Eine mit Gorgon-Überwachungs-Modulen ausgestattete MQ-9-Reaper-Drohne © Sgt. Robert Cloys//US-Verteidigungsministerium
Prototyp einer teleskopischen Kontaktlinse, die an der EPFL als Teil eines DARPA-Projekts entwickelt wurde © EPFL

US-Militär lässt an Schweizer Unis forschen

Anand Chandrasekhar, swissinfo.ch / 18. Dez 2018 - Heikle Zusammenarbeit: Schweizer Universitäten sind an Projekten beteiligt, die durch das US-Militär finanziert werden.

Argus Panoptes ist ein riesiges Wesen aus der griechischen Mythologie mit hundert Augen. Im Auftrag der Göttin Hera sollte Argus ihre Priesterin Io davor bewahren, von Zeus verführt zu werden. Mit seinen hundert Augen war Argus ideal dafür ausgerüstet, Io zu überwachen.

Kein Wunder, gab die Forschungsagentur des US-Verteidigungsministeriums (US Defense Advanced Research Projects Agency, DARPA) ihrem ersten Projekt für eine Gigapixel-Überwachungskamera (eine Milliarde Pixel) den Namen ARGUS-IS (Autonomes bildgebendes System für flächendeckende Bodenüberwachung in Echtzeit).

Die Kameras waren zur Montage auf Drohnen bestimmt; sie können eine Fläche scannen, die halb so gross ist wie Manhattan sowie Fahrzeuge und Menschen, die sich bewegen, in Echtzeit verfolgen. Sie wurden 2010 erstmals getestet und konnten ab 2014 in Betrieb genommen werden.

Die Gigapixelkamera ARGUS-IS (Youtube-Video)

Etwa zur gleichen Zeit (2011-2012) arbeitete die Eidgenössische Technische Hochschule in Lausanne (EPFL) an einem von der DARPA finanzierten Projekt mit dem Namen KEEP (Knowledge enhanced exapixel imaging). Ziel war es, neue Techniken für die super-hochauflösende Bildkompression zu entwickeln. Damals brauchte es für die Kompression von grossen Bildern noch eine enorme Rechenleistung. Das KEEP-Projekt arbeitete daran, Mathematik und maschinelles Lernen zu nutzen, um neue Wege zur Komprimierung von Bildern zu finden, die weniger Rechenleistung erforderten.

«Die an der EPFL durchgeführte Forschung hatte keinen direkten Anwendungsbereich, es ging um sehr grundlegende Arbeit. Das Team wollte theoretisch aufzeigen, ob bei solchen Gigapixel-Bildern eine hundertfache Kompressionsrate erreicht werden kann», erklärt ein EPFL-Sprecher gegenüber swissinfo.ch.

Die Gigapixelkamera ARGUS-IS war für Drohnen entwickelt worden, und es wird angenommen, dass sie in die neuere Version der «Gorgon-Stare-Module» integriert wurde, die auf MQ-9-Reaper-Drohnen beobachtet wurde. Dies sind die ersten so genannten «Jäger-Killer»-Drohnen, welche die US-Luftwaffe in Afghanistan einsetzte; sie sind zusätzlich mit 500-Pfund-Bomben und Hellfire-Raketen ausgestattet.

Ist es möglich, dass diese potenziell tödlichen Maschinen mit Gigapixel-Kameras bewaffnet sind, die mit Hilfe von Forschung der EPFL Bilder verarbeiten? Die EPFL ist sich nicht sicher, ob ihr KEEP-Projekt in irgendeiner Weise mit ARGUS-IS verbunden ist. «Wir haben darüber keine Informationen. Diese Arbeit und ihre Finanzierung waren höchstwahrscheinlich Teil der Grundlagenforschungs-Bemühungen der US-Armee und anderer Armeen und nicht direkt verbunden mit einem spezifischen Projekt wie diesem», sagt die EPFL.

Anders gesagt: Es gibt keine Möglichkeit, zu wissen, ob das US-Militär tatsächlich EPFL-Forschung nutzte, um Feinde mit MQ9-Reaper-Drohnen zu verfolgen und zu töten. Die DARPA antwortete nicht auf eine Anfrage von swissinfo.ch, ob die Schweizer Forschung für die Entwicklung von ARGUS-IS genutzt wurde.

Ethische Richtlinien

Die Schweizer Vorschriften verlangen, dass Forscherinnen und Forscher, die an solchen Themen arbeiten, eine Bewilligung des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) einholen. Das Bundesgesetz über die Kontrolle zivil und militärisch verwendbarer Güter, besonderer militärischer Güter sowie strategischer Güter (auch als Güterkontrollgesetz, GKG, bezeichnet) regelt den Export von Technologie, Software und Informationen, die einen potenziellen militärischen Nutzen haben können. Es gibt jedoch ein Schlupfloch, das Universitäten hilft, den umständlichen Prozess für eine Genehmigung der Zusammenarbeit mit der DARPA zu vermeiden: Die Exportkontroll-Vorschriften kommen im Fall von «wissenschaftlicher Grundlagenforschung» nicht zur Anwendung.

«Gemäss Anhang 1 der Schweizer Güterkontrollverordnung und gestützt auf die Richtlinien der internationalen Exportkontroll-Regelungen gelten Exportkontrollen nicht für allgemein zugängliche Informationen, wissenschaftliche Grundlagenforschung oder die für Patentanmeldungen erforderlichen Mindestinformationen», erklärt ein Seco-Vertreter gegenüber swissinfo.ch.

Der Ausdruck «wissenschaftliche Grundlagenforschung» passt zu fast allen von der DARPA finanzierten Projekten, was den Forschenden erlaubt, die Vorschriften zum Export von Technologie zu umgehen.

Haben Forschende ein Mitspracherecht oder eine Verantwortung, wenn es um die Arbeit an so genannten «Dual-Use»-Projekten geht, bei denen eine zivile und militärische Anwendung möglich ist? Die EPFL-Richtlinien entlassen den einzelnen Forscher, die einzelne Forscherin in dieser Frage aus der Verantwortung. «Einzelne Wissenschaftlerinnen/Ingenieure sollten nicht allein die ganze Verantwortung für den Entscheid übernehmen, ob sie sich an Forschungsaktivitäten im Bereich der militärischen Verteidigung oder an gemeinsamen militärisch-zivilen Programmen beteiligen wollen», heisst es in den Richtlinien.

Das Thema wird als Frage der Forschungspolitik bezeichnet, die zum Aufgabenbereich einer Reihe von Interessengruppen gehört, die neben Universitäten die Wissenschaft allgemein sowie Regierung und Zivilgesellschaft umfasst. Neben dem Thema Waffenexporte gab es aber bisher vom Gesichtspunkt der Forschungszusammenarbeit her betrachtet keine grosse öffentliche Debatte zu dieser Frage.

Heikle Projekte

Die für die Gigapixel-Kamera relevante Forschung ist nicht das einzige von der DARPA finanzierte Projekt an der EPFL. Forschende am Labor für angewandte photonische Geräte entwickelten einen Prototyp für eine teleskopische Kontaktlinse, die dem Träger eine Art von «Superblick» gibt: Die Linse kann Objekte durch Heranzoomen vergrössern. Sie wird als vielversprechende Hilfe für Menschen mit altersbedingtem Sehverlust betrachtet. Allerdings ist nicht klar, wieso die DARPA Interesse an der Finanzierung eines solchen Projekts hatte.

Prototyp einer teleskopischen Kontaktlinse, die an der EPFL als Teil eines DARPA-Projekts entwickelt wurde. (Quelle: EPFL)

Das Idiap-Forschungsinstitut in Martigny, das der EPFL angegliedert ist, arbeitete an einem DARPA-Projekt mit dem Namen «Media Forensics», das sich auf die Entdeckung der Manipulation von Audio- und Videoquellen konzentrierte. Aus Angst vor Kontroversen stellte das Institut unterdessen jedoch die Zusammenarbeit mit der DARPA ein. «Obschon Idiap in der Vergangenheit ziemlich aktiv war, auch als Koordinator, ist das Institut zur Zeit nicht mehr länger an solchen (ziemlich instabilen und politisch heiklen) Projekten beteiligt», heisst es im Forschungsprogramm des Instituts für den Zeitraum 2017-2020.

Auch das Laboratory of Photonics and Quantum Measurements (K-Lab) der EPFL arbeitete an einem DARPA-Projekt: Dabei ging es um die Entwicklung von winzigen, mikro-photonischen Chips mit hoher Energieeffizienz und Anwendungsmöglichkeiten für Datenzentren in der Telekommunikation.

Aber nicht nur die ETH Lausanne ist eine Forschungspartnerin der DARPA. Die Quantum Optoelectrics Group der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) war beteiligt am SCOUT-Programm von DARPA. Das Programm forscht nach Techniken, mit denen chemische und biologische Wirkstoffe in Echtzeit rasch identifiziert werden können.

Auch die Universität Zürich war an einem von DARPA finanzierten Projekt beteiligt, durch das gemeinsam mit der ETHZ betriebene Institut für Neuroinformatik. Das Institut erhielt Finanzmittel für die Arbeit am DARPA-Programm Fast Lightweight Autonomy (FLA) zur Unterstützung der Entwicklung kleiner, autonomer Drohnen.

Drohnen-Testflüge im DARPA-Programm Fast Lightweight Autonomy (Youtube-Video)

Diese Drohnen sind für Rettungsaktionen gedacht, aber auch für potenzielle militärische Operationen wie «sicheres und rasches Absuchen des Innern eines Gebäudes auf Bedrohungen, bevor militärische Teams eindringen».

Enge Beziehung

Bei der Beziehung zwischen Schweizer Universitäten und der DARPA geht es um mehr als isolierte Projekte in heiklen Bereichen. Forscherinnen und Forscher werden ermutigt, an Wettbewerben und Herausforderungen teilzunehmen, welche die DARPA ausrichtet. DARPA-Manager werden für Vorträge an Schweizer Universitäten eingeladen und gelegentlich auch zu Forschungs-Workshops, an denen man aufzeigen will, was die Schweizer Forschung zu bieten hat. So waren zum Beispiel 2014 DARPA-Manager zu einem von der ETH Lausanne organisierten viertägigen Forschungs-Workshop in Ascona eingeladen. Neben DARPA-Managern besuchten auch führende Programm-Manager der ESA (Europäische Weltraum-Agentur) den Workshop im Tessin. «Der Workshop bot die Gelegenheit, leitenden Programm-Managern die Forschung auf diesem Gebiet zu präsentieren», heisst es im Bericht zu dem Workshop.

Die Zusammenarbeit mit der DARPA hat auch der Idee einer schweizerischen akademisch-unternehmerisch-militärischen Einheit Auftrieb gegeben. Einer von drei interaktiven Workshops, die am Schweizer Cybersecurity Day 2017 organisiert wurden, trug den Titel «In Richtung einer Schweizer DARPA».

Die Mitglieder des Panels, darunter Curtis Duke, ein ehemaliger leitender Angestellter der US-Agentur für nationale Sicherheit (National Security Agency, NSA), sprachen über die Notwendigkeit, die «akademische Superkraft» der Schweiz, ihren «starken privaten Sektor» sowie ihre «Milizarmee» zu kanalisieren und auszurichten auf eine Strategie für nationale Cyber-Sicherheit.

Dieser Artikel ist zuerst auf swissinfo.ch erschienen.

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Wir haben eine Verteidigungsarmee welche Schutz als Direktive hat, und nicht Angriff. Wenn verantwortungsvoll mit solcher Technologie umgegangen wird, dann sehe ich kein Problem darin, für deren Entwicklung universitäre Ressourcen zu nutzen. Solche Drohnen können Leben retten, und dies sehr effizient. Wir leben leider zudem in einer Zeit, in welcher es notwendig sein kann, eine gewisse Diskretion darüber zu wahren, welche Möglichkeiten unsere Landesverteidigung hat. Ich wäre auch glücklicher wenn so etwas nicht notwendig wäre, aber die Realität ist leider eine derzeit gefährliche. Zudem sind Drohnen kostengünstiger als Flugzeuge.
Beatus Gubler, am 18. Dezember 2018 um 12:13 Uhr

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