Warum der IS noch lange nicht besiegt ist

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Gudrun Harrer / 27. Mär 2019 - Der «Islamische Staat» ist territorial untergegangen, als Ideologie wird er überleben.

Das Ende des «Islamischen Staats» – wörtlich genommen, in seiner Pseudo-Staatsform –, das ist ein Trümmerfeld am Euphrat, eine verlassene und zerstörte Zeltstadt, in der noch viel mehr IS-Kämpfer und ihre Familien verschanzt waren, als die USA und ihre lokalen kurdischen Truppen vor Beginn der Schlacht von Baghouz geschätzt hatten. Zehntausende – bei ihrer Verhaftung meist zu Köchen und Rettungsfahrern mutierte – Extremisten, oft völlig reuelose Extremistinnen, arme Kreaturen von indoktrinierten und traumatisierten Kindern bevölkern nun die Lager in der Region.

Niemand weiss, was langfristig aus ihnen werden soll, schon kurzfristig ist die kurdische Verwaltung völlig überfordert. Vergeblich appelliert sie an die Staaten, aus denen kommend Jihadisten ab 2013 wie die Heuschrecken in Syrien und im Irak eingefallen sind, ihre Verantwortung wahrzunehmen. Der Populismus, mit dem man in den eigenen Ländern Wahlen gewinnt, verbietet es den Politikern, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, auch in Österreich.

In Baghouz sind die Schüsse noch nicht völlig verstummt, aber auch wenn sie es sein werden, ist der Albtraum nicht vorbei. So gesehen ist die Eroberung der letzten festen IS-Siedlung nur ein – wenngleich mit grosser Symbolik behafteter – Etappensieg. Aber was nun passieren wird, hat man nach der Rückeroberung der letzten IS-Gebiete im Irak gesehen: Die Rückverwandlung in eine Terroristenguerilla, die aus der Wüste, dem freien Gelände operiert, fällt der Gruppe nicht schwer. Mit Anschlägen und Angriffen ist auch in Nordsyrien vermehrt zu rechnen, aber auch damit, dass sich der IS weiträumig umgruppiert und wieder sammelt.

Gesellschaften noch lange nicht immun

Einstweilen ist der IS jedoch von einer militärischen Herausforderung zu einer allgemeiner definierten Sicherheitsbedrohung geworden. Aber das kann sich wieder ändern: Nichtkontrollierte oder unkontrollierbare Räume, politisches Vakuum, das der IS neu besetzen kann, gibt es im Nahen Osten und in Nordafrika und darüber hinaus noch immer genug. Und Waffen werden auch stets ausreichend zur Verfügung stehen, nicht zuletzt, weil die Aktivitäten des IS hin und wieder auch anderen Akteuren zupasskommen.

Und auch die Gesellschaften der Region sind noch lange nicht immun: Kaum eine der politischen Ursachen, die zum Aufstieg der jihadistischen Terroristen im Nahen Osten geführt haben, ist beseitigt. In der ehemaligen IS-«Hauptstadt» Mossul etwa, wo eine engagierte Zivilgesellschaft um die Normalisierung des Alltags ringt, steigt die Frustration über die Defizite der Behörden. Auch das Fährunglück auf dem Tigris, bei dem am Donnerstag fast 100 Menschen zu Tode kamen, wird Korruption und Misswirtschaft angelastet. Wie schon 2013 und 2014 wird der IS – oder wie immer er dann heissen mag – versuchen, durch diese Risse in die Gesellschaft einzudringen und neue «Aufstände» anzuzetteln.

Die Herkunftsstaaten der euphemistisch so genannten «ausländischen Kämpfer» suchen Sicherheit, indem sie sich nicht mit ihnen auseinandersetzen. Vielmehr sollten auch sie sich fragen, ob der Boden, auf dem die hausgemachten Jihadisten gewachsen sind, noch fruchtbar ist. Als romantisches Ziel verwirrter Teenager mit nur vagen Ideen über den Islam hat der IS vielleicht ausgedient. Aber die Ideologie als radikale Ansage gegen alles, was uns lieb und wert ist, bleibt bestehen.

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Dieser Beitrag erschien zuerst im «Standard».

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Gudrun Harrer ist leitende Redakteurin des österreichischen «Standard» und unterrichtet Moderne Geschichte und Politik des Nahen und Mittleren Ostens an der Universität Wien.

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2 Meinungen

Ich könnte es mir als sinnvoll vorstellen, statt einzig auf die Bösartigkeit des gewalttätigen Islamismus zu focusieren, sich mit seinen politischen Ursachen auseinanderzusetzen. Die Autorin deutet das an.
Sich also Fragen zu stellen wie: Was bringt zigtausende junge Männer dazu, sich in solche selbstmörderische Aktivitäten zu stürzen? Sich einfach auf die Verführungskünste von Predigern zu beziehen, scheint mir da zu kurz gegriffen.
Oder: Könnte eine wesentliche Ursache nicht in der Tatsache liegen, dass sich seit Beginn des 20. Jahrhunderts in noch immer zunehmendem Masse «weisse» Militärs aus dem «christlichen» «Westen» in muslimischen Ländern tummeln? Mir sind jedenfalls keine «muslimischen» Truppen bekannt, die Territorium im Westen besetzen.
Wenn solche islamistische Freischärler einmal von der Türkei, einem Mitglied der von den USA geführten Nato gefördert und einmal bekämpft werden. Oder wenn Saudi-Arabien, und andere engen Verbündeten der USA, diese bewaffnet und finanziert um sie dann auch wieder fallen zu lassen, würde es da nicht nahe liegen, danach zu fragen, welcher imperialen Interesselage dieses gegenseitige Morden dient? Den Waffenproduzenten jedenfalls schaden Kriege nicht und alles was zerstört wurde muss wieder aufgebaut werden, den Kreditgebern winkt da zweifellos ein gutes Geschäft.
Hanspeter Gysin, am 27. März 2019 um 13:37 Uhr
Das ideologische Fundament des IS ist der Wahhabismus - die radikalste und intoleranteste Form des Islam - notabene die Staatsreligion Saudiarabiens. Wahhabitische Imane werden seit Jahrzehnten in diverse Länder exportiert, denen die Al-Saud Familie Moscheen schenken. Dadurch entstand ein grosser Pool an potentiell rekrutierbaren „Dschihadisten“.

Der Export bewaffneter, trainierter, wahhabitischer Kämpfer ist eine Erfindung von Zbigniew Brzezinski. Die USA hat „Dschihadisten» in Afghanistan, Bosnien, Tschetschenien und zuletzt in Syrien zur Bekämpfung unliebsamer Regierungen eingesetzt. IS Schergen - zumindest in Syrien - erhalten einen Sold, es sind Söldner.

Seit 2018 werden hochrangige IS Kämpfer von Syrien u.a. nach Afghanistan ausgeflogen.
Niederrangige Chargen kehren zurück in ihre Ursprungsländer, einige finden Unterschlupf als Flüchtlinge, nur wenige landen im Gefängnis, wo sie hingehörten.

Mittel im Kampf gegen den IS:
- Wahhabitische Prediger ausweisen.
- Den Geldfluss kappen.
- Jeglichen direkten und indirekten Support jedweder Art stoppen.
Wer sich dem verwehrt, kann nicht behaupten wirklich gegen den IS anzukämpfen.

Man muss sich fragen, wer den IS tatsächlich besiegen will, und wer ihn benutzt als das „Dreckige Dutzend“ der Geopolitik.

P.S. Praktisch alles gilt auch für die al-Kaida.
Christoph Meier, am 31. März 2019 um 04:17 Uhr

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