Der Soziologe, Schriftsteller, bildende Künstler Urs Jäggi im Mexico City © Haemmerli/CC

Der Soziologe, Schriftsteller, bildende Künstler Urs Jäggi im Mexico City

„Sicher ist die Unsicherheit. Sie bleibt.“

Prof. Ueli Mäder / 29. Jun 2011 - Urs Jäggi, Wissenschafter, Schriftsteller, bildender Künstler, hat seinen 80. Geburtstag gefeiert. Er ist äusserst aktuell.

Urs Jäggi ist Soziologe, Schriftsteller und Künstler. Er kam am 23. Juni 1931 in Solothurn zur Welt und feiert am Samstag, 25. Juni in Berlin seinen 80. Geburtstag. Hier verbrachte er sein halbes Leben: als Professor an der Freien Universität, als Publizist, Bildhauer und Maler. In der Berliner Malzfabrik ist bis am 7. August auch seine Ausstellung «Kunst ist überall» (www.galeriemariannegrob.de) zu sehen. In diesem Industriedenkmal gestaltete Jäggi eine Fläche von tausend Quadratmetern. Seine Installationen, Malereien, Zeichnungen und Videos dokumentieren sein kreatives Schaffen.

Die Durcheinandergesellschaft

Ende 2008 stellte Urs Jäggi auch in der Aula der Universität Basel sein letztes Buch «Durcheinandergesellschaft» (Verlag Huber, Frauenfeld) vor. Ein Zuhörer nahm ihn «wie ein verirrter Poet auf fremdem Terrain» wahr. Vielleicht wirkte Jäggi so, weil er zu seiner eigenen Ratlosigkeit steht. Er tut dies allerdings, ohne eine Offenheit zu zelebrieren, die alles offen lässt. Jäggi fragt einfach und direkt, ob wir uns wirklich stets auf unseren inneren Kompass verlassen können.

Sein eigener Kompass führte Urs Jäggi von der Theorie zur Praxis, von der Soziologie zur Kunst. Und umgekehrt. Jäggi verbindet sein Malen und Steinhauen mit soziologischen Analysen. Er bewegt sich mehr oder weniger trittfest zwischen öffentlichen und privaten Sphären. Sein Spagat ist ein Versuch, aufrecht zu gehen. Das Private ist für ihn politisch. Und Erkenntnis setzt sinnliche Erfahrung voraus. Das künstlerische Schaffen sensibilisiert die Wahrnehmung. Und sie fundiert das soziologische Denken. Das dokumentiert Urs Jäggi in seiner «Durcheinandergesellschaft». Sein Zugang ist eher assoziativ. Und so bringt er Wesentliches auf den Punkt.

Das Durcheinander bleibt uns erhalten, stellt Jäggi fest. Er führt uns keine neue Übersichtlichkeit vor, die einfach Halt vermittelt. Er schlummert uns weder mit einer Risikogarantie, noch mit einer sanften Ökonomie ein, die vorgibt, sichere Auswege aus dem Durcheinander zu kennen. Urs Jäggi macht keine prophetischen Aussagen und erweckt keinen Anschein, als ob es klare Diagnosen gäbe. Sicher ist für ihn die Unsicherheit. Sie bleibt. Allerdings nicht für alle gleich.

Soziale Sicherheit - Freiheit für alle

Wer materiell gut abgestützt lebt, gerät weniger in Bedrängnis, wenn es kriselt. Er verfügt über Reserven und oft auch über mehr Zuversicht als andere. Deshalb plädiert Urs Jäggi dafür, die soziale Sicherheit für alle zu stärken. Zum Beispiel mit einem garantierten Grundeinkommen, das grosszügig und ohne entmündigende Kontrollen zu gewähren sei. Denn diese würden bloss die eigene «Sehnsucht nach Ruhe und Ordnung» stillen. Jäggi will dieses populistisch geschürte Verlangen nicht bedienen. Es geht ihm darum, Leid zu mindern. Unabhängig davon, ob sich mehr Gerechtigkeit finanziell lohnt.

Jäggi macht keine Versprechungen und täuscht keine Klarheit vor. Obwohl er die Epoche der Aufklärung hoch hält, gehört für ihn das Verrückte zum Vernünftigen. Er fragt, wie normal die Normalität ist, wie rational die Rationalität, wie nützlich das Nützliche. Und er fragt auch, was wirklich wichtig ist im Leben.

Die schier subversive Frage nach dem Sinn hat Urs Jäggi persönlich hin und wieder umgetrieben. Sie hat ihn über Umwege weiter gebracht; auch auf seiner Suche nach dem Fremden in ihm selbst. «Man muss das Fremde in sich anerkennen», sagte er mir einmal und bat mich, eine zweite Flasche Wein zu öffnen. Das war an einem gewöhnlichen Sonntagnachmittag, bei seinem kurzen Zwischenhalt auf seiner Fahrt von Solothurn nach Berlin.

Ja, wer kennt nicht die Frage: Wie verstehen wir Fremdes? Sie unterstellt, dass es möglich ist, Fremdes zu verstehen. Aber verstehen wir Fremdes? Und erst noch das Fremde in uns? Oder können wir Fremdes nur ein wenig verstehen, wenn wir akzeptieren, dass wir es nicht verstehen und versuchen, das Eigene im Fremden und das Fremde im Eigenen entdecken. Denn so zeigt sich, wie sich viel Fremdes im Vertrauten und Vertrautes im Unvertrauten verbirgt.

Das Fremde in uns selber

Dass das Vertraute im Unvertrauten nur scheinbar paradox ist, führte der Berliner Soziologe Georg Simmel schon vor über hundert Jahren in seinem «Exkurs über den Fremden» (1907) aus. Der Fremde befindet sich nicht drinnen oder draussen, sondern drinnen und draussen. Nähe und Distanz bilden eine Einheit. Das Nahe ist fern, das Ferne nah. Der Fremde muss, wie der Arme, besonders mobil und flexibel sein. Die verordnete Ungebundenheit bedeutet Zwang. Sie ermöglicht auch eine Beweglichkeit, die freiheitliche Momente beinhaltet und Neid weckt. Urs Jäggi hat das als moderner Nomade öfters erfahren.

Urs Jäggi kennt die Nähe durch Distanz und das Fremde, das sich kaum fassen lässt. Sich fremd fühlen kann eine Form sein, die Nicht-Akzeptanz des Fremden nicht zu akzeptieren. Das Fremde bleibt fremd, indem es sich dem Zugriff entzieht und nicht identifizieren lässt. Wer Fremde unter Fremden trifft, mag erfahren, wie die zugelassene Fremdheit verbindet. Wer seine Ängste akzeptiert, findet eher Zugang zu andern. Die Fremdheit verbindet, indem sie bestehen bleibt. Sie hilft, das andere Ich als anderes Ich zu anerkennen.

Die Akzeptanz setzt ein Ja zur Differenz voraus. Dazu gehört die Integration der eigenen Fremdheit. Sie ermöglicht eine Vertrautheit, die Widersprüche zulässt und darauf verzichtet, Ordnung durch enge Normen herzustellen. Die Pluralität lässt Ambivalenzen zu, ohne in Beliebigkeit abzudriften. Die «Durcheinandergesellschaft» zurrt keine Grenzen fest, um das eigene Ich zu stabilisieren.

Aus der Praxis zur Wissenschaft für die Praxis

Urs Jäggi arbeitete nach einer Banklehre fünf Jahre als Kaufmann. Dann holte er auf dem zweiten Bildungsweg die Matur nach, studierte Soziologie und lehrte an den Universitäten Bern, Bochum und New York. Von 1972 bis 1992 engagierte er sich als ordentlicher Professor an der Freien Universität Berlin.

Viel Aufmerksamkeit erlangten seine frühen «Berner Studien» über «Die gesellschaftliche Elite» (1960), «Angestellte im automatisierten Büro» (1963) und «Berggemeinden im Wandel» (1966). Sein Buch über den «Vietnamkrieg und die Presse» (1966) beeinflusste auch die 1968er-Bewegung. An der Ruhr-Universität in Bochum setzte sich Jäggi intensiv mit der «Macht und Herrschaft in der Bundesrepublik» (1969) auseinander. Als Professor in Berlin publizierte er die Romane «Brandeis» (1978) und «Rimpler» (1987). Den Literaturpreis der Stadt erhielt er schon 1964. 1978 folgte der Literaturpreis des Kantons Bern, 1981 der Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt, 1988 der Solothurner Kunstpreis und 1998 der Niederösterreichische Kunstpreis.

Urs Jäggi ist heute vor allem als gestaltender Künstler mit seinen Skulpturen und Installationen in Mexiko Stadt, Berlin und ab und zu in der Schweiz tätig. Skeptisch gegenüber grossen Theorien, interessiert ihn in der Soziologie, wie sich die Gesellschaft im Individuum dokumentiert.

Themenbezogene Interessen (-bindung) der Autorin/des Autors

Ueli Mäder ist Ordinarius für Soziologie an der Universität Basel. Er leitet das Institut für Soziologie sowie das Nachdiplomstudium in Konfliktanalysen und hat auch eine Professur an der Fachhochschule Nordwestschweiz.

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