andere Themen anbieten kann. Der Trend geht seit einigen Jahren dahin, dass eine nicht gewählte Gedanken- und Sprachpolizei eine politische Agenda verfolgt, die jeder Demokratie unwürdig ist.
Elisabeth Heer, am 13. Mai 2018 um 14:05 Uhr
Der «Schwulenheiler» aus D ist nicht allein. Es gibt diverse evangelisch-fundamentalistische Sekten in der Schweiz, die Ähnliches predigen, so z.B. die Kirche des Universalen Reiches Gottes KURG, ein Ableger der brasilianischen JURG, welche «Wunderheilungen» - auch von Krebs - durchführt und ebenso homophob ist wie der genannte Arzt aus D. Die KURG treibt von ihren Gläubigen rigide den Zehnten ein, was den Tatbestand der Nötigung gemäss StGB erfüllt. Politisch ist diese Sekte im äusseren rechten Spektrum angesiedelt. Gegen ihren «Bischof» Maspedo laufen in den USA Rechtsverfahren wegen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung, er ist per Haftbefehl gesucht.
Alois Amrein, am 14. Mai 2018 um 20:34 Uhr
Christen im Gesundheitswesen e.V. (CiG) ist ein bundesweites, ökumenisches Netzwerk von Mitarbeitenden im Gesundheitswesen: Pflegende, Ärzte, Therapeuten, Seelsorger, Sozialarbeiter, Mitarbeitende aus Management, Verwaltung und weiteren Berufsgruppen des Gesundheitswesens. CiG bietet in rund 40 Regionen Deutschlands ein Forum für Erfahrungsaustausch und Gebet. Hier werden grundlegende Themen aus Pflege, Medizin und Therapie auf der Basis des christlichen Glaubens bewegt.
„Alternative Heilverfahren aus christlicher Sicht“ ist eine Seminarüberschrift zu einem Seminar, in dem differenziert aus wissenschaftlicher, theologischer und ärztlich-therapeutischer Perspektive Heilverfahren diskutiert werden. „Das wunderbare Medikament der Liebe Gottes“ ist ein Filmtitel über einen ökumenischen Patientengottesdienst beim evangelischen Kirchentag 2014 in Hamburg und die Weiterentwicklung dieser Angebote in Zusammenarbeit zwischen Kirchengemeinden und Mitarbeitern aus dem Gesundheitswesen. Eine Zusammenarbeit mit oder gar Mitgliedschaft von Arne Elsen bei Christen im Gesundheitswesen bestehen nicht, hier distanziert sich der gemeinnützige Verein Christen im Gesundheitswesen entschieden.
Günther Gundlach, am 15. Mai 2018 um 14:08 Uhr
Nebenbemerkung an Rand:

Vieles war so lange «übernatürlich» bis es wissenschaftlicher Mainstream wurde...
Michael Schwyzer, am 21. Mai 2018 um 12:08 Uhr

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